• Gegen Ende seiner Autobiographie schreibt Gielen, er wolle "bei Beethoven und Mahler, bei Schubert und Bruckner zu einer Aufführungspraxis gelangen, die trotz ihrer Zurückhaltung die Werke nackter, durchsichtiger und widerspruchsvoller, vielleicht deshalb fremder, ferner und etwas geheimnisvoller zu Gehör zu bringen versucht" auch wenn dies die Gefahr beinhalte, dass über ihn noch immer "der Schwachsinn des intellektuellen, kalten, konstruktivistischen Musikers verzapft wird" (339)

    Ich zitiere das natürlich nicht, lieber Walter, um dir Schwachsinn vorzuwerfen, sondern um deutlich zu machen, dass Gielen offensichtlich ganz bewusst manche Hörerwartungen enttäuschen will.

    Es gibt noch eine andere interessante Bemerkung zu Bruckner: "Ich meine" schreibt Gielen, "dass österreichische Musik oft einen dialektalen Tonfall hat, der der Sache nicht fehlen sollte. Wenn Webern nur konstruktiv, nicht idiomatisch gespielt wird, fehlt ihm eine wesentliche Dimension. Das gilt natürlich ebenso für Schubert wie für Bruckner, Mahler und Mozart." (281)

    Gielen glaubt also, könnte man fast sagen, das angestrebt zu haben, was du an seinen Interpretationen vermisst. Was ist "idiomatischer" Bruckner?

    (Ich muss gestehen, dass mir Gielens Bruckner 7 sehr gefallen hat, die "Dritte" aber weniger. Andere Bruckneraufnahmen mit Gielen kenne ich nicht).

  • Bruckner 3 (wenn das dieselbe ist wie bei Hänssler) fand ich auch zu trocken. Gielens Aufnahmen von Bruckners 5., 6. und 7. schätze ich aber sehr.

    Vielleicht sind ein paar Aufnahmen Gielens heute nicht mehr so interessant, aber in den 1980ern/90ern war zB Beethoven nach den Metronomziffern, weihrauchfreier Bruckner und nicht larmoyanter Mahler noch bemerkenswerter als heute, da es zig neue hochklassige Aufnahmen gibt, teils vielleicht auch mit besseren Orchestern und einem weniger einseitig analytischem Zugang.

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Es gibt noch eine andere interessante Bemerkung zu Bruckner: "Ich meine" schreibt Gielen, "dass österreichische Musik oft einen dialektalen Tonfall hat, der der Sache nicht fehlen sollte. Wenn Webern nur konstruktiv, nicht idiomatisch gespielt wird, fehlt ihm eine wesentliche Dimension. Das gilt natürlich ebenso für Schubert wie für Bruckner, Mahler und Mozart." (281)

    (...)

    Was ist "idiomatischer" Bruckner?

    Bruckner war ein tiefgläubiger, ja schier "infantil"-frommer Mensch, der sich in der Aura des katholischen Idioms aufgehoben und geborgen fühlte.

    Wer diese Prämisse nicht nachfühlen kann - was ich Michael Gielen leider (mit allem Respekt) unterstellen möchte - sollte seinen Stab nicht schwingen über dem antonisch erbrucknerten Schöpfungs-Melos.

    (Das ist keine Beleidigung an die Adresse von M.G., sondern ausschliesslich ein subjektiver Ausdruck meines privaten Empfindens.)

  • Nun ja, ich finde es nicht nur leicht deplatziert, von einem Dirigenten einzufordern, den katholischen Glauben eines Komponisten zu teilen, um ihn angemessen dirigieren zu können.

    Bruckner war ein tiefgläubiger, ja schier "infantil"-frommer Mensch, der sich in der Aura des katholischen Idioms aufgehoben und geborgen fühlte.

    Wer diese Prämisse nicht nachfühlen kann - was ich Michael Gielen leider (mit allem Respekt) unterstellen möchte - sollte seinen Stab nicht schwingen über dem antonisch erbrucknerten Schöpfungs-Melos.

    Sorry, aber das finde ich total daneben! Besonders "sollte seinen Stab nicht schwingen".

    Beste Grüße vom Stimmenliebhaber

  • Ich denke, die geradezu infantile Religiosität Bruckners war Gielen sehr wohl bewußt; er sah darin Neurosen, die musikalische Gestalt angenommen haben, so in einem Interview, das ich dazu gelesen habe. Da ging es um die Achte, die Gielen übrigens hervorragend dirigiert hat, mehrfach, jedenfalls nach meiner Meinung.

    Z.B. hier:

    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz

    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Der dialektale Aspekt österreichischer Musik wird seit Jahrzehnten auch musikwissenschaftlich diskutiert, s.u.; ich vermute Gielen meint so etwas ähnliches. Ob er das nun in seinen Interpretationen immer besonders gut umgesetzt hat, ist eine andere Frage. Der Punkt war wohl, dass analytische Durchdringung nicht im Widerspruch zu idiomatischen Interpretationen stehen muss. Es gibt eine Schubert 9 mit Gielen (Hänssler, live), die mich sehr positiv überrascht hat.

    https://online.ucpress.edu/ncm/article-abstract/2/1/82/69521/Zwirnknaulerl-A-Note-on-the-Performance-of-Johann?redirectedFrom=fulltext

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Nun ja, ich finde es nicht nur leicht deplatziert, von einem Dirigenten einzufordern, den katholischen Glauben eines Komponisten zu teilen, um ihn angemessen dirigieren zu können

    Na,ja das dürfte Walter wohl anders gemeint haben. Es verlangt ja auch keiner von Dirigenten, das sie, nur weil sie ihn dirigieren, sich In Wagners Antisemitismus versetzen.Schlecht2

    Außerdem: wenn wir bedenken, wie die Biografie Stachs mit gängigen Kafka Urteilen aufgeräumt hat, wer weiß was zu entdecken ist, wenn man sich um Bruckner so kümmern würde.

    Gruß aus Lieser

    "Mann, Mann, Mann, hier ist was los!"

    (Schäffer)

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