Alfred Hitchcock - Seine besten Filme

  • Der Thread-Starter hat ein Einsehen und hat den Titel zu "Alfred Hitchcock - Seine besten Filme" geändert :wink:


    Michel

    Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)

  • Der war vorher: "Alfred Hitchcock - Sein bester Film".


    Michel hatte dann aber Einsehen in die Nöte der Mitschreiber ;+)


    Liebe Grüße,


    Melanie

    With music I know happiness (Kurtág)

  • Na denn: Dann nenne ich gleich noch einen weiteren Hitchcock-Film, einen von ihm selbst :D : Die Vögel: Raffiniert, wie hier das Grauen allmählich gesteigert wird, schon die Szene im Vogelladen zu Beginn zeigt den typischen Hitchcock-Humor. Und es gibt nicht eine psychologische Auflösung wie in Psycho. Dann noch die Musik: wieder Bernard Herrmann mit elektronischen Klängen (Oskar Sala), wie ich lese, mit einem Trautonium. Sehr beeindruckend!


    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Jetzt muss ich doch mal nach der Definition eines Hitchcock-Films fragen. Das der Regisseur dieses Films Alfred Hitchcock heißt, scheint ja kein notwendiges Kriterium zu sein.


    Es scheint aber wenigstens Konsenz zu bestehen, dass es hinreichend ist, oder gibt es auch Filme des Regisseurs Alfred Hitchcock, die keine Hitchcock-Filme sind?


    Die Frage ist durchaus halbernst gemeint. Michel und ich haben eben diskutiert, was denn einen Hitchcock-Film ausmacht, ohne einen vernünftigen Ansatz gefunden zu haben.


    Viele Grüße,


    Melanie

    With music I know happiness (Kurtág)

  • Zwei anscheinend noch nicht genannte Favoriten:


    Spellbound/Ich kämpfe um Dich
    Sehr spannend (Peck mit Rasiermesser und dem weißen Schaum...), die etwas angejahrten psychoanalytischen Elemente finde ich durchaus überzeugend umgesetzt, die Traumsequenzen immer noch faszinierend und Peck und Bergman sind mE einfach ein anderes Kaliber als Stewart oder Day.


    und Notorious (sehe gerade, dass der schon genannte wurde)


    Ich mag aber auch "Der unsichtbare Dritte"


    und sogar "Der Mann, der zuviel wusste", selbst wenn Doris Day etwas nervt.


    Fenster zum Hof und Psycho sind auch grandios; sehe in der Filmographie auch, dass ich etliches nicht kenne.



    Den Ruf von "Vertigo" und "Die Vögel" konnte ich nie ganz nachvollziehen, habe da wohl etwas nicht kapiert.


    (Als ziemlich beknackt und sehr enttäuschend habe ich "Frenzy" in Erinnerung)


    Kater Murr

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Ein Hitchcock-Film ist natürlich in erster Linie einer, den Alfred Hitchcock als Regisseur inszeniert hat.


    Allgemein aber, und so habe ich Edwin verstanden, meint man damit das Genre des Suspense-Thrillers (im Gegensatz etwa zum Horrorfilm einerseits und des schlicht spannenden Actionkrimis oder "Whodunnit" andererseits - insofern ziehe ich den von mir scherzhaft genannten, aber durchaus gelungenen SCREAM OF FEAR wieder zurück), das er so sehr prägte und besser als jeder andere (pace, Edwin) beherrschte, wie etwa in den bereits genannten Filmen.


    Es gibt aber in der Tat auch Filme von Alfred Hitchcock, die eigentlich keine "Hitchcock-Filme" sind, etwa die hübsche Screwball-Komödie MR. AND MRS. SMITH (1941) mit Carole Lombard und Robert Montgomery, und natürlich Etliches aus seiner englischen Zeit wie etwa zuletzt das Jessie Matthews - Musical STRAUSS' GREAT WALTZ (1934) mit Esmond Knight als Johann Strauss II. Auch Filme wie JAMAICA INN und, wie ich finde auch UNDER CAPRICORN sind wohl nicht wirklich als Hitchcock-Filme sui generis einzuordnen - was nicht unbedingt einer Qualitätsaussage gleichkommt, auch wenn ich sie zwar zu seinen interessanteren, aber kaum zu seinen besten zählen würde.


    EDIT @ Kater Murr:


    ich sehe Hitchcocks allerletzte Filme FRENZY und FAMILY PLOT eher als humoristische Stücke in der Tradition von THE TROUBLE WITH HARRY, denn ich glaube nicht, dass sie noch richtig ernst genommen werden wollen. Dieser Trend fängt eigentlich schon mit DER ZERRISSENE VORHANG an, denn den konnte ich auch nie richtig ernst nehmen. So gesehen, ist - da MARNIE zwar tolle Passsagen hat, den Begriff Psycho-Krimi aber, wie schon der Schluss von PSYCHO, den Begriff Psychokrimi über die zur Grenze der Lächerlichkeit hinaus strapaziert - TOPAZ eigentlich der letzte echte Hitchcock-Film und als Politthriller eigentlich auch schon ein zuletzt ziemlich untypischer Rückgriff auf die Spionagestories seiner Weltkriegsfilme, obwohl es typische Hitchcock-Kabinettstückchen gibt wie etwa die langsamen Fahrten weg vom Tatort während hinter der verschlossenen Tür der erwartete Mord geschieht, in TOPAZ und FRENZY. Die sind aber schon sehr ihre eigene Virtuosität demonstrierende Kunststückchen, die etwas aus ihrem jeweiligen Kontext heraus fallen. Für mich ist der letzte große und, worauf Edwin schon hingewiesen hat, der einzige konsequent mystifizierende, Hitchcock - Film THE BIRDS.



    Obwohl er sicherlich viel Kritik dafür abwehren musste, ist es Hitchcock nicht hoch genug anzurechnen, dass er hier auf eine billige Erklärung verzichtet, aber fast alle denkbaren anspricht. Nicht nur wegen der Urängste gegenüber dem - im Wortsinn unmenschlichen - Verhalten der Spezies Vögel, die der Film brilliant ausbeutet, sondern auch wegen dieser Verweigerung einer Erklärung ist es wahrscheinlich der Film, der am dauerhaftesten nachwirkt.


    :wink: Rideamus

    Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung

  • Mein Liebling wurde bisher nur eher beiläufig genannt, nämlich "Frenzy". Barry Foster, der später auf die andere Seite des Gesetzes zum Inspektor van der Valk wechselte, als irrer Krawattenmörder... dazu noch eines von hitchcocks Lieblingsthemen, das Essen... (eine Freundin hielt darüber mal ein Referat , meine Lieblingsszene in dieser Hinsicht findet sich in "To catch a thief", wo Grace Kellys Mutter Hitchcocks Aversion gegen Eier dadurch zu erkennen gibt, daß sie ihre Zigarette in einem Spiegelei ausdrückt :juhu: )

    Einzelne giebt es sogar, auf deren Gesicht eine so naive Gemeinheit und Niedrigkeit der Sinnesart, dazu so thierische Beschränktheit des Verstandes ausgeprägt ist, daß man sich wundert, wie sie nur mit einem solchen Gesichte noch ausgehn mögen und nicht lieber eine Maske tragen (Arthur Schopenhauer)

  • Nun muß ich wieder einmal den advocatus diaboli spielen: "Frenzy" ein guter Film? Ich weiß, daß er als eines der Meisterwerke gilt, konnte den Grund dafür aber nie wirklich nachvollziehen. Die komödiantischen Elemente (der Gag mit der französischen Küche und das ungleiche Paar in der Partnervermittlungs-Agentur sind Fremdkörper, sie stehen neben der Handlung ohne sie zu kommentieren. Ein guter Gag ist Hitchcocks Auftritt am Anfang, er linst nach der Leiche in der Themse - das ist glänzende Selbstironie. Aber sonst ist dieser Film meiner Meinung nach ein ziemlich mäßiger Thriller, bei dem wenig Spannung aufkommt.


    "Das Fenster zum Hof", viel gepriesen, ist für mich ein absurdes Konstrukt: Unfassbar, was nicht ansatzweise ausgebildete Privatpersonen auf sich nehmen, um in toller Garderobe (Grace Kelly) in eine gegenüberliegende Wohnung einzubrechen und einen Mörder zu stellen.
    Womit wir bei einem meiner Hauptvorwürfe gegen Hitchcock sind: Die Unwahrscheinlichkeit seiner Handlungen. Nun habe ich nichts gegen Unwahrscheinlichkeiten, nur sollte der Film sie nicht als Möglichkeiten der Realität ausgeben. Franjus "Les yeux sans visage" etwa ist ebenfalls unwahrscheinlich, die extrem stilisierte Kameraführung schafft jedoch eine surreale Atmosphäre, die ich als Hintergrund zu akzeptieren bereit bin, während mir Hitchcocks psychologische Krabbelversuche in "Marnie", "Psycho" und "Spellbound" ("Ich kämpfe um Dich") lediglich Tränen des Lachens in die Augen treiben. Klugerweise inszeniert auch Clouzot seinen Quasi-Hitchcock "Les diaboliques" nicht als filmisches Exempel einer flüchtigen Psychologie-Lehrbuchlektüre, sondern entwickelt die Psychologie aus den handelnden Personen.
    Hitchcock macht ebenfalls einen solchen Versuch in seinem vorgeblich schnittlosen "Rope" ("Cocktail für eine Leiche") - aber hier gibt es eine interessante Parallele. Der Film beruht auf einem realen Fall, nämlich Nathan Leopold und Richard Loeb, die einen Vierzehnjährigen ermordeten, um ihre Theorie, Mord sei eine Form der Kunst in die Tat umzusetzen. Richard Fleischer hielt sich in dem 1956 gedrehten Film "Compulsion" wesentlich enger an das wirkliche Geschehen, als es Hitchcock machte, und wer die beiden Filme unmittelbar hintereinander sieht, wird merken, wie leichtgewichtig und flach Hitchcocks Version gegen die Fleischers ist.


    Wie gesagt: Es gibt einen einzigen Hitchcock-Film, der für mich aus dem Kanon der allzu glatten Oberflächen und als Realität ausgegebenen Unwahrscheinlichkeiten ("Der unsichtbare Dritte" etwa, in dem Grants Leistung vielleicht einem 007 zuzutrauen wäre aber nicht einem Werbefachmann...) herausfällt: "The Birds". Dieser Streifen funktioniert, weil er seine eigene Realität schafft, innerhalb der die Handlung keine Unwahrscheinlichkeiten aufweist, und weil die Erklärung der Vorgänge ausbleibt. "Strangers on a Train" ("Zwei Fremde im Zug") habe ich mir eben nach langer Zeit wieder angesehen - ja, dieser Film funktioniert auch und hat mich wirklich gepackt. Es gibt also tatsächlich einen zweiten Hitchcock-Film, den ich mögen kann.
    Wofür ich Euch Hitchcock-Fans wirklich dankbar bin. :vv:
    :wink:

    Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)

  • Zitat von Edwin


    ...
    "Das Fenster zum Hof", viel gepriesen, ist für mich ein absurdes Konstrukt: Unfassbar, was nicht ansatzweise ausgebildete Privatpersonen auf sich nehmen, um in toller Garderobe (Grace Kelly) in eine gegenüberliegende Wohnung einzubrechen und einen Mörder zu stellen.
    Womit wir bei einem meiner Hauptvorwürfe gegen Hitchcock sind: Die Unwahrscheinlichkeit seiner Handlungen. Nun habe ich nichts gegen Unwahrscheinlichkeiten, nur sollte der Film sie nicht als Möglichkeiten der Realität ausgeben.
    ...


    Lieber Edwin,


    ich vermute die Realität ist noch wesentlich unfassbarer. L. C. Fremont (Grace Kelly) soll und will den Mörder nicht stellen (i. e. S.), sondern Beweismaterial sichern und damit den Mörder überführen, denn bis dahin ist es lediglich ein Verdacht. Dieses geschieht - so die logische Erklärung des Films - spontan aus der Situtation (darum in "toller Gaderobe" (Zitat Edwin)). Nachdem der mögliche Täter vorher weggelockt wurde, sollte eigentlich lediglich das auffällige Blumenbeet untersucht werden.


    Vielleicht stört Dich hauptsächlich die Anlage für den Kinomarkt mit all den Zugeständnissen an das Genre "Hollywood": Ausstattung, Farben des Films, Hollywood-Hochglanz, Hauptdarsteller usw.? Wüste, unbeabsichtigte, unbegründbare Realitätsferne bei zwanghaft gewollter Realistik findet auch mein Nicht-Gefallen. Bei "Das Fenster zum Hof" kann ich dieses in relevanter Form jedoch nicht ausmachen. Warum in einem Spielfilm ein Werbefachmann ("Der unsichtbare Dritte") bestimmte James-Bond-Qualitäten nicht annehmen, während James Bond mit dem Motorrad einem Kleinfugzeug hinterherspringen und dieses entern darf (?) weiß ich nicht *- falls Du es so gemeint hast. A. Hitchcock hat immer wieder zeigen wollen (u. a.) wie "normale" Bürger in "große" Geschehnisse verwickelt werden können. Auf Dich mag die Konstruktion von "Das Fenster zum Hof" absurd wirken, ich finde sie stilistisch von Anlage und Umsetzung faszinierend. Gut, spreche ich es aus: genial.


    Die einzig mögliche Realität die jedweder Spielfilm haben kann, ist, dass es ein Film ist. Film darf "Unwahrscheinlichkeit" (Zitat Edwin) darstellen, obwohl man diese bei "Das Fenster zum Hof" nicht feststellen muss.


    A. Hitchcock ist ein Meister des Films wenn es um Spannungsaufbau, Ironie, Kameraführung (siehe Kameramann), Schnitt, Be- und Ausleuchtung, Auswahl des Stoffs und Gesamtkonzeption geht. Ich gebe Dir aber recht, dass seine psychologisierenden Momente und (umgesetzten) Erklärungen ("Vertigo", "Marnie") oft sehr oberflächlich sind, wenn es sich um ernsthaft krankhafte Störungen handelt und diese zumindest aus heutiger Betrachtung Kopfschütteln hervorrufen können.


    Bis dann.


    * Da für Dich das Thema "Kunst und Innovation" einen besonderen Stellenwert hat (?), solltest Du "Der unsichtbare Dritte" als einen innovativen Vorläufer bzgl. filmischer Umsetzung für die "James-Bond-Reihe" in die Betrachtung einbeziehen; hier ohne Analyse der unterschiedlichen Qualitäten. ;+)

  • Lieber Keith,
    ist es wahrscheinlich, daß ein Werbefachmann sich aus den Händen von Profi-Spionen befreit und ausgerechnet am Mount Rushmore zum (amerikanischen) Helden wird? Mir sträuben sich da die Haare. Bond (kann ich nicht ausstehen) ist von vorneherein als mehr oder weniger ironisches Spionage-Märchen gedacht. Aber wollte Hitchcock hier ironisch sein?
    Zum "Fenster": Da sitzt ein Fotograf mit Liegegips in einem Rollstuhl und fixiert sich auf sein Vis-à-vis. Soll sein. Der Fotograf schließt aus Indizien messerscharf: Dieses Vis-à-vis ist ein Mörder. Der Polizist mit Namen Doyle ist leider nicht Sir Arthur "the Holmes" (wahrscheinlich ein Gag) und kauft dem, wenn ich's richtig in Erinnerung habe, Vertreter ab, daß seine Frau im Urlaub ist. Sagenhaft, wie die Polizei mit einer Mordanzeige umgeht... Also muß Grace Kelly her - aber man entwickelt nicht einmal einen Plan, sondern ganz spontan geht's auf in die Wohnung eines wahrscheinlichen Mörders, und Grace Kelly, die sich dazu nicht einmal praktischere Sachen anzieht, klettert äffchenbehende über eine Feuertreppe und einen Balkon in die Mörderwohnung. Zu guter Letzt siegt der schwerstbehinderte Fotograf über den voll beweglichen Mörder, indem er ihn mit Blitzlicht das Sehvermögen nimmt. Menschenskind...!
    Hitchcock sagte einmal (das Interview wurde neulich auf arte ausgestrahlt), ihm sei die Handlung gleichgültig, nur die Form sei für ihn interessant. Insofern ist "Das Fenster zum Hof" durchaus gut gemacht. Aber die Handlung, die bei einem Film doch auch irgendwie von Bedeutung ist, ist haarsträubend unglaubwürdig.


    Hitchcock hat meiner Meinung nach immer wieder Pech mit den Vorlagen gehabt: Bloch war nun einmal ein Dutzendschreiber von Pulp-Geschichten, die besten Boileau-Narcejac-Ideen haben Franju und Clouzot umgesetzt (schade, daß Hitchcock sich nicht für "Mensch auf Raten" begeistern konnte) etc. Aus Daphne du Mauriers "Birds" hingegen hat er etwas gemacht, was die Vorlage übertrifft, und bei Highsmiths "Fremde im Zug" ließ er sich vom Genie der Autorin führen. Schade, daß er keine weitere Highsmith verfilmte und sich auf Pulp-Autoren verließ.
    :wink:

    Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)

  • Lieber Edwin,


    - Form und Inhalt - Form oder Inhalt - Form und/oder Inhalt...
    - Wahrscheinlichkeit...


    Für mich ist die Kategorie "Wahrscheinlichkeit" innerhalb einer Kunstform - hier Spielfilm - nicht vorrangig. Ansonsten müsste ich die Kunstform 'Oper' zur Gänze ablehnen (s. o.).


    Ein Spielfilm ist kein Dokumentationsfilm und selbst dieser kann keine 'Realität' (i. d. S.) beanspruchen.


    Wenn A. Hitchcock in einem Interview etwas erklärt, ist diese Aussage - wie alle einmaligen Statements - mit Vorsicht zu genießen, weil ggf. rein situativ bedingt. Ich erinnere nur an die Aussagen vieler Komponisten (siehe Zitate-Rätsel-Thread) zu bestimmten Themen. Erst die wiederholte Nachhaltigkeit misst einer Aussage bleibende, charakterisierende Eigenschaft bzgl. Ernsthaftigkeit und identifikationsstiftender Gültigkeit zu.


    Des Weiteren mache ich die "Qualität" eines Spielfilms nicht alleine an der "Realitätsnähe" des Inhalts fest, sonst müsste ich die Kunstform "Literatur" negieren.
    ___


    A. Hitchcock macht es weil er es kann. ;+)


    Das erste Gipsbein ("Das Fenster zum Hof") ist u. a. Grund der Unbeweglichkeit (Begründung der Kameraperspektive etc.) und Anlass zum Voyeurismus aus berufsstandsbezogener Neugier und durch Langeweile verursachter Lage...ein erklärender Ausgangspunkt der dann fortschreitenden Handlung. Warum? Weil perfekt. Warum sollte der Polizist Th. J. Doyle (Wendell Corey) eine plausible Erklärung des Vertreters als nicht glaubwürdig abtun und sofort weitere Nachforschungen einleiten? Die Handlungsweise ist doch lebensnah und sehr 'wahrscheinlich'.
    ___


    Am Rande: Nur das Denken des Unwahrscheinlichen, des anscheinend Unmöglichen macht weltbildverändernden Fortschritt im Gegensatz zum evolutionären Fortschritt möglich. Der Kunst sollte man das "Unwahrscheinliche" zuletzt wegnehmen. ;+)


    Wahrscheinlichkeit: Schau immer aus Deinem Fenster, um zu sehen was vor sich geht...denn die anderen machen es vielleicht ebenso. ;+)


    Bis dann.

  • Die Unwahrscheinlichkeit und die Willkür, die Edwin Hitchcock vorwirft, ist ja gerade eine seiner Stärken als Fimemacher. Etwas seltsam finde ich auch den Vorwurf, wie unwahrscheinlich bzw. unrealistisch es sei, dass wie in North by Northwest ein Werbefachmann sich in James-Bond-Manier bewährt. Nun, erstens tut er das gar nicht (Cary Grant ballert und prügelt ja nicht plötzlich in der Gegend rum) und zweitens müsste man den größten Teil der Fimgeschichte in die Tonne klopfen, wenn Realismus und Wahrscheinlichkeit zu absoluten Qualitätskriterien erhoben würden. Ach ja, die Ironie der Szene am Mount Rushmore ist doch offenkundig.
    "Den Sinn für das Absurde praktiziere ich wie eine Religion." (Hitchcock in Truffauts "Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?").

    "Es ist fast unmöglich, die Fackel der Wahrheit durch ein Gedränge zu tragen, ohne jemandem den Bart zu versengen."
    -- Georg Christoph Lichtenberg

  • Lieber Keith,
    lieber Wunderhornist,
    es geht mir nicht um die Unwahrscheinlichkeit an sich, sondern um die Unwahrscheinlichkeit innerhalb einer einmal als wahrscheinlich angenommenen Handlung. Ich will das einmal holzknüppelig vereinfachen:
    Wenn ich für die Dauer eines Films akzeptiere, daß Vampire jemanden beißen und dieser selbst zum Vampir wird, dann habe ich kein Problem damit, wenn Mina nach des vampyrischen herrn Grafen Biß zur untoten Fledermaus wird. Ich hätte aber durchaus ein Problem, wenn fünf gebissene Frauen zu Vampiren werden, nur Mina nicht, weil sie zum Abendessen eine Knoblauchsuppe hatte. Die Unlogik bestünde in diesem Fall, daß der Herr Graf seine Beißerchen in ein knoblauch-verseuchtes Hälschen drückt und offenbar nicht merkt, was los ist. In einem solchen Fall bricht der Film mit der von ihm geschaffenen Wahrscheinlichkeit.
    Wenn Hitchcock ein paar Flattermänner auf die Menschen losläßt, stört mich das nicht, denn der Film will, obwohl die zugrundeliegende Novelle von einem realen Geschehnis inspiriert ist, von vorneherein keine Realität abbilden.


    Nun habe ich vielleicht etwas wenig Zutrauen in die agentischen Fähigkeiten von Werbefachleuten, halte es aber für eher unwahrscheinlich, daß ein solcher sich auf ein für ihn potentiell tödliches Unternehmen einläßt, das ihn dann, wie bereits gesagt, ausgerechnet auf dem Mount Rushmore zum finalen Helden macht. Diese Unwahrscheinlichkeit (und da lasse ich den mit Vorahnungen auf einen Schuss gesegneten Buben, der sich die Ohren zuhält, noch lange bevor geschossen wird, einmal ganz weg) ist so groß, daß der gesamte Film für mich unter der Last der gesucht spektakulären Handlung ebenso zusammenbricht wie "Marnie" und "Spellbound" unter der Last völlig falsch verstandener Psychologie. "Psycho" hält wenigstens bis zum Schluß durch, um dann ebenfalls zur Psychologiestunde für die Gymnasiums-Unterstufe (obwohl der lehrer, der solches vorträgt, wahrscheinlich gefeuert würde) zu verkommen.


    Sehen wir uns nun "The Man Who Knew Too Much", zweite Fassung, an, speziell die Szene im Konzert. Da schafft es ein potentieller Killer, nicht nur ein Gewehr in die Royal Albert Hall zu schmuggeln, es fällt auch niemandem auf, daß er es zum Einsatz bringen will. Und zwar genau auf einem Beckenschlag. Woher weiß der Killer, wann der Beckenschlag kommt? Hoffentlich hat er die Schallplatte oft genug gehört... Oder war er gar bei der Generalprobe? (Auch mit Gewehr?) Vielleicht ist er ja gar ein "Storm Cloud Cantata"-Fan und kennt das Werk in- und auswendig.
    Aber nicht nur das: So ein Gewehr ist nicht einfach zu handhaben. Man muß es in Anschlag bringen und zielen, bevor man zum Beckenschlag abdrücken kann. Da steht also der Killer Gewehr im Anschlag auf den Beckenschlag wartend - und niemandem fällt der üble Geselle auf? Das ist fast etwas für "Die nackte Kanone 44 1/4"...


    Übrigens habe ich gerade "Lifeboat" hinter mir, mich wieder einmal nicht gewundert, daß in einem Propagandafilm natürlich der Deutsche der Böse ist, mich aber sehr gewundert, welche Bewegungen das Boot in Bezug auf den Seegang macht. Oder war das auch nicht als realistisch gemeint...?
    :wink:

    Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)

  • Lieber Edwin,


    ich denke, Deiner Zuneigung zu Hitchcock kann dennoch aufgeholfen werden, und zwar auch unter Anerkennung Deiner Prinzipien.


    Ich habe mir zur Sicherheit heute abend noch einmal diesen lange nicht mehr gesehenen Film angeschaut, der übrigens auch zu den bestfotografierten Schwarzweiß-Filmen des Meisters gehört:



    Das intelligente Drehbuch wurde unter anderem von George Tabori geschrieben, und wenn heute auch die etwas überzogene, damals aber viel gepriesene Darstellung des Mörders durch O.E.Hasse stört (im Gegensatz zu der großartigen Dolly Haas, die seine Frau spielt), und auch Dimitiri Tiomkins melodramatische Musik den Musikspuren von Bernard Herrmann klar unterlegen ist, so merkt man doch, dass sein Thema der Wahrung des Beichtgeheimnisses für den Jesuitenzögling Hitchcock eine besondere Bedeutung hatte.


    Berücksichtigt man dann noch, dass Hitchcock hier mit dem selten so intensiv spielenden Montgomery Clift einen nicht nur im Wortsinn einmaligen Hauptdarsteller hatte, er mit Anne Baxter eine besonders sympathische Heroine und mit Karl Malden einen seiner wenigen intelligenten, wenn auch ziemlich rücksichtslosen Detektiv präsentierte, und dass er mit dem malerischen Quebec City weit mehr anzufangen wusste als mit der künstlichen Schweiz oder dem echten Marokko, so hat man schon einige Gründe dafür beisammen, warum dieser Film zu Hitchcocks Meisterwerken gezählt werden muss, selbst wenn man es ihm verübeln möchte, dass die Zensur die konsequente Düsternis verhinderte, dass der Held tatsächlich in aller Konsequenz einem Justizirrtum zum Opfer fällt. Darin ist dieser Film übrigens eine Blaupause für ein weiteres Meisterwerk, das ich hier der Spielregeln wegen noch nicht nennen kann. Auch dieser Film hat mit einen, allerdings anderen, anderen für Hitchcock einmaligen Hauptdarsteller und entstammt ebenfalls der düsteren Warner-Periode, die Edwin insgesamt viel besser gefallen dürfte als die vorangehende der Selznick-Produktionen oder die nachfolgende der Universal-Filme mit ihren pseudopsychologischen Schwerpunkten (womit ich für mich nichts gegen diese Filme als handwerkliche Meisterleistungen sagen will).


    Übrigens weist I CONFESS auch den Weg zu einem weiteren meisterhaften, allerdings weitaus intellektueller geprägten Hitchcock-Film, der nicht von dem Meister selbst ist, denn er inspirierte den großartigen LE CONFESSIONAL von Robert Lepage, den manche von uns eher als den Regisseur der jüngsten MET-Aufführung von Berlioz' LA DAMNATION DE FAUST kennen:



    :wink: Rideamus

    Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung

  • Sehen wir uns nun "The Man Who Knew Too Much", zweite Fassung, an, speziell die Szene im Konzert. Da schafft es ein potentieller Killer, nicht nur ein Gewehr in die Royal Albert Hall zu schmuggeln, es fällt auch niemandem auf, daß er es zum Einsatz bringen will. Und zwar genau auf einem Beckenschlag. Woher weiß der Killer, wann der Beckenschlag kommt? Hoffentlich hat er die Schallplatte oft genug gehört... Oder war er gar bei der Generalprobe? (Auch mit Gewehr?) Vielleicht ist er ja gar ein "Storm Cloud Cantata"-Fan und kennt das Werk in- und auswendig.
    Aber nicht nur das: So ein Gewehr ist nicht einfach zu handhaben. Man muß es in Anschlag bringen und zielen, bevor man zum Beckenschlag abdrücken kann. Da steht also der Killer Gewehr im Anschlag auf den Beckenschlag wartend - und niemandem fällt der üble Geselle auf? Das ist fast etwas für "Die nackte Kanone 44 1/4"...

    Nun ja, man kann sicher Hitch den ein oder anderen Ausrutscher nachweisen, obwohl der das selbst nicht so ernst genommen hätte. Hat er sich nicht immer über die, die er "Wahrscheinlickeitskrämer" nennt, lustig gemacht?


    Die Szene ist aber kein gutes Beispiel (siehe "http://www.youtube.com/watch?v=t3ZtOQ5kQA0"). Denn es handelt sich um eine Pistole, kein Gewehr. Also leicht reinzuschmugeln in Zeiten, als es in den Konzertsälen noch keine Metalldetektoren gab. Und der Killer hat eine ganze Loge mit Vorhang für sich allein, hat also jede Menge Platz und Zeit zur unauffälligen Vorbereitung. Eine Partitur hat seine Begleiterin auch dabei, und früher im Film spielt tatsächlich eine Plattenaufnahme des Stücks eine Rolle, die die Bösen anscheinend immer wieder hören. Also alles ganz plausibel :D


    Michel

    Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)

  • Lieber Edwin,


    mit dem Argument der „Unwahrscheinlichkeit“ oder vielleicht besser nicht stringenten und unplausiblen Handlungsverläufen, wobei ich eine Differenzierung zum Begriff „Stimmigkeit“ vornehme, kannst Du fast jeden Spielfilm plakativ untertiteln.


    Zitat von Edwin


    ...
    Nun habe ich vielleicht etwas wenig Zutrauen in die agentischen Fähigkeiten von Werbefachleuten, halte es aber für eher unwahrscheinlich, daß ein solcher sich auf ein für ihn potentiell tödliches Unternehmen einläßt, das ihn dann, wie bereits gesagt, ausgerechnet auf dem Mount Rushmore zum finalen Helden macht. Diese Unwahrscheinlichkeit (und da lasse ich den mit Vorahnungen auf einen Schuss gesegneten Buben, der sich die Ohren zuhält, noch lange bevor geschossen wird, einmal ganz weg) ist so groß, daß der gesamte Film für mich unter der Last der gesucht spektakulären Handlung ebenso zusammenbricht wie "Marnie" und "Spellbound" unter der Last völlig falsch verstandener Psychologie. "Psycho" hält wenigstens bis zum Schluß durch, um dann ebenfalls zur Psychologiestunde für die Gymnasiums-Unterstufe (obwohl der lehrer, der solches vorträgt, wahrscheinlich gefeuert würde) zu verkommen.
    ...


    Ich glaube Du hast eine etwas andere Vorstellung von Spionage und Agententum. Der größte Teil dieser Leute hat keine besondere Kampfausbildung à la James Bond. Zum Thema "Verwicklung" habe ich mich oben geäußert. Warum am Mount Rushmore? Warum nicht an einer überdimensionalen Werbetafel? Warum nicht an einer Litfasssäule? Weil es ein Spielfilm (Bilder, Symbolik etc.) und kein Hörspiel ist und es mit Sicherheit weitere Begründungen dafür gab Mount Rushmore zu wählen.


    Der so oft beschriebene kleine unscheinbare handwerkliche Fehler (der sich vorzeitig die Ohren zuhaltende Junge...zu viel Probenarbeit; Dieser sitzt übrigens heute als alter Mann immer noch da, weil er das Ende der Szene nicht mibekommen hat...) ist vollkommen unbedeutend. Schau einmal im Internet bzgl. Filmfehler nach. Wieviele Spielfilme sind voll davon? Ich wage zu behaupten: Fast alle, wenn man kleinste Details mit berücksichtigt (Gaderobe, Frisur, Ausstattung, Licht und Schatten etc.).


    Bzgl. des Films "Der Mann, der zuviel wusste" (...das Kleinstgewehr oder auch landläufig: Pistole) muss ich Dir als Experten [keine Ironie] die angewendeten Formen von (gekonnter) Dramaturgie nicht beschreiben. Zur Wahrscheinlichkeit oder Plausibilität eines Attentats möchte ich auf das Ende von A. Lincoln (ebenfalls Theater/Oper) hinweisen. Warum entwickelten sich nach dem J. F. Kennedy-Attentat* oder dem "11.09.2001" so viele Verschwörungstheorien? Waren es nicht die sog. Unwahrscheinlichkeiten/Unplausibilitäten der Abläufe?


    Zur Thematik der speziellen „Hitchcock-Psychologie“ stimme ich Dir zu (s. o.) und trotzdem begeistern mich Spielfilme wie "Psycho", "Marnie" und "Vertigo".


    Nur das Leben ist wahr,
    und dieses ist auch nur ein unplausibler Traum.


    Bis dann.


    * Dabei meine ich nicht allein die Frage, ob es ein oder zwei Schützen waren.

  • Rope

    Ein anderer ungewöhnlicher Film von Hitchcock ist noch nicht erwähnt worden: Rope, der hierzulande unter dem dümmlichen Titel Cocktail für eine Leiche bekannt ist.



    Zwei Studenten ermorden einen Kommilitonen - einfach so, um sich zu beweisen, dass sie das können. Sie verstecken die Leiche in der Wohnung des Toten und empfangen dort anschließend die von diesem zu einer Party eingeladenen Gäste in aller Seelenruhe.


    Filmtechnisch zeigt der Film Hitchcock als den Experimentator, der er auch immer war: Die Handlung läuft in "Echtzeit" und besteht aus einer einzigen Einstellung, ist also ohne Unterbrechung in einem Stück durchgefilmt.



    Michel

    Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)

  • Die Handlung läuft in "Echtzeit" und besteht aus einer einzigen Einstellung, ist also ohne Unterbrechung in einem Stück durchgefilmt.

    An den Film erinnere ich mich: in der Tat etwas Besonderes. Irgendwann in der Mitte des Films wurde, glaube ich, etwas manipuliert, da die Filmrolle gewechselt werden mußte: Da gibt es einen Schwenk, bei dem es kurz dunkel wird.


    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Da gibt es einen Schwenk, bei dem es kurz dunkel wird.

    Genau. ich glaube, die Kamera verschwindet mal kurz hinter'm Sofa, oder so :D

    Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)

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