Alfred Hitchcock - Seine besten Filme

  • So, aber dann geht es los. Ist es 'I confess', ist es 'A Lady vanishes',

    Doch, ich habe ihn genannt. ;) Natürlich, möchte ich fast sagen. Großartiger Film. Schon alleine der Anfang in diesem Hotel ist eine einzige Wonne.

    Nebenbei, "Vertigo" mag ich überhaupt nicht...

    Ging mir lange ähnlich. Aber dann hat er mich doch irgendwann gepackt.


    :wink: Wolfram

  • ... und diesen nicht vergessen:

    Wie schafft man es eigentlich, Bilder aus Zitaten zu übernehmen? Aber das nur am Rande.


    'Trouble mit Harry' hat so einen fantastischen schwarzen Humor. Den liebe ich auch sehr. Ich habe ihn übrigens mal meinen Schülern gezeigt, die ihn alle langweilig und blöd fanden. Mag an den Schülern gelegen haben, vielleicht aber auch an diesem ruhigen Tempo, das er ja hat. Das muss man halt aushalten können.


    Jedenfalls brachte mich das zu der Überlegung, ob Hitchcock für jüngere Generationen (generell gesprochen) heute noch funktioniert.


    :wink: Wolfram

  • 39, gell?

    Klar, sind halt nur 39.


    Aber das ist ja auch so ein witziger Punkt bei Hitchcock, dass solch ein Unterschied überhaupt keine Rolle spielt. Die Gimmicks sind ja völlige Nebensache. Ob 39 oder 99 hat ihn ja nie interessiert. Und recht hat er. 'Der Weg ist das Ziel', also was erlebe ich auf dem Weg zu irgendetwas und wie schildere ich das.


    Aber ich weiß natürlich, was du meinst. Korrekt sind es halt nur 39 und man muss sich nicht völlig verausgaben. ^^


    :wink: Wolfram

  • Übrigens finde ich seine britischen Filme oftmals unterschätzt. 'Jamaica Inn' ist bestimmt nicht sein bester dabei, aber ich mag ihn einfach. Hier spielt wohl bei mir die Jugenderinnerung eine Rolle. Die Erstverfilmung von 'The Man Who Knew Too Much' hat aber interessante filmische Momente, genauso wie 'Secret Agent'. Toll finde ich dagegen 'Young and Innocent', nicht nur wegen der unglaublichen Kamerafahrt am Ende, sondern auch wegen anderer Sequenzen und auch wegen Nova Pilbeam, deren Filmkarriere dann leider nie so richtig in Schwung kam.



    :wink: Wolfram


    Sorry, das mit dem Bild klappt wieder einmal nicht. Hier der Link: https://www.amazon.de/Young-In…ds=young+an+innocent+film

  • Hm - mich irritiert Edwins ablehnende Haltung zu vielen Hitchcock-Filmen sehr. Dabei war der gute Alfred bestimmt kein reiner Geschichtenerzähler, sondern ein Entertainment-Spezialist ersten Ranges. Er war sozusagen der Käpt'n Blaubär Hollywoods - immer bereit, neues Seemannsgarn zu spinnen. Das Publikum war ihm wirklich wichtig, denn sonst hätte er seinen Namen nicht zu einer Marke machen können. Und das ging nur an einem Ort in der Welt. Seine Filme haben viele Details in sich, aber Glaubwürdigkeit war noch nie das Maß der Dinge gewesen - sein Ausspruch "Den Sinn für das Absurde praktiziere ich wie eine Religion." kommt nicht von ungefähr.


    Er sagte nicht: "Ich erzähle euch eine realistische Geschichte." oder "...eine überzeugende Geschichte...", sondern: "Ich erzähle euch eine spannende Geschichte." Das solte man nie vergessen.


    Es geht um die Identifikation mit den Hauptcharakteren; um den Augenblick, wo ihre Realität auf den Kopf gestellt wird; um ihren Kampf, daraus zu kommen und in ihr normales Leben zurückzukehren. Immer wieder hat er diese Story variiert und neu aufgelegt: der Reichtum seines Werkes besteht eigentlich aus der Reichhaltigkeit dieser Varianten, die er praktisch alle einer stringenden künstlerischen Kontrolle unterzog. Die Bilder, die dabei entstanden, erreichen in ihren besten Fällen eine ikonenhafte Einmaligkeit. Nein, die Story war stets immer der Aufhänger, an denen er seine Details anbinden konnte. Aber diese Details sind tatsächlich einfallsreich, durchdacht und raffiniert umgesetzt.


    Mir ist auch aufgefallen, daß Fenster zum Hof etwas Holpriges an sich hat, wenn man die Handlung an sich analysiert; aber da spielt sich etwas anderes im Hintergrund ab, was viel wichtiger ist als es zunächst aussieht. Auch Vertigo ist beileibe nicht glaubwürdig, doch das ist gerade in diesem Film so uninteressant wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Hitchcock erzählt im Grunde von Dingen, die er geschickt verbirgt, etwas Unausgesprochenes - und das in einer Umgebung, die dafür nie wirklich empfänglich war: das amerikanische Publikum der 1940er bis 1960er Jahre. Wenn er mal deutlicher wurde wie bei Der falsche Mann, dann wurde der Film nicht angenommen. Wenn er es perfekt verbarg, stand dem Erfolg (fast) nichts im Wege.


    Der Schlüssel zu Hitchcock ist eigentlich nicht die schöne Oberfläche, auch nicht die solide konstruierte Handlung; es sind die Augenblicke der Spannung, der Ängste, der Bedrohungen, der Obsessionen. Wie er dahin kommt, interessiert ihn nur soweit, wie es für den Charakter in der Story wichtig ist. Hitchcock Filme sind tatsächlich künstlich, weil es für ihn keine Realität gibt, sondern nur die Konstruktion der Spannung. Im Grunde sind sie alle sowas wie verkappte Märchen.


    Es ist auch kein Zufall, daß sich Hitchcock wie ein guter alter Märchenonkel inszenierte. Und daß seine Filme heute Allgemeingut der menschlichen Gesellschaft sind, kommt auch nicht von ungefähr.

    "Interpretation ist mein Gemüse."
    Hudebux

    "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
    Jean Paul

  • Übrigens finde ich seine britischen Filme oftmals unterschätzt.

    Finde ich nicht - es ist nur so, daß sie nicht immer so verfügbar sind wie seine amerikanischen, aber daß sie sozusagen in 2. Reihe zurücktreten mußten, das ist mir nie aufgefallen. Es gibt genug Kritiker, die diese Filme hochgelobt haben - und es gibt genug Fans, die auch diese sehr mögen.



    'Trouble mit Harry' hat so einen fantastischen schwarzen Humor. Den liebe ich auch sehr. Ich habe ihn übrigens mal meinen Schülern gezeigt, die ihn alle langweilig und blöd fanden. Mag an den Schülern gelegen haben, vielleicht aber auch an diesem ruhigen Tempo, das er ja hat. Das muss man halt aushalten können.

    Dieser Film ist nun über sechzig Jahre alt - in der Zeit hat sich die Sehgewohnheit von Filmen, Serien und TV-Sendungen so dermaßen gewandelt, daß so ein Film wie ein Relikt aus ferner Vergangenheit wirkt. Sieh dir neuere Produktionen an, was sie allein an Tempo mittels Schnitt erfahren haben, wie sie die Handlung vermitteln und welche Informationen sie an den Zuschauer geben. Das hat eine ganz andere Qualität: schneller, aber auch oberflächlicher, weniger Zeit zum Nachdenken.

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  • Schön analysiert.

    sondern ein Entertainment-Spezialist ersten Ranges

    Etwas, das ich auch immer sehr faszinierend fand. Eben dass er in einem reinen Unterhaltungsbetrieb (gehen wir nur mal von seiner Hollywood-Zeit aus) es schaffte, wirkliche Kunstwerke zu schaffen. Dass er es schaffte Unterhaltung/Mainstream und Filmkunst zu verbinden. Wobei ich da immer den Schwerpunkt auf 'Film' legen würde. Sozusagen: 'Wie erreiche ich das, was ich sagen möchte mit den Mitteln des Films?' Also Inszenierung innerhalb eines Bildes kombiniert mit den Mitteln der Montage. Später Einsatz von Ton und Musik. Aber immer im Dienst einer 'Massentauglichkeit', eines populären Genres.

    Die Bilder, die dabei entstanden, erreichen in ihren besten Fällen eine ikonenhafte Einmaligkeit.

    Immer wenn ich einen Schwarm Krähen sehe, denke ich an Hitchcock. :D

    Im Grunde sind sie alle sowas wie verkappte Märchen.

    Richtig (und auch nicht), wenn man sich überlegt, dass ihm vieles, fast Alles nur Mittel zum Zweck war. Und auch wenn Menschen schlagartig der Boden unter den Füßen weggerissen wird, interessierte er sich weniger für die reale Situation, sondern mehr dafür, wie er es rein technisch 'aufbereiten' konnte. Das bedeutete den Vorrang des rein Filmischen über dem Menschlichen. Das mag jetzt ein wenig harsch klingen. Aber ich denke schon, dass ihn v.a. die Ausnahmesituation reizte, sich filmtechnisch damit auseinander zu setzen. Und je höher er den Maßstab sich selber setzte, desto engagierter war er.


    'Rope' fällt mir dabei spontan ein mit dem Versuch, einen Film in einer Einstellung zu drehen. Oder 'Lifeboat'. Eben der Idee das Schicksal unterschiedlichster Personen zu schildern, die alle in einem räumlich sehr begrenzten Set gefangen sind. Und auch hier ist die reale Situation für ihn vielleicht nur Anlass, sie filmtechnisch interessant und spannend zu gestalten.


    Und an diesem Punkt, bzw. bei solch einem Film bin ich mit den Begriff 'Märchen' nicht mehr so einverstanden, weil er einfach etwas anderes impliziert. Deine Vorrede dazu unterschreibe ich sofort. Aber vielleicht ist ein anderer Begriff angebrachter. Nur weiß ich nicht welcher. ;( Nur 'Märchen' impliziert zu sehr die von der Realität entfernte Geschichte. Denn einerseits war sie ihm nur Mittel zum Zweck, anderseits ließ er sie auch immer wieder ganz tief in seine filmischen Erzählungen eindringen und diese durchaus beeinflussen. 'I Confess', 'Shadow of a Doubt', 'The Wrong Man'.


    Vielleicht sind das sogar Ausnahmen innerhalb seines Oeuvres, aber es gab immerhin eine Phase oder Phasen, wo er diesem 'Realismus' Raum gewährte.


    :wink: Wolfram

  • Finde ich nicht - es ist nur so, daß sie nicht immer so verfügbar sind wie seine amerikanischen, aber daß sie sozusagen in 2. Reihe zurücktreten mußten, das ist mir nie aufgefallen. Es gibt genug Kritiker, die diese Filme hochgelobt haben - und es gibt genug Fans, die auch diese sehr mögen.

    Naja, manche Filme aus der Zeit wirken für viele eher wie 'Fingerübungen' und können natürlich mit dem Hollywood-Standard an technischer Perfektion auch nicht mithalten. Das mag ein Grund sein. Und dann wird schnell mal ein technisch nicht gelungener Effekt, ein holpriger Schnitt, ein billiges Modell kritisiert und leicht der ganze Film abgetan. Das meinte ich damit.

    Sieh dir neuere Produktionen an, was sie allein an Tempo mittels Schnitt erfahren haben, wie sie die Handlung vermitteln und welche Informationen sie an den Zuschauer geben. Das hat eine ganz andere Qualität: schneller, aber auch oberflächlicher, weniger Zeit zum Nachdenken.

    Das meinte ich ja mit der Frage, ob Hitchcock heute noch ankommt. Aber letztlich gilt das natürlich auch für Leute wie von Stroheim, Murnau, Welles etc.


    :wink: Wolfram

  • Unter den englischen Filmen hat mich bisher besonders "Murder!/Mary" (1930) fasziniert. Aber so viele habe ich noch nicht gesehen - "Rich and Strange" (1931) war für mich quasi neutral, "The Skin Game" (1931) hatte tolle Momente, "Number Seventeen" (1932) doch eher mühsam. "Waltzes from Vienna" (1934) hat mich in seiner Künstlichkeit zuerst abgestoßen, nachdem ich dann nichts anderes erwartet habe, war's beim zweiten Mal Ansehen toll. Also bei den Tonfilmen vor "The Man Who Knew Too Much" (1934) ist "Murder!/Mary" mein klarer Favorit.

    This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    playing in good Taste doth not confit of frequent Passages, but in expressing with Strength and Delicacy the Intention of the Composer (F. Geminiani)

  • Eben dass er in einem reinen Unterhaltungsbetrieb (gehen wir nur mal von seiner Hollywood-Zeit aus) es schaffte, wirkliche Kunstwerke zu schaffen.

    Hm, ich zweifle daran, dass "wirkliche Kunst" als Abgrenzung zwischen Hitchcock auf der einen Seite und Lubitsch, Ford, Hawks, Capra, Sirk, Sturges, Cukor, Laughton, Minnelli, Preminger, Huston, Wilder, Lean, Ray, Kelly und Welles auf der anderen Seite taugt.
    Ich nehme ja nicht an, dass für Dich alle genannten Regisseure "reine Unterhaltung" sind - aber wo würdest Du etwa die Trennlinie ziehen?
    Oder sind sie doch alle bedeutende Künstler?

    This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
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  • Bei Film gibt es diese klare Trennlinie zwischen "Kunst" und "(nur) Unterhaltung" noch weniger als in Musik, Literatur etc. Es ist eh ein Relikt des 19. Jahrhunderts (in dem es Film eh noch nicht gab), aber Film führt es endgültig ad absurdum.


    Klar, was es gibt: Unterhaltungsmüll, verdummendes, und das gerade auch im Film. Die 3D-Specialeffectorgien der letzten 10, 15 Jahre sprechen da eine deutliche Sprache.


    Aber alle oben genannten Regisseure haben große Kunst geschaffen und dabei großartig unterhalten :D



    Lest mal daraus


    die Essays über David Lynch und Terminator 2, Erhellenderes zum Thema kenne ich nicht :)


    Aber ist OT. Gerade Hitchcock hat doch diesen Widerspruch, den angeblichen, als Unsinn entlarvt in fast allen seiner Filme.


    Ich muß dringend mehr Hitchcock gucken demnächst. Also echt jetzt.



    LG :)

    "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
    (Shunryu Suzuki)

  • Hm, ich zweifle daran, dass "wirkliche Kunst" als Abgrenzung zwischen Hitchcock auf der einen Seite und Lubitsch, Ford, Hawks, Capra, Sirk, Sturges, Cukor, Laughton, Minnelli, Preminger, Huston, Wilder, Lean, Ray, Kelly und Welles auf der anderen Seite taugt.
    Ich nehme ja nicht an, dass für Dich alle genannten Regisseure "reine Unterhaltung" sind - aber wo würdest Du etwa die Trennlinie ziehen?
    Oder sind sie doch alle bedeutende Künstler?

    Natürlich sind das alle bedeutende Künstler.
    Vielleicht habe ich den Begriff 'Unterhaltung' zu unklar gefasst. Natürlich gibt es bei Hitchcock Subtexte in seinen Filmen, aber eigentlich wollte er v.a. unterhalten, d.h. das Publikum unter Spannung setzen ohne dass er mit seinen Filmen Botschaften transportieren und Probleme aufzeigen wollten, Themen zur Diskussion stellen. Ein Sujet war ihm Mittel zum Zweck. Nicht um das Publikum aufzurütteln, sondern eben in Spannung zu versetzen.


    Zudem war er jemand, der explizit die 'Manipulationsmöglichkeiten, die v.a. der russische Stummfilm entwickelt hat, genutzt hat. Zwar inszenierte er natürlich auch innerhalb des Bildes, aber darin lag vielleicht gar nicht einmal sein Hauptaugenmerk.


    Ich will die Regisseure mal einzeln durchgehen:


    Ford: ganz eindeutig transportierte er mit seinen Film Inhalte, oftmals sozialkritischer Natur. Von daher nicht von vornherein als reine Unterhaltung angelegt.
    Hawks: sprach sich entschieden gegen virtuose Kameraführung aus. Kamera auf Augenhöhe der Schauspieler und nicht sozusagen von der Decke hängend. Auch sozialkritische Inhalte.
    Capra: Sozialkritik
    Sturges: glänzend inszeniert, wobei die Komik v.a. durch die Schauspieler erreicht wurde und weniger durch filmische Mittel
    Cukor: vielleicht sogar eher auf Zelluloid gebannte Dialogstücke, quasi Theaterstücke
    Minnelli: ähnlich wie Cukor, nur halt mit Musik
    Preminger: immer auch wieder soziale Dramen
    Huston: durchaus auch immer wieder Anklänge von allgemeineren Problemstellungen
    Wilder: 'Das verlorene Wochenende', 'Stalag 17', 'Reporter des Satans', 'Das Appartement' - selten reine Unterhaltung
    Lean: v.a. in den frühen Filmen eher verfilmend als filmend
    Ray: auch sozialkritische Themen
    Kelly: siehe Cukor


    Bleiben Lubitsch, Laughton, Welles. Lubitsch ganz eindeutig jemand, der die Filmsprache benutzt und extrem verfeinert hat. Laughton ein Sonderfall, weil er nur einen Film drehen konnte, der aber ein faszinierendes visuelles Produkt ist. Allerdings kein Unterhaltungsfilm. Und Welles? Welles war ein Genie!!!!!!!!! Ein Genie mit einer ganz persönlichen Filmsprache, die aus der Benutzung aller möglichen filmischen Techniken entstand. Allerdings sind auch seine Filme selten reine Unterhaltungsfilme.


    Wie gesagt, alles große Künstler, aber, wie ich finde, doch nicht mit Hitchcock unbedingt zu vergleichen, weil sie entweder einen anderen Anspruch hatten oder aber für sie die 'Filmsprache' als Manipulationsmöglichkeit nicht so entscheiden war.


    :wink: Wolfram

  • Und an diesem Punkt, bzw. bei solch einem Film [gemeint ist: Lifeboat] bin ich mit den Begriff 'Märchen' nicht mehr so einverstanden, weil er einfach etwas anderes impliziert. Deine Vorrede dazu unterschreibe ich sofort. Aber vielleicht ist ein anderer Begriff angebrachter. Nur weiß ich nicht welcher. Nur 'Märchen' impliziert zu sehr die von der Realität entfernte Geschichte.

    Ehrlich gesagt weiß ich nicht, welches Wort dem sonst näher kommt; mir fällt kein passenderes Wort ein. Daß diese Dosierung nicht bei jedem seiner Filme gleich ist, versteht sich von selbst. Gerade bei Lifeboat geht es ohnehin auch darum, eine Position zu beziehen (1943 war das Hollywoodkino voll von Nazi-Gegenpropaganda).


    Ich schrieb nicht umsonst verkappte Märchen, denn sie übernehmen eigentlich nur den Aspekt der Fabulierfähigkeit. In einem Märchen ist alles möglich, wie abstrus es auch ist; und Hitchcock überträgt das halt auf eine zeitgenössische "Realität", ohne zusehr zu übertreiben. Ein Phänomen, was übrigens in den erzählerischen Medien allgegenwärtig ist, denn sonst würden die diversen Geschichten um z.B. Barnaby, Poirot, Conan Edogawa usw. gar nicht funktionieren. Ganz zu schweigen von Seifenopern.

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  • Heute nach einiger Unterbrechung war mal wieder ein Hitchcock dran.



    Einer der frühen Tonfilme von ihm von 1930 gleichzeitig als englische (mit Herbert Marschall) und deutsche Fassung (mit Alfred Abel) gedreht.


    Wie immer gibt es wunderbare bzw. interessante visuelle Ideen, die aber insgesamt doch recht holperig wirken und manchmal auch nicht unbedingt gelungen sind. Das mag auch an den begrenzten technischen Möglichkeiten liegen oder aber an den doch sehr großen und schwer beweglichen Tonkameras der damaligen Zeit.


    Das größte Manko des Films scheint mir aber in dem misslungenen Timing zu liegen. Minutenlang präsentiert uns Hitchcock eine einzige Einstellung, in der dann aber viel zu wenig passiert. Der Film ist schlicht zu lang. Hier fällt mir sofort das Zitat aus der Strauss'schen 'Ariadne' ein:


    Das Stück hat Längen,
    gefährliche Längen -
    man lässt sie weg. :D


    :wink: Wolfram

  • Ein typisches Merkmal jener Zeit: praktisch alle Fime um 1930/31 in England und USA hatten diese Längen; einerseits noch eine Unerfahrenheit mit der neuen Technik, andererseits die Schwierigkeit, solch ein Material kaum nachbearbeiten zu können, hat das Tempo sehr oft gering gehalten. Dazu kommt die Tatsache, daß dieses Tempo der Erzählweise noch aus der Zeit des Stummfilms stammt, also ein narratives Element war, was der Tonfilm an sich nicht mehr benötigte.


    Tatsächlich ist das auch sehr schnell überwunden worden: um 1932 steigerte sich das Tempo, man konnte Filmmusik in der Postproduktion zufügen, narrativ traute man sich auch Neues zu. Bestes Beispiel: King Kong (1933).


    Bei Hitchcock dauerte es auch einige Zeit, bis er das unter Kontrolle brachte. Ab 1934 war das kein Thema mehr für ihn.

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  • Dazu kommt die Tatsache, daß dieses Tempo der Erzählweise noch aus der Zeit des Stummfilms stammt, also ein narratives Element war, was der Tonfilm an sich nicht mehr benötigte.

    Da bin ich mir gar nicht einmal so sicher. Es gibt gerade im russischen und deutschen Stummfilm eine ganze Reihe Gegenbeispiele (z.B. Variete, Potemkin, Der Mann mit der Kamera (ok, kein narratives Element)), die durch Montage mindestens weite Bereiche wesentlich schneller und rhythmischer gestalteten. Auch Sunrise gehört sicherlich dazu und die ganzen Slapstick-Komödien. Und übrigens auch sein eigener Film 'Champagne' von 1928, der mindestens zu zwei Dritteln ein ganz anderes Tempo aufweist. Aber auch die Regisseure, die bei langen Einstellungen innerhalb eines Bildes inszenierten, schufen dabei eine ganz andere Dramatik. Stroheim oder Lang z.B. Ich denke eher, dass der frühe Tonfilm-Hitchcock hier eher durch die neue Möglichkeit des Sprechens zum Experimentieren verführt wurde, was ihm einerseits hervorragend gelang (innerer Monolog kombiniert mit dem 'Tristan'-Vorspiel), andererseits bei langen Dialog-Passagen einfach nicht.

    Bei Hitchcock dauerte es auch einige Zeit, bis er das unter Kontrolle brachte. Ab 1934 war das kein Thema mehr für ihn.

    Absolut richtig. 'Rich and Strange' hat zwar schon einen Zuwachs an Tempo, aber so richtig klappt es immer noch nicht und 'Number Seventeen' empfinde ich wirklich als über weite Strecken quälend. Erst mit 'The Men who knew too much' nimmt er dann im wahrsten Sinne Fahrt auf.


    :wink: Wolfram

  • Es gibt gerade im russischen und deutschen Stummfilm eine ganze Reihe Gegenbeispiele (z.B. Variete, Potemkin, Der Mann mit der Kamera (ok, kein narratives Element)), die durch Montage mindestens weite Bereiche wesentlich schneller und rhythmischer gestalteten.

    Gut, vielleicht habe ich da ein wenig zu weit vorgegriffen...


    Ich meine nicht die Montage, sondern den Ablauf einer Sequenz - speziell bei Dramen und Kostümfilmen. Die hatten eigentlich immer ein moderates bis langsames Tempo, was im frühen Tonfilm dann zu langatmig wirkte, wenn man einen ähnlichen Stoff mit Dialog inszenierte. Natürlich gilt das auch nicht für alle Fälle, aber ich bin dieses Phänomen oft genug begegnet.


    Slapstick-Filme - speziell Keystone - unterliegen dieser Machart tatsächlich weitesgehend nicht, und die Montage an sich hat sowieso eine sehr spezifische Wirkung.


    Kurz gesagt: daß der frühe Tonfilm besonders langsam ist, wird sicherlich mehr der technischen Problematik geschuldet sein als einer narrativen.

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  • Kurz gesagt: daß der frühe Tonfilm besonders langsam ist, wird sicherlich mehr der technischen Problematik geschuldet sein als einer narrativen.

    Da bin ich bei dir. ^^ Wenn man bedenkt, dass die lange Kamerafahrt in 'Der Kongress tanzt' schon als Sensation galt, macht das vieles über die Bedingungen damals deutlich.


    Übrigens war der deutsche frühe Tonfilm technisch ja schon erstaunlich. 'M' ist da ein Beispiel aber selbst 'Die Drei von der Tankstelle' von 1930. Hut ab, wie da technische Schwierigkeiten auch und gerade mit der Musik überwunden werden.


    Aber vielleicht hinkte England da auch hinterher, keine Ahnung.


    :wink: Wolfram

  • Heute mal wieder 'Family Plot' zum wohl 5. Male geschaut.



    Er ist mit Sicherheit nicht der beste Hitchcock, hat aber durchaus eine hohe Qualität und zum Glück verabschiedete er sich nicht mit einem totalen Flop oder einer kaum beachteten 'Nebensächlichkeit' von der Leinwand. Das ist Unterhaltung auf hohem Niveau und manch ein Regisseur wäre wohl glücklich, wenn er so etwas zustande bringen könnte. ^^


    Das Drehbuch ist durchaus interessant, eine Variation des beliebten Hitchcock-Themas der Suche nach einem Unbekannten. Hier werden allerdings die Jäger dann auch Gejagte. Sehr schön arbeitet er die Parallelität der beiden Paare zu Beginn heraus, grandios ist natürlich die Sequenz mit dem die Bergstrecke hinunterrasendem Auto dessen Bremsen versagen. Das ist in dieser Mischung aus Humor und Spannung allerbester Hitchcock. Und auch sonst gibt es immer wieder mal einzelne Szenen (Beerdigung), die große Klasse durchscheinen lassen. Aber irgendwie hat man das Gefühl, dass der strenge, formgebende Willen nicht mehr durchgehend gegeben war. Dem Alter und Krankheit wohl geschuldet.


    Anschauen und genießen kann man ihn aber allemal.


    :wink: Wolfram

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