Alfred Hitchcock - Seine besten Filme

  • :thumbup:
    Der gehört auch bei mir zu den fünf, saisonal bedingt manchmal gar zu den drei schönsten Hitchcockerlebnissen. Mit dem unsichtbaren Dritten, dem Fenster zum Hof, Psycho und den 39 Stufen, das wären meine fünf...


    Man muß dazu allerdings wissen, daß ich irgendwie eine Schwäche hab für Filme die in Zügen spielen (ich fahr auch gern Zug und würde nie auf andre Art in Urlaub reisen wenn ich denn überhaupt reisen würde).


    Ich muß ihn wieder sehen, sobald ich mal vor halb 11 abends zuhaus bin. Zur Zeit ist coronabedingtes Berufschaos... Aber Freitag!



    :)

    "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
    (Shunryu Suzuki)

  • Ich muß ihn wieder sehen,

    Mach das unbedingt, lieber Garcia. Auch wenn man ihn schon x-mal gesehen hat, ist er doch immer wieder eine Freude, gerade auch wegen der beiden skurrilen Engländer und der Kappeleien zwischen Redgrave und Lockwood.


    :wink: Wolfram

  • Heute zum x-ten Male wiedergesehen:


    (USA 1951)


    Den Film zu loben, hieße wohl Eulen nach Athen tragen. Die Vorlage von Patricia Highsmith (allerdings an entscheidenden Stellen verändert), das Drehbuch von Raymond Chandler, die exzellente Besetzung, die, falls ich mich korrekt erinnere, erste Zusammenarbeit mit Robert Burks an der Kamera, Tiomkins Musik und natürlich die ausgefeilte Regie, all das macht den Film zu einem der herausragenden Meisterwerke innerhalb seines Oeuvres.


    Beim wiederholten Neuanschauen fand ich es dann aber doch noch erstaunlich, was mir alles neu aufgefallen ist an inszenatorischen Kniffen wie auch an sarkastischem Humor. Hitchcock überließ wirklich nichts dem Zufall, alles war bis in Kleinste geplant und alles hat seinen Sinn.


    Es gibt die berühmte Eingangssequenz, in der Schuhe und Beine zweier Personen langsam immer mehr in die selbe Richtung gehen, bis dann die beiden Personen durch eine zufällige Berührung zueinander finden. Unterstützt wird diese Bewegung durch Linien, Strukturen, Eisenbahnschienen (die Begegnung findet dann ja in einem Zugabteil statt). Was mir dabei aber nie aufgefallen ist, ist das komplette Ende dieser Eingangssequenz. Beide reden nun miteinander, aber drei parallel laufende Streifen an der Abteildecke verweisen schon auf die Zukunft dieser Begegnung. Egal wie frisch und zufällig dieser erste Kontakt ist, sie sind aneinander gekettet.


    In einer Szene tritt morgens Farley Granger aus seinem Schlafzimmer durch eine Tür, durch die er locker hindurchgehen kann. Die Tür hier als ein Zeichen der Möglichkeit sich noch bewegen, in neue 'Räume' auch als Lebensperspektive, gelangen zu können. Im anschließenden Wohnzimmer liest er nun einen Brief des Mörders. Dabei nimmt die Kamera eine sehr tiefstehende Position ein, so dass der Umriss von Granger weit über die Tür hinausgeht. Flucht- oder Veränderungsmöglichkeiten sind kaum noch gegeben, er ist gefangen, was durch die Schattengebung und Beleuchtung noch unterstrichen wird.


    Das Boot, mit dem der Mörder sein Opfer im Vergnügungspark folgt, heißt 'Pluto', womit sicherlich nicht der Disney-Hund gemeint ist.


    'Der Fremde im Zug' ist stilistisch natürlich nicht vom Himmel gefallen. Orson Welles und sein 'Citizen Kane' hat große Spuren hinterlassen, was z.B. den Einsatz von Tiefenschärfe, fehlende Ausleuchtung der handelnden Personen in bestimmten Szenen oder geschlossene Zimmerdecken angeht. Ebenso der Film Noir mit seiner Low-Key-Ausleuchtung oder der kommentierenden Schattenbildung, die ja wiederum auf den deutschen expressionistischen Stummfilm zurückgeht. Und trotzdem ist es immer auch wieder typischer Hitchcock, selbst in den anderweitig beeinflussten Sequenzen.


    Über manche hier von mir eingestellten Filme kann man wahrlich streiten, ob sie zu seinen besten gehören. Dieser hier gehört mit Sicherheit dazu.


    :wink:Wolfram


  • Die Vögel (1963)


    Zuerst habe ich ihn wohl mit 11 oder 12 Jahren gesehen. Es müßte einer meiner ersten Hitchcocks gewesen sein, dem noch viele folgten. Er hatte mich bestimmt gefesselt, denn es vergessen habe ich ihn nie. Diesen Film kann man nicht vergessen - das ist einfach nicht möglich.


    Aber ich habe später - bei mehreren Neusichtungen - irgendwie auch Schwierigkeiten gehabt, weil er so seltsam auseinanderfiel: er entsprach nicht meinem Ideal eines Films, der etwas Geschlossenes haben sollte, etwas Vereinigendes, Verbindendes. Das wird ein bißchen erklären, warum ich ihn seit der ersten Hitchcock-Box mit den DVDs nicht mehr gesehen hatte (die müßte ich seit 2001 besessen haben).


    Als ich vor zwei Tagen wieder über die Spoto-Biographie stolperte und darin einige Seiten überflog, las ich auch die Passagen zu Die Vögel, und plötzlich war wieder das Interesse geweckt. Eben habe ich ihn wieder angeschaut.


    Ich muß gestehen, daß ich selbst vor zwanzig Jahren bestimmte Themen nicht so sehr an mich heranließ, zumal dieser Film eher wegen seiner Technik und seiner Szenendramaturgie geschätzt und verehrt wird. Doch ich muß zugeben, daß es da noch viel mehr gibt, und es ist eigentlich von Anfang an da. Melanie Daniels aus San Francisco fährt 60 Meilen nach Bodega Bay, um Mitch Brenner zu besuchen; die gesamte Story dreht sich permanent ihm sie, um Mitch und um die Mutter Lydia, wie sehr sich die Charaktere bemühen, ihr Verlangen in etwas Aufrichtiges zu verwandeln. Und es hakt an einfachen Dingen, an Ängsten, Neid oder Verstellungen, die dem etwas entgegenstehen.


    Doch zum ersten Mal wurde ich gewahr, wie teuflisch Hitchcock sich dem Auftreten der Vögel bedient, um diese Vorgänge zu dirigieren, zu kommentieren oder zu verdichten. Tatsächlich könnte man die Angriffe als eine Irritation begreifen, die letztlich über ganz Bodega Bay hereinbricht - aber andererseits funktioniert es auch in Bezug der Liebesgeschichte zwischen Mitch und Melanie. Schon die erste Szene mit Melanie beginnt mit einem Jungen, der ihr hinterherpfeift, und sie bleibt erfreut stehen; schon da fällt ihr Blick auf eine Vögelschar, die über der Straße schwebt. Und jedesmal, wenn sie weitergeht mit Mitch, kommt ein Vogel in den Blickfeld. Tatsächlich steigert sich der Horror mit den gefiederten Tieren, wie sich auch die Verbindung zwischen den Beiden festigt, bis am Ende die ganze Familie zu guter Letzt vereint durch die Heerscharen von Vögeln fährt.


    Was ansonsten übrig bleibt, ist das, was ich schon vorher spürte: die raffinierte Dramaturgie, den Schrecken vorzubereiten, gezielt einzufädeln und gekonnt zu orchestrieren. Besonders fällt mir die Szene im Restaurant auf, wenn über die Angriffe der Vögel gesprochen wird - sozusagen als Vorbereitung auf das Drama, was dann folgt. Und dann dieses offene Ende, daß aber eigentlich zu dem Thema nichts Entscheidendes mehr zufügen kann, weil die Story vollendet ist. Hitchcock hat genau gewußt, daß er den Film an der Stelle beenden konnte, und auch sonst besitzt Die Vögel im Grunde gar keine schwachen Szenen, weil jeder Punkt der Story genau kalkuliert und gesetzt ist.


    Ohne Frage: es war ein pures Vergnügen, den Film wieder zu sehen. Und er hat mich nach dieser langen Zeit auf eine Weise erreicht, wie ich es gar nicht erwartet hatte. Ich habe ihn unterschätzt, und das sollte man bei Hitchcock nie zulassen. Jedenfalls nicht bei den großen Meisterwerken.


    Grandios... :verbeugung1: :verbeugung1: :verbeugung1: :verbeugung1: :verbeugung1:

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  • Vielleicht ist es aber v.a. die Vielschichtigkeit, die mir hier abgeht. Natürlich kann man 'The Birds' in unterschiedlichster Art und Weise interpretieren, aber ich habe immer das Gefühl, dass diese Deutungen auch ein wenig gewollt daherkommen,

    Und wieder einmal ging mir das besondere Verhältnis mancher Söhne zu ihren Müttern in den Hitchcock-Filmen auf. 'Die Vögel', 'Berüchtigt', 'Der Fremde im Zug', 'Die Vögel', 'Psycho' natürlich, um nur einige zu nennen. Stets sind die Mütter ganz dominante Personen, werden bei ihm in allen Schattierungen durchgespielt. Mal können sich die Söhne vordergründig von ihnen lösen, mal bleiben sie ganz eindeutig unter ihrem Einfluss, mal wird das Verhältnis eher witzig durchgespielt, mal ist es bitterer Ernst. Stets aber sind die Mütter quasi 'heilige Monster'.


    The Birds lief gestern abend nach langer Zeit, weil ich mich auch an die Vielschichtigkeit nicht erinnern konnte.


    Gewisse psychologische Erscheinungen werden heute auch für mich in diesem Film offensichtlich. Auffällig ist, dass zum Schluss Melanie eine Mutter gefunden hat und Lydia eine Schwiegertochter, die von denselben Ängsten geprägt wurde, wie sie selber, nämlich der Angst verlassen zu werden.


    Während der Geburstagsparty werden wir infomiert, dass Melanie als Kind von ihrer Mutter verlassen wurde, sie sie seitdem nie wieder gesehen hat und gar nicht weiss, wo sie sie lebt (und ob sie noch lebt). Viel wichtiger als diese Tatsache ist natürlich, dass durch die Heftigkeit ihres Gefühlsausbruchs, welcher diesen kurzen Moment begleitet, vermittelt wird, dass sie damit nicht abgeschlossen hat, sondern weiterhin darunter leidet. Einen Moment bröckelt hier ihre selbstbewusste Fassade.


    Lydias Angst verlassen zu werden, wird einmal von Annie (etwas verschleiert noch) kommuniziert, aber auch von ihr selber, in der Bettszene, als Melanie ihr Tee bringt. Sie erklärt sich als hilflos und abhängig von ihrem verstorbenen Mann, als ängtlich und besorgt um ihre Familie und momentan um ihre Tochter, und ist verzweifelt über ihre eigene Schwächen. Dadurch wird klar, dass sie glaubt, es nicht verkraften zu können, falls sie nun von ihrem Sohn auch noch verlassen werden würde.


    Interessant ist in dieser Szene, wie empathisch und völlig harmonisch-natürlich Melanie auf diesen Vertrauensbeweis reagiert. Es gibt mMn keinen Hinweis auf versteckte Kritik oder Ungeduld von Melanies Seite und sie benimmt sich ruhig, verständnisvoll und sanft und versteht sofort, was Lydia im Moment am meisten braucht. Lydia und Melanie kennen sich ja zu dem Zeitpunkt erst sehr oberflächlich und nur sehr kurze Zeit, dennoch katalysiert der existentiellen Druck, den die Vögel bereiten, eine Vertraulichkeit und ein gegenseitiges Erkennen von Gemeinsamkeiten und Empathie oder zumindest Sympathie. Lydia bemerkt, wie sie sich auf Melanie verlassen kann und damit ihre Verlassenheitsängste zumindest teils beruhigen. Melanie erkennt, dass hier jemand ihr sehr ähnlich ist und kann deshalb instinktiv viel besser mit dieser Person harmonieren.


    Die beiden Frauen verbindet also eine Art Harmonie, die sich aus einer existentiell menschlichen Urangst erklären lässt. Melanie passt demnach perfekt in diese Familie hinein.


    Und schon beim ersten Treffen der beiden ist nicht zu übersehen, wie ähnlich Hitchcock die beiden darstellt. Frisur, Gesichtsform, Kleidung: Melanie ist eine jüngere Version der Mutter. Es ist ein bekanntes Klischee, dass ein Mann seine Mutter heiratet und eine Frau ihren Vater. Hier ist es für mich ganz eindeutig vorhanden - im Bezug auf das psychologische make-up der beiden Frauen.


    Selbstverständlich erklärt diese Übereinstimmung, diese Art von Harmonie, auch (aber nicht nur) die Attraktion, die Mitch empfindet, trotz Melanies Ruf und seiner negativen Erfahrung mit ihr - es gibt da ja irgendeine Vorgeschichte. Sie kommt aus einer ganz anderen gesellschaftlichen Schicht und aus einem Umfeld, und von welchem er eventuell glaubt, dass es von seiner Mutter nicht akzeptiert werden könnte. Lydia spricht ihn ja auch darauf an. Er selber hat die Werte seiner Mutter assimiliert und ist nun innerlich verwirrt, denn er fühlt einerseits eine tiefe Attraktion genau wegen des ähnlichen psychologischen Make-ups von Melanie und seiner Mutter, andererseits lehnt er Melanie wegen der von seiner Mutter assimilierten Werte ab. Deshalb sein anfangs etwas "conflicted" Benehmen Melanie gegenüber - so spricht sowohl am Ende der Birdshop Szene, wie auch am Ende des ersten Abendessens seine Mutter aus ihm. Denn er zettelt an beiden Stellen einen Streit an, der von aussen gesehen überflüssig erscheint und mit dem er Melanie grob von ihm zurückstösst, nachdem er sie erst ganz unmissverständlich angelockt hatte. Er spielt also anfänglich Katz und Maus mit ihr, obwohl er es relativ schnell aufgibt, interessanterweise genau parallel zu dem Zeitpunkt, als Melanie von Annie erfährt, dass er ein Problem mit seiner Mutter hat. Sobald also Melanie in der Lage ist, ihm mehr Verständnis entgegenzubringen, weil Annie sie „aufgeklärt“ hat, lässt er den inneren Kampf mit sich selber fallen und hört auf, seine aufblühende Beziehung mit Melanie selbst zu sabotieren.


    Ohne die Vögel hätte Mitch es aber wahrscheinlich nicht geschafft, und das ist mMn genau das Interessante an diesem Film.


    Die Vögel nehmen hier mMn eine sehr wichtige Spiegelposition ein. Einerseits sind sie eindeutig ein Terror für den gesamten Ort und eventuell den gesamten Landstrich, andererseits sind sie der Katalysator für die psychologische Transformation von Mitch, Lydia und Melanie. Dadurch, dass Mitch sich ihnen stellen muss - es geht um nichts weniger als das Überleben, seins und das der 3 seiner geliebtesten Menschen auf der Welt - und ihm niemand dabei helfen kann, wird er zum erwachsenen Mann. Dies wird mMn hervorragend von Hitchcock dargestellt während der letzten Angriffsszene in der Nacht im Haus. Mitch muss Entscheidungen treffen, als Beschützer agieren, Initiative ergreifen. Die Situation verlangt es von ihm und nur er als Mann kann unter Druck einen klaren Kopf behalten und die passenden Massnahmen treffen, um seine Familie gegen die existentiellen Bedrohungen zu schützen, während die Frauen wie hilflose hin- und hergeworfen werden, unfähig allein der Situation Herr zu werden. Sie brauchen Mitch. Nur er kann ihr Überleben ermöglichen.


    Lydia ist innerlich zerrissen von der Angst verlassen zu werden und dem Wunsch ihren Sohn glücklich zu sehen. Die existentielle Bedrohung durch die Vögel hilft ihr zu erkennen, dass sie sich einerseits auf ihre neue Schwiegertochter verlassen kann und andererseits, im positiven Sinn, von allen anderen der Familie, inklusive Melanie, gebraucht wird. Lydia schafft es ihre Hilflosigkeit und Abhängigkeit, ihr ängstliches Klammern, zu verwandeln in ein neues Verständnis ihrer lebensabendlichen Mutterrolle und der Wichtigkeit dieser für ihre jüngeren Familienangehörigen, für die nächste Generation.


    Warum Hitchcock die Vögel selber als so ausserordentlich bedrohlich darstellen musste, wird klar, wenn man einerseits erkennt, dass die Transformation der Figuren nur unter solch absolut existentiellen Verhältnissen geschehen kann - UND andererseits als wie existentiell bedrohlich Hitchcock die psychologischen Probleme der Figuren ansieht. Er geht nämlich mMn nach dem Ähnlichkeitsprinzip vor: Nur existentieller Terror kann existentielle Ängste transformieren. Das Heilmittel bzw der Katalysator sind Vögel, schon seit dem Altertum bekannt als Symbole für Metamorphose, Verwandlung oder Transzendenz.

  • Nachtrag zu vorherigem Beitrag - The Birds:


    Gerade fällt mir eine weitere wichtige Paralelle für die Ähnlichkeit von Lydia und Melanie ein.

    Als wir Lydia zum ersten mal sehen, hat sie einen Ausruck inne, den ich erst sehr abstossen und irgendwie als fast „von Bösem Besessen“ ansah. Mir wurde dann erst später klar, dass Hitchcock hier schon auf den tiefen Sitz ihrer Ängste hinweist, denn dieser Ausdruck sollte eventuell ein katatonischer Ausdruck sein, wie der einer Person, die schwer psychologisch erkankt ist. Am Ende des Films wird nun Melanie ähnlich dargestellt. Nach dem Angriff der Vögel auf sie verfällt sie nicht wie Cathy in einen akut panisch erregten Zustand, sondern ebenfalls in einen erstarrt katatonischen. Wichtig daran: Mir erscheint es so, als ob es genau diese Art von Reaktion auf ihr Trauma sein könnte, welche Lydia letztendlich ermöglicht ungebrochene Empathie zu fühlen und sich ihrer neuen Schwiegertochter ohne weitere Rückhalte zuzuwenden.

  • Nach den letzten Beiträgen muss ich die 'Vögel' mir wohl mal dringend wieder anschauen. So lange ist das noch gar nicht her, aber Hitchcock sieht man ja doch immer wieder anders.


    Trotzdem bin ich mir nicht sicher, liebe Rosamunde, ob deine wahrlich interessante Sicht das Verhältnis der drei tragenden Personen zueinander nicht doch ein wenig überlastet. Für mich steht im Zentrum die Frage, wie Mitch und Melanie zueinander kommen können. Sie, als Salonlöwin, erlebt in diesen zwei Tagen ihre 'Feuerprobe', wie Hitchcock es genannt hat, erfährt sehr viel über sich und andere und möglicherweise kann sie nun auch eine Beziehung zu Mitch aufbauen. Was als Spiel und Scherz beginnt, bekommt durch das Auftauchen der Vögel eine wirkliche Ernsthaftigkeit.


    Jedenfalls für den Moment. Das Ende ist doch völlig offen. Ob Lydia und Melanie auf Dauer zu einander finden, ob Mitch sich lösen kann, ob er und Melanie eine Beziehung frei von Mutter und Schickeria aufbauen können - wir werden es nicht erfahren. Es gibt zwischen allen Personen Annäherungen, die durch den äußeren Druck hervorgerufen werden. Ob die anhalten, ich habe da meine Zweifel. (Was hat man sich während Corona alles vorgenommen und kaum sieht es ein wenig besser aus....)


    Die Spiegelung Melanie-Lydia ist sicherlich interessant und würde bedeuten, dass Mitch, wenn es denn klappt, seine Mutterbindung eintauscht für eine Beziehung mit einer Frau, die Ähnliches für ihn verkörpern kann. Aber ist er wirklich so ein Muttersöhnchen? Er ist doch von Beginn an ganz aktiv und ja eigentlich der wirkliche 'Herr im Haus'. Lydia stellt das auch nicht in Frage, weil er damit eher die Rolle ihres Ehemannes einnimmt, weshalb sie natürlich auch keine 'Geliebte' in dieser 'Scheinehe' haben möchte. Jedenfalls könnte man das so auch sehen, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich selber hier zu viel hineininterpretiere.


    Hitchcock ging es für mein Empfinden eher darum zu zeigen, wie Menschen in einer Katastrophensituation reagieren, wie sie ihr eigenes Verhalten und ihre Beziehung zu anderen Menschen verändern können. Was in ihnen aufbricht, wenn der Druck von außen zu groß wird. Ob das alles Bestand haben wird, interessierte ihn, glaube ich, schon weniger.


    :wink:Wolfram

  • Hitchcock ging es für mein Empfinden eher darum zu zeigen, wie Menschen in einer Katastrophensituation reagieren, wie sie ihr eigenes Verhalten und ihre Beziehung zu anderen Menschen verändern können. Was in ihnen aufbricht, wenn der Druck von außen zu groß wird. Ob das alles Bestand haben wird, interessierte ihn, glaube ich, schon weniger.

    Im Grunde funktionieren beide Erklärungsversuche gleichermaßen, weil es in dieser Story-Konstellation gut harmoniert. Insofern fand ich ja die Neusichtung so erhellend.


    Und es stimmt: was nach dieser Bedrohung aus der Beziehung Mitch-Melanie wird, interessiert Hitchcock nicht mehr. Er hätte es auch nicht mehr steigern können: mehr als alle Vögel der Welt in einer Einstellung zu bringen läßt sich nunmal nicht mehr steigern... ;)

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  • Zum Ende der "Birds"....


    Im letzten Bild (und beim Auto Vorbereiten, Einsteigen usw) sehen die Vögel nur zu. Sie greifen nicht an, obwohl sie genau bemerken, dass die Familie flieht. Dies ist im Gegensatz zur Szene in/vor der Schule, in der die wartenden Vögel dann doch angegriffen haben, sobald die Kinder draussen waren und versuchten zu entkommen. Ich finde diesen Gegensatz sehr wichtig und sehr bezeichnend.


    Dann sieht man das Auto in die Ferne Richtung Sonnenaufgang fahren, in eine Zone des Bildfelds, in der sich - selbstverständlich absichtlich - keine Vögel befinden. Dies könnte nicht ausdrucksstärker sein. Selbst was vorher im Radio verkündet wurde, ist mMn stimmig mit meinem Eindruck, dass sich aus diesen Bestandteilen ein Happy End erkennen lässt, zumindest zunächst in Sachen Vogel Horror.


    Sonst wären die Vögel eventuell nachgeflogen, oder man hätte in der Ferne einen Schwarm am Himmel gesehen, oder ähnliches.

    Es ist aber sehr subtil und - natürlich, wenn man zu viel nachdenkt und sein eigenes hineindenkt - bleibt alles offen. Wenn man nur ganz genau die Szenenreihenfolge und -handlung beachtet und die Bilder wirken lässt, ist es mMn mit dem Horror vorbei.


    Was ist mit der "Familie" ? Sehr wichtig hier auch wieder die Anordnung der Figuren im Auto. Lydia umarmt nicht ihre eigene Tochter, die auch traumatisiert ist und überlässt etwa die "Schwiegertochter" ihrem eigenen Trauma. Nein, sie umarmt ausdrücklich ihre "Schwiegertochter" und überlässt Cathy ihrem eigenen Trauma. Alles erscheint ganz natürlich, als ob die Figuren schon lange so miteinander vertraut seien.


    Ausserdem werden die Lovebirds mitgenommen, das ist extrem wichtig, denn ohne die Lovebirds hätten sich Mitch und Melanie nie gefunden. Damit wird der Anfang mit dem Ende verbunden und der Film und die Handlung positiv beendet. Es sind ja nunmal LOVE BIRDS und nicht Krähen. Es gibt hier deshalb auch in Sachen "Familienschiksal" oder "Beziehung Mitch-Melanie" kein offenes Ende für mich.


    Im Einzelnen zeigt Hitchcock durch das Mitnehmen der Lovebirds, dass auch Cathy die neue Familiensituation akzeptiert, mehr noch, dass sie sie möchte. Es gibt sogar einen kurzen Dialog zwischen Cathy und Mitch, ob sie die Lovebirds mitnehmen darf. Minderjährige Kinder können aber oft eine neuen Beziehung eines Elternteils "sabotieren", deshalb ist dieser Hinweis sehr bezeichnend. Mitch stimmt trotz der Verzögerung sofort zu, das zweifelhafte Federvieh mitzunehmen, was für mich bedeutet, dass er das schicksalshafte Zusammentreffen mit Melanie nicht bedauert oder vergessen möchte und etwa alles, was ihn daran erinnern könnte, beseitigen. Nein, er und Cathy möchten die Erinnerung behalten. Die Lovebirds gehören dazu. Und eigentlich sind sie ein weiterer, eventuell abschliessender Beweis, ganz zu Ende des Films, dass "die Vögel" eine Wendung zum Guten verursacht haben. Es bleibt keine negative Konnotation mit ihnen hängen, obwohl die Lovebirds ja auch Vögel sind.


    Natürlich kann niemand garantieren, dass eine Beziehung für immer funktioniert. Auch Hitchcock nicht. Aber diese Erkenntnis ist auch ein Teil des Erwachsenwerdens. Deshalb lässt man es ja nicht von Anfang an sein, sondern man arbeitet daran und tut seins zum Gelingen dazu.


    Aber mMn hat Hitchcock auch hier schon ein positives Zeichen gesetzt. Mitch hat an einer Stelle bewiesen, dass er das nun kann, das "Arbeiten an einer Beziehung", etwas, was er bei Annie eventuell noch nicht konnte - die Vögel haben es in ihm erweckt. Er hat zB nach dem letzten Streit seinen Fehler erkannt und extra bei Annie angerufen, um sich bei Melanie zu entschuldigen, weil er seine Prioritäten erkannt hat. Männern fällt es in meiner Erfahrung oft schwer, sich zu entschuldigen, obwohl Frauen meist sehr schnell positiv auf Entschuldigungen reagieren. Ein Klischee....aber Hitchcock hat es mMn gut erkannt und dargestellt und damit der Beziehung eine Chance eingeräumt. Nichts ist schlimmer für eine Beziehung als ein passiver, unentschlossener, abwartender Mann. Die Frau fühlt sich ungewollt und rennt dann irgendwann einfach weg. Hätte Melanie nach dem Streit ja auch getan. Mitch wandelt sich innerhalb des Films sehr in die richtige Richtung, meine ich. Er zeigt immer mehr Entschlossenheit. Die Beziehung hat deshalb eine Chance. Melanie hat sich "angeboten", aber Mitch musste sich zum Handeln durchringen. Er hat es geschafft bzw die Vögel haben ihn dazu fast gezwungen, und deshalb ist Melanie immer noch "da".

  • Im Moment kommen mir noch ganz andere Erklärungen in den Sinn. Es wurde damals ja vielfach darüber spekuliert, ob die geballte Bedrohung durch die Vögel nicht ein Bild für die Atombombe darstellen sollte. Überträgt man das auf die aktuelle Situation, fällt mir für bestimmte Sachverhalte im Film noch wieder anderes ein.


    Das Schlussbild wirkt wie ein Fluchtkorridor. Und wie leider in der Realität auch kann hier niemand sagen, ob er funktioniert, weiß man einfach nicht, was die Gegenseite (hier die Vögel) wirklich im Schilde führt. Ruhen sie sich nur aus? Geben sie überhaupt auf? Ist ihr 'Appetit' gesättigt? Spielen sie mit ihren Opfern? Warten sie auf einen neuen Impuls um loszuschlagen?


    Wenn die Vögel grundsätzlich eine Gefahr für die Menschheit sind, ist die Mitnahme der 'Love Birds' dann nicht ein Zeichen dafür, dass Mitch nicht den Kopf verliert und alle Vertreter dieser Tiergattung in Bausch und Bogen verdammt? Ist die Ornithologin nicht vielleicht eigentlich eine typische Vertreter der Appeasementpolitik, die ständig den Ausgleich und das Verständnis sucht, obwohl das ein gefährlicher Irrweg ist, wie nun erkannt wird, während Mitch die Gefahr durch die Vögel/Russen erkennt, aber weiß, dass nicht alle Vögel/Russen so 'denken', dass es nicht eine Kollektivschuld gibt?


    Übrigens gibt es beim Blick in den Wagen, kurz vor dem Losfahren, nur einen kurzen Moment, in dem Lydia voller Zuneigung Melanie anblickt, die allerdings vorher sozusagen ihr Interesse durch die Umklammerung ihres Arms geweckt hat. Lydia wendet sich dann ab, weil Mitch einsteigt, es gibt den Schnitt zur Totalen, wobei der Übergang nicht richtig gut gelungen ist und danach wendet sie sich Melanie nicht mehr zu. Das alles kann auf ein Happy End zwischen beiden Frauen hindeuten, von Melanies Seite aus ist das sicherlich auch gewünscht, aber so richtig klar ist es nicht. Dass beide Frauen zusammen sitzen, liegt aber auch daran, dass Melanie von zwei Personen gestützt werden muss, wozu Cathy sicherlich nicht in der Lage wäre und auch weil sie in dem Moment noch im Haus ist. Sie holt dann die Vögel und es bleibt für sie nur noch der Beifahrersitz.


    Ich würde also dabei bleiben, dass das Ende offen ist. Was ich aber mal strikt zurücknehmen würde, ist mein Urteil, dass das kein vielschichtiger Film ist. :herrje1: Keine Ahnung, was mich da geritten hat, aber falsch ist das jedenfalls. :)


    :wink:Wolfram

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