Plácido Domingo - der Tenor, der auszieht, das Baritonfach zu erobern.

  • [...]


    Jetzt ist also Domingo dran. Nun gut - ein weiterer Gigant, der torpediert wird. Bin gespannt, wer als nächstes kommt. Denn eins ist ganz klar: wer einmal in diese MeToo-Mühlen gerät, der ist im Arsch.


    Dabei würde ich nicht mal behaupten, daß nichts dran ist - ich wundere mich nur, warum es jetzt passiert. Und ich rede nicht von den dreißig Jahren Schweigen bisher, sondern von den letzten 22 Monaten...


    Anscheinend wird da eine Liste abgearbeitet... :|

    "Interpretation ist mein Gemüse."

    Hudebux

    "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."

    Jean Paul

    "Manchmal sind drei Punkte auch nur einfach drei Punkte..."

    jd

  • Wer wirklich ungerechtfertigt in diese Mühlen gerät, wird sich zu wehren wissen. Man muss einfach wissen, wie man sich anderen Menschen gegenüber verhält, gerade dann, wenn man in eine Machtposition kommt.


    Die Leute können schon unterscheiden zwischen schwerwiegenden Vorwürfen und Nichtigkeiten (zum Beispiel in den letzten zwei Jahren in der österreichischen Politik, als einem umstrittenen Oppositionspolitiker blöde Sprüche vorgeworfen worden und eine umstrittene Oppositions-"Politikerin" blöde Nachrichten per Facebook bekommen hat). Aber hier gehts eben um Schwerwiegenderes.


    Wieso die Geschichte genau jetzt aufkommt, kann ich Dir auch nicht sagen.


    Domingo ist eine Person öffentlichen Lebens, und es geht hier nicht um sein Privatleben, sondern um sein Verhalten im Beruf bzw. in der Kulturpolitik.


    [...]

  • Wer wirklich ungerechtfertigt in diese Mühlen gerät, wird sich zu wehren wissen. Man muss einfach wissen, wie man sich anderen Menschen gegenüber verhält, gerade dann, wenn man in eine Machtposition kommt.

    The shortest straw has been pulled for you...
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  • [...]


    Übrigens denke ich, dass jeder solange als unschuldig zu gelten hat, solange nicht ein Gericht seine Schuld feststellt. Dieser Anspruch muss auch für Domingo gelten. Von daher sollten wir uns mit schnellen Urteilen zurückhalten. Persönlich kann ich die Richtigkeit der Vorwürfe nicht beurteilen, von daher werde ich mich aus solch einer Diskussion heraushalten.


    Was ich aber fürchterlich finde, ist, dass es bereits berufliche Konsequenzen für ihn gibt, obwohl ja wohl noch nichts bewiesen wurde. Und da frage ich mich schon, in welch einem moralisierendem Klima wir heute leben, in dem vorauseilender Gehorsam, Angst vor öffentlicher Meinung und vor Einbußen an der Kasse gestandene Institutionen dazu veranlassen einen anerkannten und für unser Zusammenleben wohl fundamentalen Grundsatz wie den der Unschuldsvermutung sofort fallen zu lassen.


    Mich interessiert hierbei gar nicht einmal so sehr der aktuelle Fall, weil ich den, wie so viele andere gleichgelagerte, nicht beurteilen kann. Ich frage mich nur, in welche Richtung wir mit unseren Gesellschaften driften, wenn 'Gerüchte' (ich benutze jetzt einfach mal diesen Begriff wohl wissend, dass er nicht auf alle Fälle zutrifft) schon ausreichen, einen Menschen in ein gesellschaftliches und berufliches Abseits zu stellen. Wir wissen alle, dass sich die Person, die davon unschuldig betroffen ist, nie mehr vollständig davon reinwaschen wird können. Gerade deshalb sollten Kulturinstitutionen (und wir auch) sehr vorsichtig mit dem Thema und mit entsprechenden Vorverurteilen umgehen.


    Das soll nicht heißen, dass ich das Problem oder bestimmte Fälle klein reden möchte. Auch ist mir natürlich die Gefahr entsprechender Machtstrukturen bewusst. Aber wie gesagt, wir haben hier eine zugegeben lange Liste von Anschuldigungen. Mehr allerdings nicht! Noch hat kein Gericht diese bewiesen.


    :wink: Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

  • [...]


    Und : Was in den Medien steht, muss noch lange nicht richtig sein !! Sprich: Es ist noch genau NULL bewiesen !! daher sollte auch die Regelung gelten, die man vor Gericht bei uns auch anwendet : So lange die Schuld des Angeklagten nicht bewiesen ist, gilt er als unschuldig.


    Mir ist völlig bewusst, dass es auch in der Klassik-Branche nur über Beziehungen und teilweise die Besetzungs-Couch geht. Das ist nicht neu, das war schon vor 100 Jahren so, also ist Aufregung darüber nicht nötig. Und so etwas passiert in anderen Branchen auch, sei es in der Industrie, im Hotelfach oder im Filmgeschäft.


    Halte ich so etwas für gut und richtig? ein ganz klares NEIN !! Doch so lange es Menschen gibt, die sich ihre Macht auf ihre Art "erworben" haben, wird es auch Menschen geben, die sich dafür prostituieren, oder umgekehrt, die aus ihrer Machtstellung heraus diese schamlos ausnutzen. Siehe Politiker, die Urlaube gezahlt bekommen, Freiflüge haben, oder den privaten Garten (Ex-OB Frankfurts und ExHessischer Ministerpräsident Wallmann etwa) gemacht bekommen, oder beim Bauamt Güter für ihre Privat-Baustellen gesendet bekommen (natürlich gratis oder auf Kosten der Stadtkasse).


    Bei Domingo scheint wohl das ein oder andere "Vergehen" bekannt gewesen sein, aber auch das ist eine Art von "offener Spekulation". Wir sind mal wieder bei den Barenboims, Levines oder auch Trumps angekommen. Personen in sehr hohen Postionen, die offenbar keinerlei Anstand und Repekt mehr haben vor ihren Mitarbeitern oder anderen Menschen grundsätzlich.


    Ich hatte mal einen Chef, der auch nicht besser war. Und das war ein mittelständiges Unternehmen, kein riesengroßer Laden. Man begegnet so etwas also auch in unseren Sphären....


    Ob Herr Domingo nach so einer langen Zeit überhaupt belangt werden kann, halte ich für ausgeschlossen. Doch dann sollen die angeblichen "Opfer" den Mund halten, denn es scheint ja an entsprechenden Beweisen zu mangeln. Man könnte das auch als einen bösen Fall von Rufschädigung bezeichnen. Warum diese betroffenen Personen nicht gleich damit herausgerückt haben, wird wohl ihr Geheimnis bleiben. Im Grunde ist es mit den Missbrauchs-Opfern von Priestern nicht viel anders. Nur waren das Kinder, und DIE konnten sich nicht wehren. Verjährt sind diese Taten trotzdem. Man sollte darüber in Zukunft sich Gedanken machen, aber das ist ein anderes Thema.

    Viele Grüße sendet Maurice

    Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)

  • Wer wirklich ungerechtfertigt in diese Mühlen gerät, wird sich zu wehren wissen. Man muss einfach wissen, wie man sich anderen Menschen gegenüber verhält, gerade dann, wenn man in eine Machtposition kommt.

    Auch wer ungerechtfertigt in diese Mühlen gerät, kann trotzdem ganz schnell darin zermahlen werde. Ich sage nicht, dass das für Domingo zutreffend ist und äußere mich zu diesem Fall auch nicht weiter. Aber "schnell" ist in unserer heutigen Zeit das Stichwort. Wie schnell ist ein Tweet abgesetzt (z.B. wenn man amerikanischer Präsident ist?), der von zigtausenden Followern gelesen und weitergetragen wird - und auf einmal ist eine Sache mitten in der Welt, die sich so schnell nicht mehr ausräumen lässt. Und wir wissen ja alle: das Internet vergisst nichts.
    Was das Weitere angeht, halte ich mich an Wolfram:

    Was ich aber fürchterlich finde, ist, dass es bereits berufliche Konsequenzen für ihn gibt, obwohl ja wohl noch nichts bewiesen wurde. Und da frage ich mich schon, in welch einem moralisierendem Klima wir heute leben, in dem vorauseilender Gehorsam, Angst vor öffentlicher Meinung und vor Einbußen an der Kasse gestandene Institutionen dazu veranlassen einen anerkannten und für unser Zusammenleben wohl fundamentalen Grundsatz wie den der Unschuldsvermutung sofort fallen zu lassen.

    Eigentlich gibt es genug Themen in Musik und Kultur, die vielleicht weniger publikumswirksam, dafür aber umso lohnenswerter sind, "beackert" zu werden (das mache ich leider auch zu selten - zugegebenermaßen). Capriccio braucht diese Themen nicht ignorieren, aber Vermutungen, von denen man woanders gelesen hat und diese weiter zu spinnen - das hilft uns auch nicht weiter.

  • Aber "schnell" ist in unserer heutigen Zeit das Stichwort. Wie schnell ist ein Tweet abgesetzt (z.B. wenn man amerikanischer Präsident ist?), der von zigtausenden Followern gelesen und weitergetragen wird - und auf einmal ist eine Sache mitten in der Welt, die sich so schnell nicht mehr ausräumen lässt. Und wir wissen ja alle: das Internet vergisst nichts.

    Wie wahr! Ein guter Grund, sich in solchen Fällen mehr zurückzuhalten.

    Eigentlich gibt es genug Themen in Musik und Kultur, die vielleicht weniger publikumswirksam, dafür aber umso lohnenswerter sind, "beackert" zu werden [...].

    Auch hier: Stimme gern zu.


    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Es gab halt mehrere Prominente, die ungerechtfertigt ziemlich tief in die Mühlen gerieten (Kachelmann, Türck); das sollte man hier schon immer im Auge behalten.

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Bei allem Verständnis und Respekt, lieber Maurice, aber: Die Tagesthemen berichten, alle großen Zeitungen berichten und unser kleines Forum hat Angst, dass Thema anzusprechen, weil es "Schaden für das Forum" anrichten könnte? Ein "rechtlich sehr schwieriges Feld", bei dem "von der Moderation reagiert werden" musste, aber im Fernsehen läuft´s in den Nachrichten - das kann doch nicht dein Ernst sein!

    Sorry, aber nur, weil es hier im TV läuft, ist das noch kein Argument, dass man dieses Thema zu sehr in die Öffentlichkeit stellt. Und es geht auch vor allem mehr um AUssagen zu Herrn Levine und weniger um Herrn Domingo.



    Interessant fand ich in dem erwähnten Nachrichtenbeitrag die Information, dass die europäischen Veranstalter (Wien, Salzburg, Paris, Hamburg...) sich erst einmal zurückhalten und so wie alle, die sich hier im Forum zu Wort gemeldet haben, erst einmal auf der Unschuldsvermutung beharren und sich gegen Schnellschüsse aussprechen, wohingegen in den USA Domingo direkt "abgeschossen" worden ist, Auftritte abgesagt, Untersuchungskommission an seiner eigenen Oper in Los Angeles. In dem angesprochenen Punkt gibt es offenbar noch einmal einen großen Unterschied zwischen Europa und den USA

    Der Grund liegt auf der Hand und liegt am anderen Rechts-System der USA. Dort muss der Angeklagte seine Unschuld beweisen, hier die Anklage die Schuld des Angeklagten nachweisen. Man agiert in den USA also genau anders herum als bei uns in Deutschland. Die USA gelten auch als "Saubermänner" und "Demokraten auf Biegen und Brechen Komm Raus", leider nur bei den Themen, die ihnen belieben. Wäre man bei der Auswahl seiner Staatsmänner auch so "sauber", würden wir jetzt keinen Herrn Trump ertragen müssen....

    Viele Grüße sendet Maurice

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  • Sorry, aber nur, weil es hier im TV läuft, ist das noch kein Argument, dass man dieses Thema zu sehr in die Öffentlichkeit stellt.

    Mehr als durch einen Bericht in den Abendnachrichten der ARD kann man ein Thema hierzulande wahrscheinlich gar nicht in die Öffentlichkeit stellen - zumindest in der Generation 50+.

    Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

  • Wer wirklich ungerechtfertigt in diese Mühlen gerät, wird sich zu wehren wissen.

    In Ländern wie den USA und gerade nach me-too bedeutet so ein Vorwurf den beruflichen und gesellschaftlichen Tod. Selbst wenn sich vieles später als unwahr herausstellen sollte, dann bleibt doch das meiste hängen, zumal eine Unschuld ja in den seltensten Fällen beweisbar sein wird (zumal, wenn die Vorfälle mehrere Jahrzehnte zurückliegen).


    Ich finde diese gesellschaftliche Entwicklung skandalös. (Den üblichen Disclaimer bzgl. sexueller Übergriffe brauche ich hier wohl nicht extra zu bringen.)


    maticus

    Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga
    Und wer Herr Reichelt ist, weiß ich auch erst seit Montag. --- Prof. Dr. Christian Drosten

  • Es gab halt mehrere Prominente, die ungerechtfertigt ziemlich tief in die Mühlen gerieten (Kachelmann, Türck); das sollte man hier schon immer im Auge behalten.

    Kachelmann ist ein gutes Beispiel, dass die Vorverurteilung auch hier (in Deutschland, weit weg von den USA) vehement medial und mit Schaum vor dem Mund betrieben wurde. Und das war alles noch lange vor me-too. Es war eine Hetzkampagne, in der sich einige bekannte Figuren weit aus dem Fenster gelehnt haben. Und die sind nicht gefallen. Aber Kachelmanns Karriere war damit erst einmal beendet, und ich glaube, auch wenn er z. B. auf SPON wieder zu sehen ist, hat er sich noch lange nicht davon erholt. Und wie viele mögen immer noch über sein sexuelles Verhalten moralisch urteilen, auch wenn er im Nachhinein (erst im zweiten Anlauf) völlig frei gesprochen wurde?


    maticus

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  • Ich finde diese gesellschaftliche Entwicklung skandalös. (Den üblichen Disclaimer bzgl. sexueller Übergriffe brauche ich hier wohl nicht extra zu bringen.)

    Nein, brauchst du nicht, dafür ist es bei so viel Täter-Opfer-Umkehr dann irgendwann auch zu spät. Ich finde viel eher skandalös, was Messdienern angetan worden ist oder den Teilnehmern von Jugendfreizeiten, wie man in Heimen und Internatsschulen mit Jugendlichen, aber auch Erwachsenen umgegangen ist. Ich finde es skandalös, dass es immer noch Menschen gibt, die glauben, in einer bestimmten Stellung könnten sie sich alles erlauben und dass es immer noch Männer gibt, die finden, frau soll sich nicht so anstellen bei einem Griff an den Hintern oder in den Ausschnitt - kann man doch auch als Kompliment verstehen. Und die Reaktion, wenn eine Frau sich dann mal traut und Nein sagt und an die Öffentlichkeit geht: Die armen Männer, das ist doch der gesellschaftliche Tod, die können sich doch nirgends mehr sehen lassen. Sexuelle Übergriffe? Bestimmt arbeitet da eine(r) eine Liste ab, um Männer fertig zu machen!

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  • Nein, brauchst du nicht, dafür ist es bei so viel Täter-Opfer-Umkehr dann irgendwann auch zu spät.

    Jetzt pass aber auf, dass Du nicht über das Ziel hinaus schießt. Ich verteidige hier niemanden. Was ich skandalös finde, ist, dass ein Tweet "Person X hat mich vor 40 Jahren unsittlich angefasst" eine mediale Vorverurteilung extremen Maßes auslösen kann, und sogar sofort zu beruflichen Konsequenzen führt. Sollte Person X eine Straftat begangen haben, sind dafür die Gerichte zuständig. Die nach 40 Jahren allerdings auch einen schweren Stand haben. (Abgesehen davon, dass sie heute auch verjährt sein dürften.)


    Und nochmal: bei Kachelmann z. B. wurde (erst) im zweiten Prozess juristisch bestätigt, dass er unschuldig ist und Opfer einer Lügenkampagne war.


    Sexuelle Gewalt, Ausnutzen beruflicher Machtpositionen gegenüber Abhängigen etc. lehne ich vermutlich genauso strikt ab wie Du. Aber die ganze Bewertung muss auf juristischem Boden passieren. Und da muss man schlicht sagen, dass es etwas ungünstig ist, mit solchen Behauptungen erst Jahrzehnte später zu kommen. Das mag psychologisch in vielen Fällen verständlich sein. (In *manchen* Fällen *mag* es damals aber auch opportunistisch der Karriereleiter gedient haben.) Und egal, ob der Vorwurf dann berechtigt ist oder nicht (oder sogar erlogen), Person X wird sein Unschuld nicht mehr beweisen können. Das ist gut, wenn sie damals tatsächlich Schuld begangen hat, aber es ist ungut, wenn sie völlig unschuldig ist. Die Öffentlichkeit verurteilt ihn heute so oder so.


    maticus

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  • Kachelmanns Verhalten als moralisch falsch zu bezeichnen, ist m.E. gar kein Problem. Nur gibt es in sehr vielen Dingen eben einen Unterschied zwischen moralisch fragwürdigem oder verfehltem Verhalten und juristisch bzw. insbesondere strafrechtlich zu verfolgendem Verhalten. Für Wetterfritzen sollte eine fragwürdige Sexualmoral kein Kündigungsgrund sein. Ehebruch war mal strafrechtlich relevant, dann nur noch zivilrechtlich, inzwischen in D wohl überhaupt nicht mehr, selbst bei Scheidungsprozessen. Moralisch kann man dieses Verhalten nach wie vor falsch finden.


    Das Problem hier ist m.E., dass reine Empörung (also nicht einmal eine nüchterne moralisch-ethische Beurteilung) an die Stelle einer juristischen Beurteilung getreten ist, die oft zu einer öffentlichen Vorverurteilung führt bzw. schon geführt hat. Es ist doch völlig klar, dass es in sehr vielen solcher Fällen gerade auf Nuancen ankommt, die meistens (mangels Zeugen und teils nach Jahrzehnten) kaum mehr geklärt werden konnten. Das war ja schon bei einem recht zeitnah untersuchten Fall wie Kachelmanns mit der zerrissenen Wäsche (oder was weiß ich) so.

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    (B. Pascal)

  • Jetzt pass aber auf, dass Du nicht über das Ziel hinaus schießt.

    Ja, mir ist völlig klar, dass das hier ein schmaler Grat ist und ich habe beim Schreiben vorhin die Formulierung ein paar Mal geändert und mich am Ende dann doch für diese harte Variante entschieden. Denn in der Sache sind wir ja komplett beieinander: Solche Übergriffe hat es zu allen Zeiten gegeben, vor ein paar Jahrzehnte genauso wie heute, sie sind Ausdruck von unguten Machtstrukturen, sie sind falsch und die Täter sollten dafür zur Verantwortung gezogen werden. Es gibt natürlich auch ein breites Spektrum sexueller Übergriffe, von der eigentlichen Vergewaltigung oder dem Missbrauch Minderjähriger bis hin zu unangemessenen, übergriffigen Berührungen oder Bemerkungen.
    Was sich in den letzten Jahrzehnten, vor allem in den letzten Jahren geändert hat, ist das öffentliche Bewusstsein für solche Übergriffe, sie werden zunehmend weniger bagatellisiert. Die Me-too-Bewegung hat darauf hingewiesen, wie alltäglich, wie fest verwurzelt in unserer Gesellschaft solche Übergriffe sind (so gut wie jede Frau kann eine Geschichte dazu erzählen), damit ist es auch leichter gefallen, solche Übergriffe zu thematisieren.
    Dabei ist eine allgemeine Hysterie entstanden, die dem Thema nicht gut tut. Mit dem bloßen Vorwurf kann man Männer komplett fertig machen, und selbst wenn die Unschuld bewiesen wird, irgendwas bleibt immer hängen. Es ist das sicherste Mittel, jemanden der in der Öffentlichkeit steht, fertig zu machen. Das kann man jetzt an der Reaktion der us-amerikanischen Opernhäuser auf die Vorwürfe gegen Domingo ja sehr genau sehen, der bloße Vorwurf reicht, dass er zur unerwünschten Person erklärt wird. Das ist die andere Seite. Aber was ist die Konsequenz daraus?
    Trotzdem, dass es leichter geworden ist, darüber zu sprechen, hört man in jedem Bericht über solche Übergriffe, gerade wenn es um echte Vergewaltigungen geht, von der Scham der betroffenen Frauen und von der Angst, dass man ihnen nicht glaubt. Frauen zeigen die Täter nicht an, aus Sorge, dass man ihnen ihre Geschichte nicht glaubt und die Schuld bei ihnen sucht - die wollte sich doch nur rächen heißt es dann schnell.

    Ich verteidige hier niemanden.

    Und das sind genau die Argumente, die ihr im Thread aufgebracht worden sind: Warum hat sie nicht gleich etwas gesagt? Da hat jemand ein sicheres Mittel gefunden, jemanden der in der Öffentlichkeit steht, fertig zu machen. Da wird eine Liste abgearbeitet. Das war früher halt so, die Besetzungscouch gehört zum Showbuisness halt dazu: Alles "Argumente", die hier zu lesen waren. Genau die Argumente, die die Schuld nicht beim Beschuldigten suchen oder bei den Machtstrukturen, in die alle eingebunden sind, sondern bei denen, die die Vorwürfe erheben. Und damit verteidigst du dann nämlich eben doch jemanden. Domingo wird beschuldigt, seine Position ausgenutzt und Frauen unangemessen bedrängt zu haben. Keine Ahnung, ob es stimmt, kann sein, kann auch nicht sein. Aber du weist als erstes darauf hin, wie skandalös es ist, das man heutzutage in unserem aufgeheizten gesellschaftlichen Klima so einfach mit solchen Vorwürfen jemanden fertig machen kann. Das richtet den Blick auf die Klägerinnen und verteidigt den Angeklagten.


    In der Sache sind wir uns völlig einig, aber vielleicht nicht bei den Konsequenzen. Ich finde es gut und richtig, dass mehr über diese Themen gesprochen wird. Hysterie ist dabei schädlich, aber Offenheit muss sein. Ich finde auch, wir sollten vom Einzelfall weg gehen und nach Strukturen suchen, die solche Übergriffe ermöglichen oder hervorbringen. Und wir wollten daran arbeiten, diese Strukturen zu ändern. Als erstes die Strukturen in den Mittelpunkt zu stellen, die solche Klagen als Kampagne gegen öffentliche Figuren wirksam machen und damit alle Klägerinnen unter generellen Verdacht zu stellen, halte ich nicht nur für die falsche, sondern für eine gefährliche Priorität.

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  • Genau die Argumente, die die Schuld nicht beim Beschuldigten suchen oder bei den Machtstrukturen, in die alle eingebunden sind, sondern bei denen, die die Vorwürfe erheben. Und damit verteidigst du dann nämlich eben doch jemanden. Domingo wird beschuldigt, seine Position ausgenutzt und Frauen unangemessen bedrängt zu haben. Keine Ahnung, ob es stimmt, kann sein, kann auch nicht sein. Aber du weist als erstes darauf hin, wie skandalös es ist, das man heutzutage in unserem aufgeheizten gesellschaftlichen Klima so einfach mit solchen Vorwürfen jemanden fertig machen kann. Das richtet den Blick auf die Klägerinnen und verteidigt den Angeklagten.

    Wir dürfen nicht vergessen, dass dieser Thread immer noch konkret Placido Domingo im Titel stehen hat. Er selbst bestreitet die Vorwürfe, wie ich gestern oder vorgestern im Radio hörte. Ich habe keine Ahnung, ob er schuldig ist oder nicht. Aber gilt nicht erst einmal die Unschuldsvermutung? Ich denke, das ist eine große gesellschaftliche Errungenschaft. Soll die jetzt komplett aufgegeben werden? Und solange ich erst einmal von der Unschuld ausgehe (was die Masse der Gesellschaft in solchen Fällen ja meist *nicht* tut), kann ich hier in *diesem* Thread schlecht jetzt all die (anderen) sexuellen Übergiffe und Machtmissbräuche anprangern. An anderer Stelle können wir das gerne tun. Denn wie Du schreibst: wir sind vermutlich weit weniger auseinander als es hier den Anschein hat. Jedenfalls möchte ich mir keine "Täter-Opfer-Umkehr" unterstellen lassen. Denn ob Domingo ein Täter ist, wissen wir noch gar nicht (und werden es möglicherweise nie erfahren).


    Ich finde ja auch, dass me-too einen positiven Aspekt hat in der Hinsicht, dass diese nach wie vor bestehende gesellschaftliche Problematik nun breit diskutiert wird. Was ich anprangere ist die daraus entstandene Hysterie der Vorverurteilung, die in den USA ja (glücklicherweise) noch weitaus stärker ist als hier in Deutschland. Ich finde, z . B. die Philosophin (und Feministin) Svenja Flaßpöhler hat hier einige sehr richtige und kritische Dinge zu geäußert.


    maticus

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  • Zitat von Knulp

    Perfide an dieser Kampagne gegen Domingo ist, dass nicht konkret gesagt wird, was er wann und wie getan haben soll.

    Ich finde, das ist in dem oben verlinkten Artikel aus der Los Angeles Times, der das ganze ins Rollen gebracht hat, sehr ausführlich geschildert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das alles erfunden ist.


    Hudebux

  • Und das sind genau die Argumente, die ihr im Thread aufgebracht worden sind: Warum hat sie nicht gleich etwas gesagt? Da hat jemand ein sicheres Mittel gefunden, jemanden der in der Öffentlichkeit steht, fertig zu machen. Da wird eine Liste abgearbeitet. Das war früher halt so, die Besetzungscouch gehört zum Showbuisness halt dazu: Alles "Argumente", die hier zu lesen waren.

    Wo wurde DAS als ARGUMENT(E) aufgeführt? Ich habe nur geschrieben, was hinreichend bekannt ist, das hat mit einem Argument nichts zu tun, dass irgendwelche "Übergriffe" auf andere Personen als richtig anzusehen sind. Da wurden keinerlei "Listen" abgearbeitet, sondern es wurde auch klar und mehrfach darauf hingewiesen, dass zuerst einmal die Unschuldsvermutung gelten sollte, so wäre zumindest HIER die Rechtslage.


    Auf Grund des in den USA geltenden Rechts wird Herr Domingo dort keinen Auftritt mehr geben, davon kann man ausgehen. Damit dürfte er das gleiche Los wie James Levine gezogen haben. Ob das aber für eine Verurteilung ausreichen wird? Ich weiß es nicht.


    Und in Berlin schaffen sie es ja auch nicht, dem Barenboim die Grenzen aufzuzeigen,im Gegenteil. Es ist eine Schande, wie die Welt sich charakterlich immer mehr verändert.

    Viele Grüße sendet Maurice

    Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)

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