Charles Lloyd - Zwischen Fillmore East, Big Sur und München

Vom 28. Januar 2022, 13.30 Uhr bis 03. Februar 2022, 13:30 Uhr findet die 12. ordentliche Mitgliederversammlung des Capriccio-Trägervereins statt. Mitglieder werden gebeten, sich für die Teilnahme ab Freitag hier zu registrieren. Die Freischaltungen erfolgen im Laufe des Freitags, wir bitten dann um etwas Geduld.
  • Charles Lloyd - Zwischen Fillmore East, Big Sur und München

    Dem 1938 in Memphis geborenen Saxophonisten Charles Lloyd ist bis heute eine äußerst erfolgreiche, aber auch von großen Brüchen durchzogene Laufbahn beschieden gewesen. Wie so viele Jazzmusiker sammelte auch er frühe Erfahrungen in Rhythm & Blues-Bands. 1961 wurde er Mitglied in der Band des Schlagzeugers Chico Hamilton, in der er niemanden Geringeren als Eric Dolphy ersetzte. Mit Discovery und Of course, of course nahm er Mitte der sechziger Jahre seine ersten eigenen Platten auf. 1966 dann der enorme Durchbruch: Er gründete seine eigene Band (mit Keith Jarrett, Cecil McBee und JackDeJohnette), nahm beim Monterey Festival seine Platte Forest Flower auf, die ein Millionenseller wurde. Noch bevor z.B. Miles Davis mit seinem Gebräu aus Jazz und Rock große Massen erreichte, spielte Charles Lloyd z.B. im Fillmore East, wo sonst u.a. die Doors oder Jimi Hendrix auftraten und präsentierte erfolgreich seinen Mix aus Jazz, Folk, Rock und Blues - zum großen Teil vor dem gleichen Publikum, das auch zu Hendrix kam.(Was muss das für eine spannende Zeit mit einem so offenen, neugierigen, nicht auf eine Richtung gebürsteten Publikum gewesen sein...) 1967 wurde Lloyd im DownBeat zum Jazz Artist of the Year gewählt.



    "http://www.youtube.com/watch?v=bJQPvADWpsE"


    Nicht zuletzt er selbst bemerkte aber, dass ihn diese Form der Musik in eine Art Sackgasse führte, in der sich recht bald nicht mehr wohl fühlte. 1969 ging er in eine Art innere Emigration. Er zog sich in den kalifornischen Küstenstreifen Big Sur zurück. Die einen sprechen von einem Leben in einer Höhle, die anderen von dem auf einer Farm... Statt musikalisch auf sich aufmerksam zu machen, gab er sich u.a. der Meditation und philosophischen Studien hin. Ca. 1981 traf er auf einen jungen, sehr gehandicapten französischen Pianisten, den es nach Kalifornien gezogen hatte: Michel Petrucciani bewegte Charles Lloyd dazu, sich wieder aktiv in der Musikszene zurückzumelden. Roger Willemsen, ein enger Freund Petruccianis, berichtet gar, dass Charles Lloyd bereits vor dem schicksalhaften Treffen eine Vorahnung gehabt haben soll, nach der ein zerbrechlicher Mensch (oder so ähnlich...) über das Meer kommen würde, um ihm wieder den Weg in die Musik zu weisen. Nun ja...


    "http://www.youtube.com/watch?v=FE6MpQXqU4g"


    Fest steht: Das Comeback gelang. Lloyd und Petrucciani tourten erfolgreich durch die USA und Europa und nahmen gemeinsame Platten auf (leider zurzeit nichts lieferbares). Aufgrund einer schweren Erkrankung musste Charles Lloyd sich aber 1986 abermals zurückziehen.


    Und jetzt kommt München ins Spiel. Nach der Genesung unterschrieb Charles Lloyd einen Vertrag beim Label ECM. Er formierte dort bereits ansässige Musiker um sich (z.B. Palle Danielsson, Anders Jormin, Jon Christensen) und nahm ab 1989 CD um CD auf und tourte jährlich durch Europa, Asien und Amerika. Bei ECM hat er bis heute 14 CDs heraus gebracht. Die Besetzung seiner Band wandelte sich langsam von ausschließlich aus Norwegen stammenden Musikern hin zu Amerikanern, z.B. zunächst Billy Hart und später Geri Allen, Brad Mehldau, Jason Moran, Billy Higgins und Eric Harland. Stilistisch hat er in dieser ECM-Phase keine allzu große Wandlung vollzogen. Diese Musik ist geprägt vom Vertrauen auf den weichen, aber dennoch griffigen Ton seines Tenorsaxophons und die erzählerische Kraft. Viele Stücke sind enorm süffig, melodieselig aber sehr selten kitschig (Man höre beispielsweise Te amare von Lift every Voice). Der Mensch Charles Lloyd in seiner majestätischen, ruhigen und schlaksigen Erscheinung sowie seinem Wunsch nach innerer Einkehr und Meditation, scheint in der Musik der letzten zwei Jahrzehnte seine musikalische Entsprechung gefunden zu haben.


       


    "http://www.youtube.com/watch?v=S85RFSoXOdk"


    Ich habe das Glück, dass Charles Lloyd eine langjährige Freundschaft mit einer Familie aus meiner Heimatstadt verbindet. Was dazu führt, dass er hier einmal im Jahr garantiert auftritt. Im November ist's wieder soweit, dass ich den Mann "mit den schönsten Männerhänden der Welt" :D (nochmal Zitat Willemsen) wieder live sehen kann.


    LG
    C.

    „Beim Minigolf lernte ich, wie man mit Anstand verliert.“ (Element of Crime)

  • Schöne Einführung, lieber Carsten. Was die große spirituelle Seite seiner Musik angeht, dürfte neben viel Beschäftigung mit Meditation auch eine Rolle spielen, dass Charles Lloyd teilweise native-amerikanischer Herkunft ist, was gelegentlich auch in seinen Melodien und Rhythmen durchscheint, wenn auch nie so deutlich wie etwa bei Jim Pepper oder den Rozie-Brüdern.


    Für seine Musik ist wohl über alle Entwicklungsphasen hinweg charakteristisch, dass er stets, noch in seinen freisten Aufnahmen, lange, getragene, bei Standards oder Folk-Melodien oft erheblich abgewandelte, meist reduzierte Melodiebögen verwendet, zumeist, noch auf den vergleichsweise eher ruhigen ECM-Aufnahmen, kontrastierend zu einem relativ viel spielenden, dicht klingenden Schlagzeug und groovigem Bass, selbst dort, wo der Bass auch Melodie übernimmt. Überhaupt hat er immer nur mit exzellenten Drummern und Bassisten gearbeitet. Das entscheidende Bezugsdreieck sind in seiner Musik immer Sax-Bass-Drums, in das sich die Pianisten dann irgendwie einfügen müssen, was auch nur gelingt, wenn er sehr gute dafür hat. Die lange Entwicklung von Melodiebögen passt nun optimal zu seinem charakteristischem, unverwechselbaren Sax-Ton, weich, aber doch dirty und angeraut. Die Abwandlung der Melodiebögen ist dann oft Dolphy-beeinflußt, z.B. mit großen, Intervallsprüngen, ungewöhnlichen Intervallen leicht neben dem Erwartbaren.


    Die Vorliebe für lange Melodieentwicklungen verband ihn sicherlich auch wahlverwandschaftlich mit Michel Petrucciani oder, auf wieder ganz andere Weise im Gesamtergebnis, mit solchen Skandinaviern wie Palle Danielsson und Anders Jormin. Insofern finde ich es hochinteressant, dass jüngst mit Geri Allen und Jason Moran eine ganz andere Spielauffassung dazugekommen ist. Unter den ECM-Aufnahmen finde ich die mit ihnen aufgrund des Kontrasts am interessantesten. Dadurch ist verhindert worden, dass die Folge der ECM-CDs zu gleich klangen, letztlich zur Masche wurden. Dennoch habe ich wieder mein übliches ECM-Problem: Irgendwie klingen alle Aufnahmen tendenziell zu sehr ins Elegische gedämpft und in der Klangsprache auch daher zu sehr vereinheitlicht. Live klingt das oft ganz anders, viel heftiger, viel intensiver und ernergiereicher, auch mal freie Ausbrüche enthaltend, den Kontrast zwischen treibenden, dichten Schlagzeugteppichen und seinen Saxlinien viel inensiver ausnutzend. Insofern wünsche ich mir ja schon seit Jahren, er würde die Firma wechseln.


    Eine (immerhin fast) komplette Discographie: "http://www.charleslloyd.com/cldiscography.htm"


    Weniger bekannt, aber ganz groß finde ich vor allem Lloyds Aufnahmen mit Chico Hamilton, bei denen er schon bald die meisten Kompositionen und viele Arrangements beigesteuert hat: Progressiver West Coast Jazz durchsetzt mit New Thing-Avantgarde.


    :wink: Matthias

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