Beethoven und das Tempo: Warum so flott?

  • Ich hadere immer damit, dass der Klemperer Beethoven Zyklus in die Zeit 1957 - 1961 gelegt wird.

    Danke für den Hinweis. Das ist vielleicht von mir nicht ganz korrekt bezeichnet worden. Ich kenne mich mit den Klemperer-Aufnahmen nicht so richtig aus, habe aber tatsächlich teilweise auch mehrere Versionen. Das, was ich als GA bezeichnet habe ("1957-61") sind Aufnahmen, die in einer dicken Box mit insgesamt 20 LPs enthalten sind als Sonderveröffentlichung der EMI für Zweitausendeins. Das sind alles Stereo-Aufnahmen und nach meinen Recherchen sind die in dem Zeitraum 57-61 entstanden: 1=1957, 2=1958, 3=1961, 4=1960, 5=1959, 6=1958, 7=1960, 8=1958, 9=1958. Bei der Box sind nur ℗-Jahre angegeben. Ich habe versucht die Jahreszahlen mit Discogs herauszubekommen.
    An Einzelaufnahmen, die auch in meine Auswertungen eingeflossen sind (aber nicht bei der Betrachtung der "GAs"), habe ich außerdem die Mono-Eroica (1955) und von der 5. zwei zusätzliche Aufnahmen (Wiener Symphoniker, 1951-mono und Phil. Orch. 1955-mono).
    Bei der 3. und 5. decken sich Deine Spielzeiten mit meinen. Die 7. in mono und die Live-Aufnahmen besitze ich nicht.
    :wink:

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    Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)

  • in einer dicken Box mit insgesamt 20 LPs enthalten sind als Sonderveröffentlichung der EMI für Zweitausendeins.

    Ja, die dicke blaue Box! Die habe ich auch noch, wenn auch fast alles inzwischen durch CDs ergänzt.
    Nur kurz: Der Zyklus in London vom Oktober/November 1957, 6 Sinfonien im Studio und parallel dazu, - wahrscheinlich komplett von der BBC mitgeschnitten -, alle 9ne Live sowie 5 Klavierkonzerte mit Arrau und das Violinkonzert mit Tossy Spivakovsky.
    Erschienen sind 2 + 7, 4 + 5 und 9 auf drei CDs und KK 3,4 und 5. Der Rest ist bisher nicht erschienen. In der äußerst pingelig recherchierten Diskographie von Werner Unger findet sich dazu auch kein Hinweis.
    Dieses als Nachtrag.
    Gruß aus Kiel

    Schäffer beißt in einen Veggieburger:

    "Ohne Fleisch? Schmeckt aber fast wie Fleisch, da kann man es auch gleich aus Fleisch machen" (Mord mit Aussicht Staffel 2, Folge 5)

  • Ich habe eine kleine Tabelle gemacht 55 Mono und 59/60 Stereo gegenübergestellt, sowie die Liveaufnahmen der 5. und 7. von 1957,- eine Eroica gibt es davon bis heute nicht.
    Ich finde der Unterschied ist augenfällig

    Die auffälligen Unterschiede zwischen den Aufnahmen in Mono und den "Remakes" in Stereo gibt es bei einer ganzen Reihe von Interpreten, und nicht nur bei Beethoven. Man vergleiche z.B. die Stereo-Aufnahmen der Mozart-Sinfonien unter Bruno Walter mit den späteren in Stereo - man meint, es seien ganz andere Dirigenten am Werk. Die Unterschiede mögen auf individuelle, vielleicht gesundheitliche Gründe zurück zu führen sein, was bei Klemperer immer naheliegt. Anderes Beispiel wäre Ferenc Fricsay: die frühen Mono-Aufnahmen der Ersten und Achten Beethoven folgen völlig anderen Tempo-Vorstellungen als die späten Stereo-Fassungen der Fünften und Siebten. Die Stereo-Fassung von Dvoraks Neunter unter Fricsay kommt verglichen mit der in Mono im wahrsten Sinne des Wortes aus einer "Neuen Welt". Hier mag neben dem anderen Orchester die fortschreitende Krankheit Fricsays ein Rolle gespielt haben.


    Aber auch bei Solisten gibt es auffällige Verlangsamungen der späteren Stereo-Aufnahmen im Vergleich zu den früheren in Mono: Man vergleiche die Beethoven-Sonaten von Wilhelm Kempff und Claudio Arrau; nicht ganz so krass, aber trotzdem spürbar bei Rudolf Serkin. Bei ihnen gibt es keine offenkundigen Anhaltspunkte dafür, dass sie Anfang oder Mitte der Sechziger konstitutionell zur Langsamkeit neigten, während sie ca. 10 Jahre vorher noch in Saft und Kraft gestanden hätten.


    Es git natürlich Gegenbeispiele zu meinem Verdacht der "stereophonen Langsamkeit": ein bekanntes ist die Stereo-Neuaufnahme der Eroica mit Scherchen, die (noch) rasanter ist als die ca. 5 Jahre ältere in Mono; teilweise gilt das auch für das "Remake" der Pastorale. Auch Karajans Neu-Aufnahmen sind in Stereo teilweise schneller als ältere in Mono. Selbst bei Klemperer gäbe es ein Gegenbeispiel: die Aufnahme von Mozart "kleiner" g-moll Sinfonie KV 183 von 1956 ist in Stereo - aber brutal rasant, viel mehr als die früher entstandenen Mono-Aufnahmen anderer Mozart-Sinfonien aus London.


    Doch gerade diese rasante "kleine" g-moll unter Klemperer gibt mir ein Indiz zur Bestätigung meines Verdachts, dass die Verlangsamung von Interpretationen in nicht geringem Maße auf den Übergang der Aufnahmetechnik von Mono auf Stereo zurückzuführen ist. Hört man in die Aufnahme rein, kommt man nicht drum herum, dass hier die Stereophonie nicht wirkt: es wirkt alles gepresst, man hört sie mit mehr Gewinn, wenn man auf Mono umschaltet. ich kann mir gut vorstellen, dass da ein Produzent gesagt hat: so können wir das nicht machen. Das muss mehr Luft haben, sonst kaufen uns die Leute die teuren Stereoplatten nicht ab.


    Die vorgetäuschte "Räumlichkeit" der Stereophonie hätte danach eine ähnliche Wirkung wie ein größerer Raum mit mehr Hall im Konzert: der wird die Interpretation auch verlangsamen, wenn der Interpret auf den Raum achtet. Erst die fortschreitenden Aufnahmetechnik, bei der die Stereophonie nicht zwingend zur Ausweitung des "Raumes" führen musste, ließ dann auch wieder schnellere Tempi zu, ohne dass man sich Nachteile beim Höreindruck einhandelte.

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