BIBER, Heinrich Ignaz Franz (1644-1704) : Harmonia artificiosa-ariosa (1696)

Vom 28. Januar 2022, 13.30 Uhr bis 03. Februar 2022, 13:30 Uhr findet die 12. ordentliche Mitgliederversammlung des Capriccio-Trägervereins statt. Mitglieder werden gebeten, sich für die Teilnahme ab Freitag hier zu registrieren. Die Freischaltungen erfolgen im Laufe des Freitags, wir bitten dann um etwas Geduld.
  • BIBER, Heinrich Ignaz Franz (1644-1704) : Harmonia artificiosa-ariosa (1696)

    Die Harmonia artificiosa-ariosa ist eine Sammlung von Triopartiten, erschienen zuerst in 1696. Eine Zeit lang galt die Sammlung als eine posthumus Edition, da nur eine Neuausgabe aus 1712 bekannt war. Sie war aber die einzige Sammlung von Biber, die zweimal aufgelegt wurde. Grund dafür mag neben der Beliebtheit aus geboten haben, dass auch diese Sammlung (wie früher die Sonatae Violino Solo in 1681) in Kupfer gestochen worden war (diesmal aber in drei Stimmheften, nicht in Partitur, wie bei den Solosonaten üblich).
    Die Sammlung besteht aus sieben Partiten (in Bibers Wortgebrauch: Partia), die alle eine andere Skordatur aufweisen, und auch die Instrumentierung ist gelegentlich anders:


    Partia I, d-moll, 2 Violinen +Bc (Accord: a-e'-a'-d")
    Partia II, h-moll, 2 Violini piccoli +Bc (Accord: h-fis'-h'-d")
    Partia III, A-dur, 2 Violinen +Bc (Accord: a-e'-a'-e")
    Partia IV, Es-dur, Violine, Viola di braccio +Bc (Accord: V: b-es'-b'-es"; Va: es-b-es'-b')
    Partia V, g-moll, 2 Violinen +Bc (Accord: g-d'-a'-d")
    Partia VI, D-dur, 2 Violinen +Bc (Accord: g-d'-a'-e")
    Partia VII, c-moll, 2 Viole d'amore +Bc (Accord: c-g-c'-e'-g'-c")


    Die Partiten zeigen eine vielzahl an Satzen, von der Suitenform der ersten (Sonata-Allamande-Guigue-Aria-Sarabande) zur dreigliedrigen Praeludium-Variatio-Finale-Aufbau der sechsten. Es findet sich darunter auch eine Ciacona mit einem unisono Kanon in den zwei Oberstimmen (wie bei Pachelbel; letzter atz von Partia III), eine ausgedehnte Passacaglia (letzter Satz von Partia V) und natürlich die verschiedensten Tänze darunter auch weniger bekannte, wie Trezza, Amener oder veraltete wie ein Canario.


    Einspielungen:

    Rare Fruits Council mit Manfredo Kraemer - lebendig, klasse. Nachteil: die Wiederholugen werden ausgelassen, damit die sammlung auf ein CD passt.




    Tafelmusik mit Jeanne Lamon - etwas verkrampft und grau. Die Wiederholungen werden auch hier nicht berücksichtigt.



    Purcell Quartett mit Catherine Mackintosh (auch Elizabeth Wallfisch pielt in der Partia VII auf Viola d'amore mit) - gefällt mir sehr gut: etwas zurückhaltend, dennoch wohlgeformt, elegant und melodisch. Keine der Wiederholungen wird ausgelassen.



    Musica Antiqua Köln mit Reinhard Goebel - furios und kraftvoll gespielt, dennoch mit viel Gefühl. Eine fantastische Einspielung! Keine Aulassungen, die kürzeren Tanze wedren sogar zweimal wiederholt.



    Mit Ensemble Rebel - kenn ich nicht...


    LG
    Tamás
    :wink:

    "Vor dem Essen, nach dem Essen,


    Biber hören nicht vergessen!"



    Fugato

  • Danke, lieber Tamás, für die Einleitung zu diesem großartigen Werk echt-barocker Kammemusik!


    Ich habe nur die Goebel-Einspielung, die allerdings in ihrer eigensinnigen Art und Weise so dramatisch zupackend und bewegend ist, dass ich gar keine andere haben will... :D


    Reinhard Goebel hat auch das bei Edition Walhall ['http://www.edition-walhall.de/'] herausgegebene Faksimile ediert; in seinem sehr lesenswerten Vorwort stellt er die These auf, Biber hätte diese Sammlung zwar offiziell seinem Dienstherren gewidmet, aber privat für seine Tochter Maria Magdalena geschrieben, die im Jahr der Veröffentlichung - 1696 - in Nonneberg den Schleier nahm und dem dortigen Kloster zu einer einzigartigen Musikblüte verhalf. Sie spielte außer Geige, Trompete und Pauke eben auch Viola d'amore ganz fürtrefflich - weshalb die Besetzung der Partita nr. VII sehr gut auf ein musikalisches Vater-Tochter-Zusammenwirken deuten könnte.

    "Nichts gleicht der Trägheit, Dummheit, Dumpfheit vieler deutscher Geiger."


    Max Bruch (1838-1920)

  • Guten Abend

    Reinhard Goebel hat auch das bei Edition Walhall ['http://www.edition-walhall.de/'] herausgegebene Faksimile ediert; in seinem sehr lesenswerten Vorwort stellt er die These auf, Biber hätte diese Sammlung zwar offiziell seinem Dienstherren gewidmet, aber privat für seine Tochter Maria Magdalena geschrieben, die im Jahr der Veröffentlichung - 1696 - in Nonneberg den Schleier nahm und dem dortigen Kloster zu einer einzigartigen Musikblüte verhalf. Sie spielte außer Geige, Trompete und Pauke eben auch Viola d'amore ganz fürtrefflich - weshalb die Besetzung der Partita nr. VII sehr gut auf ein musikalisches Vater-Tochter-Zusammenwirken deuten könnte.


    Auf dieser



    CD ist Bibers Partita No. VII mit einer Viola d'Amore eingespielt. Dass die Partia schon 1692 komponiert worden sein könnte und möglicherweise am Dreifaltigkeitssonntag desselben Jahres unter Bibers eigener Mitwirkung bei einer Tafelmusik aufgeführt wurde, legt ein aus dem Kloster Nonnberg erhaltener Bericht nahe, in dem zu lesen ist, dass Herr Biber „mit zwei anderen Musikern nach der Tafel auf den lieblichen Instrumenten mit 2 Geigen Viol: d'amor genant eine grosse Zeit.« musizierte.



    Gruß :wink:


    aus der Kurpfalz


    Bernhard

    " Ein Kluger bemerkt alles, ein Dummer macht über alles eine Bemerkung !"


    (Heinrich Heine)

  • privat für seine Tochter Maria Magdalena geschrieben, die im Jahr der Veröffentlichung - 1696 - in Nonneberg den Schleier nahm und dem dortigen Kloster zu einer einzigartigen Musikblüte verhalf. Sie spielte außer Geige, Trompete und Pauke eben auch Viola d'amore ganz fürtrefflich - weshalb die Besetzung der Partita nr. VII sehr gut auf ein musikalisches Vater-Tochter-Zusammenwirken deuten könnte.

    Ja, Anna Magdalena soll eine ausgezeichnete Musikerin gewesen sein... [sie hieß überigens Anna Magdalena, mit Klosternamen Maria Rosa Henrica - ihre Schwester aber Maria Cäcilia - das wird dann öfters verwechselt und Anna Magdalena zu Maria Magdalena umbenannt: ich hab schon einen Artikel gelesen, wo sie einmal so einmal so genannt wird...]
    nach einer Quelle hat sich eine so starke Stimme gewesen, dass der Zuhörer meinte: sie habe "so gar nichts Weibliches in Stimme, Art und Gestik" (nil foemininum in voce, modo ac gestu) gehabt.
    (zitiert nach:Kubitschek/Reitterer: Postea [...] - aus dem Tagebuch von P. Karl Meichelbeck)
    Ob das auch bedeutet sie wäre nicht besonders schön gewesen, sei dahingestellt. Aus diesem Tagebuch geht zumindest hervor, dass sie recht häufig bei der Messe gesungen hat: wie daraus ersichtlich, war das Verbot, dass Frauen in der Kirche Schweigen hätten in der Katholischen Kirche nicht so streng gesehen.
    Nachdem sie im Benediktiner Frauenkloster Nonnberg Nonne geworden ist - die Klosterkirche ist übrigens wunderschön, es lohnt sich mal sie anzusehen, wenn man in Salzburg ist - war sie für die dortige Musikpflege zuständig: unterrichtete Gesang (sein vater hat dazu ein kleines Singfundament zusammengestellt), sorgte aber auch für Instrumentalmusik. Viele Werke von Biber (die Sonatae Violino Solo gleich in drei Exemplaren!) sind in Nonnberg überliefert, wie auch einige des Sohnes, Carl Heinrich - und es sollen sich uch Kompositionen von Anna Magdalena erhalten haben.
    Für ihren Profess komponierte Biber nachweisbar die Messe "Sancti Henrici", die in der erwahnten wunderschönen, spätgotichen Klosterkirche uraufgeführt wurde, mit Teilnahme der Musiker des Hofes.


    Dass die Partia schon 1692 komponiert worden sein könnte und möglicherweise am Dreifaltigkeitssonntag desselben Jahres unter Bibers eigener Mitwirkung bei einer Tafelmusik aufgeführt wurde, legt ein aus dem Kloster Nonnberg erhaltener Bericht nahe, in dem zu lesen ist, dass Herr Biber „mit zwei anderen Musikern nach der Tafel auf den lieblichen Instrumenten mit 2 Geigen Viol: d'amor genant eine grosse Zeit.« musizierte.

    Also vier Jahre zwischen Komposition und Publikation ist ja - vor allem wenn man das teure ins Kupfer Stechen hinzurechnet - dünkt mir keine so große Zeitspanne zu sein, dass das absolut möglich wäre (wie lange braucht heute wohl die Publikation eines Musikstücks?) - da es in der Quelle auch über ein Trio die Rede ist, klingt für mich fast schon eindeutig.


    LG
    Tamás
    :wink:

    "Vor dem Essen, nach dem Essen,


    Biber hören nicht vergessen!"



    Fugato

  • Bei mir ist zu der Aufführung mit dem Rare Fruits Council (Manfredo Kraemer) nun die um knapp zwei Jahre ältere unter Reinhard Goebel hinzugekommen.
    Mein erster Eindruck ist nicht so positiv, es wirkt mechanistisch, vergleichsweise betoniert fest. Ich habe den Eindruck dass die Musik in etlichen Sätzen nicht "stimmt", weil rhythmische Grundstukturen herausgearbeitet werden und alles andere als zweitrangig nur nebenbei abgearbeitet wird.
    Schade dass René Clemencic, der auch eher ein wenig "trocken" klingen lässt, diesen Zyklus nicht eingespielt hat.
    Denn der Vergleich Krämer gegen Goebel trifft zwei völlig unterschiedliche Philosophien - die ich bei Goebel allerdings so nicht erwartet hätte. Ich habe allerdings nur die Mensa Sonora mit der Sonata representativa von ihm.
    Manfredo Kremer bietet vergleichsweise "easy listening" - mit viel Charme.


    Das einmal nach dem ersten Eindruck...

    Es ist vielfach leichter, eine Stecknadel in einem Heuhaufen zu finden, als einen Heuhaufen in einer Stecknadel.

  • Nachdem nun auch die dritte Aunahme vorhanden ist - die vergleichsweise älteste mit dem Purcell Quartet, hbe ich nacheinander jeweils die Partiten V und VI einmal angehört und komme aus dme Staune nicht mehr hraus. Andererseits bin ich nunmehr mit keiner Aufnahme mehr so richtig zufrieden.


    1.

    Wenn man zuvor Goebel/MAK gehört hat, wirkt die Aufnahme mir dem Purcell Quartet (Mackintosh/Weiss) geradezu übertrieben sanglich, aber ohne dass es dabei "harmlos" oder gar "langweilig" wird. Die Schönheit der Melodien ist wirklich erstaunlich. Die Spielkultur finde ich großartig.


    2.

    Die bei Neuerscheinung vielgelobte ASTRÉE-Aufnahme mit Manfredo Kraemer und dem Rare Fruits Council RFC ist tatsächlich erstaunlich effektvoll, energiegeladen, unterscheidet sich aber aber anscheinend im Notentext von den beiden älteren Aufnahmen, denn so riesig sind die Unterschiede. Nach der immer wieder neu funktionierenden Überraschung fühle ich aber inzwischen, das mich diese Aufnahme nicht "dauerhaft satt" macht, weil sie immer eine Spur "zu leicht" klingt. Irgendwie fehlt mir das Ernsthafte, weil es hinter das ausgeprägt Spielerisch-Tänzerische zurücktreten muss.
    Sehr ärgerlich sind die massiven Kürzungen, die die Spielzeit auf den Umfang einer CD reduzieren. Die Aufnahme mit dem Purcell Quartet bringt knapp über 90 Minuten auf die Uhr, die mit Goebel/MAK sogar gute 97 Minuten. Was sind da 78'53"?


    3.

    Zuletzt wieder zu Reinhard Goebel und der Musica Antiqua Köln. Partiell haut mich diese Aufnahme vom Hocker, dann verstehe ich wieder nicht, warum es so grob und holzig klingen muss, um die vielen kleinen Details der Musik zutage zu bringen, gerade in dne langsameren Abschnitten. "Easy listening" im besten möglichen Sinne wie bei dem Purcell Quartet ist sicher nicht beabsichtigt, aber hier klingt es übertrieben. Entschädigt fühle ich mich dafür bei den rhythmisch komplexen schnelleren Abschnitten, die unglaublich präzise gespielt werden. Letztlich ist mir diese Aufnahme zu analytisch. Denn Goebel und die MAK können ganz anders klingen, man vergleiche die Aufnahme der "Mensa sonora". Seine Einspielung der "Mysteriensonaten" fehlt mir leider noch.



    Letzlich kann ich mich über keine der Aufnahmen richtig ärgern.So richtig bevorzugen kann ich keine, da meine Gefühlsschwankungen das Hörerlebnis sehr stark beeinflussen :D .
    Aber die echte Referenzeinspielung, nach der nichts mehr kommen kann, ist meiner Meinung nach nicht dabei. Am schwierigsten wird es für die nächsten wohl sein, Reinhard Goebel und seine Mitstreiter in ihrer ungemein präzisen Darstellung zu übertreffen.


    Grüße, Kermit

    Es ist vielfach leichter, eine Stecknadel in einem Heuhaufen zu finden, als einen Heuhaufen in einer Stecknadel.


  • Letzlich kann ich mich über keine der Aufnahmen richtig ärgern.So richtig bevorzugen kann ich keine, da meine Gefühlsschwankungen das Hörerlebnis sehr stark beeinflussen .
    Aber die echte Referenzeinspielung, nach der nichts mehr kommen kann, ist meiner Meinung nach nicht dabei. Am schwierigsten wird es für die nächsten wohl sein, Reinhard Goebel und seine Mitstreiter in ihrer ungemein präzisen Darstellung zu übertreffen.

    Ich bin mit dir ganz einer Meinung: ähnllich geht's auch mir.


    Übrigens kann man die Partituren zu den Werken auf imslp herunterladen:


    "http://imslp.org/wiki/Harmonia_artificioso-ariosa_(Biber,_Heinrich_Ignaz_Franz_von)


    LG
    Tamás
    :wink:

    "Vor dem Essen, nach dem Essen,


    Biber hören nicht vergessen!"



    Fugato

Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!