Chopin: Besondere Begabung, musikalisches Genie

  • Chopins Préludes orientieren sich, was den Tonartenzyklus betrifft, an Bachs Wohltemperiertem Klavier. Das ist ihr Zusammenhalt. (1. C-Dur, 2. a-moll, 3. G-Dur, 4. e-moll ... etc.)


    Na, eben gerade nicht - Bach geht chromatisch vor, C-Dur/c-moll, Cis(Des)-Dur/cis-moll, D-Dur/d-moll, ... , Chopin läuft durch den Quintenzirkel, wie du es beschrieben hast.


    Bei den Preludes sind m.E. manche fast zu kurz, um alleine vorgetragen werden zu können, außerdem scheint mir die Abfolge durchaus bewusst (und kontrastreich) gestaltet.


    Mal ja, mal nein. Ich denke, eine Auswahl zu spielen, wäre sicher legitim. Außerdem gibt es längere Préludes, die auch für sich alleine stehen können. Aber die Préludes höre ich auch meist en bloc.


    Viele Grüße
    MB


    :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe


  • Na, eben gerade nicht - Bach geht chromatisch vor, C-Dur/c-moll, Cis(Des)-Dur/cis-moll, D-Dur/d-moll, ... , Chopin läuft durch den Quintenzirkel, wie du es beschrieben hast.


    ja, klar, da habe ich grad mal gepennt. :hide: Und auch daran gedacht, wie sehr Chopin Bach verehrt hat - dessen WK soll er, wie Werke von Mozart auch, regelmässig gespielt haben.

    Klemperer: "Wo ist die vierte Oboe?" 2. Oboist: "Er ist leider krank geworden." Klemperer: "Der Arme."

  • Überhaupt 24 Preludes durch alle Tonarten zu komponieren, ist aber eine sehr deutliche Hommage an das WTK. Stücke wie das "Regentropfen"-Prelude (das auch ein separates Nocturne sein könnte) werden oft einzeln gespielt. Andere, wie etwa die Mini-Mazurka A-Dur sind aber wohl eher zu kurz, um ganz allein zu wirken. Manche Pianisten spielen wohl auch eine Reihe von 5-10 Preludes am Stück. Auf Konserve kann natürlich jeder hören wie er mag.

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Überhaupt 24 Preludes durch alle Tonarten zu komponieren, ist aber eine sehr deutliche Hommage an das WTK.


    Unbestritten.


    Dass Bach die eher akademische chromatische Folge wählte und Chopin bewusst davon abwich, um durch Paralleltonarten und Quintverwandtschaften Zusammenhänge zwischen benachbarten Stücken zu schaffen, deutet m. E. eher darauf hin, dass op. 28 wohl doch als Zyklus gemeint ist, der am Stück zu spielen und zu hören sei. Vielleicht sogar eher als das WTK, dessen Präludien und Fugen allesamt auch isoliert "funktionieren".


    Viele Grüße
    MB


    :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Beim WTK war niemals auch nur im entferntesten daran gedacht, dass Stück komplett in einem durch öffentlich aufzuführen.


    Bei Chopins Zyklen weiß ich nicht, wie das z. Zeit des Komponisten aussah. Mein anekdotischer Eindruck ist, dass bis weit ins 20. Jhd. im Konzert häufiger nur eine Auswahl gespielt wurde, sich das in den letzten Jahrzehnten aber geändert hat. Für die weniger systematischen Etüdensammlungen gilt das in noch höherem Maße.

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Es liegt vielleicht eher an mir, ich höre lieber Sonaten. Beethovens Bagatellen und Bachs WT sind auch nicht so mein Ding. Auf der anderen Seite höre ich gerne
    Griegs lyrische Stücke. gruß TF.

  • Hast Du denn mal die beiden bekannten Sonaten (Nr. 2 und 3) von Chopin angehört? Gefallen Dir die auch nicht?

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Verrennen wir uns hier gerade?
    Wir sprechen über die Begabung von Chopin, diskutieren aber über persönliche Präferenzen. Dass jemand generell mit kurzen Charakterstücken à la Chopin nichts anfangen kann, bringt uns bei der Erwägung über Chopins Talentlage m.E. nicht weiter.
    Vielleicht wäre das eher ein eigener Thread: "Zugang zum Werk Chopins" oder so.

    Lucius Travinius Potellus
    Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety. (B.Franklin)

  • Beim WTK war niemals auch nur im entferntesten daran gedacht, dass Stück komplett in einem durch öffentlich aufzuführen.


    Bach soll dies im Unterricht, wenn er keine Lust zum Unterrichten hatte, hin und wieder gemacht haben ... als Ganzes. Bei diesen ca. 90 Minuten (Band I) wäre man gerne mal dabei gewesen.


    Gruß
    MB


    :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Höchst amüsant und für Hollywoodverhältnisse erstaunlich; man möchte gleich Rubinstein, Ashkenazy, François, Pogorelich und Co. einlegen und George Sand lesen ...



    Wie heißt noch gleich der polnische Pianist, der sich ganz Chopin verschrieben hat?


  • Wie heißt noch gleich der polnische Pianist, der sich ganz Chopin verschrieben hat?


    Adam Harasiewicz?

    Klemperer: "Wo ist die vierte Oboe?" 2. Oboist: "Er ist leider krank geworden." Klemperer: "Der Arme."

  • Ich muss zugeben, Chopin ertrage ich immer nur in kleinen Dosen und ich glaube auch nicht, dass andere Klassikliebhaber und selbst Chopin-Enthusiasten diese ganzen Impromtus, Nocturnes, Balladen, Etüden, Scherzi, Walzer, Polonaisen, Preludes etc. am Stück hören können. Dafür sind jene Kleinode wohl auch nicht gemacht! Mir sind diese Juwelen innerhalb von Recitals am Liebsten, verpackt zwischen Schubert, Liszt und anderen …

  • ch glaube auch nicht, dass andere Klassikliebhaber und selbst Chopin-Enthusiasten diese ganzen Impromtus, Nocturnes, Balladen, Etüden, Scherzi, Walzer, Polonaisen, Preludes etc. am Stück hören können. Dafür sind jene Kleinode wohl auch nicht gemacht!


    Letzteres mag stimmen - aber der erste Teil Deines Satzes trifft so nicht zu, möchte ich meinen. Ich habe absolut kein Problem Pollini sämtliche Etüden oder Rubinstein die Nocturnes hinzaubern zu hören ;+) Mache ich nicht immer, aber auch nicht selten. Wenn ich Chopin höre, höre ich am liebsten reine Chopin Programme.


    :wink: :wink:


    Christian

    Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

    Cato der Ältere

  • und ich glaube auch nicht, dass andere Klassikliebhaber und selbst Chopin-Enthusiasten diese ganzen Impromtus, Nocturnes, Balladen, Etüden, Scherzi, Walzer, Polonaisen, Preludes etc. am Stück hören können.


    Aber hallo!

    Bernd


    Fluctuat nec mergitur

  • Also die Préludes sollte man schon am Stück hören. Ebenso die Etuden (jedes Set für sich). Alle Balladen oder Scherzi würde ich nicht unbedingt im Zusammenhang hören wollen, außer ich habe gerade eine neue Einspielung derselben erworben. Bei Nocturnes, Mazurken oder Walzern ist das ähnlich. Dazu ist die Musik zu gleichförmig. Aber in der Mischung liegt der Reiz. Ein reines Chopin Recital werde ich mir jedoch auf keinen Fall anhören, dazu wäre mir die Programmauswahl zu langweilig. Chopin wird auf den Podien zu Tode gespielt, und wenn man erst alles auswendig kennt liegt der Reiz allenfalls in einer interessanten Interpretation. Zu einer guten Programmgestaltung gehört für mich die Abwechslung. Also z.B. eine Mischung aus Alkan, Moscheles, Chopin, Skrijabin (frühe Periode) und Liapounov.


    Eusebius

    "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)

  • Ich habe kein Problem, eine Chopin-CD am Stück durchzuhören; allerdings läuft man bei den kurzen Stücken wie den Mazurken vielleicht Gefahr, dass sie irgendwie "verschwimmen", daher besser bewusster hören. Die Nocturnes und Walzer sind eigentlich abwechslungsreich genug, höchsten bei den Polonaisen fände ich es vielleicht etwas eintönig (zumal die drei mit Abstand besten Stücke fis-moll, As-Dur und Polonaise-Fantaise fast immer erst am Ende der CD kämen...)

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • ich hörte - wie gewöhnlich - das radio. klassische musik.
    auf arbeitstage werden 2 oder 3 werke durch irgendeinen musiker gewählt. er/sie sagt dann warum ausgerechnet diese auswahl gemacht wurde.


    diesmal war es eine fräulein lim, die klavier studiert hat und nebenbei auch gesangunterricht genommen hat. daher daß sie nach bestimmten werken sucht. so fand sie einen hinweis, daß chopin seinen schülern gesagt haben sollte, sie sollten seine »leichte musik« mit verzierungen spielen. genau wie damals scheinbar noch opernsternen sangen.


    weiter suchend fand sie den namen »raoul koczalski«, ein klavierspieler und schüler von »Karol von Mikuli«. dieser "http://de.wikipedia.org/wiki/Karol_von_Mikuli karol von mikul" war selbst schüler von chopin gewesen und hat sich sehr darum bemüht die partituren von chopin zu revidieren.


    danach wurde eine nocture von chopin gesendet, gespielt durch diesen raoul koczalski.
    das erste was auffiel war das wahnsinnig langsame tempo. das war ich gewöhnt in den jahren 50-60. jetzt aber gar nicht mehr. dadurch aber kamen die variationen unglaublich schön hervor. höre selbst diese nocturne ==> wewewe.youtube.com/watch?v=VRmek8kADWA

    Wirklich schöne Musik rührt

  • Unabhängig davon, was Rosamunde gesagt oder gemeint hat, halte ich es für ein weitverbreitetes und fatales Klischee, Chopin als salonesken Komponisten einzustufen. Damit wurde seine Musik in der Vergangenheit nur allzu oft abgekanzelt. Völlig zu Unrecht, wie ich finde. Charles Rosen macht in seinem Buch über die Romantiker deutlich, was für ein Kaliber Chopin war. Eigentlich kommt er von den Romantikern Beethoven doch am nächsten! Die vergangenen Meister dienen ihm als Vorbild, aber er paraphrasiert sie nicht, sondern macht aus der Tradition etwas radikal Neues - ein genialer Eigenbrötler. Weder verwirft er die Tradition wie Berlioz und Liszt, noch spinnt er sie evolutiv weiter wie Mendelssohn oder Brahms.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

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