Extremsport auf weißen und schwarzen Tasten…

  • Extremsport auf weißen und schwarzen Tasten…


    „Man müsste Klavier spielen können,
    wer Klavier spielt hat Glück bei den Frau’n…“

    …heißt es in dem bekannten Lied. Aber wie das so ist: will man die ganz schweren Sachen der Klavierliteratur gut spielen, so muss man viel üben, sehr, sehr viel üben, so dass einem das „Glück bei den Frau’n“ schon deswegen wenig nutzt, weil man dann –„normale“ Begabung vorausgesetzt – nämlich gar keine Zeit für Frauen hat. Und selbst, wenn man die Mühe des Übens auf sich nimmt, wird man, mit Joachim Kaiser zu sprechen, „einer Sehnenscheidentzündung wahrscheinlich näher kommen als der pianistischen Vollkommenheit“.

    Welches sind denn nun die schweren Brocken für’s Klavier? – und warum sind die eigentlich schwer? Warum wurden sie geschrieben? – doch hoffentlich nicht nur wegen des zirzensichen Moments? - aber ein bisschen doch hoffentlich auch genau deswegen? Was hat sich der Komponist dabei gedacht? – was hat er gefühlt? – und: was erwartet er eigentlich von seinen Interpreten? – und: können die das überhaupt? – ohne sich die Finger zu brechen?

    Fragen über Fragen! Ich stelle mir vor, dass in diesem Thread einige Routen durch den klavieristischen Himalaya vorgestellt werden, und vielleicht auch die tollsten Aufnahmen (die Werke selbst sollen aber im Mittelpunkt des Interesses bleiben).

    Gruß
    Sarpedon

  • Extremsport auf weißen und schwarzen Tasten… - völlig unspielbar für menschliche Hände: die Studien des Conlon Nancarrow

    In einem früheren Foren-Leben begegnete mir zufällig im Rahmen einer Diskussion über Frederic Rzewski’s Variationenwerk „The people united will never be defeated“ (auch ein Kandidat für diesen Thread) der Name des amerikanischen Komponisten Conlon Nancarrow (1912-1997). Der Hinweis auf seine Klavierstudien mit der Anmerkung, diese seien viel zu schwer für die Hände eines menschlichen Pianisten und deswegen für lochkartengesteuertes, mit einer pneumatischen Spielmechanik versehenes Klavier konzipiert, hatte mich abgehalten, mich damit zu beschäftigen, bis ich in einem Interview mit György Ligeti (dessen Etüden ebenfalls Aspiranten für ein eignes Kapitel sind) dessen Meinung über Nancarrows Studien lesen konnte: „…for me it’s the best music of any today living composer!“ – worauf ich mir ein paar Aufnahmen besorgte und bis heute von der Originalität der Musiksprache dieser Werke fasziniert bin.

    Für Musik des zwanzigsten Jahrhunderts sind, will man die Entwicklung ganz grob skizzieren, drei Tendenzen auszumachen, die sich natürlich in einzelnen Werken beliebig mischen:
    • Der Versuch, auf den vorgegebenen Bahnen der Musiksprache des neunzehnten Jahrhunderts zu bleiben, diese zwar zu erweitern, dissonanter zu werden, aber die Tradition nicht abbrechen zu lassen. Das führt dazu, dass die Kenntnis der Tradition die Voraussetzung zum Verstehen dieser Musik ist, und es führt dazu, dass Zitat und Parodie der Tradition ein Wesentliches Element des Komponierens ist. Beispiel eines Komponisten, der diese Tradition ziemlich rein vertritt, wäre Gustav Mahler.
    • Der Versuch, zwar von der stark mitteleuropäisch geprägten Tradition abzuweichen, aber die Quellen der Inspiration in anderen Traditionen, bei „exotischeren“ Volksmusiken zu suchen als bei den bis dahin vom europäischen Mainstream hauptsächlich beachteten – Bartok, Kodaly, Khatschaturian wären Vertreter dieser Kompositionsrichtung.
    • Die Suche nach Regeln für eine neue, einfache, intuitiv erfassbare Ordnung als Gerüst für das Schaffen neuer Werke – wie z.B. die serielle Musik.

    Conlon Nancarrow galt in den dreißiger Jahren als „linker“ Intellektueller in den USA, als Vertreter eines „verfrühten Antifaschismus“, und er bekam die Folgen bereits vor der McCarthy-Ära zu spüren, er verlor sämtliche Arbeitsmöglichkeiten in den USA. Immerhin hatte er Glück, er konnte eine Professur für Komposition in Mexiko antreten und so seinen Lebensunterhalt als Musiker sicherstellen. Will man ihn in die oben angeführten drei Tendenzen einsortieren, so passt auf ihn ziemlich eindeutig die Beschreibung des Strukturalisten, der nach neuen Ordnungen für die Schaffung von Musikwerken sucht. Die Isolation seines Quasi-Exils allerdings führte dazu, dass er keiner bekannten Schule angehört – er arbeitete auf auf völlig eigenständige Art und Weise. Nancarrow fragte sich, welche einfachen Ordnungsprinzipien man für die Musik verwenden könne. Die „50 Studies for Player Piano“ beruhen darauf, dass er mathematische Relationen in musikalische Muster einführt, dies vorwiegend bei den Ablaufgeschwindigkeiten.

    • Beispielsweise gibt es in Studie Nr. 34 einen dreistimmigen Kanon, die einzelnen Stimmen laufen in den Geschwindigkeitsverhältnissen 9 zu 10 zu 11 ab. Man sieht: nach 990 Takten hat man das selbe rhythmische Muster wieder erreicht.

    • In Studie Nr. 33 sind es zwei Stimmen, die im Geschwindigkeitsverhältnis Wurzel aus 2 zu 2 ablaufen. Wegen der Irrationalität des Zahlenverhältnisses wird sich das rhythmische Muster nie wiederholen.

    • Studie Nr. 40 setzt die Eulerzahl e zur Kreiszahl Pi ins Geschwindigkeitsverhältnis.

    Die so entstehenden Muster sind für menschliche Hände nicht spielbar, sehr wohl aber für einen Automaten – und einen solchen Automaten hatte Nancarrow entworfen und konstruieren lassen.

    Wie kann man die Musik charakterisieren? Ich zumindest könnte die mathematischen Verhältnisse nicht heraushören – aber: hören kann ich, dass überhaupt eine Ordnung waltet. Und erstaunlich ist: wer glaubt, dass es sich um „tote Automatenmusik“ handelt, täuscht sich, der humane Faktor ist auch in dieser Musik vorhanden – es ist offensichtlich so, dass der kompositorische Anteil an der Wirkung dieser Kompositionen größer ist als der automatisierte der technischen Reproduktion.

    Die von Nancarrow verwendeten präparierten Klaviere und die Spielmechanik wurden Mitte der achziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in Europa restauriert und die „50 Studies for Player Piano“ in einer Serie von auch klanglich ganz hervorragenden Neuaufnahmen, die übrigens auch sehr gut dokumentiert sind, vom Label MDG veröffentlicht – eine editorische Großtat, die man kaum hoch genug werten kann.

    Gruß
    Sarpedon

  • Extremsport auf weißen und schwarzen Tasten… - Marc-Andre Hamelin: zwölf Etüden in allen Moll-Tonarten

    Sie waren vielleicht kein besonders hübsches Baby, aber der Hebamme fielen gleich Ihre großen, muskulösen und langfingrigen Hände auf? Die erste Frage an Ihre Kindergärtnerin war, wo denn der Steinway stünde – Sie müssten noch was üben? In der ersten Schulklasse bewiesen Sie Ihrem Musiklehrer, dass man sehr wohl die Eröffnungsoktaven aus dem Tschaikowsky-Konzert donnern und gleichzeitig die freien Tasten zum Skalenüben nutzen könne? Als Ihr Klavierlehrer Sie vor dem Jugend-musiziert-Wettbewerb erstmals mit der „Wilden Jagd“ konfrontierte, zeigten Sie ihm, dass „Vom-Blatt-Spielen“ nicht unbedingt bedeutet, dass man im Tempo schleppt oder gar Töne unter die Klaviatur fallen lässt? Den Wettbewerb haben Sie natürlich gewonnen? Und auch sonst sind Sie eher nicht schreckhaft?

    Dann könnten die kürzlich herausgegebenen zwölf Etüden in allen Moll-Tonarten von Marc-Andre Hamelin etwas für Sie sein. Meine Empfehlung: beschaffen Sie sich nicht nur die CD, die Monsieur Marc-Andre mit diesen im Verlauf vieler Jahre entstandenen Etüden herausgegeben hat, beschaffen Sie sich auch die Noten - eine Herausforderung ist eben eine Herausforderung!

    Und wenn Ihr Pianistenkollege Hamelin mal wieder irgendwo ein Konzert spielt, bei dem Sie im Publikum sitzen: applaudieren Sie am Ende so lange, bis er sich erweichen lässt, eine dieser Etüden „live“ als Zugabe zu spielen, das tut er nämlich manchmal, und dann können Sie hören und sehen, was auf einem Klavier möglich ist. Und das werden Sie sowieso nur dann glauben, wenn Sie’s selbst erleben.

    Im Ernst: opp. 10 und 25 von Chopin oder auch die Paganini-Etüden von Liszt werden Sie nur noch zum Warmspielen verwenden. In der Campanella-Etüde zum Beispiel hat Hamelin entdeckt, dass es da zwei Melodiebögen gibt, die im Liszt-Original schön nacheinander gespielt werden, jeder für sich schwer genug, die man aber, die geeignete Spieltechnik vorausgesetzt, auch gleichzeitig als Fuge spielen kann. Er kann. Nicht zu fassen, aber er kann! Keine Ahnung wie, aber er beweist: es geht. Unglaublicherweise. Obwohl auch er nur zwei Hände hat.

    Und es handelt sich richtiggehend um Konzertetüden, das heißt, es geht nicht nur um technische Schwierigkeiten, sondern auch um wunderbare Musik, welcher oft ein Werk oder ein musikalischer Stil aus der Vergangenheit zu Grunde liegt, sei es um die zeitsparende Parallelfassung von drei gleichzeitigen Chopin-Etüden, die bereits erwähnte Reverenz an Liszt, um eine herrlich schräge Rossini- oder auch um eine ebenso herrliche Scarlatti-Parodie.

    Man hat also auch Spaß am Hören, aber wenn Sie’s selbst spielen wollen, dann wird’s erst richtig lustig. Nur zu. Fangen Sie schon mal an zu üben. Sie werden staunen, wie viele Finger Sie haben.

    Gruß
    Sarpedon

  • Wenn's hier allein und ausschließlich um Extremsport auf weissen und schwarzen Tasten gehen soll (nun gut, soetwas soll es ja auch geben), hätte das hier wohl recht gute Finalchancen. Joao Carlos Martins, der im übrigen ein exzellenter und empfehlenswerter Bachinterpret gewesen ist, bevor eine Nervenerkrankung in der rechten Hand eine Fortsetzung der Karriere in den bisherigen Bahnen verhindert hat, mit Alberto Ginasteras Klavierkonzert.

    "

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    " (ich bitte die nervenden Gänsefüßchen zu entschuldigen).

  • Extremsport auf weißen und schwarzen Tasten… - die „100 Transcendental Studies“ von Kaikhosru Sorabji

    Hallo Freunde des pianistischen „free climbing“,

    welcher Komponist dürfte die (zeitlich) größte Menge an Musik für Soloklavier geschrieben haben? Einer derjenigen, die dafür in Frage kommen, ist der 1892 in England geborene Kaikhosru Sorabji (verstorben 1988), Sohn eines Parsen und seiner spanisch-sizilianischen Gattin. Sorabji schrieb ungeheuer viel für das Klavier, zum Beispiel ein Werk „Symphonische Etüden“ mit einer Länge von mehr als acht Stunden. Eines seiner Hauptwerke stellen die „100 transcendental studies“ dar, entstanden während des zweiten Weltkriegs, und sicher die ausuferndste Etüdensammlung der Klaviergeschichte mit einer Gesamtdauer von mehr als sechs Stunden. Aber diese Etüden sind nicht nur lang, sie sind auch schwer, sogar extrem schwer; was die Anforderungen an den Pianisten angehen, dürfte Sorabji noch über die Anforderungen eines Leopold Godowsky hinausgehen. Tatsache ist, dass diese Etüden, wie alle anständigen Konzertetüden seit Liszt, sowohl Training für Hände und Kopf bieten, aber auch spannende musikalische Muster.

    Diese Stücke sämtlich zu hören kann durchaus langweilig sein, man sollte daher angemessen dosieren und das nicht unbedingt ohne Unterbrechung hintereinander tun. Was ich aber ganz sicher versprechen kann: diese Stücke hintereinander zu spielen wird gewiss nicht langweilig, allerdings sollte ein guter Orthopäde mit Spezialwissen über die Behandlung von Knoten in den Fingern anwesend sein.

    Man könnte meinen, ein Pianist, der alle diese Stücke einübt, könne nicht so ganz klar im Hirn sein. Aber genau das hat der schwedische Supervirtuose Fredrik Ullen in den vergangenen zehn Jahren unternommen: er hat eine Aufnahme aller einhundert transzendentalen Etüden abgeliefert (erschienen bei dem Label BIS). Er spielt mit beherrschter Technik und kühlem Kopf, und sowohl Hände wie Hirn funktionieren tadellos. Was er demonstriert, ist große interpretatorische Kunst: aus diesem anscheinend schwer verdaulichen Stoff interessante und unterhaltsame Musik zu zaubern. Äußerst empfehlenswert!

    Gruß
    Sarpedon

  • Extremsport auf weißen und schwarzen Tasten… - Frederic Rzewski: „The people united will never been defeated“

    Hallo zusammen,

    bislang war in diesem Thread vorwiegend die Rede von Konzertetüden, nimmt man den Beitrag über die Nancarrow-Studien für Player-Piano und den Hinweis auf das Ginastera-Konzert mal als Sonderfall aus. Das ist angesichts des Titels „Extremsport auf weißen und schwarzen Tasten…“ ja auch nicht unverständlich – ist doch von Pianisten-Komponisten im Rahmen von selbstkomponierten Übungsstücken am ehesten zu erwarten, dass sie etwas schöpfen, was sich sowohl als Mittel zur Stärkung der Finger wie auch zur Ausweisung der Fähigkeit zur klavieristischen Hochakrobatik eignet und dazu noch die richtige, prägnante Kürze hat, um zum Beispiel als Zugabe in einem klassischen Konzert zu dienen und in geeigneter Weise den Applaus aus dem überrumpelten Publikum zu locken.

    Frederic Anthony Rzewski, den 1938 geborenen amerikanischen Komponisten, zeitweise Student von Luigi Dallapiccola, der in Belgien lebt, würde ich nicht als Pianisten-Komponist bezeichnen, auch wenn er als Pianist ein überragender Könner ist. Rzewski hat sich mit elektronischer Musik beschäftigt und auch mit neuen Notationsmethoden. Sein Hauptwerk für Klavier, 1977 fertiggestellt, ist keine Etüdensammlung, sondern ein Variationswerk, durchaus beabsichtigt in eine Tradition platziert, die auf Bachs Goldberg-Variationen und Beethovens Diabelli-Variationen fußt – tatsächlich ist es sogar so, dass diese Variationen von der Pianistin Ursula Oppens uraufgeführt wurden in einem Konzert, in dem sie auch die Diabelli-Variationen spielte.

    Zum Stück selbst kann ich es mir leicht machen: es gibt einen Cappriccio-Thread vom Mitglied Wulf unter dem Titel

    Rzewski: The People United Will Never Be Defeated – Variationen für das neue Jahrtausend

    auf den ich verweisen möchte, dort findet sich eine schöne Werk-Einführung, und es finden sich auch Hinweise auf Aufnahmen. Hier nur so viel zu dem Stück im Sinne der technischen Schwierigkeiten: diese sind enorm, sowohl in Hinsicht auf den Klaviersatz wie auch auf die enorme Länge des Zyklus. Marc-Andre Hamelin ist für so etwas natürlich ein geeigneter Pianist, und seine Einspielung, erschienen bei Hyperion Records, ist sicherlich grandios. Von besonderem Interesse scheint mir bei alledem Rzewskis eigene Interpretation auf DVD, die Wulf in seinem Beitrag ebenfalls erwähnt. Der 69-jährige Rzweski lieferte 2007 eine beeindruckende Leistung ab – im Livekonzert vor der Kamera. Sein klangliches Ideal ist nicht das eines mächtigen Steinway-Sounds, den Hamelin durchaus in vielen Variationen anstrebt, sondern eher das einer fast an Glenn Goulds Klangideal angelehnten Klavi-Cembalo-Transparenz. Und Rzewski zwingt sein Publikum auf magische Weise zur Konzentration: und zwar zur Konzentration nicht auf die haarstreubenden technischen Kunststücke, sondern auf den Veränderungsprozess, dem das Thema des Stücks, der chilenische Revulutions-Song „El pueblo unido nunca sara vencido“, unterworfen wird.

    Ein kleiner Witz am Rande: als ich im Internet nach dem Verlag suchte, bei dem man ggfs. die Noten zu dem Stück bestellen könne, fand ich bei einem großen Internet-Musikalienhändler den Hinweis, dass es sich um ein Stück mittlerer Schwierigkeit handele. Der Mensch, der diesen Satz hingeschrieben hat, ist entweder legitimer Erbe von Hamelin, Kissin, Pollini, Gilels und Cziffra in einer Person, er macht sich aus seinen Kunden einen Witz, oder hat nicht die geringste Ahnung von seinem eigenen Geschäft. Raten wir mal, welche der drei Möglichkeiten zutrifft…

    Gruß
    Sarpedon

  • :D
    Also ich kenne durchaus Cellostimmen, welche ähnlich wüst aussehen.
    Natürlich nicht in drei Systemen, aber in zweien z.B. .... :faint:

    Es ist dann immer eine sehr große Hilfe, wenn Dir der jeweilige Komponist dann sagt, daß das möglich sein muß.
    :-I
    Er hat dann oft vorher irgendein Buch gelesen und meint, daß er sich nun auskennt. :faint:

    Man faked das dann u.U.durchaus nach Absprache in größter Not dann damit, daß man etwas ähnliches aleatorisch von sich gibt, was dann komischerweise tatsächlich den "Vorstellungen" :hide: des Komponisten entspricht.

    Oder er merkt es gar nicht erst,man muß ja nicht alles verraten.
    Das kommt übrigens am allerhäufigsten vor..... :hide:
    Die Trefferquote liegt jedenfalls in diesem Falle bei über 90% .

    Ich habe durchaus schon Aufnahmen gemacht, bei denen der Komponist später beim Abhören erst gemerkt hat, daß ich getrickst habe und seine Partitur dann dahingehend geändert hat, weil er es schlussendlich eingesehen hat.

    :hide:

    Michael

    P.S. Aber das hat nur mit Eintons Beispiel zu tun!

    Was Hamelin und andere angeht, da kann ich nur mein müdes Haupt senken in totaler Erstarrung, was menschlich überhaupt möglich ist.
    Das, was Sarpedon hier als Beispiele angegeben hat, ist jedenfalls mit "irre" noch völlig untertrieben zu bezeichnen. :juhu:

    Zitat

    Ein kleiner Witz am Rande: als ich im Internet nach dem Verlag suchte, bei dem man ggfs. die Noten zu dem Stück bestellen könne, fand ich bei einem großen Internet-Musikalienhändler den Hinweis, dass es sich um ein Stück mittlerer Schwierigkeit handele. Der Mensch, der diesen Satz hingeschrieben hat, ist entweder legitimer Erbe von Hamelin, Kissin, Pollini, Gilels und Cziffra in einer Person, er macht sich aus seinen Kunden einen Witz, oder hat nicht die geringste Ahnung von seinem eigenen Geschäft. Raten wir mal, welche der drei Möglichkeiten zutrifft…


    Vielleicht ist er ein reiner CD-Hörer oder ein Komponist? ;+) Also keine Ahnung...... :stumm:

  • Hallo zusammen,

    Zitat

    Original von Yukon: Wenn's hier allein und ausschließlich um Extremsport auf weissen und schwarzen Tasten gehen soll (nun gut, soetwas soll es ja auch geben),...


    Neenee, darum geht es nicht. Auch schwierige Klaviermusik sollte ja wohl auch einen künstlerischen Sinn haben, nicht nur einen akrobatischen..., aber dein Ginastera-Beispiel ist Klasse!

    Zum Beitrag von Ein Ton: also, der "Rzewski" sieht teilweise vergleichbar wild aus. Z.B. in Variation 15 "Flexible, like an improvisation" werden irre Zählkunstücke verlangt:Triolen, Quintolen, Sextolen, Septolen wechseln sich unmittelbar hintereinander ab, an einer Stelle (in Takt 21) liegen zwei Stimmen in der rechten Hand: Triolen laufen parallel zu Septolen, und die linke Hand spielt dazu die geraden Viertel... ist aber wirklich nur ein Beispiel von annähernd beliebig vielen.

    Zitat

    Original von Michael Schlechtriem: ... Vielleicht ist er ... ein Komponist? Also keine Ahnung....


    Lieber Michael, interpretiere ich dich richtig, dass du uns Ahnungslosen damit empfiehlst zu komponieren? Für's Cello??

    Gruß
    Sarpedon

  • Zitat

    interpretiere ich dich richtig, dass du uns Ahnungslosen damit empfiehlst zu komponieren? Für's Cello??


    nö, damit wollte ich nur anmerken, daß Dein Händler keine Ahnung hat......
    Habe das "hat" vergessen...... :hide:

  • Extremsport auf weißen und schwarzen Tasten… - „ …das klingt doch ganz leicht...“ – die persischen Stunden von Charles Koechlin

    Hallo zusammen,

    der elsässisch-stämmige Charles Koechlin (1867 -1950) studierte im Anschluss an eine Ingenieursausbildung bei illustren Lehrern (Fauré und Massenet) gemeinsam in einer Kompositionsklasse mit illustren Schülern: Georges Enescu und Maurice Ravel. Obwohl er während seines langen Lebens immer komponierte – Kammermusik, Lieder, Klavier- und Orchesterwerke, auch Filmmusik - und unter seinen Zeitgenossen als der Spezialist für Instrumentation schlechthin galt, geriet er nach seinem Tode fast in Vergessenheit, es gab zeitweise nur wenige Musiker, die hin und wieder mal ein Werk im Konzert spielten, darunter allerdings immerhin einen so bedeutenden Dirigenten wie Günther Wand.

    Seit nun knapp zwanzig Jahren hat sich das Bild sehr geändert, und es gibt im Wesentlichen drei Gründe dafür, dass Charles Koechlin heute deutlich bekannter ist als etwa noch vor fünfundzwanzig Jahren:
    • Das CD-Label Hänssler veröffentlicht seit dieser Zeit immer wieder CDs mit Werken Koechlins. Diese sind praktisch ausnahmslos von allerhöchster Qualität, und zwar in interpretatorischer Hinsicht wie auch in Hinsicht auf die technische Realisierung und auch die Dokumentation der Aufnahmen, sprich: auf die angemessene Textbeilage.
    • Heinz Holliger, Komponist, Dirigent und Oboist, hat mit dem Radio-Sinfonieorchester des Südwestdeutschen Rundfunks für Hänssler einige ganz hervorragende Orchesterwerke eingespielt und dirigiert sie auch im öffentlichen Konzert.
    • Der Pianist Michael Korstick hat inzwischen – ebenfalls für Hänssler - drei Platten mit Werken für Klavier solo aufgenommen, und bei der Einspielung des großartigen Offrande musicale sur le nom de BACH mit Holliger und dem RSO des Südwestdeutschen Rundfunks hat er den mittleren Satz für Klavier solo gespielt, der die beiden riesigen Außenteile für Orchester und Orgel verbindet.

    Koechlins Kompositionsstil kann man bezeichnen als eine sehr arrivierte Form des Spätexpressionismus, in dem sich die Tonalität auflöst, aber eben gerade wegen der Auflösung noch als Aspekt der Komposition erhalten bleibt – nur was als gegeben genommen wird, kann sich auflösen. Dabei gibt es kaum Vorbilder, denen Koechlin nacheifert , seine Kunst ist sehr individuell, Bilder allerdings lösten in Koechlin offensichtlich den kompositorischen Schaffenstrieb aus, vieles ist inspiriert von seinen eignenen meisterhaften Fotografien, aber auch vom Film. Und immer schlägt das Komponieren dann um zu etwas die Bilder vielleicht als Stimmungsgrundlage Bewahrendem, was sie aber zugleich transzendiert.

    Band 2 der Korstick’schen Klavierserie enthält Les Heures persanes, wovon es übrigens auch eine Orchesterversion gibt. Das Werk scheint leicht – der Klaviersatz ist zwar manchmal vielschichtig, immer klangvoll und farbig, wirkt aber nicht dick, laute Phasen gibt es kaum, die Tempi sind überwiegend gemäßigt, es bewirkt eine geheimnisvolle, träge Exotik, speziell im Satz La caravane durchaus auch beängstigend und gefährlich, aber Virtuosität wird man eigentlich nicht gewahr. Liest man aber den Aufsatz Korsticks in der Textbeilage, so ist überwiegend von den geradezu unverschämten Anforderungen an die Hände des Pianisten die Rede, von der Schwierigkeit, diese Musik zu spielen. Koechlin schwebte ein transparenter, farbiger Klang vor, manchmal als Mischklang, manchmal als in Ebenen aufgeteilter Spaltklang, zu dessen Herstellung er die gesamte Klaviatur ausnutzte, ohne große Rücksicht darauf, was Pianistenhände noch greifen können. Korstick schreibt, dass dies im Gegensatz zu fast Allem, was er je gespielt habe, das Werk wäre, für welches er einen minutiös ausgearbeiteten Griffplan erstellt habe - für die gesamten 66 Minuten der Dauer des Stücks – und dabei dürfte der Riese Korstick, ein Zwei-Meter-Mann, eine Fingerspannweite haben wie kaum ein anderer Pianist. Das Ganze ist von Fotos der Hände beim Spiel besonders schwieriger Akkorde dokumentiert.

    Unbedingt anhören! Beide Fassungen, sowohl die für Klavier wie die Orchesterfassung. Im Gegensatz zu anderen transkribierten Werken mit mehr als einer Ausprägung lässt sich auf keinen Fall sagen, welche Variante besser oder angemessener ist.. Obwohl die Klavierfassung zuerst geschrieben wurde, ist die drei Jahre später entstandene Orchesterfassung ein originäres Orchesterwerk, sie wirkt in keiner Weise als Transskription oder Instrumentationsübung.

    Gruß
    Sarpedon

  • Sollen wir jetzt alle für Cello komponieren?!?

    Lieber Michael,

    kann es sein, dass du meinen ironischen Unterton überhört hattest? - oder überhöre ich am Ende gar noch den deinen?...Ich hatte mir bildhaft vorgestellt, dass plötzlich über zweihundert Cappricciosi dir jeweils mindestens ein hypermodernes Werk widmen, geschrieben in noch zu erfindenden Notationssystemen, und dann noch erwarten, dass du in absehbarer Zeit sowohl die Uraufführung wie auch die CD-Veröffentlichung stemmst. Ich denke, zumindest bei meinem Beitrag würdest du den Bogen mit einer Elektrosäge vertauschen...

    Gruß
    Sarpedon

    P.S.: Nichts für ungut, aber ich bleibe in meinem Job...

  • Unbedingt anhören! Beide Fassungen, sowohl die für Klavier wie die Orchesterfassung.

    Absolut! Die Klavierfassung habe ich noch letztes Wochenende gehört, die Orchesterfassung vor nicht allzu langer Zeit. Ich finde diese Musik wunderbar, vielleicht gefällt mir die Orchesterfassung sogar noch einen Hauch besser.

    Herbert Henck hat bereits vor einiger Zeit den Klavierzyklus eingespielt. Das war mein Erst-Kontakt mit Koechlin überhaupt. Diese Platte haben ich aber leider schon lange nicht mehr gehört, kann also keinen Vergleich zwischen Henck und Korstick anstellen.

    Viele Grüße,

    Melanie

    With music I know happiness (Kurtág)

  • Für einen Pianisten hört sich der thread iregndwie seltsam an, denn im Grunde braucht man dazu nur gesunde Hände, viel Zeit und viel Ausdauer; da gibt es dann keine Probleme mehr, außer, daß man seine eigenen Hände noch sieht. :angel:
    LG Robert

  • Zitat

    Für einen Pianisten hört sich der thread iregndwie seltsam an, denn im Grunde braucht man dazu nur gesunde Hände, viel Zeit und viel Ausdauer; da gibt es dann keine Probleme mehr, außer, daß man seine eigenen Hände noch sieht.


    Ah ja? ?(

    Es wird immer merkwürdiger hier. :huh:

  • Hallo zusammen,

    Zitat

    Original von Robert: Für einen Pianisten hört sich der thread irgendwie seltsam an, denn im Grunde braucht man dazu nur gesunde Hände, viel Zeit und viel Ausdauer; da gibt es dann keine Probleme mehr, außer, daß man seine eigenen Hände noch sieht.

    Mit Verlaub, lieber Robert, vielleicht stimmt deine Aussage ja für dich - in aller Allgemeinheit ist sie gewiss falsch.

    • Zum Ersten weiß ich das - leider - aus eigener Erfahrung: in der Jugend spielte ich intensiv ein Instrument und gedachte zeitweise auch, dies zum Beruf zu machen, aber irgendwann, dankenswerterweise noch vor dem Abitur, musste ich feststellen, dass da eine (manuelle?, zerebrale? jedenfalls Nichts auf Grund fehlender Liebe zur Musik!) Grenze erreicht war, über die ich nur mit außerordentlichem Fleiß kommen würde, und auch da nicht sehr weit. Für meine eigenen Ansprüche wäre aber auch das nicht gut genug gewesen.
    • Dann kann man zum Beispiel bei einem eminenten Pianisten wie dem berühmten Begleiter Gerald Moore (über Islamey von Balakirew) nachlesen, wie man an eine technische Grenze kommt, von der man weiß, dass man sie nie überschreiten kann. Moore musste sich damit abfinden, dass er "technische Vollkommenheit" für sich als anderes Ziel definieren müsse als die manuellen Fähigkeiten zum pianistischen Gipfelsturm, nämlich als Fähigkeit zur Klangfarbe, zur Delikatesse, zur Begleitung im besten Sinne, nämlich zum Zusammenspiel.
    • Und dann hatte ich das Glück, in den achziger Jahren einen der ganz Großen der Klavierkunst näher kennen zu lernen, Claudio Arrau. Die Gespräche mit ihm gingen nur selten über Musik. Einmal erzählte er aber von einer sich durchaus im Technischen manifestierenden Grenze, die er in seinen frühen Zwanzigern erreicht habe, über die ihn noch so viel Üben nicht gebracht hätte, später aber - grob verkürzt dargestellt - das Finden einer neuen Einstellung zum eigenen Körper und auch zum Leben insgesamt. Viele, viele erfolgversprechende Musiker seien an so einer Grenze gescheitert.

    Ich denke, dass die technische Extremvirtuosität, von der in diesem Thread die Rede ist, sehr wohl der Versuch einiger weniger Berufener ist, in Bereiche vorzustoßen, die "eigentlich" nicht erreichbar sind. - Wirklich wertvolle Musik entsteht natürlich auf Grund der manuellen Schwierigkeit alleine noch nicht. Aber wenn die technischen Mittel dem künstlerischen Anspruch und Ergebnis dienen, kann Phantastisches daraus werden.

    Gruß
    Sarpedon

  • Vor allem die "Revolutionsetude" nur für die linke Hand ist unglaublich.

    Zählt hier auch Extremsport mit den Füßen? Die benutzt hier nämlich ein Irrer, um den Part der linken Hand in der Revolutionsetüde zu spielen. Auf der Orgel!
    Und das glamouröse Outfit hat er sich selbst designt :beatnik: Zapperlot - die Vanessa Mae der Orgel ist da :thumbup:


    "

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    Cheers,

    Lavine :wink:

    “I think God, in creating man, somewhat overestimated his ability."
    Oscar Wilde

  • Hallo mon Général,

    jau, das zählt - sogar doppelt.

    Obwohl, so wie der Typ nach unten treten kann, sollte er eigentlich an der Tour de France teilnehmen oder im Vorstand einer großen internationalen Bank sitzen... - Virtuosität hat halt mehrere Seiten.

    Hast du vielleicht noch einen, wo wer mit der Nasenspitze die Waldsteinsonate spielt?

    Gruß (noch immer mit ein paar Lachtränen im Augenwinkel)
    Sarpedon

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