Max Reger - schwere Kost oder einfach nur unverstanden?

  • Seit gestern bin ich verzeaubert von einer Reger schen Komposition, das dritte Mal ist sie heute bei mir gelaufen. Dabei hatte es bei mir bislang bei

    Max Reger: Eine romantische Suite

    nicht geschnackelt. Aber nun habe ich die geniale Bearbeitung von Schönberg/Kolisch, die man auch hier hören kann


    hier


    und ich genieße jeden Moment. Für mich wird gleichermaßen das Unvermögen von Reger offengelegt, eine angemesse Instrumentierung zu finden wie die Größe seiner kompositorischen Inspiration. Ich habe die Einspielung des Arte Ensembles aus einem Rundfunkkonzert und leiste Reger in jeder Weide Abbitte - den Genius Schönbergs, der unerbittlich die Qualität Regers offenlegt, will ich nicht vergessen. Dem Stück wünsche ich jedwede Verbreitung.

    Liebe Grüße Peter

    .
    Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
    (Hermann Bahr)

  • Bei Max Regers "Romantische Suite" hats bei mir auch in der Orchesterversion gleich "geschnackelt" aber die Bearbeitung für Kammerensemble, die für den "Verein für musikalische Privataufführungen" von Arnold Schönberg zusammen mit Rudolf Kolisch erstellt wurde ist wirklich großartig und eine schöne Alternative zur Orchesterfassung. Eine weitere gute Aufnahme mit interessanten Bearbeitungen gibt es hier:

    Lionel

    "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)

  • Von der romantischen Suite gibt es eine wunderbare neuere Einspielung unter Zender:

    Zusammen mit den zeitlich ähnlich liegenden Werken Böcklin- und Ballettsuite — eine sehr schöne Einspielung, mit der ich mich nach dem ersten Reinhören noch intensiver beschäftigen möchte.

    Lucius Travinius Potellus
    Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety. (B.Franklin)

  • Max Reger hat zwar oft Werke komponiert, die sich nicht immer gleich beim ersten Hören erschließen aber er war abseits der Musik ein humorvoller und sympathischer Mensch. In dem Büchlein "Scherzo" von Willy Brandl stehen u. a. ein paar heitere Anekdoten über Max Reger, die ich hier mal zum Besten geben möchte:

    [Blockierte Grafik: http://ecx.images-amazon.com/images/I/51HAo3q2bHL._SL500_.jpg]
    Scherzo

    - In Max Regers Gegenwart wurde einst über das schwere Schicksal des schaffenden Künstlers gesprochen, der meist die öffentliche Anerkennung nicht mehr erlebe. Reger äußerte dazu: "Künstler und Säue werden erst nach ihrem Tode geschätzt."

    - Max Reger spielte den Klavierpart im Forellenquintett. Eine begeisterte Verehrerin schickte ihm darauf fünf wunderschöne Forellen. Reger bedankte sich liebenswürdig und schrieb: "Gnädige Frau, darf ich sie darauf aufmerksam machen, dass ich in vierzehn Tagen das Ochsenmenuett von Haydn spiele ?"

    - Der schweizer Komponist Volkmar Andrae stichelte seinen Freund Reger: "Lieber Freund, wenn ich deine Musik höre, werde ich immer reger." Reger erwiderte: "Wenn ich deine Musik höre, höre ich immer andre."

    - Max Reger wurde eines Tages auf der Straße von einer Dame angesprochen, die ihm nachgelaufen war: "Sie sind`s wirklich. Das freut mich, dass ich sie von hinten erkannt habe." Die Dame war jung und hübsch, Reger schmunzelte und meinte: "Das ist nicht so schwer, wenn man von vorne und hinten gleich heißt."

    - Nach einem Konzert der Meininger Hofkapelle unterhielt sich eine junge Prinzessin leutselig herablassend mit Max Reger. Sie wollte vor allem Bescheid erhalten über eine Solostelle der Fagotte, die ihr besonderen Eindruck gemacht hatte. Wißbegierig fragte sie: "Herr Hofrat, bringen die Leute diese Töne mit dem Mund hervor ?" Reger erwiderte: "Das will ich stark hoffen, Königliche Hoheit."

    - Bei einem Tonkünstlerfest war Reger in einem Hotel abgestiegen, in dem viele Kollegen untergebracht waren. Er las das Fremdenbuch durch und fand alle möglichen Bezeichnungen: Komponist, Tondichter, Musiker usw. Da schrieb er hinter seinen Namen "Akkordarbeiter".

    - Ein junger Musiker spielte einmal Reger seine neuesten Lieder nach Gedichten von Goethe vor. Am Schluß entstand eine lange Pause. Endlich tönte aus der Ecke vom Lehnsessel her Regers Stimme: "Ja, ja, Goethes Gedichte ! - Unverwüstlich sind sie."

    - Ein Komponist sprach von seinen Liedern in überschwenglichen Worten: "Ich habe sie mit meinem Herzblut geschrieben." Der daneben sitzende Reger sagte: "Ich schreibe die meinen mit Tinte."

    - In einem der Sinfoniekonzerte, die Richard Strauss in Berlin leitete, dirigierte als Gast Max Reger eines seiner Werke. Im Künstlerzimmer erzählte Frau Else Reger Frau Pauline Strauss, wie stark sich ihr Mann beim Dirigieren aufrege: "Mein Mann hat keinen trockenen Faden am Leib." "Und meiner keinen nassen", erwiderte Pauline Strauss.

    Lionel

    "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)

  • Worauf ich sehr gespannt bin, weil ich noch keine Aufnahme besitze, ist Regers Violinkonzert und die zwei Violinromanzen, mit denen das Werk in dieser Einspielung gekoppelt ist:

    Kennt jemand von Euch das Violinkonzert oder noch besser, die obige Aufnahme? ;+)

    :wink: :wink:

    Christian

    Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

    Cato der Ältere

  • Geduld, Oh Caesar!

    Die CD liegt hier auf meinem Schreibtisch, am Wochenende wird sie gerippt und kommende Woche gehört. Dann kann ich mehr berichten. FonoForum ist begeistert und ich bin sehr neugierig.

    Lucius Travinius Potellus
    Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety. (B.Franklin)

  • Max Reger - schwere Kost oder einfach nur unverstanden?

    Oder doch beides? Schwere Kost und deswegen unverstanden? "Zuviele Noten"?

    Hat unser Oboist denn nicht Recht:

    Aber über breite Strecken bleibt mir Reger ein Buch mit sieben Siegeln.


    Und richtig: Wer hätte die Streichquartette op. 54 verstanden? Oder gar das Klavierquintett c-moll op. 64? Brrrr ....

    Man verzeihe die Schnipselzitate:

    Vor allem sollte man bedenken, wie unglaublich modern Reger ist. Er mag zwar von Brahms kontrapunktischem Geschlinge ausgehen, doch er kombiniert es mit der avanciertesten Harmonik der Zeit. Reger besitzt ein untrügliches Ohr für Tonartenzusammenhänge, moduliert auf engstem Raum in die entlegensten Bereiche - und das so, daß die Grundtonarten immer noch spürbar bleiben.


    Dem stimme ich gerne zu. Ich frage mich aber, ob Reger beabsichtigte, dass man die hochkomplexe Harmonik noch hörend nachvollzieht - oder ob er ein Farbgemisch erzeugen wollte, bei dem es nicht mehr auf den einzelnen Punkt ankommt. - Bei einem Bachchoral kann ich jede harmonische Situation noch wahrnehmen. Bei Reger bin ich verloren - eine Frage des Hörtrainings oder nicht doch der kompositorischen Anlage? Ist es wirklich gewollt, jede Modulation zu erfassen?

    Damit sind wir beim ersten der zwei Mankos von Reger: Seine Instrumentierung ist nicht sehr gut, nämlich viel zu dick.

    Zumal Reger nicht die intensiv instrumentierte Linie anstrebt wie etwa Mahler, sondern ein dichtes kontrapunktisches Gewebe, am Ende noch mit Stützakkorden. Im Extremfall hört man nur noch bewegte Fläche statt Motivik, man verliert sich hörend in einer vermeintlichen Orientierungslosigkeit, in der man erst in der Partitur lesend wieder Wegweiser findet.


    Zur Instrumentierung: Auch im vollgriffigsten Orgelsatz ist mitunter ein real drei- bis vierstimmiger Satz verborgen - dann kann stutzig machen, das kann sogar enttäuschen, wie kontrapunktisch "arm" (Entschuldigung!) die Klangmassen oft sind.
    Zur bewegten Fläche: Ich meine, die bewegte Fläche und die komplexe Harmonik bedingen einander wie Huhn und Ei. Ligetis Mikropolyphonie scheint nicht fern. -

    Und das dichte kontrapunktische Gewebe (das es nur in der Außenwirkung ist - innen sind es wie gesagt oft drei bis vier Stimmen), die bewegte Fläche scheint mir manchmal geradezu die Absicht zu sein.

    Andersherum gesagt: Die dichte Töneflut ist eventuell nicht das Hindernis auf dem Weg zum eigentlichen Hörerlebnis, sondern ist bereits das, was es zu hören gilt. (Wald und Bäume ließen dann uns alle grüßen.)

    Mit den anderen Gattungen habe ich mich noch viel zu wenig beschäftigt, aber mit Regers Orgelmusik anzufangen und ihn von dort her kennenzulernen, kann kein Fehler sein.


    Das sehe ich auch so.

    Die Choralfantasien wurden bereits genannt. Unter diesen sind vor allem die mit Schlussfugen die zugänglichen:

    - Ein feste Burg op. 27
    - Wie schön leucht' uns der Morgenstern op. 40 Nr. 1
    - Wachet auf, ruft uns die Stimme op. 52 Nr. 2 (vielleicht Regers bekanntestes Orgelwerk)
    - Halleluja! Gott zu loben bleibet meine Seelenfreud op. 52 Nr. 3 (am überschaubarsten und ohne harmonische Extravaganzen)

    Ferner sind die zweite Sonate d-moll op. 60 und die Stücke op. 59 gut zugänglich.

    Wer Reger "in extremis" kennen lernen will, greife zur "Symphonischen Fantasie und Fuge" d-moll op. 57, die auch den Beinamen "Inferno-Fantasie" trägt ... "Orgelgewitter" schreibt Martin Weyer in seinem lesenswerten Buch über Regers Orgelwerke.

    Die verdienstvolle Serie des Labels Motette wurde schon in diesem Thread erwähnt; hier wurden Hauptwerke auf historischen Großinstrumenten gespielt. - Rosalinde Haas vertrat in ihrer Gesamteinspielung den Ansatz, dass es nicht darum gehe, "alles zu hören", sie griff zu geradezu aberwitzigen Tempi und zu einer modernen Kompromiss-Orgel - das Ergebnis raubt einem geradezu die Luft zum Atmen, wird aber kontrovers diskutiert. Wahnsinn.

     

    Gruß
    MB

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Geduld, Oh Caesar!

    Die CD liegt hier auf meinem Schreibtisch, am Wochenende wird sie gerippt und kommende Woche gehört. Dann kann ich mehr berichten. FonoForum ist begeistert und ich bin sehr neugierig.


    So werde ich mich denn in Geduld üben, und gespannt der Dinge harren, die da kommen mögen :D

    :wink: :wink:

    Christian

    Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

    Cato der Ältere

  • So werde ich mich denn in Geduld üben, und gespannt der Dinge harren, die da kommen mögen :D

    Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, mein Caesar, aber... im Flugzeug fiel mir auf, dass ich die CD in Ismaning auf dem Schreibtisch habe liegen lassen. Also: dieses Wochenende keine iPod-Überspielung, und also ein Durchhören nicht vor übernächster Woche. Ob ich Deine Geduld so lange strapazieren kann... (und meine, nebenbei bemerkt... *gnarf*)
    :hide: ;( :wacko: :whistling:

    Lucius Travinius Potellus
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  • Dann muss ich mich wohl oder uebel noch gedulden - dass steigert meine Spannung aber noch :)

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    Cato der Ältere

  • Sich in Geduld und Ausdauer zu üben, ist für das über 50minütige Werk sicher von Vorteil...

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Ohne jeden Zweifel :) Aber die braucht man bei Regers Klavierkonzert auch, von daher habe ich Uebung :)

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    Cato der Ältere

  • Antworten zu den Fragen, ob Reger ein unterschätzer Komponist war/ist, in welchem Verhältnis seine Musik zur Musik des 20 Jhdts steht und dergleichen kann man in dieser recht interessanten längeren Abhandlung des Komponisten, Dirigenten, Schriftstellers, Lehrers Michael Denhoff finden - lohnenswerte Lektüre.

    "http://www.denhoff.de/reger.htm"

  • So, die neue Aufnahme des Violinkonzerts mit Tanja Becker als Solistin ist bei mir eingetroffen :)

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    Cato der Ältere

  • So, die neue Aufnahme des Violinkonzerts mit Tanja Becker als Solistin ist bei mir eingetroffen :)


    Soso, konntest es doch nicht erwarten?

    Am Wochenende habe ich sie endlich gerippt und werde sie mir heute oder morgen zu Gemüte führen.

    Lucius Travinius Potellus
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  • Nein. Ich konnte nicht warten. Es war einfach staerker als ich - Du kommst wahrscheinlich aber eher zum hoeren als ich :)

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    Cato der Ältere

  • Nein. Ich konnte nicht warten. Es war einfach staerker als ich - Du kommst wahrscheinlich aber eher zum hoeren als ich :)


    Ich bin tatsächlich gestern abend zum ersten Hören gekommen.

    Der erste Eindruck ist positiv, aber das Werk ist zu komplex, um bei einem Hören schon ein abschließendes Urteil abzugeben. Auf jeden Fall ist die Aufnahme klar, verständlich, soweit das Werk das zulässt, gut strukturiert im Klangbild und macht einen runden Eindruck.

    Besonders gefallen mir auch die beiden Romanzen, die auf jeden Fall wert sind, beachtet zu werden.

    Lucius Travinius Potellus
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  • Haidenai - ich höre gerade das Reger-Klavierkonzert, dass ich schon mit Oppitz und Serkin kenne, in dieser kürzlich erworbenen Aufnahme und bin gleich beim ersten Anhören schwer beeindruckt von Werk und Interpretation. Musik aus der Oberpfalz, dargeboten von einem nordirischen Pianisten, einem französischen Dirigenten und einem polnischen Dirigenten - kann das denn gutgehen? Und ob es kann!

    Barry Douglas, der wohl mal den Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerb gewann, verfügt nicht nur über immense technische Fähigkeiten, sondern auch über viel Gestaltungskraft und Differenzierungsvermögen. Man vergleiche die beherzte Attacke im Kopfsatz mit der Legatokultur und den nuancierten Tönen im langsamen Satz - einfach klasse. Fast noch besser gefällt mir das Dirigat des ohnehin kaum hoch genug einzuschätzenden Janowski, der hier jede Stimme der vielschichtigen Orchesterpartitur leuchten läßt und seine Pariser Truppe zu enorm engagiertem Spiel animiert. Das wußte ich schon bei Regers Orchesterwerken in dieser Besetzung sehr zu schätzen. Alle Beteiligten gehen zu Werke, als gelte es, eine Referenzaufnahme eines großen Meisterwerks zu produzieren. Aber vielleicht ist es das ja?

    Jedenfalls kann ich diese Aufnahme von 1994, die auch eine bestechende Interpretation der Strauss-Burleske enthält, nur nachdrücklich empfehlen. Sie sollte neben den vorstehend bereits genannten unbedingt mit berücksichtigt werden.


    Cheers,

    Lavine :wink:

    “I think God, in creating man, somewhat overestimated his ability."
    Oscar Wilde

  • Haidenai - ich höre gerade das Reger-Klavierkonzert, dass ich schon mit Oppitz und Serkin kenne, in dieser kürzlich erworbenen Aufnahme und bin gleich beim ersten Anhören schwer beeindruckt von Werk und Interpretation. Musik aus der Oberpfalz, dargeboten von einem nordirischen Pianisten, einem französischen Dirigenten und einem polnischen Dirigenten - kann das denn gutgehen? Und ob es kann!

    Das Werk braucht zwei Dirigenten? Von Reger hat Stockhausen also seine Ideen..... ;+) :D

    "Gar nichts erlebt. Auch schön." (Mozart, Tagebuch 13. Juli 1770)

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