Prokofjew, Sergei Sergejewitsch: Krieg und Frieden - Die letzte Grand opéra? Ein stalinistisches Jubelwerk? ...?

  • Die Aufführung hat bei mir einen zwiespältigen Eindruck hinterlassen. Die musikalische Qualität seitens der Mitwirkenden läßt allerdings nicht zu wünschen übrig, da kann ich Sophia uneingeschränkt zustimmen. Das gesamte Ensemble singt und spielt auf erstaunlich hohem Niveau, bis in die kleinsten Rollen hinein; als Beispiel von vielen seien Matias Tosi in der wenig dankbaren und auch noch recht schwierigen Partie des Dennissow oder Regina Richter als Prinzessin Marja Bolkonskaja genannt. Matthias Klink (Pierre Besuchow) hat gegen Ende vielleicht ein paar kleine Schwierigkeiten, die man angesichts von Gesamtleistung und Bühnenpräsenz getrost vernachlässigen kann. Im zweiten Teil ist er geradezu die Seele der Aufführung, wie das Olesya Golovneva (Natascha) im ersten Teil ist, deren Stimme nie irgendwelche Mühe zu haben scheint. Und Johannes Martin Kränzle ist als Andrej Wolkonskij einfach unglaublich! Auch den Eindruck einer exzellenten "Durchhörbarkeit" kann ich bestätigen, und das Gürzenich-Orchester spielte tatsächlich, als stehe "Krieg und Frieden" alle paar Jahre auf dem Spielplan.


    Was da zu hören ist, macht mir dann aber doch einige Probleme, und von Edwins Vorbehalten kann ich so einiges nachvollziehen. Trotz einigem musikalischen Raffinement, vor allem was die Orchestrierung angeht, wirkt vieles auf mich plump und zu sehr glattgebürstet, wenn auch der mir bekannte Prokofjew immer wieder durchscheint (interessanterweise im "Mir"-Teil mehr als im "Woina"-Teil). Wenn es stimmt, daß in der Kölner Fassung der größte Teil der Massenszenen gestrichen wurde, möchte ich das nicht in einer diesbezüglich ungekürzten Fassung haben wollen; das trieft von Nationalismus der plattesten Sorte. Ich hatte auch den Eindruck, daß es schon den Librettisten nicht wirklich gelungen ist, die Geschichte ausreichend komplett zu erzählen, es fehlt so viel und ist doch gleichzeitig langatmig.


    Die Geschichte zu erzählen bemüht sich die Regie, was bei einem solch wenig bekannten Stück sicher sinnvoll ist. Aber das wird recht bald ziemlich zäh, der durchaus gelungene Effekt mit den beweglichen Wänden hat sich spätestens nach der Pause abgenutzt, gerade die Massenszenen geraten eher peinlich, z.B. wenn sich die Bühne mit "opernhaft" sterbenden Statisten füllt, was dem anschließenden Bild mit dem über die Leichenberge taumelnden Pierre manches von seiner Eindringlichkeit nimmt. Ergreifend hingegen die Szene mit Andreijs Tod, in dem schwarze Schatten langsam die Überhand über Nataschas weißes Abbild gewinnen.


    Lohnenswert ist die Produktion aber sicher schon allein wegen der wirklich phänomenalen Sängerleistungen. Und oft wird man "Krieg und Frieden" vermutlich nicht zusehen bekommen.

    Bernd


    Fluctuat nec mergitur

  • Um "Krieg und Frieden" stilistisch besser einordnen zu können, habe ich mir eine Einspielung von Prokofiews zeitgleich entstandener Filmmusik zu "Iwan der Schreckliche" besorgt (Rotterdam PO, Gergiev). Überraschenderweise fand ich in diesem Stück das Kutusow-Lied wieder. Iwan sollte in diesem Film (nach dem Willen des Regimes) ebenso wiie Kutusow in der Oper starke Stalin-Assoziationen wecken.


    Die Verwendung des der Melodie in der Filmmusik finde ich durchaus interessant. Die Melodie tritt zunächst leise und unbegleitet auf, wird erst nach und nach instrumentiert. Und der Einsatz verschiedener Instrumente nach und nach scheint mir recht raffiniert gemacht zu sein. Kaum wurde die Melodie einmal leise und dezent gesungen wird sofort mit einer ängstlichen Flötenmelodie über bedrohlichen Schlägen in den tiefen Instrumenten kontrastriert. Eine Orchesterstelle mit aufbrechendem und heiterem Charakter schließt sich an. Wenn das das Kutusow-Lied in den Streichern gespielt wird, geschied das in wieder zurückgenommener Lautstärke. Nach einem Durchgang verschwindet die Melodie auch schon wieder.Später wird die Melodie in Vocalisen und a capella gesungen, und zwar als ruhender Pol zwischen zwei bedrohlichen und martialischen Episoden. Anstatt auftrumpfendem Pomp (Schlusschor von "Krieg und Frieden") gibt es leise Zurückhaltung. Die Melodie hat was, keine Frage.


    Beste Grüße,
    Falstaff

  • Die Kölner Produktion von "Krieg und Frieden" fand ich, was die Ausführung angeht, hervorragend. Sänger, Orchester und Dirigent klangen für mich erstklassig. Auch der Inszenierung konnte ich viel abgewinnen. Der erste Teil wurde ein gutes Stück gekürzt. Der zwei.te Teil wurde enorm gekürzt. Die Rolle des Kutusow entfällt völlig. Die erste Szene wurde (im Wesentlichen) auf die drei Personen Andrei, Dennissow und Pierre beschränkt. Die Generabstabsszene fehlt völlig. Ebenso der bombastische Schlusschor. Als einzige Massenszene verblieben die Erschießungen in Moskau und die Befreiung der Gefangenen beim Rückzug der Franzosen. Diese wurden enorm bühnenwirksam inszeniert, darüber vergaß ich völlig auf die Musik zu hören. Sie verkam zur Hintergrundmusik, die man nicht bewusst wahrnimmt (macht nix, ich hab' nix verpasst :P ). Die weitgehenden Kürzungen im zweiten Teil haben der Oper sicher sehr getan. Meine musikalischen und dramaturgischen Bedenken bezüglich des zweiten Teiles konnten aber nicht ausgeräumt werden. Mit Ausnahme der großartigen Abschiedsszene von Andrei und Natascha kann ich im zweiten Teil nichts Interessantes ausmachen. Der Komposition stehe ich nach der Aufführung, was den Orchestersatz betrifft, deutlich positiver gegenüber als nach dem Hören der Aufnahme. Das Kölner Orchester klang nicht so sehr extrem spätestromantisch. Stattdessen bekam ich im Orchestergraben immer "echter Prokofiev, aber gemäßigt" zu hören. Stefan Sanderlings Lob der raffinierten Instrumentation (siehe Interview oben) kann ich inzwischen also ein gutes Stück nachvollziehen.


    Zu Beginn des zweiten Teiles wird die Kutusow-Melodie von Dennissow angedeutet, aber nicht in ihrer letztendlichen Form gesungen. Als wolle er die Melodie herum, ohne sie zu treffen. Ganz abgesehen davon, dass sich dieses Suchen und Tasten hervorragend inhaltlich interpretieren lässt, finde ich diese Stelle eine der interessanteren in der Oper. Solche Stellen sollte es in der Oper mehrere geben. Das immer wieder gleicheartige Wiederholen der selben (Liebes-)Melodie an allen möglichen auch nur irgendwie passenden Stellen finde ich immer noch etwas ermüdend. So schön die Melodie auch klingen mag.


    Beste Grüße,
    Falstaff

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