Sergei Rachmaninow - die Klavierkonzerte

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  • Sergei Rachmaninow - die Klavierkonzerte

    Unter den Neuerscheinungen, die ich am Samstag mit der Post bekam war auch eine neue Aufnahme des zweiten Klavierkonzerts in c-moll und der Paganini-Rhapsodie Sergei Rachmaninoffs, mit Yuya Wang am Flügel, begleitet von Claudio Abbado und dem Mahler Chamber Orchestra:



    Die Klavierkonzert Sergei Rachmaninoffs, zumindest die Konzerte in c-moll und d-moll, gehören zu den "Klassikern" unter den Klavierkonzerten der Romantik - und dementsprechend groß ist auch die Anzahl der Einspielungen dieser beiden Konzerte. Dagegen sind Aufnahmen des ersten und des vierten Klavierkonzertes weitaus seltener zu finden. Kann man sich dies im Fall des ersten Konzerts mit seinem Status als "Frühwerk" erklären, ist es schon erstaunlicher, warum Rachmaninoffs letztes Konzert weitaus seltener gespielt wird. Der Schatten, den die beiden vorhergehenden Schwesterwerke werfen ist sicher nur eine mögliche Erklärung. Eine Frage, über die sich sicher im weiteren Verlauf des Threads diskutieren ließe ;+)


    Die folgenden Kurzbeschreibungen der Konzerte verstehen sich lediglich als Skizzen und Impulse - Ergänzungen sind erwünscht ;+)


    Klavierkonzert Nr. 1 in fis-moll, op. 1:


    Strenggenommen nicht das erste klavierkonzert des Komponisten. Vorher begann Rachmaninoff mit einem Konzert in c-moll, das allerdings nicht vollendet wurde. Die Anlage des Konzerts ist dreisätzig, die Satzbezeichnungen lauten:


    Vivace
    Andante Cantabile
    Allegro Scherzando


    Musikalisches Vorbild für dieses Werk, dass Rachmaninoff noch am Konservatorium komponierte, war Griegs Klavierkonzert. Diese enge Anlehnung an das Konzert Griegs dürfte ein Grund sein, warum dieses Werk vergleichsweise selten zu hören ist. Im Jahr 1917 unterzog der Komponist das Konzert einer durchgreifenden Revision, ein Verfahren was sich bei Rachmaninoff häufiger beobachten lässt, so beispielsweise bei der zweiten Klavviersonate.


    Klavierkonzert Nr. 2 in c-moll, op. 18


    Rachmaninov begann mit der Komposition seines zweiten Konzerts für Klavier und Orchester im Hersbt 1900 und schloss die Komposition im April 1901 ab.Unter der Leitung Alexander Silotis führte Rachmaninoff das Konzert selbst am 27. Oktober 1901 auf. Der Erfolg war außerordentlich, bis heute gehört das Konzert zu den populärsten Werken des Komponisten. Gewidmet ist das Stück Nikolai Dahl, dem Arzt, der Rachmaninoff behandelte, nachdem der Komponist 1897 in Depressionen verfiel. Eine der Ursachen war der öffentliche Misserfolg der ersten Symphonie.


    Die Form des Konzerts folgt dem klassischen Schema, die Satzbezeichnungen:


    Moderato
    Adagio sostenuto
    Allegro scherzando


    Der Auftakt des Konzerts mit den hammergleichen Schlägen ist ausgesprochen markant, am populärsten dürfte der zweite Satz mit seinem schwermütgen Hauptthema sein, dass ungeheuer gut ins Ohr geht, ebenso das "schmissige" Finale.


    Klavierkonzert Nr. 3 in d-moll, op. 30


    Unter den Klavierkonzerten Rachmaninoffs, überhaupt unter den Klavierkonzerten der Romantik genießt "Rach 3" einen besonderen Stellenwert, der sich nicht zuletzt den technischen Schwierigkeiten verdankt, aber dazu können ja vielleicht die Fachleute später etwas schreiben ;+)


    Das Konzert entstand im Herbst 1909 auf dem Landsitz der Familie, Ivanovka. Rachmaninoff beendete das Werk am 23. September 1909. Gewidmet ist das Werk dem Pianisten Josef Hoffmann, der das Konzert allerdings nie öffentlich aufführte. Die Premiere erfolgte am 28. November 1909 in New York, mit Racjmaninoff am Flügel.


    Die Form des Konzerts ist dreisätzig, die Satzbezeichnungen lauten:


    Allegro ma non tanto
    Intermezzo - Adagio
    Finale: Alla Breve


    Zu den Aufnahmen dieses und der anderen Konzerte später mehr ;+)



    Klavierkonzert Nr. 4, in g-moll, op. 40


    Im Gegensatz zu seinen beiden Vorgängern ist das vierte Klavierkonzert Rachmaninoff weniger oft zu hören, unverdienter Weise, wie ich finde: Mag es thematisch auch weniger eingängig sein, steht es den Schwesterwerken ansonsten in keiner Weise nach. Der Komponist vollendete das Konzert im Jahr 1926.Nachdem die Premiere nicht den erhofften Erfolg brachte, überarbeitete Rachmaninoff das Konzert ein erstes Mal, bevor es im Jahr 1928 veröffentlichte. Eine erneute Überarbeitung erfolgte im amerikanischen Exil im Jahr 1941. Gewidmet ist das Konzert Nikolai Medtner., der im Gegenzug sein zweites Klavierkonzert Rachmaninoff widmete.


    Die Satzbezeichnungen:


    Allegro vivace
    Largo
    Allegro Vivace


    Aufnahmen:


    Insbesondere von den Konzerten in c-moll und d-moll gibt es eine Vielzal von Einspielungen, deswegen möchte ich jetzt nur kurz auf einige Aufnahmen hinweisen:


    Ein absoluter Klassiker, was das c-moll Konzert betrifft, ist die Einspielung Richters:




    Außergewöhnliche Aufnahmen des d-moll Konzerts gibt es mehrere:


    Martha Argerich unter Riccardo Chailly:



    oder Vladimir Horowitz:



    Horowitz hat das Konzert noch mehrfach aufgenommen. Nicht fehlen sollte auch die Einspielung durch den Komponisten selbst:



    Für mich ein absoluter Klassiker unter den Aufnahmen des zweiten und dritten Konzerts ist die Aufnahme Byron Janis:



    Das ist nicht das Originalcover, diese Version finde ich gerade nicht, aber vielleicht kann da jemand aushelfen .... ;+)


    Verdient um das vierte Klavierkonzert hat sich Arturo Benedetti Michelangeli gemacht:



    Unter den neuen Aufnahmen möchte ich die Aufnahmen von Boris Berezowsky empfehlen, der auf zwei CD´s alle vier Konzerte eingespielt hat:


     


    So, jetzt seid Ihr dran!


    :wink: :wink:


    Christian

    Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

    Cato der Ältere

  • Ein Nachtrag noch zur Diskographie der Klavierkonzerte. Als Klassiker unter den Aufnahmen des Dritten Klavierkonzerts, gilt van Cliburns Aufnahme aus dem Jahr 1958:



    Allerdings kenne ich die Aufnahme selbst nicht, aber vielleicht kann ja jemand mit einigen Eindrücken aushelfen? ;+)



    :wink: :wink:


    Christian

    Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

    Cato der Ältere

  • Den Anfang des zweiten Konzerts würde ich nicht als "hammergleiche Schläge" bezeichnen (immerhin pianissimo), ganz eigen und markant ist er aber. Man mag von Lang Langs Aufnahme (DG) halten, was man mag, aber gerade diesen Beginn hat er interessant (wenn auch "falsch" da Halbe=66) gestaltet. er wollte das glockenartige dieses Anfangs überdeutlich demonstrieren.
    Ist überhaupt interessant, sich diese acht Akkorde anzuschauen:


    http://imslp.info/files/imglnk…Concerto_No.2_-_Mov.I.pdf


    da ist je Takt ein Akkord und in der Taktmitte kommt stets das tiefste zur Verfügung stehende f dazu.
    Die meisten Akkorde sind zu ausufernd für die Hände, müssen also arpeggiert werden. Die Pianisten kommen zu sehr unterschiedlichen Lösungen dieser Arpeggio-Problematik, man höre da mal verschiedene Aufnahmen durch...


    Meine Lieblingsaufnahme des zweiten Konzerts ist "seit jeher" die Richter-Aufnahme der DG.

    Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad, hinter ihm schlagen die Sträuche zusammen.

  • Als Klassiker unter den Aufnahmen des Dritten Klavierkonzerts, gilt van Cliburns Aufnahme aus dem Jahr 1958:

    Allerdings kenne ich die Aufnahme selbst nicht, aber vielleicht kann ja jemand mit einigen Eindrücken aushelfen?


    Van Cliburn bietet mit der Symphony of the Air unter Leitung von Kyrill Kondrashin (aufgenommen 1958) eine eher lyrische Version des Werks - kein Tastendonner à la Horowitz. Ich schätze Cliburns Aufnahme ungemein. Meine Lieblingsaufnahme des Klavierkonzerts Nr. 3 ist aber eine andere: Emil Gilels mit dem Orchestre de la Société des Concerts du Conservatoire de Paris unter der Leitung von André Cluytens (aufgenommen 1955)

    Besser kann man wirklich nicht Klavier spielen. Da auch das Klavierkonzert Nr. 2 g-moll op. 22 von Saint-Saens mit denselben Mitwirkenden ein Volltreffer ist, gehört m.E. diese Gilels/Cluytens-CD in jedes CD-Regal.


    Bemerkenswerterweise kamen sich die beiden sowjetischen Klavier-Giganten, Swjatoslaw Richter und Emil Gilels, bei den vier Klavierkonzerten von Rachmaninow nicht in die Quere. Richter spielte ausschließlich die Nr. 1 und 2, Gilels ausschließlich die Nr. 3 und 4. Dass ich die Richter-Einspielungen der Klavierkonzerte Nr. 1 und 2 für unerreicht halte, dürfte niemanden wundern, der meine Leidenschaft für diesen Pianisten kennt. Bei der Nr. 3 regiert für mich - wie gesagt - Gilels und bei der Nr. 4 Arturo Benedetti Michelangeli. Es gibt aber von allen vier Werken eine große Vielzahl herausragender Einspielungen, so z.B. (neben den Eigeneinspielungen Rachmaninows und neben den bereits von mir genannten Pianisten Cliburn, Richter, Gilels und Michelangeli) von Horowitz, Gieseking, Moiseiwitsch, Kapell, Oborin, Cherkassky, Pletnjew, Kocsis, Gawrilow, Kissin, Volodos... Man könnte Dutzende von CD-Covers abbilden. Aber der Thread ist ja noch jung. Daher beschränke ich mich zunächst mal auf Richter mit dem Klavierkonzert Nr. 1 in einer Einspielung aus dem Jahr 1955 mit dem Großem Rundfunk-Sinfonieorchester der UdSSR, geleitet von Kurt Sanderling, sowie mit dem Klavierkonzert Nr. 2 in einer Einspielung aus dem Jahr 1959 mit den Leningrader Philharmonikern unter der Leitung von - ebenfalls - Kurt Sanderling

    Die polnische Einspielung des Klavierkonzerts Nr. 2 mit Richter und dem Sinfonieorchester der Nationalen Philharmonie Warschau, geleitet von Stanislaw Wislocki, aus demselben Jahr haben meine beiden Vorredner ja dankenswerterweise schon genannt und abgebildet. Die lässt wirklich keine Wünsche offen. Wobei ich persönlich - aber das sind wirklich nur Nuancen - Richter/Sanderling leicht vorziehe.


    Auf Yuja Wang, mit deren neuester CD dieser Thread eröffnet wurde, bin ich übrigens schon sehr gespannt. Sie spielt am 27. Januar 2012 in Hamburg das Klavierkonzert Nr. 3 von Rachmaninow in einem Konzert des Sinfonieorchesters des NDR, geleitet von Andrej Boreyko
    [http://www.ndr.de/orchester_ch…e/hamburg/boreyko103.html]

    „Ich bin geboostert. Den rechten Arm habe ich danach tagelang nicht mehr hochbekommen – für manchen Impfgegner in Sachsen eine Katastrophe.“

    (Dieter Nuhr)

  • Den Rach-Konzerten bekommt Schwaben-Power auch ganz gut! Bernd Glemser, der aus der Tuttlinger Gegend stammt, hat eine fulminante Einspielung hingelegt, die für mich durchaus an die Seite der hier bereits genannten Klassiker gehört. Gerade seine Version des d-moll-Konzerts überzeugt mich besonders - da fragt man sich, weshalb das Werk früher als unspielbar bezeichnet wurde und warum es als "Elefanten-Konzert" bezeichnet wurde.


    Meine besondere Empfehlung gilt dem 4. Konzert in g-moll, dessen sträfliche Vernachlässigung logisch nicht erklärbar ist.





    Cheers,


    Lavine :wink:

    “I think God, in creating man, somewhat overestimated his ability."
    Oscar Wilde

  • Viellecht ist es eine Hörgewohnheit, vielleicht auch meine persönliche Vorliebe für einen so versierten und vielseitigen Musiker, aber meine Lieblingsaufnahme ist diese hier:



    Das Klangbild ist mir einfach sehr vertraut, die CD hat mich durch schlechte Zeiten begleitet


    Die Aufnahme mit Yuya Wang kennen ich noch nicht; seit ich sie dieses Jahr live in Berlin bei Prokoffjews 3.Konzert gehört habe, bin ich aber zumindest skeptisch und wollte momentan nicht in diese Richtung investieren... ich bin gespannt auf die Meinungen.

    Lucius Travinius Potellus
    Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety. (B.Franklin)

  • Den Anfang des zweiten Konzerts würde ich nicht als "hammergleiche Schläge" bezeichnen (immerhin pianissimo), ganz eigen und markant ist er aber.


    Man kann aber auch leise und behutsam mit einem Hammer schlagen ;+) OK, Du hast ja Recht :D


    Das Konzert beginnt mit einem Akkord in pianissimo, für die folgenden Takte notiert der Komponist dann poco a poco cresc, also eine allmähliche Steigerung der Lautstärke bis zum zweifachen Forte. Spannend finde ich auch den Kontrast zwischen der Einleitung durch das Soloklavier, bei welcher der Soloist in der rechten Hand zunächst nur vollle, abwärtsschreitende Akkorde spielt, während in der linken Hand zu dem Akkord jeweils noch eine in den ersten sieben Takten identische Note tritt:


    [Blockierte Grafik: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/0f/Rachmcncno2.jpg]


    wie ein Pochen, das sich dann in Lautstärke und Intensität steigert, und dem Moment, wenn das Orchester einsetzt. Und gerade diese Einleitung gelingt Yuya Wang sehr gut, wie ich finde: die allmähliche Steigerung bis zum vollen forte.


    :wink: :wink:


    Christian

    Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

    Cato der Ältere

  • Für mich einer der stärksten Momente meines CD-Schranks; dieser Steigerung kann ich mich nicht entziehen.

    Lucius Travinius Potellus
    Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety. (B.Franklin)

  • Für mich einer der stärksten Momente meines CD-Schranks; dieser Steigerung kann ich mich nicht entziehen.


    Das geht mir genausso - dieser Auftakt entfaltet einen regelrechten Sog.


    :wink: :wink:


    Christian

    Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

    Cato der Ältere

  • William Kapell

    Einen "Knüller" in Bezug auf das Klavierkonzert Nr. 2 möchte ich dann doch noch erwähnen: William Kapell - einer der großartigsten Pianisten aller Zeiten, der mit dem Khatchaturian-Klavierkonzert (und Serge Koussevitzky als kongenialem Partner am Dirigentenpult) vielleicht die beste Klavierkonzert-Aufnahme der Geschichte vorgelegt hat - hat das Rachmaninow-Werk fulminant mit William Steinberg eingespielt

    Vor kurzem ist aber ein Live-Mitschnitt mit dem noch jungen Leonard Bernstein und den New Yorker Philharmonikern aus dem Jahr 1951 aufgetaucht

    der einfach nur noch sprachlos macht. Das ist ganz, ganz großes Kino, was hier stattfindet: Ungestüm und wild - ein Orkan weht über Dich hinweg :juhu: :juhu: :juhu: M.E. gegenüber der Kapell/Steinberg-Version vorzugswürdig. Oder aber man kauft sich einfach beide Kapell-Einspielungen :D


    Mit Kapells Lesart des Klavierkonzerts Nr. 3

    bin ich hingegen noch nicht so richtig warm geworden. Aber beim Klavierkonzert Nr. 2 kommt er für mich vom Begeisterungsfaktor her direkt nach Swjatoslaw Richter.

    „Ich bin geboostert. Den rechten Arm habe ich danach tagelang nicht mehr hochbekommen – für manchen Impfgegner in Sachsen eine Katastrophe.“

    (Dieter Nuhr)

  • Sergei Rachmaninoffs Klavierkonzerte lernte ich in den 1980er Jahren zuerst in den Ashkenazy/Haitink-Aufnahmen kennen:



    Diese Aufnahmen habe ich allerdings in Einzelausgaben und diese enthält dann auch noch die Paganini-Rhapsodie. Auch heute schätze ich diese Aufnahme immer noch, obwohl der Klang fast schon zu opulent ist und manche Details nicht so gut herauskommen wie das in anderen Aufnahmen der Fall ist.


    Eine recht gute Einzelaufnahme des dritten Klavierkonzerts habe ich mit dieser Aufnahme:


    [Blockierte Grafik: http://ecx.images-amazon.com/i…I/71cha4uirrL._AA300_.jpg
    http://www.amazon.com/Rachmani…F8&qid=1309842699&sr=1-12


    Der Vorzug dieser Aufnahme ist meiner Meinung das gute gemeinsame Musizieren von Solist und Orchester/Dirigent.


    In letzter Zeit greife ich bezüglich Rachmaninoffs Klavierkonzerten aber zunehmend zu den älteren Aufnahmen, die für mich in ihrer leidenschaftlichen Darstellung und der gleichzeitigen hohen technischen Perfektion für mich schlicht und einfach genial sind:



    (Aufnahmen von 1957)



    (Aufnahmen von 1961/62)



    (Aufnahmen von 1958/60)


    Und dann sind vor allem auch die brillianten Wild/Horenstein-Aufnahmen, die von 1965 - 1967 entstanden sind, zu empfehlen:


     


    Lionel

    "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)

  • Zitat

    Und dann sind vor allem auch die brillianten Wild/Horenstein-Aufnahmen, die von 1965 - 1967 entstanden sind, zu empfehlen:


    Lieber Lionel.
    die Wild- Aufnahmen sind auch, vor allem im Falle des ersten und vierten Konzertes sowie der Paganini-Rhapsody, meine Favoriten.


    Unglaublich ist es für mich, daß diese Gesamtaufnahme aller Konzerte und der Paganini-Rhapsody damals für Readers Digest- und da möchte ich Dich leider korrigieren- 1965 innerhalb von 2-3 Tagen im Mai entstanden ist.(1967 ist das Datum der Macdowell- Aufnahme, welche dem dritten Konzert beigegeben ist)
    Das war ein Schnellschuß eines Anbieters, der billig Aufnahmen für seine Mitglieder (halt Readers Digest) erstellt hat(der legendäre Charles Gerhardt war der Produzent),welche damals gar nicht für den öffentlichen Verkauf vorgesehen waren.


    Nicht mehr und nicht weniger.
    Aber mit Horenstein (der Rachmaninoff übrigens nichts abgewinnen konnte, es spricht für die immense Qualität dieses Dirigenten, daß er trotzdem einige nach wie vor gültige und maßstabsetzende Einspielungen von Werken Rachmaninoffs gemacht hat),dem fulminanten Earl Wild, dem tollen Royal P.O. sowie Tonmeister Kenneth Wilkinson und Gerhardt als Produzenten gelang damals eine Sternstunde.


    Ich denke mal: Im Durchschnitt ein Konzert pro Aufnahmesession a maximal 3 Stunden, wenn überhaupt.


    Da sind natürlich auch Fehler drauf (leider vor allem im 2.Konzert), welche zeitlich bedingt nicht mehr korrigiert werden konnten.


    Aber was für eine Leistung:


    Vor allem die Aufnahmen des 1. und 4. Konzertes sind meine absoluten Favoriten.
    Klanglich wie interpretatorisch.
    Zeitlos, wie erst gestern gemacht,ein Klavierklang zum Niederknien, eine der besten Klavieraufnahmen aller Zeiten!


    Immer noch, trotz großer Konkurrenz von Hochglanzproduktionen von z.B. Zimmerman.
    Und das vierte Konzert gefällt mir hier auch noch besser als die legendäre Michelangeli- Aufnahme.


    Kennengelernt habe ich das 1. sowie das 4. Konzert Mitte der 70er Jahre, als die Aufnahmen von Philippe Entremont unter Ormandy ständig im Rundfunk gesendet wurden.


    Und ja, auch diese Aufnahmen gehören nach wie vor zum besten, was diese Konzerte angeht!
    Es ist mittlerweile ziemlich still um diese CBS-Aufnahmen aus den 60ern geworden.


    Aber der junge Entremont war ein Gigant, er stand einem Byron Janis in nichts nach.
    Und seine Rachmaninoff-Aufnahmen sind nach wie vor allererste Sahne und nachdrücklich von mir zu empfehlen.


    :wink:


    Michael

  • Zitat

    Einen "Knüller" in Bezug auf das Klavierkonzert Nr. 2 möchte ich dann doch noch erwähnen: William Kapell - einer der großartigsten Pianisten aller Zeiten, der mit dem Khatchaturian-Klavierkonzert (und Serge Koussevitzky als kongenialem Partner am Dirigentenpult) vielleicht die beste Klavierkonzert-Aufnahme der Geschichte vorgelegt hat


    Hallo music lover,
    DAS unterschreibe ich mit 1000fachem Durchschlag!!
    :vv:
    Michael

  • RE: Sergei Rachmaninoff - die Klavierkonzerte


    ...
    Unter den neuen Aufnahmen möchte ich die Aufnahmen von Boris Berezowsky empfehlen, der auf zwei CD´s alle vier Konzerte eingespielt hat:


     
    ...


    Ich schätze die Aufnahmen von Berezovksy sehr ! Umso mehr freue ich mich darauf, dass er am 19. und 20. April 2012 das 3. und 4. Konzert an zwei Tagen hintereinander im Konzerthaus Dortmund spielen wird:


    http://www.konzerthaus-dortmun…tails.html?eventid=220259


    http://www.konzerthaus-dortmun…tails.html?eventid=220260


    Viele Grüße,


    Bernd

  • Ich höre Rachmaninows Klavierkonzerte, wie auch seine Sinfonien, die Opern, das Werk für Klavier solo, die Chorkompositionen - tatsächlich eigentlich alles - ausgesprochen gern, auch wenn es immer wieder Diskussionen um die "Qualität" seines Oeuvres geben mag. Tatsächlich hat mein sehr früher Kontakt mit dem zweiten Klavierkonzert meinen Hang zur spätestromantischen Musik maßgeblich beeiflusst.
    Meine erste Sammlung war die von Lionel bereits genannte Ashkenazy-Einspielung, die ich gerade wegen ihrer Opulenz immer noch gerne höre. Im Laufe der Zeit sind verschiedene andere hinzugekommen, von denen hier einige schon auftauchen, andere nicht.


    Beispielsweise höre ich recht gern die Rubinstein-Einspielung des zweiten Konzertes:



    Geben sich Ashkenazy/Previn der üppigen Klangmächtigkeit des Werkes voll hin, so spielen Rubinstein/Reiner am anderen Ende einer angenommenen Skala. Das Konzert hat eine ausgesprochen ungewohnte Leichtigkeit, der Kopfsatz wird verhältnismäßig straff musiziert, schon die ersten sieben Takte stehen nicht, sondern drängen dräuend nach vorn. Im Anschluss spielt Rubinstein ausgesprochen schwebend, quasi immer an der oberen Kante des Tons, die Schwerblütigkeit umgehend, die man dem Komponisten ja bisweilen vorwirft. Im Grunde spielt er - und jetzt scheue ich mich nicht ein vermeintliches Rubinstein-Cliché zu bedienen - das Werk durch und durch chopinesk und ordnet es somit deutlich in die Tradition ein.


    Eine andere Aufnahme, die ich gerne höre - auch wenn's Herbie ist - ist Weissenberg/Karajan, egal, ob man hier nun den Stab über mich bricht oder nicht.



    Dabei sind es nicht so sehr die Ecksätze, die mich faszinieren - obgleich das sehr intensiv, glutvoll und üppig gemacht ist. Sicher, man kann dem alten Klangmagier auch hier vorwerfen, er produziere Breitwandklang in bestem Technicolor. Das finde ich persönlich hier allerdings um ein Vielfaches weniger kritisch als an anderen Stellen, da für mich Rachmaninows Musik diese Dimension durchaus aufweist. Was mich aber immer wieder vom Stuhl haut, ist die Wiedergabe des zweiten Satzes. Was HvK und Weissenberg hier produzieren, ist in meinen Ohren außergewöhnlich. Hier herrscht ein Schwebezustand, eine zeitentrückte Überweltlichkeit, wie ich sie bisher nicht gehört habe. Es ist, als befinde man sich in einem Raum des ewigen Musizierens. Weissenbergs hier in der Tat kühler Ton ist der Dreh- und Angelpunkt dieses Effektes. Im Grunde ist das, was hier abläuft, ein Oxymoron in Tönen, das dem Satz durchaus etwas Unnahbares gibt, quasi die kühle Erotik einer Marmorstatue im Mondlicht. Ehe ich jedoch für völlig verrückt erklärt werde, denke ich jetzt nicht in diese Richtung weiter, sondern gebe zu: Ob eine solche Unnahbarkeit in Rachmaninows Sinne gewesen wäre, ist mitunter fraglich. Aber lässt man sich darauf ein, so hört sich das schlicht irre an.


    Mit dem dritten Klavierkonzert höre ich sehr gerne Horowitz/Ormandy.



    Es ist dennoch ein Dokument, das die außergewöhnliche Gestaltungsfähigkeit Horowitz' dokumentiert und die Ton für Ton von Leidenschaft und Feuer durchdrungen ist. So möchte ich mit 75 Jahren auch noch empfinden können. :D


    Gern höre ich auch die Darstellungen der Konzerte durch Vásáry/Ahronovich, die leider etwas im Schatten der viele, vielen anderen GAs steht. Vásáry hat einen schönen Ton, liefert eine solide, wenn nicht inspirierte Darstellung ohne große Manierismen und ohne pianistischen Schnickschnack. Ich empfinde besonders das zweite Klavierkonzert als ausgesprochen gelungen.



    Eine Aufnahme, die mich interessiert, die ich aber nie gehört, geschweige denn gekauft habe, stammt aus DDR-Zeiten:



    Kann jemand etwas zu ihr beisteuern?


    :wink: Agravain

  • Kann jemand etwas zu ihr beisteuern?

    Diese Aufnahmen kenne ich nicht, aber ausnahmslos alles, was ich von Peter Rösel gehört habe, ob live oder auf CD, war hölzern, unflexibel, unsinnlich. Ein Bekannter von mir zählt es zu den großen Errungenschaften der Revolution von 1989, dass er solche Staatskünstler nicht mehr hören muss. Auch wenn ich im Westen aufgewachsen bin: Ich kann ihn verstehen.


    Viele Grüße,


    Christian

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Sagen wir so: Wenn man die Rachmaninow-Konzerte als Prüfstein für Dirigenten betrachtet, sind die Sanderling-Aufnahmen recht gut. Schade, daß immer einer dazu auf die Klaviertasten haut....
    Mir sind von den neueren Aufnahmen die mit Berezovski eigentlich am liebsten und von den älteren geht mir nichts über Wild/Horenstein. Ich wußte gar nicht, daß Horenstein die Werke nicht mochte. Seine Lesart ist doch sehr genau, und ich mag es auch, daß sein Pathos relativ herb klingt und nicht so sehr nach post-tschaikowskischer Tränendrüse.
    :wink:

    Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)

  • Herzlicher Dank an Caesar73 und alle bisherigen Schreiberinnen und Schreiber für alle Impulse.


    Ich steige mit dem Klavierkonzert Nr. 1 ein.



    Für mich ist dieses Werk, mit dem ich mich bisher noch nicht (bzw. zumindest ewig lang nicht mehr, so lange, dass ich es völlig neu entdecken durfte) befasst habe, das kräftige Ausrufezeichen eines jungen, ambitionierten Komponisten und Pianisten. Zur Verfügung steht mir die im Dezember 1997 in der Symphony Hall in Boston aufgenommene Einspielung mit Krystian Zimerman und dem Boston Symphony Orchestra unter der Leitung von Seiji Ozawa (DGG CD 459 643-2, zusammen mit dem im Jahr 2000 aufgenommenen 2. Klavierkonzert erst 2003 veröffentlicht), auf die ich sehr neugierig wurde, weil mir die Liszt-Aufnahmen in dieser Besetzung atemberaubend gut gefallen. Hat man so wie der Schreiber allerdings die Konzerte 2 und 3 oft gehört und verinnerlicht und bedenkt man, was es alles in der Musikgeschichte noch zu hören und zu entdecken gibt, freut man sich über diese eine Aufnahme die man hat, wird vielleicht auch öfter hineinhören (vor allem in den zweiten Satz!), aber das Werk bleibt nicht bei den „Unbedingt-Werken“. Mich lockt hier wie ich ehrlich gestehen muss auch kein Interpretationsvergleich. Der eröffnende „Absturz“ der Introduktion des ersten Satzes lässt mich an Schumann und noch viel mehr an Grieg denken, hier kommt er (zumal dank Zimermans Zugriff) aber viel energischer. Die breite Geigenkantilene, die das Klavier dann übernimmt, zeugt schon von echtem großem melodiösem Talent des jungen Komponisten. Zimerman sorgt mit leidenschaftlich-feurigem, dann aber auch bedeutungsschwer-vertieftem Spiel dafür, dass die Spannung des Ablaufs stets gewahrt bleibt, voll kämpferischer Unbedingtheit. Markant sind etwa Passagen in diesem ersten Satz, wo sich das Orchester aufschwingt und der Pianist darin „planscht“. Der zweite Satz nimmt mich schnell gefangen, als selbst gerne Klavier spielender Möchtegernkünstler überhaupt. Wie eine weit ausschwingende improvisierte Träumerei entwirft Zimerman, wie aus dem Augenblick heraus genial gleichzeitig suchend und wissend spielend (anders kann ich diese Gratwanderung nicht beschreiben) die ersten paar Minuten dieses Satzes. Dieser „Monolog“ inspiriert mich, mir bald die Noten zu kaufen und aus der Vorlage heraus die Musik weiter zu spinnen, quasi den Traum ohne Orchester anders weiter zu träumen. Auch im dritten Satz, der in sich auch deutlich dreiteilig angelegt ist (wieder schnell – langsam – schnell), fesselt mich Zimermans interpretatorischer Ansatz, der ein immens hohes selbstkritisches Verantwortungsgefühl der Vorlage gegenüber mit größtmöglicher leidenschaftlicher Musikalität verbindet. Mir imponiert dieser stets durchhörbare und für mich vehement spürbare Wunsch nach größtmöglicher Authentizität, die Bereitschaft, an die Grenze zu gehen, um künstlerisch das intensivst Mögliche zu erreichen, spirituell wie technisch, ungemein.


    Ich werde versuchen, in den nächsten Tagen die persönlichen Höreindrücke eines Hörvergleichs des 2. Klavierkonzerts Rachmaninow/Graffman/Zimerman/Wang aufzuschreiben.

    Herzliche Grüße
    AlexanderK

  • AUF EINEM SPIEGELGLATTEN SEE


    Eine persönliche Sicht auf vier Aufnahmen von Sergej Rachmaninows Konzert für Klavier und Orchester c-Moll op. 18


    Dieser sich steigernden Akkordfolge des Beginns kann auch mich nicht entziehen, und schon bin ich mittendrin, tauche ich ein in diese große spätromantische Klavierkonzertwelt, aus der sich das Klavier mit pianistisch ergiebigen Soloaufschwüngen immer wieder genial herausschält – hier kann man pianistisch mit Herzblut, dabei romantisch ausschwingend oder unterkühlt, offenbaren, was man sagen möchte. Will eine Marschpassage des ersten Satzes besonders gewichtig genommen werden? Unvergleichlich inspiriert der zweite Satz, die so herrlich zwischen Geheimnis und Schlager assoziierbaren Zerlegungen des Klaviers, die sanfte Melodie, der intensivere Mittelteil, in einer Kadenz mündend. Ein spritziges Wechselspiel zwischen Klavier und Orchester das Finale, und wieder diese schönen romantischen Melodiebögen, in die man so gerne eintaucht. Die Introduktion, die großen melodischen Einfälle, der inspirierte zweite Satz als Ganzes – das alles lässt mich dieses Werk lieben und immer wieder gerne hören.


    Eine Einspielung mit dem Komponisten als Solisten entstand am 10. und 13.4.1929, mit dem Philadelphia Orchestra unter der Leitung von Leopold Stokowski. Die Ergänzungsbox des „Klavier Kaiser“ (Süddeutsche Zeitung 2008, Cover einer anderen Kopplung siehe weiter oben) berücksichtigt bei der Präsentation des Pianisten unter anderem die Aufnahme. Meine Erwartungshaltung besteht aus dem Wissen um absolute Authentizität und höchste pianistische Meisterschaft sowie aus großer Neugier auf die Detailzeichnung des Komponisten bei seinem eigenen Werk. Dem ganz tiefen F folgen ja jeweils große Akkorde in der berühmten Anfangssteigerung. Rachmaninow setzt das Baß-F dieser Akkorde jeweils als Vorschlag an, wodurch sich fast ein jazzoid schwingender Effekt einstellt. Das ist allerdings keineswegs der Auftakt einer exzentrischen halben Klavierkonzertstunde. Der Komponist spielt sein Werk kühl und brillant, souverän, allem Süßlichen konsequent ausweichend, gelegentlich allerdings das ganz große Geheimnis großer Interpretationskunst wie selbstverständlich voll ausspielend, im pianistisch Vollen wie im geheimnisvoll Lyrischen, aus einer seltsamen „Gleichgültigkeit“ des Gesamtkomplexes heraus. In allen drei Sätzen sagt er mir akustisch: Hier habe ich keineswegs Vorlagen für kitschige Hollywood-Filme komponiert, es geht mir um ernsthafte Klavierkonzertkunst. Der historisch bedingte Mono-Mischklang sorgt für eine zusätzliche akustische Trockenheit. Ich respektiere und bewundere die Leistung, aber diese Aufnahme werde ich, verwöhnt vom Stereozeitalter und wissend um viele Alternativen, nicht viel öfter hören. Es war aber wichtig, sie zumindest einmal bewusst gehört zu haben.


    Wenn nach den Klavierakkorden ein Orchester den Hörer in Stereo in das Klangbild des Werks eintauchen lässt, zumal so üppig und leidenschaftlich wie es Leonard Bernstein und die New Yorker Philharmoniker im Manhattan Center in New York City am 26.5.1964 (CD Sony Bernstein Century SMK 89568) auskosten, bedauert man es eigentlich, dass Rachmaninows eigene Aufnahme vor dem Stereozeitalter entstand. Solist Gary Graffman spielt die Akkorde des Beginns genauso wie der Komponist mit F-Vorschlägen. Er überlässt Bernstein nobel die Führung, taucht mit ein in die großen Melodiebögen, vielfach das Klavier mehr wie ein obligates Orchesterinstrument einsetzend, in den solistischen Passagen auch weniger auftrumpfend als es möglich wäre. Da steckt viel Poesie drin – der eher unterkühlt ergänzende Pianist und das ausschwingende Orchester.



    Die große pianistische Entfaltung bietet mir die dritte zur Verfügung stehende Aufnahme. Krystian Zimerman nahm zusammen mit Seiji Ozawa und dem Boston Symphony Orchestra das 1. Klavierkonzert von Rachmaninow 1997 und das 2. Konzert in der Symphony Hall von Boston im Dezember 2000 auf (CD DGG 459 643-2, Cover siehe weiter oben), aber dem eigenen Mythos gerecht zu werden, einer der größten und aussagestärksten sowie musikalischsten und poetischsten Pianisten der Gegenwart zu sein und die Erwartungen zu erfüllen, erlaubte ihm erst eine Veröffentlichung im Jahr 2003. Es geht ihm darum, ausgehend von pianistischer Perfektion, die immer im Sinne der Musik eingesetzt werden soll, nie zum äußerlichen Selbstzweck, beseelt und verinnerlicht die Musik nicht zu spielen, sondern sie zu leben. Zimermans Interpretation wirkt auf mich gleichzeitig ungemein persönlichkeitsstark und demütig. Er gibt wirklich alles, drängt sich dabei aber nie vor das Werk. Immer hört man sie, die Musik, nicht ihn, den Interpreten. In dieser Aufnahme fühle ich mich fast ganz zu Hause. Es ist alles da, auch der wunderbare gemeinsame Atem mit dem Orchester wird schön spürbar – im Gegensatz zu Graffman und Bernstein „führt“ hier allerdings eindeutig der Pianist, immer unter den oben geschilderten Gesichtspunkten, für das Werk, nicht um der eigenen Zurschaustellung willen. Die Akkorde des Beginns meißelt Zimerman wie in Stein gehauene Statuen ins Klavier – also doch ein großes Ich? Wohl eher das eminente Ausrufezeichen eines Werkbeginns, den jeder kennt und den man doch als Beginn einer Neuaufnahme bitte wahrnehmen möge, und außerdem gibt es Gewichtiges zu sagen. Einziger Wermutstropfen bleibt die technische Aufbereitung, das Klavier allzu deutlich akustisch in den Vordergrund zu rücken und Ozawa und seine Bostoner zurückzudrängen. Das führt bei vielen Passagen zu einem Ungleichgewicht der Balance. Alles in allem: leidenschaftlicher und beseelter kann ich mir nach dieser Aufnahme gar nicht mehr vorstellen, dieses Werk hören zu wollen.


    Ausgangspunkt meines Hörvergleichs war die Neuaufnahme des Werks mit einem der neuen DGG-Shootingstars Yuja Wang (deren Aufnahme der h-Moll Sonate von Liszt für mich die Meßlatte für alle ihren weiteren Aufnahmen fast unerreichbar hoch legt), zusammen mit Claudio Abbado und dem Mahler Chamber Orchestra, live entstanden im Teatro Communale di Ferrara im April 2010 (CD DGG 477 9308, Cover siehe ganz oben). Yuja Wang, hat man noch Zimerman im Ohr, „kommt zur Sache“, sie steigt selbstbewusst und direkt ein, ohne Umschweife, los geht´s, Akkorde stringent ins Geschehen steigern und rein ins Klangbad des herrlich volltönenden Orchesters. Abbado kostet wie Bernstein die große Romantik aus, und noch deutlicher als bei Zimerman und Ozawa besticht hier der gemeinsame Atem. Man hört geradezu, wie genau Yuja Wang aufpasst, wann Abbado wie ansetzt, es wurde sicher auch minutiös geprobt, aber im Konzert soll es ein gemeinsam erfühlter Gleichklang sein, und es gelingt, immer wieder gelingt es wunderschön. Yuja Wangs Gesamtansatz ist dabei auch eher kühl, sie verfügt über eine Souveränität, die ihr das mühelos gestattet – eine vielfach glatt wirkende, sehr transparente Interpretation, die ungemein spannend mit Abbados vollblütigem Klangluxus konterkariert erscheint. Bei Zimerman wirkt die Innenspannung im Vergleich dazu viel fordernder, Zimerman spielt reifer, dabei brüchiger und exaltierter. Yuja Wang und Claudio Abbado streben so wie ich es höre dagegen eine vollkommene Harmonisierung an.


    Genialer Höhepunkt aller vier Aufnahmen ist für mich der zweite Satz dieser letzten Aufnahme: Wie auf einem spiegelglatten See hingezaubert, aus gleichförmiger „Kälte“ der Zerlegungen wird da eine Magie gewonnen, die ich gar nicht beschreiben will. Das ist für mich der Zauber großer Musik in großer Interpretation und einmal mehr der Beweis, dass es richtig ist, all die großen Werke immer wieder neu anzubieten, ob im Konzert oder auf Tonträgern – solange sich solche Sternstunden dabei ergeben.


    Demnächst Gedanken zu einigen Aufnahmen des "Elefantenkonzerts"...

    Herzliche Grüße
    AlexanderK

  • Eine Einspielung mit dem Komponisten als Solisten entstand am 10. und 13.4.1929, mit dem Philadelphia Orchestra unter der Leitung von Leopold Stokowski (...) Meine Erwartungshaltung besteht aus dem Wissen um absolute Authentizität und höchste pianistische Meisterschaft sowie aus großer Neugier auf die Detailzeichnung des Komponisten bei seinem eigenen Werk.


    Dieselben Beteiligten - also Rachmaninow, das Philadelphia Orchestra und Leopold Stokowski - hatten das zweite Klavierkonzert bereits früher einmal eingespielt, nämlich am 3. Januar und 22. Dezember 1924 (!). Eigenaufnahmen der 4 Klavierkonzerte mit dem Komponisten am Klavier gibt es insgesamt 5 (allesamt mit dem Philadelphia Orchestra):


    Klavierkonzert Nr. 1
    - Sergej Rachmaninow/Philadelphia Orch./Eugene Ormandy (rec. 1939/40)


    Klavierkonzert Nr. 2
    - Sergej Rachmaninow/Philadelphia Orch./Leopold Stokowski (rec. 1924)
    - Sergej Rachmaninow/Philadelphia Orch./Leopold Stokowski (rec. 1929)


    Klavierkonzert Nr. 3
    - Sergej Rachmaninow/Philadelphia Orch./Eugene Ormandy (rec. 1939/40)


    Klavierkonzert Nr. 4
    - Sergej Rachmaninow/Philadelphia Orch./Eugene Ormandy (rec. 1941)


    Nicht nur der Tod Rachmaninows am 28. März 1943 verhinderte spätere Eigenaufnahmen in besserer Tonqualität, sondern auch seine ausdrücklich erklärte Meinung, dass Vladimir Horowitz und Walter Gieseking absolut gültige Interpretationen der Klavierkonzerte Nr. 2 und 3 (Gieseking) bzw. Nr. 3 (Horowitz) vorgelegt haben. Wenn von wirklich authentischen Interpretationen gesprochen wird, sollten also zumindest jene Aufnahmen von Horowitz und Gieseking einbezogen werden, die zu Lebzeiten Rachmaninows entstanden sind und deren Interpretation von ihm für "würdig" befunden wurde:


    Klavierkonzert Nr. 2
    - Walter Gieseking/Concertgebouworkest Amsterdam/Willem Mengelberg (rec. 1940)


    Klavierkonzert Nr. 3
    - Vladimir Horowitz/London Symphony Orch./Albert Coates (rec. 1930)
    - Walter Gieseking/Philharmonia Symphony Orch./Sir John Barbirolli (rec. 1939)
    - Walter Gieseking/Concertgebouworkest Amsterdam/Willem Mengelberg (rec. 1940)


    Diesem Kanon von "eigenhändigen" und "abgesegneten" Aufnahmen der Jahre 1924 bis 1940 jene Aufnahmen vergleichend gegenüberzustellen, die in der Zeit nach Rachmaninows Tod entstanden sind, ist eine spannende Sache. Ich habe Deinen diesbezüglichen Vergleich mit großem Interesse gelesen, lieber Alexander, und freue mich auf die Fortsetzung mit dem Klavierkonzert Nr. 3.


    Zu den oben genannten Aufnahmen des Klavierkonzerts Nr. 3 ist vielleicht noch anzumerken, dass Rachmaninow und Horowitz Striche gemacht haben, also jeweils gekürzte Fassungen spielten. Gieseking spielte das Werk ungekürzt. Er spielte im 1. Satz auch die längere Alternativfassung der Kadenz, während Rachmaninow und Horowitz auf die kürzere Fassung zurückgriffen.

    „Ich bin geboostert. Den rechten Arm habe ich danach tagelang nicht mehr hochbekommen – für manchen Impfgegner in Sachsen eine Katastrophe.“

    (Dieter Nuhr)

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