Carlos Kleiber - der Welt abhanden gekommen?

  • Um den gerade hier beschriebenen schalen Beigeschmack im Zusammenhang mit Carlos Kleiber zu verlieren reicht wohl dieses Filmportrait (Traces to nowhere) allein nicht immer aus. Wer ihn einmal, oder vielleicht sogar mehrmals, live erlebt hat, vielleicht sogar in der Fledermaus mit Otto Schenk, der bekommt seine Aura ziemlich hautnah zu spüren. Kleibers überschäumendes Glück nach einer gelungen Aufführung - und welche von ihm war nicht gelungen - sprang sehr schnell über auf die Zuhörer. Sicher produzierte er auch immer wieder Ärger, gerade in München, wenn er wieder einmal absagte oder sich als Lohn für ein Dirigat von Audi eine Luxuslimousine erbat. Er kannte seinen Stellenwert ziemlich genau, wie weit er diesen zu seinem Vorteil nutzte sei dahingestellt. Als Dirigent bleibt er jedenfalls ziemlich unumstritten und für mich ganz ohne schalen Beigeschmack. ;+)

  • Tjaja.


    Das Problem der Einforderbarkeit von Spitzenleistungen wurde kürzlich ja auch an anderer Stelle in diesem Forum diskutiert.


    Es ist schon seltsam: Da hat bzw. hatte man einen Dirigenten, der imstande war, Aufführungen mit einem extrem hohen gefühlten Perfektions- und Erfüllungsgrad zu liefern, wie er selbst den renommiertesten Dirigenten vielleicht ein Leben lang nicht glückt, und dann verlangt man, dass diese Ausnahmemenschen, diese exzeptionellen Naturen sich in allen anderen Dingen des Lebens absolut durchschnittlich und erwartungskonform verhalten.


    Also bitte bei der Aufführung hochgenial sein, aber ansonsten nine to five mit drei Mahlzeiten am Tag und einmal Urlaub im Jahr.


    Seltsamer Widerspruch.


    Gruß
    MB


    :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe


  • Durchaus zugespitzt auf den Punkt gebracht. Chapeau! Hier ist nix zu ergänzen... Vielleicht... Wie sehr musste der Maestro um die Qualität seiner Aufführungen ringen. Andere haben das in "mangelhaften Repertoire-Umfang"
    uminterpretiert.


    :wink:

    "You speak treason" - "Fluently"
    "You've come to Nottingham once too often!" - "When this is over my friend, there'll be no need for me to come again!"

  • "https://www.youtube.com/watch?v=7Pn06gCMPdM"


    Fledermaus Ouvertüre, live in Tokyo 1986, Bayerisches Staatsorchester. Gibt´s glaube ich nicht auf Kauf DVD.

    Herzliche Grüße
    AlexanderK

  • Wundervolles Dokument ! Danke für den link .

    Good taste is timeless / "Ach, ewig währt so lang " "Not really now not anymore" "But I am good. What the hell has gone wrong?"

  • Fledermaus Ouvertüre, live in Tokyo 1986, Bayerisches Staatsorchester. Gibt´s glaube ich nicht auf Kauf DVD.


    Eine DVD-Veröffentlichung der Tokioter Veranstaltung vom 19.05.1986 (vom japanischen Fernsehen live übertragen), Beethoven 4, 7, Zugaben - Fledermausouvertüre, Blitz und Donner - ist wohl in der Tat nicht erfolgt. Allerdings kursieren diverse CD-Mitschnitte des Programms auf dem Markt.


    http://www.thrsw.com/ckdisc/1986/05/


    Mehr zu Carlos Kleiber im Film:


    http://www.carlos-kleiber.de/z…afie/kleiber-im-film.html

  • Ich frage mich ja oft, wie man an diese Mitschnitte kommt. Es ist klar, dass das mal nicht eben beim Dussmann über den Ladentisch geht, aber zu irgendeinem Zeitpunkt muss da ja käuflich zu erwerben gewesen sein. Und zwar in irgendeiner legalen Form sprich Plattform (Geschäft o.ä.)

    Wenn ich F10 auf meinem Computer drücke, schweigt er. Wie passend...

  • Es gibt nicht gerade wenige Veröffentlichungen, die "lokal" begrenzt sind: weil das Ensemble nur in einer Region zu finden ist und aus ihren Büro heraus verkauft, oder weil eine Zeitschrift eine Auflage nur für ihre Kunden/Abonnenten erstellt hat. Diese Veröffentlichungen haben sehr häufig keine EAN und tauchen im normalen Handel selten bis gar nicht auf.


    Dann kommt noch hinzu, daß es Labels gibt, die eigentlich nicht weltweit operieren.


    Wenn besondere Aufnahmen nur in solchen Ausgaben zu finden sind, bleiben sie halt eher selten - und kostbar, je nach Ansicht.



    jd :wink:

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    jd

  • Echt jetzt??? Also wirklich wirklich? 8| 8| 8|


    Glaube mir, mit "Kante" gibt es da überhaupt kein Problem. Ich empfehle dringenst (!) das Anhören der Sinfonien Nr. 5 und Nr. 7. Die forte-Stelle zu Beginn des schnellen Teils im ersten Satz von Nr. 7 klingt bei Kleiber wie der Krieg der Welten. Das habe ich ähnlich heftig bisher nur bei Antonini gehört.

    Gerade C Kleiber 7. Beethoven Sinfonie angehört. Da hab ich ja in der Tat was verpasst . Der rechten Hand kann gar nichts fehlen. :verbeugung1:
    Schon das Sostenuto sagt alles: Es kommt jetzt kein eitel Sonnenschein. Hier finde ich meine ersehnte „Beethoven Kante“. Die gesamte sostenuto Einleitung hat „Kante“ und das folgende Vivace ist einfach so intelligent und künstlerisch perfekt, dass seine rechte Hand wohl selbst für Beethoven alles hat, was sie braucht. Ein herrlicher erster Satz. Selbst bei den lieblichen Holzsoli im Vivace sprechen die Streicher ihre Warnung darunter und daneben weiterhin aus. Die Pauke am Ende der Exposition (besonders beim ersten Mal) wirft einen dann ganz um. Die gesamte Sinfonie besitzt eine rhythmische Diszliplin, Spannkraft und Präzision, von vorne bis hinten durch alle Sätze, die mich auf der Stuhlkante hält. Auch alle Tempi sind für mich perfekt. Ich glaube es gibt kaum Temposchwankungen oder Rubati (kann es sein , dass es nur eine einzige kleine Verlangsamung gibt? - muss ich nochmal daraufhin anhören) - es geht streng durch, ohne dass man musikalisch etwas vermisst . Im Gegenteil: Kleiber lässt die Komposition in dieser Beziehung für sich selber sprechen !
    Nur eine kleine Kritik: Da Kleiber schon im 1. und dann wieder im 3. Satz alles an Wildheit und Ungestüm gegeben hat, hat er dann für den letzten Satz keine Steigerung mehr drin. It is just more of the same. Aber ich habe lieber 2 wirklich für mich ideal realisierte Sätze vorher und lass den letzten nur vorbeirauschen (aber vielleicht ist gerade das die Intention Kleibers), denn der ist für mich musikalisch nicht so interessant.

  • Gerade C Kleiber 7. Beethoven Sinfonie angehört. Da hab ich ja in der Tat was verpasst . Der rechten Hand kann gar nichts fehlen. :verbeugung1:
    Schon das Sostenuto sagt alles: Es kommt jetzt kein eitel Sonnenschein. Hier finde ich meine ersehnte „Beethoven Kante“. Die gesamte sostenuto Einleitung hat „Kante“ und das folgende Vivace ist einfach so intelligent und künstlerisch perfekt, dass seine rechte Hand wohl selbst für Beethoven alles hat, was sie braucht. Ein herrlicher erster Satz. Selbst bei den lieblichen Holzsoli im Vivace sprechen die Streicher ihre Warnung darunter und daneben weiterhin aus. Die Pauke am Ende der Exposition (besonders beim ersten Mal) wirft einen dann ganz um. Die gesamte Sinfonie besitzt eine rhythmische Diszliplin, Spannkraft und Präzision, von vorne bis hinten durch alle Sätze, die mich auf der Stuhlkante hält. Auch alle Tempi sind für mich perfekt. Ich glaube es gibt kaum Temposchwankungen oder Rubati (kann es sein , dass es nur eine einzige kleine Verlangsamung gibt? - muss ich nochmal daraufhin anhören) - es geht streng durch, ohne dass man musikalisch etwas vermisst . Im Gegenteil: Kleiber lässt die Komposition in dieser Beziehung für sich selber sprechen !
    Nur eine kleine Kritik: Da Kleiber schon im 1. und dann wieder im 3. Satz alles an Wildheit und Ungestüm gegeben hat, hat er dann für den letzten Satz keine Steigerung mehr drin. It is just more of the same. Aber ich habe lieber 2 wirklich für mich ideal realisierte Sätze vorher und lass den letzten nur vorbeirauschen (aber vielleicht ist gerade das die Intention Kleibers), denn der ist für mich musikalisch nicht so interessant.


    Es freut mich, dass Dir Kleibers Darbietung gefällt. Für mich ist das eine der Klassik-Aufnahmen für die vielzitierte "einsame Insel". Ich möchte auch den zweiten Satz hervorheben, der bei Kleiber so packend gelingt wie bei wenig anderen Dirigenten. Er gestaltet die Steigerungen hier so dosiert und platziert, dass es einen umhaut. Neulich lief im Radio eine Aufnahme der Siebten, die zwar sehr ordentlich war, aber verglichen mit Kleiber so wenig packend und existenziell, das sie irgendwie belanglos wirkte. Das hatte Auswirkungen: ich habe tatsächlich vergessen, wer der am Ende genannte Dirigent dieser ordentlichen Kapellmeister-Leistung gewesen ist... :versteck1:


    LG :wink:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

  • Für mich ist das eine der Klassik-Aufnahmen für die vielzitierte "einsame Insel".

    ja, das könnte sie bei mir auch werden.

    ch möchte auch den zweiten Satz hervorheben,

    wirklich ausserordentlich; dazu wollte ich getrennt nochmal was sagen.....ich höre ihn mir aber erst noch mehrmals an.

    ich habe tatsächlich vergessen, wer der am Ende genannte Dirigent dieser ordentlichen Kapellmeister-Leistung gewesen ist...

    :D


    Danke für die Anregung !
    :wink:

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