Gekürzte Opern – Das letzte Sakrileg?

  • Gekürzte Opern – Das letzte Sakrileg?

    Liebe Cappriciosi,


    es ist ein merkwürdiges Phänomen: im Sprechtheater werden ausladende Monumentalstücke klassischer Autoren von Schiller bis Shakespeare je nach Gutdünken der Regisseure/Dramaturgen für die Aufführung in der Regel drastisch gekürzt. Mitunter wird nur ein Drittel des Originaltextes auf der Bühne geboten, von Umstellungen, Einfügungen fremder Textpassagen etc. ganz zu schweigen. Das ist, soweit ich sehe, allgemein geübte und anerkannte Praxis. (Wenn sich doch mal ein Regisseur wie Peter Stein daranwagt, den gesamten "Faust" ohne jegliche Striche aufzuführen, wird das als verstiegener Kraftakt bestaunt.)


    Wie anders in der Oper! Hier ist es mittlerweile so, dass jede Note und jedes Wiederholungszeichen des Komponisten als unantastbar gilt. Der Regisseur mag sich bei der Inszenierung austoben wie er will, aber das Werk kommt stets in voller Länge auf die Bühne, da werden keine Eingriffe geduldet. (Diese Haltung hat sich übrigens erst in den letzten Jahrzehnten durchgesetzt, noch in den 60er Jahren hatte man da durchaus weniger Skrupel.) Die Folge ist natürlich, dass Opernaufführungen in der Regel mindestens drei Stunden dauern, meistens dreieinhalb, nicht selten gar vier Stunden oder mehr und dann das Publikum nicht minder erschöpft zurücklassen als die Sänger und Musiker.


    Wie lässt sich diese Diskrepanz erklären? Ist eine Opernpartitur "heiliger" als ein Dramentext? Und noch ketzerischer gefragt: Würden nicht mancher Oper ein paar wohlüberlegte Striche vielleicht sogar ganz gut tun? Auf Anhieb fielen mir da gleich ein paar Kandidaten ein... :D Ich bin mir sicher, dass auch engagierte Opernbesucher sich ab und zu mal heimlich nach einer Vorlauftaste sehnen (die man ja zu Hause beim Operngenuss auf CD oder DVD ungestraft benutzen kann :P )


    Bevor ich jetzt aber wirklich Prügel beziehe: Natürlich plädiere ich nicht dafür, alle Opern auf zwei Stunden zusammenzustreichen. Mich interessieren vor allem die Gründe für die unterschiedliche Aufführungspraxis zwischen Sprech- und Musiktheater. Wie seht ihr das?

  • Hallo,
    ich kann dazu nur beitragen, daß es so gut wie keine Oper gibt, welche ich gespielt habe, in welcher nicht irgendwo ein Sprung oder eine gestrichene Stelle drin ist.
    Das ist völlig normal und immer noch gang und gäbe und von vielen Komponisten auch vorgesehen.


    Es ist mir völlig unbekannt, daß in den letzten Jahrzehnten Opern grundsätzlich ohne Striche aufgeführt werden, deshalb kann ich auch gar nichts zum Vergleich Oper-Schauspiel beitragen.


    Zitat

    Wie anders in der Oper! Hier ist es mittlerweile so, dass jede Note und jedes Wiederholungszeichen des Komponisten als unantastbar gilt.


    Mir unbekannt.


    :angel:


    Michael

  • Bei Haydn-Opern wird durchaus gestrichen, teilweise sogar umgestellt. Haydn hat das in seiner Zeit als Regisseur auch so gemacht.


    Wenn das Endergebnis in sich stimmig ist, habe ich damit kein Problem. Heutzutage hat man ja einen CD-Spieler, mit dem man bei Bedarf jederzeit das "Original" anhören kann.


    Schwieriger wird's natürlich bei späteren Komponisten, deren Werke detaillierter auskomponiert wurden. Vielleicht sollte man sich mal den Spaß erlauben, den Parsifal auf 2 Stunden zu kürzen. Allein der darauffolgende Skandal wäre die Sache wert. :D



    Thomas Deck

  • Lieber Thomas,
    ich bin ein Fan von Strichen! Nicht bei Wagner ab "Tristan", weil sie da wirklich in die musikalische Substanz eingreifen; ich wäre auch nicht unbedingt für Striche in strukturell genau durchorganisierten Opern. Aber ich bin sehr dafür, etwa Verdis "Otello" um ein paar Noten im zweiten Akt und im "Weidenlied" zu erleichtern und auch manch barockes Megaspektakel wohltuend zu konzentrieren. Von den frühen Mozart-Opern gar nicht zu reden. Daß meiner Meinung nach außerdem "Rigoletto" und "Trovatore" so gekürzt gehören, daß man sie an einem Zweistunden-Abend hintereinander aufführen kann, ist eine alte Forderung von mir. Wie ich ja auch eine entsprechende Bearbeitung von "Bohème" und "Butterfly" angeregt habe, um sie dann eventuell mit einem (ungekürzten) "Gianni Schicchi" kombinieren zu können.
    :wink:

    Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)

  • Lieber Thomas,
    ich bin ein Fan von Strichen! Nicht bei Wagner ab "Tristan", weil sie da wirklich in die musikalische Substanz eingreifen; ich wäre auch nicht unbedingt für Striche in strukturell genau durchorganisierten Opern. Aber ich bin sehr dafür, etwa Verdis "Otello" um ein paar Noten im zweiten Akt und im "Weidenlied" zu erleichtern und auch manch barockes Megaspektakel wohltuend zu konzentrieren. Von den frühen Mozart-Opern gar nicht zu reden. Daß meiner Meinung nach außerdem "Rigoletto" und "Trovatore" so gekürzt gehören, daß man sie an einem Zweistunden-Abend hintereinander aufführen kann, ist eine alte Forderung von mir. Wie ich ja auch eine entsprechende Bearbeitung von "Bohème" und "Butterfly" angeregt habe, um sie dann eventuell mit einem (ungekürzten) "Gianni Schicchi" kombinieren zu können.
    :wink:

    Nun ja, im vorletzten Jahrhundert war es ja gang und gäbe, dass man, wie neuerdings auch wieder an der MET einzelne Akte verschiedener Opern kombiniert. Ich kann mich auch noch an die Zeiten erknnern, als es noch keine Einspielungen aller Galeerenopern Verdis gab und ich mirn ernsthaft Gedanken darüber machte, ob man die nicht mittels einer Potpourri-Oper "retten" könne.


    Bei gar nicht so wenigen Werken hätte ich gegen Kürzungen auch nichts, aber da ist mir der Teufel mancher Gesamtaufführung immer noch lieber als die Dirigentenwillkür, eines Karajan, der die FRAU OHNE SCHATTEN zur Kurzoper einkocht. Gar nicht mal schlecht übrigens, aber eben doch nur für Leute, die nicht wissen, was man ihnen vorenthält (oder solche, die eigentlich die ganze Oper überflüssig finden, wie ein namentlich nicht zu erwähnender Wiener Kritiker).


    Machen wir als ein Programm daraus und kombinieren Stiffelio trova letto. Oder Dott. Suor Lescaut. Und gerne auch Parsigrin.


    :wink: Rideamus

    Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung

  • ich kann dazu nur beitragen, daß es so gut wie keine Oper gibt, welche ich gespielt habe, in welcher nicht irgendwo ein Sprung oder eine gestrichene Stelle drin ist.


    ok, dann muss ich mich korrigieren: es wird also offenbar doch an einigen Stellen gekürzt. Dennoch ist glaube ich mein Eindruck nicht falsch, dass es sich im Vergleich zur Praxis am Sprechtheater um minimale Striche handelt. Damit bleibt meine Ausgangsfrage bestehen, woher dieser Unterschied rührt.


    Nett zu sehen, dass einige hier zumindest in der Fantasie kürzungsmäßig gern noch viel drastischer hinlangen würden, als ich Neuling das jemals gewagt hätte :D :P

  • Zitat

    minimale Striche handelt.


    Na ja, ganz so klein sind die Striche meistens nicht.


    Als Beispiel haben wir vor ein paar Jahren den Rosenkavalier gemacht, mit vielen und größeren Sprüngen, damit das Werk auch irgendwann mal zuende ist..... :pfeif:


    Später habe ich dann beim Rosenkavalier an einem anderen Haus ausgeholfen bei einer Aufführung und zu meinem Entsetzen waren dort alle Sprünge offen.
    Das waren viele, viele Seiten dieses sehr schweren Werkes, welche ich niemals gespielt hatte...ein Alptraum......... :faint:


    Natürlich gibt es auch kleinere Striche, aber es kommt häufig vor, daß ich die Notenblätter zusammenkleben muß, weil gleich mehrere Seiten gesprungen wird, es kommt ganz auf das Werk an.


    :wink:


    Michael

  • Striche gibt's doch ständig, auch im Kern des Opernrepertoires: Nach wie vor werden oft die Arien des Basilio und der Marcellina im vierten Figaro-Akt weggelassen. Kleinere Striche werden auch gerne bei Così fan tutte angebracht. In der Mehrzahl der Tristan-Aufführungen erlebt man den großen Strich im sog. Tagesgespräch des zweiten Akts, der etwa fünf Minuten Musik eliminiert. Dito der Chor zur Begrüßung des Morgens im zweiten Lohengrin-Akt. Von den Strauss-Opern wurden der Rosenkavalier und die Frau ohne Schatten schon genannt, andere, darunter Elektra, ließen sich hinzufügen (m.W. in den meisten Fällen von Strauss selbst sanktioniert). Bei Aufführungen (nicht bei Einspielungen) von Barockopern wird fast immer die ein oder andere Arie weggelassen. Dann der große Komplex der Ballettmusiken, etwa bei Verdi oder Berlioz. Usw. usw.



    Viele Grüße


    Bernd

    .

  • Lieber Rideamus,

    (oder solche, die eigentlich die ganze Oper überflüssig finden, wie ein namentlich nicht zu erwähnender Wiener Kritiker).


    ich krame in meinem Gedächtnis....
    Wer sollte das sein...?
    Oha.
    Ja, ja. Recht so.... :mlol: :mlol: :mlol:
    :wink:

    Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)

  • Na, da habe ich doch im heute im Laufe eines einzigen Tages bei Capriccio dazugelernt (was will man mehr?), und sehe ein, dass meine Ausgangsthese so apodiktisch nicht haltbar ist. Also auch bei heutigen Opernaufführungen gibt es regelmäßig Striche, wenngleich immer noch weitaus zurückhaltender als üblicherweise im Theater. Aber der Unterschied ist demnach nicht so grundsätzlich wie ich dachte.


    Tja - vielleicht bei der Oper öfter mal ein paar Striche mehr und dafür beim Schauspiel etwas weniger forsche Kürzungen, damit könnte ich als Zuschauer ganz gut leben 8)

  • Ich finde die Fragestellung durchaus berechtigt - obwohl auch in der Oper ständig gekürzt wird, geht man im Schauspiel in der Regel viel weiter, auch was Umstellungen betrifft. Ich erinnere mich an eine Frankfurter Podiumsdiskussion Mitte der 90er Jahre, in der der damalige Musikredakteur (und Verdi-Experte) beim Hessischen Rundfunk, Leo Karl Gerhartz, fragte, warum es bei einer Hamlet-Aufführung jederzeit möglich sei, den Schluss an den Anfang zu stellen, ein analoges Verfahren in der Oper aber als Sakrileg betrachtet würde. Sylvain Cambreling, seinerzeit GMD in Frankfurt und dem sog. Regietheater gegenüber sehr aufgeschlossen, reagierte darauf eher reserviert.


    Daran musste ich neulich wieder denken, als Alviano an anderer Stelle über Benedikt von Peters Inszenierung der Dialogues des Carmélites von Poulenc in Basel berichtete: Hier wurde die Schlusszene der Oper am Anfang der Aufführung gespielt. Möglicherweise wird man auf solche "dekonstruierenden" Tendenzen im zukünftigen Musiktheater öfter treffen. Das ist aber natürlich etwas anderes als schnöde Kürzungen. ;)



    Viele Grüße


    Bernd

    .

  • Ich sehe das auch eher so, dass man das von Werk zu Werk entscheiden muss.
    Denn es gibt genügend Opern - gerade aus dem 17. und 18. Jahrhundert, wo Striche schon damals an der Tagesordnung waren.


    Gerade italienische Opern sind ja dazu gedacht gewesen, je nach Aufführungsbedingungen die Oper anzupassen.
    Man denke nur an Cavallis "Giasone" (die am häufigsten gespielte Oper des 17. Jahrhunderts) von diesem Werk sind über 50 Fassungen erhalten.


    Zitat

    ich wäre auch nicht unbedingt für Striche in strukturell genau durchorganisierten Opern

    Und das ist der andere Punkt, es gibt Opernwerke, die auch damals schon das "Absolute" beanspruchten (Lully)
    Da hat man niemals gekürzt - das wäre ein wirkliches Sakrileg gewesen.
    Stattdessen hat man hinzugefügt !
    (Es gab keine größere Ehre, wenn eine besonders erfolgreiche Passage - und sei es nur ein Ritournel oder ein Tanz - in eine der Opern Lullys aufgenommen wurde. Das war fast ein musikalischer Aufstieg in den Olymp.
    (Allerdings hat man außerhalb Frankreich sehr wohl gekürzt :D )


    Ich kann es durchaus verstehen wenn man im Heutigen Opernbetrieb die meisten Opern kürzt.
    Allerdings bin ich kein Freund davon.
    Was aber absolut gar nicht geht, sind gekürzte Fassungen auf CD heraus zubringen und sie als Gesamtaufnahme anzupreisen.
    Ich erwarte bei einer CD Einspielung das mindestens 95 % der Partitur umgesetzt wurden.
    (Bei ital. Barockopern werden ja hin und wieder mal die Rezitative gekürzt, damit noch alles auf 3 oder 4 CD's passt)




    Das ich wohl nie ein Freund von Kürzungen sein werde, hat mir die neue Idoemeneo Einspielung von Rene Jacobs gezeigt:
    Die komplette Oper ist sehr wohl dramatisch und in sich schlüssig - da muss nichts gestrichen werden.
    Warum um Gottes Willen, kürzt man diese überirdische Musik weg ?
    Da gibt es für mich keinen einleuchtenden Grund.


    Allein Schluss-Chaconne gehört für mein Empfinden zu den schönsten Stücken die Mozart geschrieben hat.
    Und eine Chaconne zu choreographieren kann auch nicht das Problem sein, das Stück ist genauso lang wie andere Werke dieser Art, es gibt erhaltene Choreographien und auch für modernen Tanz bietet das bestimmt ausreichend Potential.
    Ich versteh es nicht :shake:


  • Verehrter Duc,


    d'accord! Im lebendigen Opernbetrieb dürfen Regisseur und Dirigent m. E. in der Oper genauso wie im Theater Änderungen, Kürzungen, Einlagen etc. an den Werken vornehmen (was nicht heißt, dass sie es unbedingt tun sollen) - auf einer Studioaufnahme hätte ich aber gerne das Original, und zwar vollständig, am besten noch mit weiteren Fassungen in der Appendix zum Selberprogrammieren!


    Liebe Grüße,
    Areios

    "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
    Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.

  • Hallo,


    ein sehr interessantes und diskussionsreiches Thema. Trotzdem nur kurz:


    Ich meine, man sollte unterscheiden zwischen: Kürzungen, Umstellungen und Erweiterungen


    a) welche der Komponist autorisiert hat
    b) welche der Komponist unter Berücksichtigung der jeweiligen Epoche und der (damals) gängigen Aufführungspraxis etc. ggf. selbst genehmigt hätte, das wiederum zu belegen wäre
    c) welche lediglich z. B. ein Dirigent vorgenommen hat


    Grundsätzlich möchte ich die vollständige Oper hören, ggf. in mehreren autorisierten Fassungen und akzeptiere a) und b). Eine Unterscheidung zwischen Opernbetrieb und Studioaufnahme mache ich nicht.


    Bis dann.


    P. S.: Rein formal: Das Thema könnte auch bei "Barockoper" stehen.


  • Volle Zustimmung !


    Wo kämen wir hin, wenn Nachschaffende ohne Not in die Substanz der Werke eingriffen? Was dem Einen verzichtbar scheint, ist dem Anderen vielleicht heilig. Dem Rossini - Skeptiker oder gar - Verächter mag die " Halbierung " des " Guillaume Tell " z. B. höchst willkommen sein, dem Rossini - Bewunderer hingegen wäre das ein nicht hinnehmbares Ärgernis. Der Komponist erwiderte auf den Hinweis des Direktors der Opéra, man habe am Abend den zweiten Akt seiner Grand Opéra gegeben, mit der ihm eigenen Süffisanz : " Ah ! Wirklich ? Alles - der ganze Akt ? " Was würde wohl Wagner zu dem neuen Trend äußern, nur den ersten Akt seiner " Walküre " konzertant aufzuführen ? Seine Antwort fiele gewiss weniger souverän aus als die Rossinis !


    Ich möchte sowohl im Opernhaus als auf der CD das komplette Werk erleben - erst recht die ohnehin kurzen Opern wie Rigoletto und Trovatore. Die Kürzung der musikalisch reichsten Oper Puccinis, Manon Lescaut, käme für mich einem Sakrileg gleich. So etwas mag im Schauspiel noch angehen, wo es lediglich um Text geht, der zudem heutzutage meist miserabel gesprochen wird. Geht es jedoch um Text u n d Musik wie in der Oper, bin ich gegen jegliche Willkür.


    Ciao. Gioachino :shake:

    miniminiDIFIDI

  • Ich möchte sowohl im Opernhaus als auf der CD das komplette Werk erleben(...). Die Kürzung der musikalisch reichsten Oper Puccinis, Manon Lescaut, käme für mich einem Sakrileg gleich. So etwas mag im Schauspiel noch angehen, wo es lediglich um Text geht, der zudem heutzutage meist miserabel gesprochen wird. Geht es jedoch um Text u n d Musik wie in der Oper, bin ich gegen jegliche Willkür.


    Oh wie spannend: endlich kommen wir auf den Punkt, auf den ich eigentlich schon mit meinem Eingangsposting hinaus wollte - nach einigen interessanten Umwegen. Zuerst habe ich lernen müssen, dass auch heute noch bei Opernaufführungen gestrichen wird, dann haben sich überraschend viele Diskussionsteilnehmer durchaus als Befürworter von (überlegten) Kürzungen geoutet, und jetzt gibt es aber zwei entschiedene Gegenstimmen von Keith M.C. und Gioachino, die jegliche vom Komponisten nicht autorisierte Striche ablehnen.


    Mir ging es ja vor allem um eine Erklärung für die Unterschiede in der Praxis zwischen Sprech- und Musiktheater. Dazu hat nun Gioachino in dem markierten Zitat eine klare Meinung vorgetragen. Danach sind Kürzungen im Theater hinnehmbar, weil es "lediglich um Text" geht , nicht aber in der Oper, weil es dort um "Text u n d Musik" geht. Das kann ich nur so verstehen, dass Musik als solche eine höhere Qualität hat als ein bloßer Text, und sei er auch von einem Shakespeare verfasst. Ich persönlich teile diese Meinung nicht, aber ich glaube, dass sie weitverbreitet ist und gut erklärt, warum Kürzungen im Schauspiel eher akzeptiert werden als in der Oper.

  • Zunächst: Was der Komponist "autorisiert", ist interessant, solange er lebt. Sobald er tot ist, hat er nichts mehr zu melden. Wer damit ein Problem hat, muss sich bei demjenigen beschweren, der sich das so ausgedacht hat. Christen mögen sich bitte an Gott wenden, Atheisten müssen das wohl einfach akzeptieren (Christen am Ende wohl auch).


    Wenn nun also Schindluder mit dem Originalwerk getrieben wird, stört dies mit Sicherheit nicht den Komponisten, sondern vielmehr die noch Lebenden. Diese haben allerdings keine besonderen Rechte. Sie müssen genau wie jeder andere versuchen, ihre Position möglichst überzeugend zu vertreten.


    Das heißt: Derjenige, der das Werk kürzt, muss seine Aktion begründen. Derjenige, der die Kürzung kritisiert, muss dies ebenfalls begründen. Ich persönlich halte die Kürzung für gerechtfertigt, wenn mich der Abend unterhalten hat und wenn ich idealerweise einen neuen Blick auf das Werk bekommen habe.




    Mir ging es ja vor allem um eine Erklärung für die Unterschiede in der Praxis zwischen Sprech- und Musiktheater. Dazu hat nun Gioachino in dem markierten Zitat eine klare Meinung vorgetragen. Danach sind Kürzungen im Theater hinnehmbar, weil es "lediglich um Text" geht , nicht aber in der Oper, weil es dort um "Text u n d Musik" geht. Das kann ich nur so verstehen, dass Musik als solche eine höhere Qualität hat als ein bloßer Text, und sei er auch von einem Shakespeare verfasst. Ich persönlich teile diese Meinung nicht, aber ich glaube, dass sie weitverbreitet ist und gut erklärt, warum Kürzungen im Schauspiel eher akzeptiert werden als in der Oper.


    Da habe ich eine einfachere Erklärung: Musik+Text ist eine Stufe komplexer als nur Text. Das Ergebnis nach der Kürzung muss ja auch überzeugen. Die Kürzung (oder Umstellung) in einer Oper umfasst Musik *und* Text, da ist es wesentlich schwieriger die Balance zu halten. Selbst bei Haydn-Opern kann da einiges schief gehen...



    Thomas Deck


  • Da habe ich eine einfachere Erklärung: Musik+Text ist eine Stufe komplexer als nur Text. Das Ergebnis nach der Kürzung muss ja auch überzeugen. Die Kürzung (oder Umstellung) in einer Oper umfasst Musik *und* Text, da ist es wesentlich schwieriger die Balance zu halten. Selbst bei Haydn-Opern kann da einiges schief gehen...


    So sehe ich das auch. Nicht nur der Handlungsbogen muss erhalten bleiben, sondern auch der musikalische Bogen. Und allein an dem Satz "...weil es lediglich um Text geht , nicht aber in der Oper, weil es dort um Text u n d Musik geht" sieht man ja schon, dass es nicht darum geht, dass Musik mehr wert ist als Text, oder eine höhere Qualität hat, wie du schreibst. Nein, aber Text UND Musik ist ganz einfach mehr als Text. So wie 2 mehr als 1 ist :D



    Was meine "Billigung" von Kürzungen betrifft, schließe ich mich Thomas Deck an:

    Das heißt: Derjenige, der das Werk kürzt, muss seine Aktion begründen. Derjenige, der die Kürzung kritisiert, muss dies ebenfalls begründen. Ich persönlich halte die Kürzung für gerechtfertigt, wenn mich der Abend unterhalten hat und wenn ich idealerweise einen neuen Blick auf das Werk bekommen habe.

    Canto, ergo sum.

  • Lieber Keith,

    Zitat

    a) welche der Komponist autorisiert hat


    Mitunter sind Komponisten sehr auf dem Holzweg und schätzen aufgrund einer bestimmten Aufführung das Werk falsch ein. Mein Paradebeispiel dafür ist Benjamin Britten. In seinem Ballett "The Prince of the Pagodas" brachte er Striche an, die sogar Formen zerstörten. In seiner Oper "A Midsummernight's Dream" amputierte er im letzten Akt so willkürlich, daß einige der zartesten und innigsten Stellen der Liebespaare auf der Strecke blieben, während er die viel zu langen Auseinandersetzungen der Paare im zweiten Akt unangetastet ließ. Sogar im "Death in Venice" gab er Striche in den klavierbegleiteten Monologen Aschenbachs an, die schwer erträglich sind, weil sie formale Balancen zerstören und obendrein wichtige Aspekte von Aschenbachs Innenschau tilgen. Die größte Katastrophe, mit der viele Bühnen aber heute noch leben, ist die Strichfassung des "Billy Budd", dessen vieraktige Fassung mit ihrem symphonieartigem Aufbau glänzend funktioniert, während man sich in der zweiten nur noch fragt, weshalb die Mannschaft diesen Gummienten-Kapitän "Starry Vere" nennt - logisch, seine Mannschaftsansprache fiel schließlich Brittens Rotstift zum Opfer.
    :wink:

    Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)

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