Gekürzte Opern – Das letzte Sakrileg?

  • Lieber Keith,
    aber man muß doch Theorien auf die praktische Umsetzung abklopfen.
    Rein theoretisch bin ich gegen Kürzungen. Sitze ich in Haydns "L’Isola disabitata", erscheinen mir Kürzungen wie das gelobte Land.
    Auch mit der Regie wäre ich vorsichtig: Wenn ein Regisseur den "Karfreitagszauber" streicht, ist das wohl eher eine Fehlentscheidung. (OK., absurd - aber immerhin kenne ich einen, der in den "Gezeichneten" die Orgie im dritten Akt gestrichen hat...) Wenn ein Regisseur die "Rienzi"-Ballettmusik kappt, weil sie die Handlung ohnedies nur aufhält, ist ihm meine Gratulation sicher.
    Ich wiederhole: Es kommt auf das Werk an, es gibt in dieser Frage keine allgemein gültige Regel.
    :wink:

    Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)

  • hmmm.. sicher bin ich noch nicht, ob ich das schon kapiert habe bzw. ob es tatsächlich so einfach ist. Ihr sagt also: Musik + Text ist komplexer als nur Text, oder 1 + 1 = 2. Ich frage mich nur weiterhin, ob die Verbindung von Wort und Musik als solche auch schon eine höhere künstlerische Qualität impliziert. Ist es wirklich gravierender, wenn ich beispielsweise in einer Barockoper eine Arie streiche als wenn ich im Drama einen Monolog weglasse?


    Das hängt natürlich von vielen Dingen ab, u.a. davon, wie wichtig diese Arie oder dieser Monolog für die Handlung sind. Natürlich wird man eine in Relation eher "unbedeutende" Arie eher weglassen können als einen inhaltlich essentiellen Monolog. Aber angenommen, Arie und Monolog sind für die Handlung beide eher unwichtig, die Arie ist jedoch musikalisch umwerfend schön, sodass sie jeder gerne hört - dann würde ich die Arie nicht streichen. In der Musik gibt es eben noch eine zweite Dimension. Aber wenn ein Monolog für die Handlung nicht wichtig ist, wofür dann? Gibt es denn Zuschauer, die unbedingt genau diese Wörter hören wollen, selbst wenn sie zur Charakterisierung der Person oder zur weiteren Handlung nichts beitragen? Für mich persönlich ist das schwer vorstellbar, aber wer weiß, vielleicht irre ich mich ja auch!?

    Liebe Fliu, dass der musikalische Bogen erhalten bleiben muss, das steht auf einem anderen Blatt. Das gilt aber ebenso auch für den dramaturgischen Bogen im Schauspiel.


    Genau das ist es, was ich meine. In der Oper muss der musikalische UND dramaturgische Bogen erhalten bleiben, im Theater dagegen "nur" der dramaturgische. Daher denke ich, dass es im Sprechtheater leichter ist, etwas zu streichen, ohne das Werk zu sehr zu verfremden.

    Zitat

    Oder andersherum gefragt: Nach dieser Argumentation müssten dann ja Kürzungen in Sinfonien oder im Ballett eher zulässig sein, weil es sich dort ja "nur" um Musik handelt wie im Theater "nur" um Text.


    Theoretisch ja. Praktisch stellt sich die Frage bei Sinfonien aber kaum, weil sie einfach nicht die entsprechende Länge aufweisen, die eine Kürzung überhaupt überlegenswert machen. Je kürzer ein Werk, desto schwieriger (und unnötiger!) ist es wohl, verzichtbare Stellen finden. Zum Ballett kann ich nicht viel sagen, aber das ist ja trotz des fehlenden Textes nicht nur Musik, sondern Musik und Tanz/Schauspiel.

    Canto, ergo sum.

  • Legte ein Regisseur den allergrößten Wert auf den Fortgang der Handlung, müsste er so ziemlich alle Arien streichen, denn die stellen nun mal fast ausschließlich die zumindest retardierenden Momente dar, auf die sich Opernliebhaber mit Recht besonders freuen.


    Ciao. Gioachino :juhu:

    miniminiDIFIDI

  • Das hängt natürlich von vielen Dingen ab, u.a. davon, wie wichtig diese Arie oder dieser Monolog für die Handlung sind. Natürlich wird man eine in Relation eher "unbedeutende" Arie eher weglassen können als einen inhaltlich essentiellen Monolog. Aber angenommen, Arie und Monolog sind für die Handlung beide eher unwichtig, die Arie ist jedoch musikalisch umwerfend schön, sodass sie jeder gerne hört - dann würde ich die Arie nicht streichen. In der Musik gibt es eben noch eine zweite Dimension. Aber wenn ein Monolog für die Handlung nicht wichtig ist, wofür dann? Gibt es denn Zuschauer, die unbedingt genau diese Wörter hören wollen, selbst wenn sie zur Charakterisierung der Person oder zur weiteren Handlung nichts beitragen? Für mich persönlich ist das schwer vorstellbar, aber wer weiß, vielleicht irre ich mich ja auch!?


    Liebe Fliu,


    vielen Dank, dass du dir die Mühe gemacht hast, noch mal so ausführlich auf mein Posting einzugehen. Eigentlich hatte ich mit diesem Thread ja in der Tat herausfinden wollen, warum Kürzungen im Theater eher akzeptiert werden als in der Oper. Da habe ich jetzt doch einige gute Antworten bekommen, über die ich auch noch mal in Ruhe nachdenken werde.


    Nur zwei kurze Anmerkungen:


    1) Jeder Monolog trägt mindestens in der Intention des Dichters entweder zur Handlung bei oder dient zur Charakterisierung des Sprechers. Leistet er weder das eine noch das andere, so ist er in der Tat überflüssig und verdient gestrichen zu werden.


    2) Mit dem "dramaturgischen Bogen" in der Oper ist das freilich so eine Sache. Das zeigt ja wunderbar das anschließende Posting von Gioachino, der sich nun gerade auf die "retardierenden Momente" in den Arien freut :D

  • Meiner Meinung dienen durchaus auch Arien oft zur genaueren Charakterisierung einer Person - allerdings beileibe nicht immer, das gebe ich gerne zu :D

    Canto, ergo sum.

  • Hallo,


    wie wichtig eine Arie, ein Monolog, ein Orchesterzwischenspiel oder ein Balletteinschub ist, bestimmt der Komponist und sollte m. E. nicht abhängig sein von subjektiven inhaltlichen, formalen oder ästhetischen Ansichten anderer. Schlußendlich kann jeder Akt der Willkür eine subjektive Begründung erfahren.


    Ich bin nicht der Ansicht, daß in der Oper alles nur dem Handlungsfortlauf zu dienen hat. Wenn man Oper lediglich nur aufgrund prosaischer Aspekte betrachtet, wäre es um viele Opern geschehen. (?)


    Bis dann.


  • Rein theoretisch bin ich gegen Kürzungen. Sitze ich in Haydns "L’Isola disabitata", erscheinen mir Kürzungen wie das gelobte Land.


    Hallo Edwin, meinst du wirklich diese Haydn-Oper? Die geht doch grad mal 90 Minuten, jedenfalls in meiner Dorati-Einspielung, und Dorati ist eigentlich immer komplett. Zugegeben, die Story ist nicht sehr komplex, man könnte sie auch in 20 MInuten erzählen. Es ist halt eines der vielen Beispiele einer Haydn-Oper, die mit der Regie steht und fällt. Die Inszenierung vor einem Jahr in Regensburg (werde ich bei Gelegenheit von Tamino rüberkopieren) war absolut top, und das in der tiefsten Provinz. Ich langweilte mich keine Sekunde, und ich bin nun echt kein Wunder an Konzentrationsfähigkeit, auch nicht bei Haydn. Hast du eine schlechte Inszenierung im Kopf, oder meinst du eine andere, längere Haydn-Oper?



    Gruß
    Thomas

  • wie wichtig eine Arie, ein Monolog, ein Orchesterzwischenspiel oder ein Balletteinschub ist, bestimmt der Komponist und sollte m. E. nicht abhängig sein von subjektiven inhaltlichen, formalen oder ästhetischen Ansichten anderer. Schlußendlich kann jeder Akt der Willkür eine subjektive Begründung erfahren.



    Lieber Keith,
    du hast deine ablehnende Haltung gegenüber jeglichen kürzenden Eingriffen ja nun schon oft dargestellt. Diese Position ist ehrenwert und in sich schlüssig, wie ich oben schon mal schrieb, aber die Praxis sieht nun mal anders aus.


    Lasst uns mal einen Moment annehmen, es gäbe tatsächlich ein allgemeines Kürzungsverbot für die darstellenden Künste, das rigoros durchgesetzt würde. Was wären wohl die Folgen in den einzelnen Gattungen? Im Sinfoniekonzert würde sich praktisch nichts ändern, in der Oper würden viele Aufführungen noch länger dauern als sie dies ohnehin schon tun, aber ok, das wäre vielleicht noch verkraftbar, weil das Opernpublikum generell ausdauernder erscheint :P und man ja, wie Fliu es so schön ausgedrückt hat, die "zweite Dimension" der Musik genießt. Aber für das Schauspiel würde ich die Prognose wagen, dass allzu umfangreiche klassische Stücke dann einfach vom Spielplan verschwinden und kaum noch aufgeführt würden. Und damit wäre auch niemandem geholfen.

  • Aber für das Schauspiel würde ich die Prognose wagen, dass allzu umfangreiche klassische Stücke dann einfach vom Spielplan verschwinden und kaum noch aufgeführt würden.

    Genau, meines Erachtens auch zu Recht!


    Viele klassische Theaterstücke sind nicht zur vollständigen Aufführung konzipiert worden. Schiller bezeichnet die "Räuber" im Vorwort als Lesedrama und merkt die geringe Bühnentauglichkeit an, vor allem auch wegen der Länge. Ähnliches habe ich von "Don Carlos" in Erinnerung (ich bin mir aber gerade nicht sicher). Das "Lesedrama" war zu Schillers Zeiten ein etabliertes Genre. Dass der "Faust", insbesondere der zweite Teil, in der Konzeption weit über ein Theaterstück hinausgeht, ist für mich offensichtlich.


    Diese Stücke sollten dann - durchaus im Sinne des Dichters! - vor der Aufführung erst für die Bühne adaptiert werden.


    Wollt Ihr wirklich einen vollständigen Don Carlos sehen? Das dauert sicher 6, 7 Stunden!


    Gruß,
    Falstaff

  • Und Faust I mindestens 7, Faust II 14 Stunden. Vom Urfaust nicht zu reden.



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    "...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms

  • Und Faust I mindestens 7, Faust II 14 Stunden. Vom Urfaust nicht zu reden.



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    Das gab´s ja schon mal: Auf der EXPO 2000- in der Inszenierung von Peter Stein- vollständig ohne jede Kürzung, mit Bruno Ganz in der Hauptrolle. Tja, da braucht man schon Sitzfleisch :D


    Herzliche Grüße, :wink: :wink:


    Christian

    Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

    Cato der Ältere

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