STANDARDS - Joseph Kosma: Autumn Leaves / Les feuilles mortes

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  • STANDARDS - Joseph Kosma: Autumn Leaves / Les feuilles mortes

    Leider ist der vielversprechende Ansatz einer Reihe von Threads über die Quellen von Jazz-Standards vor gut einem Jahr nach einem vielversprechenden Beginn wieder eingeschlafen. Die Diskussion über Thema und Variationen anlässlich des Threads zu Frederick Loewes MY FAIR LADY regte mich zu dem Versuch an, mit dem noch vor Antonio Carlos Jobims großen Nummern vielleicht erfolgreichsten Außenseiter unter den Standards, Joseph Kosmas AUTUMN LEAVES, den alten Ansatz neu zu beleben.


    Für den Erfolg dieses Liedes bedurfte es einer Reihe tragischer wie glücklicher Zufälle. Besonders tragisch war der Tod an der Front im Jahr 1940 von Maurice Jaubert, dem Hauskomponisten des Meisterregisseurs Marcel Carné (HOTEL DU NORD; HAFEN IM NEBEL). Für seinen ersten Nachkriegsfilm nach dem überragenden KINDER DES OLYMP, einen kleinen Film noir über einen Verrat während der Okkupation namens LES PORTES DE LA NUIT (PFORTEN DER NACHT, 1946) engagierte Carné den Lieblingskomponisten seines in die USA emigrierten Landsmannes Jean Renoir, einen gebürtigen Ungarn namens Jozsef Kozma (LA GRANDE ILLUSION, LA BÊTE HUMAINE). Der nächste Zufall war die Wahl des Hauptdarstellers, bei der Carné dem Drängen Edith Piafs nachgab und deren damaligen Liebhaber, den damals noch weitgehend unbekannten italienischen Sänger Ivo Livi, engagierte. Dieser hatte sich im Gefolge der Flucht seiner Familie vor den italienischen Faschisten den Künstlernamen Yves Montand gegeben und war zwei Jahre zuvor von Piaf als Sänger entdeckt worden. So kam es, dass Jacques Prévert, der große Dichter und Drehbuchautor Carnés, eines seiner Gedichter für den werdenden Star von Kosma, wie der sich inzwischen nannte, vertonen ließ. Es trug den Titel "Les feuilles mortes" (Die toten Blätter) und passte, obwohl es ursprünglich eine vergangene Liebe betrauerte, recht gut zu dieser Geschichte über den Verrat eines Freundes. Es begann so:


    Oh, je voudrais tant que tu te souviennes
    Des jours heureux où nous étions amis
    En ce temps-là la vie était plus belle
    Et le soleil plus brûlant qu'aujourd'hui.


    Les feuilles mortes se ramassent à la pelle
    Tu vois, je n'ai pas oublié
    Les feuilles mortes se ramassent à la pelle
    Les souvenirs et les regrets aussi.


    Et le vent du Nord les emporte,
    Dans la nuit froide de l'oubli.
    Tu vois je n'ai pas oublié,
    La chanson que tu me chantais...


    Oh, ich wünschte so sehr, dass du dich erinnerst
    An die glücklichen Tage, an denen wir Freunde waren.
    Damals war das Leben schön
    Und schien die Sonne heißer als heutzutage.


    Die toten Blätter sammelten sich auf der Schaufel -
    Du siehst, ich vergaß nichts -
    Die toten Blätter sammelten sich auf der Schaufel
    Zusammen mit Erinnerungen und dem Bedauern,


    Und der Nordwind trug sie davon
    In die kalte Nacht des Vergessens.
    Du siehst, ich vergaß nichts
    Auch nicht das Lied, das du für mich gesungen hast...


    Den frühen Montand kann man hier hören und sehen: "http://www.youtube.com/watch?v=JWfsp8kwJto". Edith Piaf nahm das Lied vier Jahre später in ihr Repertoire auf, und danach wurde es ein Standard des französischen Chansons, das von berühmten InterpretInnen wie Juliette Gréco, Dalida, Charles Aznavour oder Serge Gainsbourg auf Tonträger gebannt wurde.


    Der Film selbst war in Frankreich aber zunächst ein ziemlicher Misserfolg. In den USA, wo er ein paar Jahre später erst herausgebracht wurde, wurde er dagegen stark beachtet, und der Erfolgstexter und -komponist Johnny Mercer (Jeepers Creepers, Laura, Skylark, Moon River u.v.a.) verfertigte eine englische Übersetzung, welche die tiefe Trauer des Originals in ein melancholisches und weit sentimentaleres Stück verwandelte, das dafür aber auch viel erfolgreicher sein konnte:


    The falling leaves drift by the window
    The autumn leaves of red and gold
    I see your lips, the summer kisses,
    The sun-burned hands I used to hold.


    Since you went away the days grow long
    And soon I'll hear the winter's song
    But I miss you most of all my darling
    When autumn leaves begin to fall.


    Die fallenden Blätter ziehen am Fenster vorbei.
    Die Herbstblätter so rot und gold.
    Ich sehe deine Lippen, spüre die Küsse des Sommers
    und die sonnenverbrannten Hände, die ich immer hielt.


    Seit du fort bist, sind die Tage lang,
    Und bald höre ich des Winters Lied.
    Aber ich vermisse dich am meisten, meine Liebe,
    Wenn im Herbst die Blätter fallen.


    Jo Stafford war die erste, welche die englische Version aufnahm, und ihr folgten beliebte Künstler wie Bing Crosby und Artie Shaw. Wirklich erfolgreich wurde das Lied aber erst 1955, als der Pianist Paul Williams es aufnahm und damit einen Hit landete, der sich sechs Monate an der Spitze der Charts hielt. Der Erfolg dieser Version war so groß, dass man schon ein Jahr später sogar einem Film mit Joan Crawford ihren Titel gab und dafür Nat King Cole seine Version singen ließ, die ebenfalls ein Welterfolg wurde. Seither wurde das Lied von zahlreichen Jazzern und Popsängern aufgenommen, unter ihnen Duke Ellington, Cannonball Adderly mit Miles Davies (s. "http://www.youtube.com/watch?v=PPHtQn1t1n4"), Coleman Hawkins, Dizzie Gillespie, Sarah Vaughan und in jüngerer Zeit Patricia Barber. Eine meiner liebsten Versionen ist die von Dee Dee Bridgewater auf diesem Sampler von Melodien von Johnny Mercer:



    Man kann sie in einer anderen Version auch hier hören: "http://www.youtube.com/watch?v=CS2EhF2HMuY"


    Die Musik des Liedes changiert ursprünglich zwischen G-Dir und e-moll, ist aber relativ einfach gehalten, wobei sie, dem vorgefertigten Text folgend, interessante Brechungen hat.


    Der Rhythmus des Refrains geht wie folgt:
    1-2-3-4
    1-2-3-4-5
    1-2-3-4
    1-2-3-4


    Die drohende Eintönigkeit der kurzen Schritte der anfänglichen Skala wird nach zwei (Beinahe-) iederholungen durchbrochen, wenn sie in der vierten Zeile auf die Abfolge 1-4-3-2 wechselt und danach zwei völlig andere Strophen folgen lässt, die erheblich größere Tonsprünge bis hin zu einer Oktave verlangen, wodurch das eigentlich tieftraurige oder melancholische Lied einen unverhofften Aufwärtsschwung erhält.


    Aber die musikalische Analyse und die Vorstellung ihrer Lieblingsaufnahmen überlasse ich gerne denen unter Euch, die das besser können und andere Aufnahmen kennen und lieben.


    :wink: Rideamus





  • Lieber Rideamus,


    The Jazz standards thread idea is not dead - it just smells funny ;+)


    Du gibst mir mit "Autum Leaves" die Steilvorlage, auf eines der seltenen Videos mit meinem Lieblings-Jazzpianisten aus den frühen Sechzigern zu verlinken:


    "http://www.youtube.com/watch?v=mRhVI7cpcS4"


    Leider hab ich keinen Schimmer, wer die Herrschaften sind, die Bill Evans an (b) und dr) begleiten. Den Kontrast zwischen Evans' physischer Abwesenheit und der Kernigkeit seines Spiels ist hier augenfällig.


    Zu den großen Interpretinnen des französischen Originals - Du hast sie schon erwähnt - ist auf jeden Fall "La Panthère" zu zählen, hier in einer tollen Aufnahme aus Berlin von 1967:


    "http://www.youtube.com/watch?v=n9Sfx3c7fR0"


    Es wurde auch ein anderes Chanson ÜBER dieses Chanson geschrieben: Der große Sege Gainsbourg ersann "La Chanson de Prévert".


    "http://www.youtube.com/watch?v=YtBpBPvIHBs"


    Oh je voudrais tant que tu te souviennes
    Cette chanson était la tienne
    C'était ta péférée je crois
    Qu'elle est de Prévert et Kosma
    Et chaque fois Les Feuilles mortes
    Te rappelle à mon souvenir
    Jour après jour les amours mortes
    N'en finissent pas de mourir


    Avec d'autres bien sûr je m'abandonner
    Mais leur chanson est monotone
    Et peu à peu je m'indiffère
    À cela il n'est rien à faire
    Car chaque fois Les Feuilles mortes
    Te rappelle à mon souvenir
    Jour apès jour les amours mortes
    N'en finissent pas de mourir


    Peut-on jamais savoir par où commence
    Et quand finit l'indifférence
    Passe l'automne vienne l'hiver
    Et que la chanson de Prévert
    Cette chanson Les Feuilles mortes
    S'efface de mon souvenir
    Et ce jour-là mes amours mortes
    En auront fini de mourir


    Et ce jour-là mes amour mortes
    En auront fini de mourir



    Cheers,


    Lavine :wink:

    “I think God, in creating man, somewhat overestimated his ability."
    Oscar Wilde

  • Du gibst mir mit "Autum Leaves" die Steilvorlage, auf eines der seltenen Videos mit meinem Lieblings-Jazzpianisten aus den frühen Sechzigern zu verlinken:


    "http://www.youtube.com/watch?v=mRhVI7cpcS4"


    Leider hab ich keinen Schimmer, wer die Herrschaften sind, die Bill Evans an (b) und dr) begleiten.


    Der Bassist, der dieses wunderbare Solo spielt, ist zweifellos der junge Eddie Gomez :juhu: , der Schlagzeuger ist sehr wahrscheinlich Alex Riel und das dürfte eine Aufnahme des dänischen oder schwedischen TVs von einer Skandinavien-Tour sein.


    :wink: Matthias

  • :wink:


    Das Lied habe ich zum letzten Mal am Küchentisch bei meiner Schwiegerfamilie im Trio gesungen gehört. Das war eine tolle Interpretation!


    Ich finde Yves Montands Gesang ganz wunderbar und habe es immer als klassische Referenz im Hinterkopf. Sehr empfehlenswert ist in der Tat Dee Dee Bridgewater, die auf dieser CD einige der berühmtesten französischen Chansons eben nicht einfach nachsingt, sondern sehr interessant interpretiert:



    Eine Aufnahme enthält Strophen in Französisch und Englisch und ist eine besondere Perle, dank des fabelhaften Gesangs von Ozzie Bailey. Die Begleitband ist auch nicht schlecht. ;+)



    Meine Lieblingsversion instrumental gespielt ist mit Abstand dieses meisterliche Arrangement. Die Musiker auf dieser Aufnahme sind natürlich auch grandios!



    Gruß, Frank

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