Mahler: Sinfonie Nr. 10 Fis-Dur - "Die Unvollendete"

  • Soweit ich weiß, war die Struktur schon komplett angelegt und einige Sätze bereits skizziert worden für den Orchesterapparat. So ganz aus dem Nichts sind die diversen Rekonstruktionen nicht gekommen.

    "Interpretation ist mein Gemüse." Hudebux

    "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation." Jean Paul

    "Manchmal sind drei Punkte auch nur einfach drei Punkte..." jd

  • Soweit ich weiß, war die Struktur schon komplett angelegt und einige Sätze bereits skizziert worden für den Orchesterapparat. So ganz aus dem Nichts sind die diversen Rekonstruktionen nicht gekommen.

    Ja, nur im letzten Satz war teilweise nur noch eine einzige Linie vorhanden, und das war wohl die Melodielinie. Es gab dazu nur noch Schnipsel, also wirklich noch viel Stückwerk.

    Viele Grüße sendet Maurice

    Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)

  • Vorgestern war ich in diesem Konzert in der Berliner Philharmonie:

    MAHLER UNFINISHED

    Gustav Mahler (1860-1911) Adagio (1. Satz) aus der unvollendeten Sinfonie Nr. 10 fis-Moll

    Alexey Retinsky (*1986) La Commedia für großes Orchester (Kompositionsauftrag des SWR)

    Philippe Manoury (*1952) Rémanences-Palimpseste (Kompositionsauftrag des SWR)

    Mark Andre (*1964) Echographie 4 (Kompositionsauftrag des SWR)

    Jay Schwartz (*1965) Theta, Music for Orchestra VIII (Kompositionsauftrag des SWR)

    SWR Symphonieorchester, ML: Teodor Currentzis

    Mahler gehört sicher zu den mir wichtigsten Komponisten und ich würde behaupten, dass mir seine Symphonien 1-9 (Nr. 8 mit Einschränkung) so präsent sind, wie das bei nicht allzu vielem anderen Repertoire der Fall ist. Auf die 10. Symphonie trifft dies - vom Adagio abgesehen - allerdings nicht zu. Um diese habe ich immer einen Bogen gemacht (höchstens 1-2 gehört), Für mich ist die 9te ein so starkes überzeugendes Schlusswort, dass die 10te in der gängigen Aufführungsfassung für mich keine hohe Relevanz hat. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass bekannt ist, wie weit in den Kompositionsprozess hinein (und darüber hinaus) Mahler bei seinen Symphonien noch mit den Konzeptionen, mit den Detailformulierungen, mit der Instrumentierung usw. gerungen hat, aber auch damit, dass mir die Person des bekanntesten "Vollenders" Deryck Cooke nicht so ganz "koscher" ist (ohne dass ich das genau begründen kann, es hat wohl mit dem zu tun, was mir von seinem publizistischen Wirken in Bezug auf Mahler früher begegnet ist).

    Die Idee, das Adagio der Zehnten von vier zeitgenössischen Komponisten weiterdenken zu lassen und daraus ein Ganzes zu formen, das sich eben nicht als "Ganzes" ausgibt, sondern als ein mögliches Angebot, auf das Adagio in einem Konzertprogramm zu reagieren, hatte mich deshalb, als ich davon las, sofort interessiert - viel mehr als es die Rekonstruktionen tun, die naturgemäß immer nur eine Ahnung vom Gewollten vermitteln können.

    Und das Interesse, mit dem ich dieses Konzert erwartet hatte, wurde aus meiner Sicht gestern beim Konzert auch in bemerkenswerter Weise belohnt.

    Currentzis hat die Stücke einschließlich Mahlers eröffnendem Adagio als ein pausenloses, etwa 85-minütiges Continuum ablaufen lassen, das mich (obwohl ich eigentlich vorgestern in einer nicht besonders konzentrierten Verfassung war) schnell in einen unwiderstehlichen Sog gezogen hat, der bis zum letzten Ton bestehen blieb. Das begann schon mit dem eröffnenden Adagio selbst, das Currentzis und sein Orchester in ständigem Fluss hielten, sehr intensiv, aber ohne in ein Dauerespressivo zu verfallen. Eine starke Aufführung. Auch der sich auftürmende Neutonakkord wirkte bei aller Schockhaftigkeit ganz in den Fluss eingebunden. Auf diesen Akkord nahmen dann vor allem die beiden folgenden Beiträge von Retinsky und Manoury immer wieder Bezug. Vor allem das Retinsky-Stück stellte diesen Akkord in den Mittelpunkt, in dem es in der starken Anfangspassage (die sich, klanglich frappierend, direkt an den Mahler anschloss) die Entwicklung zu diesem faszinierenden Zusammenklang immer wieder neu nachzeichnete, bis sich das Ganze zu einem stampfenden ostinatoartigen Tanz steigerte, um dann wieder auseinanderzufallen. Dass sein Stück klanglich vergleichsweise konventionell gehalten ist, wurde mit Beginn des Manoury-Stücks richtig bewusst. Dessen Musik, die mit, teils sehr filigranen, übereinandergelegten und kontrastierenden Bewegungsabläufen arbeitet, hatte auf mich schon letztens bei zweien seiner Werke im Boulez-Saal eine eigentümliche Faszination ausgeübt und das war hier wieder so. Die unablässige Bewegung mündet schließlich (auch dies eine Art Schock) in einen rätselhaften Klang, kaum wahrnehmbar, vor dem Eintreten völliger Stille, dem Beginn des Stücks von Mark Andre, das bei mir vielleicht von allen vier Neukompositionen den stärksten Eindruck hinterlassen hat. Man sieht Bewegung im Orchester, man hört leises Brummen, Rascheln, Knistern usw. und bekommt den optischen und akustischen Eindruck kaum zusammen, an einer Stelle kinderlied-artige Klänge des Glockenspiels, alles wie das kaum hörbare Echo einer längst verklungenen Musik, ein beeindruckendes Weiterdenken von Mahlers Klang. Das Jay-Schwartz-Stück zum Abschluss nimmt die undefinierbare Geräuschhaftigkeit von Mark Andres Stück auf (bei diesem Übergang war ich mir nicht sicher, wo Andres Stück endete und Schwartz' begann), um aus der Fast-Stille heraus riesenhafte Glissandi von Instrumentengruppen und Tutti wie Klangskulpturen in den Raum zu stellen, die sich jeder musikalischen Entwicklung verweigern und nicht enden zu wollen scheinen und schließlich doch zu letzten Klangfetzen zusammenfallen, über denen ein Fernhorn Bruchstücke aus Bachs "Komm, süßer Tod" intoniert.

    Ich hatte schon angedeutet, dass ich mich am Montag aus verschiedenen Gründen eher angeschlagen fühlte (und sogar kurz erwogen hatte, gar nicht zum Konzert zu gehen) und deshalb war ich selbst überrascht, wie sehr mich dieser Abend sofort und bis zum Ende in seinen Bann gezogen hat. (Allerdings war ich dann doch zu erschöpft, um noch auf die angekündigte Zugabe nach einer kurzen Pause zu warten, 3 Sätze aus Bergs Lyrischer Suite in Solobesetzung, wie ich jetzt gelesen habe.) Meine Begeisterung über das Konzert und das mutige Programm ist ähnlich groß wie die über das Petrenko/Philharmoniker-Konzert vor drei Monaten mit Hartmanns Gesangszene, kombiniert mit Orchesterwerken von Xenakis, Illés und Kurtag, das eine ähnlich mutige Zusammenstellung bot und hier in einem eigenen Thread besprochen wurde.

    Gerne würde ich mehr wissen: wie die Kompositionen zustande gekommen sind, ob es Kontakte untereinander gab, Hinweise oder Vorgaben vorab und wie letztendlich die Abfolge der Stücke (ich vermute v.a. durch Currentzis) bestimmt wurde. Dass diese trotz (oder wegen?) der unterschiedlichen Ansätze der vier Komponisten so völlig stimmig auf mich wirkte, hätte ich vorher nie erwartet und grenzt für mich beinahe an ein Wunder. Sollte dieses Programm in Zukunft nochmals aufgeführt werden (vielleicht auch mit anderem Orchester und Dirigenten) – ich würde sofort wieder hingehen.

    Das Konzert (die Aufführung in Stuttgart) kann hier nachgehört werden:

    SWR2 Abendkonzert – LIVE vom 8.12.2023
    Leitung: Teodor Currentzis Gustav Mahler: Adagio (1. Satz) aus der unvollendeten Sinfonie Nr. 10 fis-Moll Alexey Retinsky: "La Commedia" für großes Orchester…
    www.swr.de

    Einmal editiert, zuletzt von Peter Jott (21. Dezember 2023 um 14:32)

  • Zunächst einmal vielen Dank für Deine sehr ausführliche und fundierte Kritik des Konzerts in der Berliner Philharmonie, mit dem die vorletzte Tournee von Teodor Currentzis mit dem SWR Symphonieorchester (2 x Stuttgart, Hamburg, 2 x Freiburg, Berlin) zu Ende ging!

    Ein Detail möchte ich nachtragen: Beim ersten Konzert in Stuttgart am 7. Dezember wurden die drei Werke von Retinsky, Manoury und Schwartz uraufgeführt. Das Werk von Mark Andre erlebte dort allerdings lediglich seine Deutsche Erstaufführung. "Echographie 4" ist der abschließende Teil der "Vier Echographien" von Mark Andre, und diese wurden am 25. November 2022 in der Philharmonie Luxemburg durch das Orchestre Philharmonique du Luxembourg unter der Leitung von Brad Lubman uraufgeführt. Am 18. Dezember 2023, also elf Tage nach der Deutschen Erstaufführung des vierten Teils, erlebten alle vier Echographien gemeinsam ihre Deutsche Erstaufführung in der Kölner Philharmonie durch das Gürzenich Orchester unter Franz Xavier Roth.

    Die Musik von Mark Andre, die als vierter Satz in das vom SWR Symphonieorchester aufgeführte fünfteilige Continuum eingefügt wurde, stammt also aus einem anderen Werk (den "Vier Echographien"). Und so erklärt es sich vielleicht auch, dass sie auf mich während des Hamburger Konzerts wie ein Fremdkörper wirkte. Um ehrlich zu sein, war meine Reaktion auf diesen Teil des Abends ein "Was soll das denn jetzt?" :versteck1:

    Du beschreibst "Echographie 4" von Mark Andre treffend:

    Man sieht Bewegung im Orchester, man hört leises Brummen, Rascheln, Knistern usw. und bekommt den optischen und akustischen Eindruck kaum zusammen, an einer Stelle kinderlied-artige Klänge des Glockenspiels, alles wie das kaum hörbare Echo einer längst verklungenen Musik

    Kaum hörbar trifft zu, ebenso irgendein Brummen, Rascheln und Knistern von irgendwoher. Das kann man gut finden. Oder aber - wie ich - schlicht und einfach deplatziert. Mahler-Bezüge, die es zuvor bei Retinsky und Manoury reichlich gab, vermochte ich jedenfalls nicht zu erkennen.

    Wer sich die Uraufführung der "Vier Echographien" von Mark Andre als Audio-Tonspur anhören möchte, kann dies bei YouTube tun:

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    Ansonsten aber volle Zustimmung zu allem, was Du geschrieben hast, lieber Peter! :cincinbier:

  • Am 18. Dezember 2023, also elf Tage nach der Deutschen Erstaufführung des vierten Teils, erlebten alle vier Echographien gemeinsam ihre Deutsche Erstaufführung in der Kölner Philharmonie durch das Gürzenich Orchester unter Franz Xavier Roth.

    Am selben Abend erklang die Echographie IV also in Berlin und Köln - bei einem zeitgenössischen Stück schon bemerkenswert!

    Wer sich die Uraufführung der "Vier Echographien" von Mark Andre als Audio-Tonspur anhören möchte, kann dies bei YouTube tun:

    Danke für diesen Hinweis, lieber music lover – darauf bin ich schon gespannt!

    Deine Hinweise auf die Entstehung des Stücks, abweichend von den drei anderen Auftragskompositionen, sind natürlich sehr interessant! Nichtsdestotrotz schien es sich aus Currentzis' Sicht (und aus meiner auch ;)) doch wohl organisch und sinnhaft in das besondere klangliche Gebilde des Programms einzufügen (sonst hätte er doch sicher nicht so entschieden?).

  • Deine Hinweise auf die Entstehung des Stücks, abweichend von den drei anderen Auftragskompositionen, sind natürlich sehr interessant! Nichtsdestotrotz schien es sich aus Currentzis' Sicht (und aus meiner auch ;)) ) doch wohl organisch und sinnhaft in das besondere klangliche Gebilde des Programms einzufügen (sonst hätte er doch sicher nicht so entschieden?).

    Ganz sicher sieht Teodor Currentzis das so. Aber auch als beinharter Teodor Currentzis-Fan muss ich ja nicht jede seiner Meinungen teilen.

    Man muss auch dazu sagen, dass alle vier Werke Auftragskompositionen des SWR sind. Also auch der von Mark Andre komponierte Teil. Während Retinsky und Schwartz erst 2023 fertig wurden, komponierte Manoury sein Werk bereits 2021. Bei Mark Andre ist als Entstehungszeit 2020-2022 angegeben. Gut möglich also, dass er erst das vom SWR in Auftrag gegebenen Werk schrieb und dann, weil ja noch Jahre bis zur geplanten Aufführungsserie "Mahler Unfinished" vor ihm lagen, dieses Werk um drei weitere Echographien ergänzte. Ebenso gut möglich, dass er das vom SWR in Auftrag gegebene Werk (Teil 4 der Echographien) im Zuge der Komposition aller vier Echographien weiter bearbeitete und veränderte. Mag so vielleicht der Bezug zum Adagio von Mahler, den ich beileibe nicht erkennen konnte, ein wenig verloren gegangen sein? Alles Spekulation, ich weiß, aber das würde mir einiges erklären.

    Einmal editiert, zuletzt von music lover (22. Dezember 2023 um 22:57)

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