Lars von Trier: abstoßend, faszinierend, gehaßt, geliebt...

  • Ich kann mich gar nicht an eine Szene erinnern, wo Sie die Tabletten gekauft hat. Aber gut. Wird so sein. Aber wieso impliziert diese Szene dann, dass er sich umbringt? Das erschließt sich nicht. Daß er sich offenbar verrechnet hat, dann schon eher. Aber wieso geht er für den Selbstmord in den Pferdestall? Das ergibt doch keinen rechten Sinn.


    Claire geht ja zweimal zu der Schublade. Beim ersten Mal lässt Sie die Packung liegen, beim zweiten Mal nimmt Sie sie. Daß sie leer ist, wird nicht deutlich.


    Darüberhinaus halte ich es durchaus für möglich, daß der Mann mit einem Pferd fliehen wollte, daß es Ihm aber durchgegangen ist und Ihn dabei im Stall getötet hat. Die Pferde scheinen in diesem Film ja ein sehr sensibles Gespür für zukünftige Katastrophen zu haben...

  • Hallo


    Ich kann mich gar nicht an eine Szene erinnern, wo Sie die Tabletten gekauft hat ... Aber wieso impliziert diese Szene dann, dass er sich umbringt? ... Aber wieso geht er für den Selbstmord in den Pferdestall?


    Eines Tages kommt Claire mit diesen Tabletten nach Hause. John entdeckt sie, weiß sofort, was damit bezweckt ist, und will sie ihr wegnehmen. Daraufhin werden die Pillen in die Schublade gesperrt. Später sucht Claire danach, entdeckt sie, schließt die Schublade, wendet sich ab, kehrt sofort zurück, öffnet die Schublade abermals, nimmt die Dose heraus und schüttelt diese - kein Geräusch, also: leer.
    Da John wusste, wofür die Tabletten taugen, außer Claire nur er wusste, wo sie sich befinden, ist der Rückschluss, dass er sie nahm, um sich umzubringen für mein Empfinden zwingend. Gegen das Totgetrampeltsein spricht auch, dass John unverkennbar Spuren von Speichel/Erbrochenem am Mund hat, als Claire ihn findet.
    Warum er dies im Stallt tut? Keine Ahnung. Mit den Pferden hatte er zuvor nichts zu tun, Clair und Justine ritten aus. Wollte er dort gefunden werden (und damit zumindest nicht von seinem Sohn, der dort nie zu sehen war)? Oder war es der abgeschiedenste Ort? Angesichts der Größe des Grundstücks: eher nicht.
    Egal. Unterm Strich ist es so, dass der positive Heldencharakter, der Macher, sich feige davon stiehlt und seine Familie sich selbst überlässt; das passt vielleicht nicht 100-prozentig zu der Haltung, die er zuvor einnahm - aber vielleicht ist es deshalb umso schlüssiger - weil diese Haltung eben nur Pose war. Mir erscheint das als "typisch Trier".

    Jein (Fettes Brot, 1996)

  • OK, die These vom Tablettenselbstmord klingt durchaus plausibel, aber:

    Zitat

    Gegen das Totgetrampeltsein spricht auch, dass John unverkennbar Spuren
    von Speichel/Erbrochenem am Mund hat, als Claire ihn findet.

    Ist das wirklich so? Ich fand die Szene extrem schlecht ausgeleuchtet und von daher schlecht einsehbar. Ich konnte an Johns Mund keine Speichel- oder Erbrochenheitsspuren entdecken. Claire hat seinen Tod bemerkt und Ihn dann mit Stroh zugedeckt sowie später seinen Tod gegenüber Justine verheimlicht und behauptet, daß Er ins Dorf geritten sei, um Besorgungen zu machen.
    Aber ich müsste die Stallszene noch ein zweites Mal sehen, um wirklich sicher zu sein.


    Zitat

    Unterm Strich ist es so, dass der positive Heldencharakter, der Macher,
    sich feige davon stiehlt und seine Familie sich selbst überlässt;

    Naja, "positiver Heldencharakter"? Ich finde er wird von Anfang an ziemlich unsympathisch gezeichnet. Wie eine Art amerikanischer Selfmademillionär, für den Geld das Wichtigste im Leben ist. Schließlich hält er Justine während der Hochzeitsfeier vor, daß Ihn diese "ein kleines Vermögen" gekostet habe und Er von Ihr nun erwarte, daß Sie "glücklich" ist. Ich fand Ihn besonders in dieser Szene extrem unsympathisch und hinterhältig. Er zeigt Null Verständnis für Justines Verhalten und Ihre Schwächen, sondern mokiert sich gegenüber Claire permanent über Ihr Verhalten. Erst später, als Er seiner Ehefrau die Angst vor dem Planetenzusammenprall nehmen will, kommt eine sympathische Seite von Ihm zum Vorschein. John ist ein sehr ambivalenter Charakter. Durch seinen Selbstmord würde Er dann ja auch seine Ohnmacht und Hilflosigkeit beweisen. Er kann Claire und seinen Sohn nicht vor dem Zusammenprall retten und kann das Ihnen gegenüber aber auch nicht eingestehen. Hier tun sich doch Abgründe hinter seiner glatten Oberfläche auf und das Eingestehen seines Scheiterns. Die beiden Frauen stehen schlußendlich als die Stärkeren da, die sich dem Zusammenprall aussetzen. Sicher kann man seinen Selbstmord als "feige" bezeichnen, muß man aber nicht unbedingt. Letzten Endes wird er dadurch doch nur menschlich.

  • "Positiver Heldencharakter" war tatsächlich reichlich ungenau. Vielleicht ist da auch mein "24"-Rollenbild von Sutherland mit mir durchgegangen. Im Gegensatz zu Justine "funktioniert" er anfangs eben am besten. Er ist derjenige, der am tatkräftigsten, von mir aus auch lebenstüchtigsten erscheint, beispielsweise Vorräte besorgt.
    Mit Justine geht er auch schon im ersten Teil nicht nur niederträchtig um; da gibt es eine Szene, in der er für mein Empfinden durchaus glaubwürdig sagt, dass doch am wichtigsten sei, dass sie, Justine, an diesem Tag glücklich ist. Ambivalenz zeichnet ihn insofern von Beginn an aus.
    Und ich empfinde es schon als feige, wenn er seine Familie am Ende allein lässt - und ihr zudem die Möglichkeit nimmt, den in seinen Augen angenehmsten Weg zu gehen, sich also mit den Tabletten zu vergiften. Er stellt sich gerade nicht dem, dass er sich geirrt hat, zumindest nicht gegenüber seiner Familie, die er doch offenbar liebt. Ambivalent bis zum Ende.

    Jein (Fettes Brot, 1996)

  • Ich verstehe es, wenn man Johns Verhalten als "feige" empfindet. Aber letzten Endes kann man doch dann jeden Selbstmord als "feige" bezeichnen...
    John kann eben seinem eigenen Anspruch nicht mehr gerecht werden, das hält er offensichtlich nicht aus, und er will sich die Blöße vor seiner Frau nicht geben. Er kann nichts "machen", er kann den Zusammenprall nicht aufhalten. Sein "Macherimage" fällt in sich zusammen. Er steht entblößt da, sein ganzes Geld hilft Ihm hier nicht weiter, er ist mit seinem Latein am Ende. Tja, und er hat nicht die Größe, sich selbst und den Anderen gegenüber seinen Irrtum einzugestehen. Ein verfehltes Leben. Irgendwie auch "typisch amerikanisch", möchte man sagen. Waren schon "Dogville" und "Manderlay" knallharte Abrechnungen mit und Bloßstellungen der amerikanischen Gesellschaft (die auf Sklaverei und Besitztum basiert), so kehrt diese Kritik in "Melancholia" in Form von John nun zurück. Lars von Trier weiß natürlich um das Image von Kiefer Sutherland (24 usw.). Insofern stimmt das natürlich mit dem "positiven Heldencharakter". Ein amerikanischer Saubermann, der enttarnt wird.


    Übrigens läuft momentan im Kommunalen Kino des Deutschen Filmmuseums Frankfurt eine Lars von Trier-Retrospektive mit sämtlichen Filmen außer "Melancholia" und der Fernsehserie "Geister".
    Hier die einzelnen Termine:


    - The Element of Crime (3.11.)
    - Epidemic (4.11.)
    - Europa (6./10.11.)
    - Breaking the Waves (8.11.)
    - Idioten (11./18.11.)
    - Dancer in the Dark (13./17.11.)
    - Dogville (15./20.11.)
    - Manderlay (22./24.11.)
    - The Five Obstructions (25.11.)
    - Antichrist (27./29.11.)


    Alle Filme OmU bzw. OF

  • Ich glaube, nun werde ich mir den Film doch noch ansehen....
    Nach "Dancer in the dark" und "Breaking the waves" bin ich allerdings Ansicht, dass Lars von Trier nur etwas für stabile Persönlichkeiten ist- das "Runterziehpotenzial" ist schon ziemlich hochprozentig.
    Mir haben in den beiden obengenannten Filmen die dargestellten Frauengestalten mächtig imponiert- wie da gegen die Brutalität und emotionale Verrohung aufgefahren wird ist zwar extrem und sicher nicht immer leicht nachzuvollziehen, aber ich finde das überhaupt nciht kitschig oder wehleidig oder rührseilg sondern in seiner Schachheit serh stark. Von den Schauspielerinnen mal gar nichht zu reden :juhu: , aber die sind wie man aus euren Beiträgen liest, in Melancolia sicher genauso gut.
    :fee:

    Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)

  • Vor sehr vielen Jahren habe ich Dancer in the Dark gesehen, den ich extrem schockierend fand, aber in seiner gnadenlosen Aneinanderreihung von negativsten Ereignissen auch schon wieder übertrieben (man fühlte sich da ein wenig an Kaurismäki erinnert, wenn auch ohne dessen schwarzen Humors).


    Vor ein paar Wochen habe ich dann Breaking the Waves gesehen, den ich ebenfalls sehr beeindruckend und schockierend fand. In den letzten Wochen hatte ich auch einige Tarkovski Filme gesehen (teilweise erstmalig, teilweise wiederholt), nämlich Nostalghia, Solaris und Das Opfer. In dieses Umfeld passt Melancholia gut, und ich sah in gestern (erstmalig). Zwar auch sehr beeindruckend, aber m. E. weniger "quälend" als die anderen genannten.


    Über die (wackelnde) Kamera kann man geteilter Meinug sein, mit der teilweise verzögerten Scharfstellung. Ich akzeptiere sie aber als Stilmittel, denn sie unterstreicht m. E. die vielfältigen Spannungen und inneren Qualen Justines auf der Hochzeitsfeier. Im zweiten Teil scheint mir die Kamera auch ruhiger.


    Meisterhaft finde ich die realistische Darstellung der Depression durch Kirsten Dunst, die da wohl auch auf eigene Erfahrungen zurückgreifen konnte. Mag es auf den ersten Blick so aussehen, als sei eine Hochzeit der "falsche" Zeitpunkt, depressiv zu sein, so offenbart von Trier schonungslos die gesellschaftlichen Mechanismen, die eine solche (mit-) begünstigen können. Der trottelige Vater, der nicht einmal den Namen seiner Tochter richtig hinbekommt, interessiert sich genauso wenig für deren Ängste wie deren schon fast grausame Mutter. Das Mitgefühl der anderen beschränkt sich eher auf das Gelingen der Party und deren Kosten, bzw. um beruflichen Fortschritt. Erst im zweiten Teil wirkt die Fürsorge der älteren Schwester Claire glaubhaft; allerdings wissen wir aus dem ersten Teil, dass Scham und gesellschaftliches Ansehen der persönlichen Empathie auch bei ihr Grenzen setzen.


    Im übrigen habe ich viele negative Bewertungen gelesen, in denen die Personen meinten, man solle sich nur die ersten und letzten 5 Minuten anschauen, der Rest wäre langweilig. Finde ich persönlich ziemlich unverständlich, da "zwischendurch" ja grundlegende menschliche Probleme auf sehr realistische Weise dargestellt werden. Das ist halt nicht Hollywood.


    Die Schlußszene, zusammen mit der Musik, finde ich sehr gut gelungen.


    Ich habe folgendes interessante Interview mit Lars von Trier aufgetan (falls es hier nicht schon verlinkt ist):


    "http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-80652423.html"


    (Dort auch als PDF abrufbar.)


    Ich finde auch die Reaktionen auf seine sicherlich recht unpassenden Bemerkungen auf dem Cannes Festival übertrieben. Ich finde, man sollte auch genauer zuhören, was er damit meint. (Die Interviewer des Spiegel scheinen darauf keinen großen Wert zu legen.)


    maticus

    Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga
    Und wer Herr Reichelt ist, weiß ich auch erst seit Montag. --- Prof. Dr. Christian Drosten

Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!