Ivo Pogorelich – mehr Provokateur oder mehr Genie am Klavier?

  • Ivo Pogorelich – mehr Provokateur oder mehr Genie am Klavier?

    Wie allgemein bekannt erlangte der 1958 in Belgrad geborene Pianist Berühmtheit, als er 1980 beim Warschauer Chopin-Wettbewerb nach der dritten Runde ausschied und Martha Argerich aus Protest deswegen die Jury verließ. (Den Wettbewerb gewann damals der Vietnamese Dang Thai Son.)

    Er ist seit damals einer der Pianisten, die bei der Deutschen Grammophon ihre Produkte veröffentlichen.

    Ein schwerer Schicksalsschlag war für ihn der Tod seiner Frau (und ehemaligen Klavierlehrerin) Aliza im Jahr 1996.

    Vor allem die Zeit danach war geprägt von großer Unberechenbarkeit, mit Konzertabsagen oft erst im letzten Moment und vielfach mit besonders exzentrischen Interpretationen.

    In Bad Wörishofen hat er ein Festival zur Förderung junger Künstler initiiert.

    Pogorelich spaltet die Hörerschaft vielfach in Fans die seine Interpretationen als geradezu messianisch anhimmeln und in solche, die sie als manieriert ablehnen und in ihm mehr den Provokateur sehen.

    Von dem her was ich bisher gehört habe fällt mir bei Pogorelich vor allem der sparsame Pedalgebrauch und der Wille zu außergewöhnlicher Nuancierung in vielen Werkdetails auf. Dies gepaart mit einer phänomenalen Technik führt zumindest zu Interpretationen, die sicher keinen kalt lassen, egal in welche Richtung sich dann die Hörerschaft „erhitzt“.

    Einige Solo CDs mit Pogorelich:

     

     

     

     

     

    Klavierkonzerte mit Pogorelich:

     

    Welche Aufnahmen kennt Ihr? Welche empfehlt Ihr, welche lehnt Ihr ab, und warum?

    Und allgemein: „Nur“ Provokateur oder herausragendes nachschöpferisches Genie?

    Herzliche Grüße
    AlexanderK

  • Am 22.10.2011 bot Ivo Pogorelich am selben Ort was er schon in Raiding ein paar Monate zuvor praktiziert hatte, was aber folgende Voraussetzungen beim Hörer als günstig ansah: Vergiß alles (Ort, Zeit, Interpret, Werk, Werkkenntnis, persönliche Befindlichkeit) und beachte die Marotten nicht (Einspielen bis knapp vor Beginn, Klavierstimmer putzt das Klavier bis das Licht ausgeht, Klavierstuhlwechsel nach dem ersten Werk), gib dich stattdessen ganz und ausschließlich der Musik hin - und ein Paradies ist möglich. (Ich durfte in Raiding "lernen" - und in München "genießen"...) Pogorelich streckte das Werk auf ca. 45 Minuten...

    45 Minuten? Ach du meine Güte. Aber bei diesem Pianisten wundert mich überhaupt nichts mehr. Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen, bei seinem Hamburg-Debüt kurz nach dem 1980er Chopin-Wettbewerb, bei welchem ihn die Juroren schon früh aussortierten, in einer der vorderen Reihen zu sitzen. Und war fassungslos, welch eine Karrikatur einer Interpretation des 2. Chopin-Klavierkonzerts ich damals mit anhören musste. Er stoppte z.B. bei einem Ton sekundenlang ab, um während der eintretenden Leere mit seiner freien Hand wild in der Gegend herumzufuchteln (das sollte wohl ein bisschen die Aura Glenn Gould-artiger Exzentrik vermitteln. Vermutlich hat er diesen Moment tagelang vor dem Spiegel selbstverliebt einstudiert). Ich erinnere mich noch daran, dass ich damals wirklich eine Weile daran zweifelte, ob dieser Mensch, den ich da auf der Bühne vor mir sah, noch ganz schussecht ist. Aber er wurde nun mal eine Zeitlang gehypet. Von den Medien, von der Schallplattenindustrie. Nur: solche gehypeten Eintagsfliegen versinken nun mal irgendwann wieder in den Untiefen des Business, weil dann nämlich die nächste gut aussehende Eintagsfliege da ist, deren CDs man verkaufen will. Dass er überhaupt noch Konzerte gibt, ist schon eine bemerkenswerte Botschaft. Und jetzt braucht er 45 Minuten für die Liszt-Sonate? Lässt aber den Klavierstuhl auswechseln und den Flügel putzen, als träte gleich ein hochgradiger Stauballergiker auf? Naja, wenn man's musikalisch nicht hinkriegt, sich eine Aura des Besonderen zu verschaffen, muss man eben zu solchen Mitteln greifen :mlol:

    «Denn Du bist, was Du isst»
    (Rammstein)

  • Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen, bei seinem Hamburg-Debüt kurz nach dem 1980er Chopin-Wettbewerb, bei welchem ihn die Juroren schon früh aussortierten, in einer der vorderen Reihen zu sitzen.

    Er kam damals bis ins Halbfinale. Und dazu gehört mehr Können, als Du Dir auch nur vorstellen kannst. Man kann Pogorelich weiß Gott mit guten Gründen kritisieren [...] Nach Rücksprache mit dem Vorstand wurde der an dieser Stelle befindliche Satz entfernt. Das vollständige Posting ist bei den Splittern einsehbar. Für die Moderation: Caesar 73

    Christian

  • Pogorelich war (in weit höherem Maße als letztes Jahr Ingolf Wunder) der "heimliche Sieger" des Wettbewerbs 1980, weil Argerich erzürnt aus der Jury ausschied, nachdem er "aussortiert" worden war. Und Pogo bekam den DG-Plattenvertrag, während der wackeren Koreaner?, dem der Sieg zuerkannt worden war, sehr bald in Vergessenheit geriet.

    (Damit will ich seine gegenwärtigen Exzentrizitäten, die ich nie gehört habe, nicht verteidigen)

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • (Damit will ich seine gegenwärtigen Exzentrizitäten, die ich nie gehört habe, nicht verteidigen)


    Meiner persönlichen Meinung nach verhält es sich bei Ivo Pogorelich ähnlich wie mit Glenn Gould. Beide pflegen, beziehungsweise pflegten, einen überaus extravaganten Stil, zu dessen Prägung in beiden Fällen eine superbe Technik dient(e). Wer davon einen Eindruck bekommen möchte, dem empfehle ich Pogorelichs Aufnahme der Preludes op. 28 oder Mussorgskis Bilder. Man muss nicht alle Exzentritäten Pogorelichs teilen, dass er aber ein außerordentlicher Pianist ist, steht außer Frage.

    :wink: :wink:

    Christian

    Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

    Cato der Ältere

  • Liebe Pogorelich-Freunde, Gegner und auch diejenigen die ihn noch nicht kennen,

    Alexander war so freundlich, einen Ivo-Pogorelich-Thread zu eröffnen. Danke für die rasche Arbeit Alexander! Die Beiträge aus dem Thread zu Liszts h-moll-Sonate habe ich noch einmal hierher kopiert. Es steht also alles bereit für eine kontroverse Diskussion über diesen Pianisten, der wohl wie wenige Künstler polarisiert: entweder verehrt man ihn, oder man kann mit ihm nichts anfangen. Dazwischen, so scheint es mir, gibt es wenig.

    :wink: :wink:

    Caesar73


    Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

    Cato der Ältere

  • Ich mag ihn. V.a. seine extremen Rhythmus- und Temposchwankungen sind sicher manchmal grenzwertig, aber immer spannend. Und er hat Seele, bringt immer seinen eigenen Stil ein. CDs habe ich einige von ihm, ich mag besonders die mit Scarlatti, die originellen Bilder einer Ausstellung sowie die Chopin-Scherzi. Live ist das wohl so eine Sache mit ihm, aber vermutlich ist es weder Arroganz noch Überheblichkeit, dass er oft absagte. Ende 2010 habe ich ihn in Berlin gehört, das war einerseits genial und andererseits so schräg, dass ich geneigt bin, ihn psychisch für, sagen wir mal, sehr angegriffen zu halten (ich kopiere mal unten meinen Bericht von damals aus dem Klassikforum). Ich finde, da wird oft viel zu schnell verurteilt, wenn jemand nicht so rundum zuverlässig funktioniert, wie das Publikum erwartet.


    Kopie:
    Der Abend begann lustig: Pogorelich saß, während das Publikum eingelassen wurde, ganz verhuscht und versonnen am Flügel: verkleidet wie ein absoluter Proll (Pudelmütze, grellblaue Freizeitanzugjacke, Schlabberhosen, ausgelatschte Schuhe). Und spielte versponnen gedämpfte, langsame, leise Akkorde vor sich hin, bis ca. 3 Min vor dem Start. Sehr merkwürdiges Bild.

    Nun aber zum Konzert:
    .....
    Dann Pogorelich mit dem 2. Chopinkonzert. Er kam nun ganz schick angezogen auf die Bühne, war sichtlich nervös und spielte mit Noten (eigentlich eher mit einer uralten lose- Blatt-Sammluing, auf die er quasi gar nicht draufsah). Das war, als er begann, der Pogorelich, wie man ihn kennt: technisch gut drauf, vor allem aber exzentrisch und daher super interessant. Er spielte sehr konzentriert, angespannt. Ganz harter Anschlag, sehr dominant, seeeehr viel Rubato, eine völlig unromantische Interpretation, aber in sich schlüssig und für mich extrem spannend. Fast noch spannender war, was Sokhiev machte. Pogorelich ist nun sicher kein Teamplayer, also der Dirigent tat mir mitunter leid, aber er machte es phantastisch - wie man da noch mit dem Orchester einigermaßen dabei bleiben kann - alle Achtung! Nach dem Stück war Pogorelich sichtlich erleichtert über den großen Applaus, bedankte sich sehr nett und fast überglücklich bei Dirigent und Orchester und ließ sich vom Publikum einhellig feiern (aber nicht zu einer Zugabe hinreißen). Irgendwie wirkte er auf mich krank, oder mindestens sehr unter Druck - er hatte eine komische Körperhaltung beim Laufen, hielt auch beim Abgang die ganze Zeit die Noten krampfhaft in der Hand. Ich hatte den Eindruck, dass er sich einerseits sehr auf das Konzert freute, andererseits fast Angst davor hatte? Jedenfalls fand ich keine Spur von Arroganz oder Herablassung, nein, der Mann tat mir eher leid mit seiner großen Nervosität. Um so froher war ich, dass er einen großen Auftritt hinlegte, ich gönn es ihm (und mir auch) :)
    .....

    Heike

    „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ (F. Rzewski, Komponist, in der FAZ vom 21.4.2012)

  • Was meines Erachtens zuallererst gesagt werden muss: Pogorelich ist ein Pianist mit atemberaubenden Können. Sein "Gaspard de la nuit" - bekanntlich eines der schwersten Klavierwerke der gesamten Literatur - ist vollendet perfekt gespielt. Bei manchen von Chopins Preludes übertrifft er an Brillanz, an absoluter Klarheit bei gleichzeitig höchstem Risiko sogar Martha Argerich. Es gibt allerhöchstens eine Handvoll Pianisten weltweit, die sich in dieser Hinsicht mit ihm messen können. Seine außerordentlichen Fähigkeiten zeigen sich dabei nicht nur bei schnellen oder grifftechnisch schwierigen Passagen, sondern er beeindruckt auch mit einer großen Klangfarbenpalette, die er enorm sicher einsetzt. Ich bleibe deshalb dabei: Wer über Jahrzehnte hinweg solche Leistungen erbringt, verdient Respekt und keine billige Häme.
    Dass ich dennoch persönlich meine Schwierigkeiten mit ihm habe, will ich gerne zugeben: Mich stört weniger sein oft ausuferndes Rubato - wenn ich es auch z.B. bei Mozart für eine geschmackliche Verirrung halte, aber das ist eben: Geschmack - als in Verbindung damit diese überkontrollierte, kopfgesteuerte, dadurch immer kühl wirkende Spielweise. Seine Interpretationen wirken extrem kalkuliert, fast nie natürlich, und das stößt mich besonders dann ab, wenn er genuin "emotionale" Gestaltungsmittel wie z.B. das Rubato in dieses Kalkül einbezieht. Dann entstehen Darstellungen, die "so tun als ob", denen es bei aller handwerklichen Perfektion an innerer Lauterkeit fehlt. Pogorelichs Spiel wirkt auf mich innerlich distanziert (was eigentlich nur bei Ravel passt), versucht aber mit der Anwendung "ausdrucksvoller" Stilmittel wie Rubato, extremes Pianissimo usw. das Gegenteil vorzutäuschen. Das kann man vielleicht als neue Ebene der Interpretation bewundern, ich höre es eher als künstlerischen Missbrauch.

    Viele Grüße,

    Christian

  • Ich empfand es 1980 als einen Skandal, dass derjenige, der beim Chopin-Wettbewerb in Warschau 1980 den Sieg davongetragen hat - nämlich Đặng Thái Sơn - kaum Beachtung fand, weil alles auf Ivo Pogorelich schaute. Welcher als Verlierer dieses Wettbewerbs mit einer gigantischen PR-Maschinerie gerade deshalb - weil er nämlich verloren hatte - zum Star aufgebaut wurde. Trotzdem habe ich mir eine Karte für sein erstes Konzert in Hamburg gekauft. Und wollte mir ein Urteil bilden, unabhängig von allem. Nur war das, was ich damals von ihm hörte, so geradezu lächerlich aufgesetzt und "gewollt anders", dass ich erstmals an den Selektionsmechanismen in der Klassikwelt heftig zweifelte. Wie gesagt: Đặng Thái Sơn hätte die Weltkarriere verdient. Dieser arme Kerl. Wie wird er sich über seinen Sieg gefreut haben. Und er wurde nicht dafür belohnt.

    «Denn Du bist, was Du isst»
    (Rammstein)

  • Hallo Christian,

    Zitat

    überkontrollierte, kopfgesteuerte, dadurch immer kühl wirkende Spielweise. Seine Interpretationen wirken extrem kalkuliert, fast nie natürlich


    Ja, kühl trifft es gut. Zum Beispiel bei Scarlatti dachte ich sofort an glitzernde, tanzende Schneeflocken bei seinem Spiel. Es mag auch wenig natürliches haben, aber mich stößt es nicht ab, sondern es hat was sehr tragisches für mich, was mir manchmal fast wehtut. So wie funkelnde Eiskristalle, die sich einbrennen, wenn man sie zu lange auf der Haut lässt.
    Ich stelle mir vor, dass Pogorelich die Musik genau so innerlich klar sieht, wie andere ihr vielleicht nachspüren. Für mich hat es daher mehr von Intuition als von Berechnung, daher empffinde ich es nicht als kalkuliert. Ich mag das, es macht mich oft melancholisch, denn es strahlt eine große Einsamkeit aus.

    Ich bin mal gespannt, ob er seinen Recital-Termin nächsten März in Berlin wahrnimmt.
    Heike

    „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ (F. Rzewski, Komponist, in der FAZ vom 21.4.2012)

  • Ich stelle mir vor, dass Pogorelich die Musik genau so innerlich klar sieht, wie andere ihr vielleicht nachspüren. Für mich hat es daher mehr von Intuition als von Berechnung, daher empffinde ich es nicht als kalkuliert. Ich mag das, es macht mich oft melancholisch, denn es strahlt eine große Einsamkeit aus.

    Ich ahne, was Du meinst. In gewisser Hinsicht sieht er die Musik wirklich außerordentlich klar. Für mein Empfinden ist es aber eher die Klarheit eines Chirurgen, der im Objekt seiner Forschung eine gut funktionierende Sammlung von Organen, aber keinen lebendigen Organismus, schon gar keine Seele wahrnimmt. Mit anderen Worten: Wesentliches bleibt ihm verborgen... Ich verstehe aber, dass man das auch anders hören kann.

    Viele Grüße,

    Christian

  • Guten Morgen Christian,

    Zitat

    Für mein Empfinden ist es aber eher die Klarheit eines Chirurgen, der im Objekt seiner Forschung eine gut funktionierende Sammlung von Organen, aber keinen lebendigen Organismus, schon gar keine Seele wahrnimmt. Mit anderen Worten: Wesentliches bleibt ihm verborgen.


    Das finde ich interessant, dass du das so siehst. Auf diesen Vergleich mit dem Chirurgen wäre ich nie gekommen, mir scheint das gar nicht passend. Es sei denn, der Chirurg schnitte sich selbst ;) Ich kann mir nicht vorstellen, wie er die Musik seziert, sondern eher, wie er sie aus der Ferne sehnsuchtsvoll betrachtet und versucht, sie näher ranzuholen. Aber auch sonst scheint er mir bei weitem nicht so vorbereitet und überlegt wie ein Arzt, sondern viel mehr aus dem Moment heraus agierend.

    Pogorelichs Spiel hat nach meinem Empfinden sehr schizoide Züge, daher mag es stimmen, dass ihm wesentliches verborgen bleibt. Aber was ist wesentliches? Für ihn auch öfter mal was anderes als für mich, aber trotzdem berührt mich das oft sehr, wie er das wahrnimmt und ausdrückt. Seele würde ich ihm gar nicht absprechen, romantisches Gefühl schon eher. Er agiert für mich so wie in einem inneren Zwiegespräch mit der Musik, das manchmal eher ein Monolog bleibt, weil die Musik ihm mitunter nicht antwortet und er dann notgedrungen stark eigenes einbringen muss.
    Ich kann mir aber gut vorstellen, dass das nicht jeden anspricht. Vor allem, wenn man selbst sehr nahe am Werk ist, sind seine Deutungen mitunter doch befremdlich.
    Heike

    „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ (F. Rzewski, Komponist, in der FAZ vom 21.4.2012)

  • Hier vielleicht noch ein etwas älteres, aber trotzdem interessantes Interview mit Pogorelich als der WELT:
    "http://www.welt.de/print-welt/art…_Erziehung.html"
    Heike

    „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ (F. Rzewski, Komponist, in der FAZ vom 21.4.2012)

  • [...]

    Pogorelichs Spiel hat nach meinem Empfinden sehr schizoide Züge, daher mag es stimmen, dass ihm wesentliches verborgen bleibt. Aber was ist wesentliches? Für ihn auch öfter mal was anderes als für mich, aber trotzdem berührt mich das oft sehr, wie er das wahrnimmt und ausdrückt.

    Du hast Recht, letzten Endes entscheidet die Reaktion des Hörers, ob eine Interpretation glaubwürdig ist oder nicht. Ich glaube ihm meist nicht und frage mich höchstens, ob diese artifizielle Distanzierung nicht vielleicht Kern seiner künstlerischen Aussage ist (die dann eben doch wieder glaubwürdig wäre, allerdings mit den dargestellten Werken nicht mehr viel zu tun hätte).

    Vor allem, wenn man selbst sehr nahe am Werk ist, sind seine Deutungen mitunter doch befremdlich.

    Das mag erschwerend hinzukommen, aber meistens kann ich durchaus auch Darstellungen schätzen, die von meiner eigenen Vorstellung sehr weit entfernt sind. Z.B. bin ich ein großer Bewunderer von Glenn Gould, der mir aber eben bei aller Exzentrik und aller Provokation doch authentischer, glaubwürdiger vorkommt als Pogorelich.

    Viele Grüße,

    Christian

  • Guten Morgen Christian,

    Zitat

    ob diese artifizielle Distanzierung nicht vielleicht Kern seiner künstlerischen Aussage ist


    Siehst du, das unterscheidet uns in seiner Wahrnehmung - die Distanzierung sehe ich wohl auch, aber als künstlich empfinde ich sie nicht, sondern ich denke, er kann nur so und es ist genau sein Weg, sich der Musik zu nähern.
    Aber egal, das ist ja auch spannend, wie unterschiedlich man das sehen kann.
    Gould mag ich auch sehr (aber nicht alles). Aber das wäre ein anderes Thema.
    Heike

    „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ (F. Rzewski, Komponist, in der FAZ vom 21.4.2012)

  • Eben habe ich alle Beiträge, die sich nicht auf Pogorelich beziehen, in die "Splitter" verschoben. Dort können sie, ebenfalls wie Christians Beitrag oben, vollständig nachgelesen werden.

    Dringliche Bitte der Moderation: Bitte bleibt sachlich und bleibt beim Thema!

    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz

    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Es sind bei Pogorelich ja nicht nur die Rubati, sondern auch die extrem gespreizten Tempi: Nicht immer, aber ziemlich häufig werden langsame Tempi bis zum Stillstand gebremst, während bei schmelleren Stücken Geschwindigkeitsrekorde zu verzeichnen sind. Festzustellen gerade bei kleinteiliger organisierten Werken wie den Chopin-Préludes und Schumanns op. 13 (hier z.B. das verschleppte Thema und das rasend schnelle Agitato im 2/4-Takt, die sechste Variation). Mit diesem, äh, Stilmittel steht er allerdings nicht allein da...

    Klasse finde ich ihn z.B. bei den Chopin-Scherzi. Beim ersten in h-moll merkt man erst, wieviel Pedal andere Pianisten einsetzen. Dagegen ist Pogorelich wirklich glasklar-trocken und dabei auch extrem virtuos.

    Ich kenne aber nicht viele seiner Interpretationen, verspüre auch ehrlich gesagt keinen Bedarf nach Haydn oder Mozart mit Pogorelich. Im Konzert habe ich ihn leider noch nicht erlebt.


    Viele Grüße

    Bernd

    .

  • Die Chopin-Scherzi finde ich auch grandios und nicht außergewöhnlich manieriert, obwohl Tempokontraste extrem sind und natürlich auch rubati eingesetzt werden. Wirkt alles auf mich hier aber nie aufgesetzt, sondern packend und schlüssig. Da finde ich Zimerman in der f-moll-Fantasie und den Balladen eher manieriert. Oder Argerichs brillante Scherzi 2+3 wirken gegenüber Pogo "nur schnell" und etwas flach. (Dass damit die Konkurrenz nicht ausgeschöpft ist, weiß ich, ich besitze sicher noch ein weiteres halbes dutzend oder mehr: Rubinstein, Pletnev (beinahe geradlinig in den Scherzi, sonst mitunter Manierismen bis zum Abwinken), Freire, Francois, Katsaris u.a., aber ich würde Pogorelich jedenfalls ganz vorne dabei sehen.)

    (Was mir neulich einfiel, an die Kunstwissenschaflter: Warum finden wir manche manieristische Übertreibungen (wie den unmöglichen Hals der Botticelli-Venus) oder gewisse "Mängel" (den Überbiss von Letitia Casta, den zu großen Mund von Julia Roberts usw.) so attraktiv?)

    Sonst kenne ich allerdings nur noch die Scarlatti-Auswahl und die beiden englischen Suiten. Gefallen mir auch sehr, besonders letztere wirken auch nicht sehr exzentrisch. Sie scheinen mir aber nicht so herauszuragen wie die Chopin-Scherzi. Die Preludes hatte ich im Chopin-Jahr in Erwägung gezogen, dann aber entschieden, dass ich nicht eine fünfte oder sechste Version dieser Stücke benötige. In der DG-Box, die ich u.a. in jenem Jahr gekauft hatte, fehlte Pogo, die Preludes waren mit Blechacz, wenn ich recht erinnere.

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Ja, die Chopin-Scherzi liebe ich auch sehr, da möchte man den Atem anhalten, so intensiv und teilweise beklemmend beunruhigend spielt er die.

    Aber nochmal zurück zum Klang, ich habe mir nochmal Ravels "Gaspard de la Nuit" angehört, das ist wahrlich großartig. Da entschwebt man in andere Welten, meine ich. Damit würde ich ihn gern mal live hören, das muss irre sein.
    Heike

    „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ (F. Rzewski, Komponist, in der FAZ vom 21.4.2012)

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