Yuja Wang - eine Ausnahmepianistin startet durch

  • die "Degradierung" zum Lust-"Objekt" wird von der Künstlerin aktiv herbeigeführt

    Dass es sich um eine "Degradierung "handelt, ist deine Sicht. Dass dies "aktiv" herbeigeführt, ist deine Sicht. Man kann beides auch ganz anders sehen. Erklärung: Siehe unten.

    Daran ändern wahrscheinlich ihre Plüschtiere auch nichts, sie ist ja nicht mehr 12. Wahrscheinlich ist das alles nicht besonders konzeptuell durchdacht, und sie genießt gleichermaßen die faszinierten männlichen Blicke wie den Jubel über die Fingerfertigkeit.

    Es kann sogar sein, dass es sehr genau durchdacht ist. Meine Erklärung: Siehe unten. Und siehe ihre eigene Aussage zu ihrer Kleidung generell, oben in deinem eigenen Beitrag:

    Zitat
    I choose what I wear for performances based on my energy, my mood, the piece I’m performing … it’s all connected.

    :/

    Du siehst, sie hat es sich genau überlegt und überlegt es sich immer. Dass dabei in gewisser Hinsicht Ähnliches herauskommt, ist eine für mich interessante Beobachtung, die mir sehr stimmig vorkommt. Andererseits gibt es dennoch genügend Unterschiede in ihrer Kleidung, was auch wieder Sinn macht, denn sie spielt ja nicht immer dasselbe Stück und ist nicht immer in derselben Stimmung. Erklärung siehe unten.

    sie genießt gleichermaßen die faszinierten männlichen Blicke wie den Jubel über die Fingerfertigkeit. Da das in der Populärmusik so ähnlich ja schon lange üblich ist, ist es wohl einfach eine Übernahme von dort. Eventuell also eine Trivialisierung von Kunstmusik.

    Andersherum könnte ich sagen: Eingefahrene gedankliche Muster machen anhand der Kleidung der Pianistin Populärmusik daraus. Mir geht es nicht so.

    Stellen wir uns vor es gäbe Populärmusik nicht, sondern nur Messiaen....was hätten wir dann gedacht?

    Ich meine die Diskussion hier zeigt auf, was einige nicht wahr haben wollen, nämlich dass Musik (bzw alle Kunst), Liebe und Spiritualität sich in dem Aspekt ihrer Sinnlichkeit treffen. Genau das ist mMn ihre Schnittmenge. Alle drei haben selbstverständlich auch Aspekte, die sich mit den anderen beiden nicht überschneiden und wonach sie sich demnach unterscheiden, aber in der Sinnlichkeit treffen sie sich und verschmelzen miteinander. Aber was viele nicht wahrhaben wollen, ist dass das eine das andere antippen kann, sodass es in uns zum Schwingen kommt und zu einer Art Verständnis kommt. Warum das für einige so schwierig ist, verstehe ich nicht, denn schon JS Bach wusste es und hat es genutzt. Und viele vor und nach ihm auch.

    Sinnlichkeit auf Sexualität zu reduzieren ist dabei aber der eigentliche Fehler. Sinnlichkeit ist sehr viel mehr, denn wir haben 5, bzw 6 oder sogar 7 Sinne, die alle zusammenarbeiten. Wenn dies harmonisch und ausgewogen geschieht, dann steigert sich die Lebenserfahrung und --erfüllung. Denn wir erleben als Menschen die reale Welt und die Interaktion mit anderen Menschen NUR mithilfe unserer Sinne. Aber diese sinnliche Erfahrung auf Sex oder sogar Erotik zu reduzieren, halte ich für falsch. Es handelt sich genau genommen um ein Cocktail von sinnlichen Erfahrungen....deshalb gibt es bei Menschen ja auch das Phänomen der Synästhesie.

    Es ist doch nichts neues, dass es viele Menschen und Kulturen gibt, die genau dieses Phänomen der Schnittmenge von Kunst/Musik & Liebe & Spiritualität verstehen und würdigen. Und sogar nutzen, um ein Verständnis von Spiritualität zu erreichen und dies dann zu zelebrieren. Das hat nichts Dreckiges, Degradierendes oder Triviales. Unser abendländisches Denken kann es dazu machen, aber selbst hier muss es nicht dahin führen. Man denke an Solomon The Song of Songs (weiss jetzt gerade nicht, wie das auf Deutsch heisst) usw.

    Wer dem nicht folgen kann oder nicht folgen möchte, der entsetzt sich natürlich über Wangs Gesamtkunstwerkansatz, in dem sie ihre Kleidung und ihre Gestik mit einschliesst. Aber wie ich mich erklärt habe, liegt mMn der Fehler bei dem Entsetzten.

  • Ich habe nochmal Walters Beiträge nachgelesen. Er vergleicht Wangs Auftreten mit Burlesque. Dazu habe ich in Wikipedia nachgelesen und komme zum Schluss, dass ich das mangels Anschauung nicht beurteilen kann, ob es mit dem Vergleich etwas auf sich hat.

    :/

    Übrigens finde ich auch Deine Behauptung, Wang würde sich zum Lustobjekt degradieren, unzutreffend. Wenn überhaupt, macht sie sich zum "Lustsubjekt", schließlich ist sie allen Anwesenden als große Pianistin bekannt und nicht irgendein "anonymer weiblicher Körper". Musikunkundige werden sich für Wang auch bei diesem Outfit nicht interessieren, denn das nächste, weitaus explizitere "Lustobjekt" ist im Internet nur einen Mausklick weit entfernt.

    Das war ja nun nicht meine Meinung, sondern die von Ekke, weshalb ich "Degradierung" unter Anführungszeichen gesetzt habe: Er schrieb, sie sei "nicht nur Objekt".

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  • Solomon The Song of Songs (weiss jetzt gerade nicht, wie das auf Deutsch heisst)

    Das Hohelied, zu finden im Alten Testament (zwischen Kohelet und dem Buch der Weisheit). Diesen Konnex verstehe ich zwar nicht, aber sei's drum.

    Wegen der im Mai 2023 in Kraft getretenen Forenregeln beteilige ich mich in diesem Forum nicht mehr (sondern schreibe unter demselben Pseudonym in einem anderen Forum), bin aber hier per PN weiterhin erreichbar.

  • Wer dem nicht folgen kann oder nicht folgen möchte, der entsetzt sich natürlich über Wangs Gesamtkunstwerkansatz, in dem sie ihre Kleidung und ihre Gestik mit einschliesst. Aber wie ich mich erklärt habe, liegt mMn der Fehler bei dem Entsetzten.

    Der Entsetzte ist jetzt aber auch eine fiktive Person ... dass Wang bei jedem Stück über ein "passendes" Kleid nachdenkt, heißt aber auch nicht, dass sie über ihren "Gesamtkunstwerkansatz" besonders viel nachgedacht hätte ...

    ^^

    Und bezüglich Sex und Sinnlichkeit sind wir jetzt wieder bei Walters Burlesque - oder zumindest bei meiner Unklarheit damit. Kein Mensch hat das mit Pornographie verglichen.

    Außerdem ist ihre Gestik nicht besonders sinnlich sondern normal pianistisch, soweit ich auf die Bühne geschaut habe (ich schaue meistens im Konzert nicht viel auf die Bühne).

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  • Vielleicht könnte ein thread helfen, welcher zum Thema hat, ob das Spektatorium-Auditorium in der Lage ist, zu beurteilen, warum ein Künstler welche Kleidung trägt und welche Impulse beim Spektatorium-Auditorium geeignet sind, daß es dies diskutieren zu müssen glaubt ..... Grins1 :versteck1:

  • Das Hohelied, zu finden im Alten Testament (zwischen Kohelet und dem Buch der Weisheit). Diesen Konnex verstehe ich zwar nicht, aber sei's drum.

    Ich auch nicht.

    Zitat

    Schön bist du, meine Freundin, / ja, du bist schön. Hinter dem Schleier / deine Augen wie Tauben. Dein Haar gleicht einer Herde von Ziegen, / die herabzieht von Gileads Bergen. Deine Zähne sind wie eine Herde / frisch geschorener Schafe, / die aus der Schwemme steigen.


    Unser abendländisches Denken kann es dazu machen, aber selbst hier muss es nicht dahin führen.

    Das hat ja nun mit Abendland nichts zu tun.

  • Es ist dieses spröde Beckmessertum der scheinbar moralisch überlegenen Wokeness,

    das mich beelendet. Ich will diesen Habitus ja gar nicht beurteilen oder gar verurteilen, ich persönlich empfinde halt nur eine erhebliche Lustfeindlichkeit darin, und die kann und will ich nicht teilen, ganz im Gegenteil.

    Dein Ärger vermag mein Brägen durchaus nachvollziehn.

    Anderseits motiviert doch dein Posting nicht bloß zu Legion von Postings, sondern – um mal MBs Analyse aufzugreifen - es entfleucht so manchen Usern**innen dabei jede Menge Lust, die aus "scheinbar moralisch überlegener Wokeness" (oh, welch lustvoller Springquell!) sich speist. Die „erhebliche Lustfeindlichkeit“, die dir „darin“ rüberwächst, schlüge damit um bzw. quasi modulierte bewusst zu höchster Lust ... :thumbup: :thumbup:

    „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann

  • Die Lust der Zensur. Auch nicht schlecht.

    Mir fällt gerade auf, dass meine Poussin-Putten links auch nicht viel an haben. So bin ich jedenfalls nicht im Konzert gesessen.

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  • Die Lust der Zensur. Auch nicht schlecht.

    muss ja nicht auf "Zensur" sich beschränken. .. sondern möglicherweise auch quasi Entdeckerfreude ... manfrau mit Leidenschaft im Checken, ob irgendwas nicht pc-like oder so...

    so einen ähnlichen Fall gab es bei ...

    „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann

  • Hier ein substanzieller Beitrag zur Musik:

    Messiaen's megalomane Symphonie mit dem Motto "Turangalila" ist ein umfassendes Gesamtkunstwerk (wie Yuja Wang herself):

    Koussewitzky hat das Werk bei Messiaen bestellt und dem Vogelliebhaber alle Freiheiten der Gestaltung gelassen, was Olivier in 10 Sätzen (!) ausgekostet hat.

    Das Werk nimmt Bezug auf den Tristan-Mythos, transferiert diesen aber in indische Gefilde.

    Turanga-Lila ist Sanskrit und bedeutet in etwa:

    Turanga: stetiger Puls, heftiger Rhythmus

    Lila: Liebesspiel zwischen Leben und Tod

    Der berühmt berüchtigte Horowitz spricht von: "Cosmic-Love-Death-Play-Creation-Distraction of the universe".

    Begehren, Lieben, Vereinigung, Orgasmus (kleiner/grosser Tod), Weltenschöpfung, Weltenzerstörung, das sind die universalen Themen, die in diesem Opus Magnum messianisch, ähm messiaenisch in Klang gesetzt werden.

    Es geht um nicht weniger als um die orgiastische Verschmelzung (der kosmische Orgasmus), wie er etwa in der traditionellen tantrisch-buddhistischen Praxis, aber durchaus auch im Neotantra angestrebt wird.

    Erleuchtung durch Vereinigung!

    Wobei ich klarstellen will, dass es das Phänomen der "Erleuchtung" im erdgebundenen Leben mE nicht gibt (oder es ereigne sich denn in Gestalt einer "Verstrahlung" - mit Endstation Klapse ...)

    Die Klangsprache von 1948 ist durchaus gewöhnungsbedürftig. Ich kann nicht umhin, zu gestehen dass mich das sirenenhafte Teremin-Gejaule (Ondes Martinot) gewaltig nervt. Eigentlich gefällt mir das Werk überhaupt nicht, ausser vielleicht der meditative 6. Satz: "Garten des Liebesschlafs"

    ***

    Sorry für den Ausschweif.

    Wir sind hier ja im Faden zu Ehren von Yuja Wang. Der Exkurs scheint mir aber hilfreich zu sein, um zu verstehen, weswegen ich versucht war, zu bourleskem Vokabular zu greifen.

    Wang hat das beschriebene Werk zusammen mit der Ondes-Martonistin Cecile Lartigau und den Wiener Philharmonikern unter Esa-Pekka Salonen mit grossem Erfolg zweimal an den Salzburger Festspielen aufgeführt.

    Am 6.September kommt der Turangalila-Tross nach Luzern. Framan darf gespannt sein.

    Gruss aus Bern vom Walter

  • Ich kann nicht umhin, zu gestehen dass mich das sirenenhafte Teremin-Gejaule (Ondes Martinot) gewaltig nervt.

    Das war (jedenfalls auf den billigen Plätzen um 80,-) recht dezent ...

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  • Ich glaube, so weit können wir uns doch einigen:

    das Outfit ist in diesem Faden keineswegs "off topic", auch wenn ich mir gerne wünschen würde, dass die Klavierkunst von Frau Wang ins Zentrum gerückt wird.

    Ich finde es köstlich - ohne Ironie - wie die outfittigen Topoi der Wonderwoman Yuja Wang ungleich mehr zu reizen scheinen als deren intrinsischen Qualitäten, die halt eben schier unbeschreiblich sind (mit unseren dürren Worten).

    Es ist schwierig, zurückfinden zum Inhalt und sich zu enteisen von der Verpackung. Frau Wang hat unzweifelhaft ihren Anteil daran. Sie ergötzt sich schelmisch darob, wie mir scheint:

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    Dennoch - oder gerade deswegen - zweifle ich ihre Seriosität/Authentizität keineswegs an.

    Grundsätzlich empfinde ich Frau Wang schlichtweg als umwerfendes Gottesgeschöpf, sei es in ihrer exceptionellen (mE unerreicht vollendeten) Performence und Darstellung des Komponistenwillens, wie auch in ihrer exhibitionistischen (ungemein hemmungslosen) Direktheit und Offenheit der Darstellung ihrer selbst.

    Ja, es gibt mE kein grösseres Kompliment an einen Menschen. Für mich ist sie die vollkommenste Klavierspielerin unserer verrückten Zeit. Ich bin ein Fan.

    ***

    Es ist unvermeidlich: sie reizt auch die BBC-Boulevard-Kommentatoren (anlässlich der Proms 2022 in London) zu genüsslichen Kalauereien der einschlägigen Art (Manfrau höre gut zu!)

    Wer wollte es ihnen verargen. Alles Show!

    Und Show sei gegönnt, wem Show gebürt - und wer sie sucht! Und Yuja Wang sucht sie zweifelsohne - und sie tut es mit Erfolg, und die Freude daran lasse ich mir nicht verbeckmessern.

    Denn: manfrau verfolge bitte auch (und erst recht) die fulminante Liszt-Performence:

    (mit der Oslo Philharmonic unter Klaus Mäkelä) Kann die vertrackte Partitur denn vollkommener tastifiziert werden? Wohl kaum. Stunning! Es ist in meiner Wahrnehmung und Einschätzung eine Show zu Ehren der Schöpferin.

    meint - mit Gruss aus Bern - der

    Walter

  • Aufführungsberichte sind doch meist auch nur Gewäsch ...

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  • Ich gebe jetzt auch mal meinen Senf dazu.

    Frau Wang darf sich kleiden, wie es ihr gefällt. Und ich persönlich glaube, weil sie es auch in einer Doku mal beschrieben hat, dass sie einfach Freude an ihrer Kleidung hat, sich darin wohl fühlt. Das kaufe ich ihr einfach ab. Dass da auch ein gewisses exhibitionistisches Element (nicht im Sinne von Nacktheit) dabei ist, darin habe ich auch keinen Zweifel, und das ist ja auch völlig okay. Als "Markenzeichen" ansich hätte sie es sicherlich nicht nötig, da ihre pianistischen Leistungen einfach völlig überzeugend sind. Auf der anderen Seite empfinde ich sie als "authentisch", also ihr Auftreten nicht als "inszeniert" oder aufgesetzt, so wie ich davon überzeugt bin, dass z. B. ihre Mimik beim Spielen "echt" und natürlich ist und ihre Spielfreude zum Ausdruck bringt.

    Mir scheint fast, dass Feminismus/Wokeness/PC/Gender..., oder nennen wir es einfach Zeitgeist, mit sich gebracht haben, dass eine Frau Hosen tragen "muss", sich also nicht "weiblich" (weil, das ist ja "sexistisch") kleiden "darf", genauso wie ihr auch ein Leben als freiwillige "Hausfrau" quasi untersagt ist, auch wenn sie das will. Wie weit wir in dieser Hinsicht schon konditioniert sind, hat Ekke mit seinen Reflexen

    Nein, das tut sie nicht. Man muss keine Feministin sein, um festzustellen, dass das eine Argumentation nach Art der klassischen "Täter-Opfer-Umkehr" ist.

    Naja, das ist doch das klassische Argumentationsmuster beispielsweise bei Vergewaltigungen: Sie ist doch selbst schuld, wenn sie sich so anzieht.

    gut zum Ausdruck gebracht, zumal ja hier von Vergewaltigung überhaupt keine Rede war. (Bei Vergewaltigung oder sexueller Belästigung würde ich Ekke natürlich voll zustimmen.)

    Das mit der Kleidungsvorschrift/Mode in unserer Gesellschaft ist sowieso eine merkwürdige Geschichte. Wenn ich den oben zitierten Artikel in den Salzburger Nachrichten https://www.sn.at/kultur/kunst/s…mann-an-2293915 lese, fühle ich mich zurückversetzt ins 19. Jahrhundert und reibe mir die Augen. Nur ein paar Statements daraus von der Frau Motsch:

    Zitat

    Nicht zulässig seien Leinen- und Khakianzüge oder gar eine Blazer-Jeans-Kombi. Tracht gehe nur, wenn es sich um eine festliche Variante handelt.

    Über Tattoos müssten sich die männlichen Festspielgäste dagegen keine Sorgen machen: "Wir leben mittlerweile in einer Zeit, in der man Tattoos nicht mehr abdecken muss, wenn sie aus den Hemdkragen schauen", erklärt Motsch, die als Dozentin an der Steinbeis-Hochschule in Berlin tätig ist. Elegante Schuhe, Manschettenknöpfe und Kniestrümpfe statt Socken seien für den vornehmen Mann dagegen Pflicht.

    Motsch bleibt hart, wenn es um schwitzende Festspielgäste geht. "Auch wenn es warm werden sollte, bleibt der oberste Hemdknopf zu." Selbst das Sakko dürfe man nicht ausziehen, es sei denn, der Gastgeber erlaube es.

    In welcher Welt lebt diese Frau? (Okay, die "Welt" der Salzburger Festspiele ist mir auch unbekannt.)

    Auf der anderen Seite ist heute im Beruf wie im Alltag viel mehr "möglich" als früher, bis hin dazu, dass Männer Röcke tragen. (Dies haben sie vor Jahrhunderten übrigens schon, gilt aber heutzutage immer noch als verstörend.)

    (S+) Wenn Männer Röcke tragen (wie Brad Pitt): »Klischees in der Mode sind gefährlicher, als man denkt«
    Holger Hähle mag es untenrum gern luftig. Frauen können alles anziehen, sagt der Biologe, Männer müssen sich erst noch emanzipieren. In manchen Situationen…
    www.spiegel.de

    (Leider nur S+)

    Klar ist aber: wer "ungewöhnlich" gekleidet ist, der lenkt Blicke auf sich. Sei es eine Frau mit grünen Haaren, Glatze, die ein "gewagtes" oder einfach nur sehr elegantes Kleid (siehe Y.W.) oder einen Rock aus PVC oder Latex trägt, oder High-Heels oder Gummistiefel etc. pp. Sei es ein Mann, der sich "unmännlich" kleidet (s. Rock oben), selbst Leggings scheinen kaum "erlaubt" zu sein, u.s.w. ABER: dass die Leute gucken, wenn sie etwas ungewohntes wahrnehmen, liegt in der Natur des Menschen, genauso, wie sich die Gesellschaft auch mit der Zeit daran gewöhnt. Erlaubt habe ich in Anführungsstriche gesetzt, ich meine das im Sinne von "woke" u. ä., denn i.d.R. ist es ja nicht wirklich verboten (es mag Ausnahmesituationen geben, wie in mancher Kirche oder in Salzburg...), sofern nicht jemand völlig nackt herumläuft (sorry, Walter ;) Aber es mag im Extremfall zu Naserümpfen bis hin zu Beschimpfungen führen. Oder anders ausgedrückt: man braucht durchaus Mut oder ein gutes Selbstbewusstsein, oder eine exhibitionistische Ader, wenn man öffentlich solche modischen Tabus bricht, solange sie noch in weiten Teilen als Tabus gelten. Das war natürlich in früheren (rigideren) Gesellschaften nahezu völlig unmöglich (und ist es in manchen Gesellschaften ja immer noch).

    Also nochmal: es ist völlig normal, wenn sich Personen "umdrehen", wenn sie z. B. eine (subjektiv empfundene) schöne Frau in (subjektiv empfundener) passender, gewisse "Reize" unterstreichende Kleidung trägt (und mit Reizen meine ich jetzt keineswegs unbedingt sexuelle oder erotische). Natürlich berechtigt das in keinster Weise zu irgendwelchen Übergriffigkeiten (um Ekke 's Einwand zu unterstreichen). Aber in jedem Fall ist es das gute Recht der diese Kleidung tragenden Person, und vielleicht will sie sogar (zu Recht) gewisse Reize auch nach außen senden. Das ist keinesfalls unmoralisch, und wenn "provokativ", dann nur in dem Sinne, dass sie Blicke auf sich lenkt (lenken will). Umgekehrt muss sich die betrachtende Person weder für das Betrachten noch für ihre Gefühle dabei schämen (sofern kein Übergriff stattfindet, wovon ich hier mal ausgehe).

    Und so finde ich insbesondere auch Walters Einlassungen dazu völlig okay, wenn ich auch verstehen kann, dass die eine oder andere Formulierung bei einigen zu Missverständnissen und Aufregung geführt haben. Aber ich empfinde es auch so, dass man heutzutage immer mehr aufpassen muss, was man noch sagen "darf". Bei manchen Dingen (z. B. sexistische/rassistische Witze etc.) sollte es klar sein, dass das heute nicht mehr geht, und das ist auch gut so. Da sehe ich auch einen guten Punkt bei der Wokeness-Debatte, etwa metoo und so. Aber es sollte nicht zu einer generellen Lust- und Lebensfeindlichkeit ausarten.

    maticus

    Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga

    Ich lieb‘ den Schlaf, doch mehr noch: Stein zu sein.
    Wenn ringsum nur Schande herrscht und nur Zerstören,
    so heißt mein Glück: nicht sehen und nicht hören.
    Drum leise, Freund, lass mich im Schlaf allein.
                       --- Michelangelo Buonarroti (dt. Nachdicht. J. Morgener)

  • Dass da auch ein gewisses exhibitionistisches Element (nicht im Sinne von Nacktheit) dabei ist, darin habe ich auch keinen Zweifel, und das ist ja auch völlig okay.

    Guter Punkt, imho. Der eigentliche Exhibitionsmus ist doch, Rach 2 und Rach 3 öffentlich zu spielen - wobei man, wie schon Peter Cossé wusste (um auch mal so etwas wie Kompetenz einfließen zu lassen, auch, wenn es geborgte ist - aber das ist letztlich jede Kompetenz), seine Schlafzimmertür mehr als nur einen Spalt öffnen muss.

    Auf der anderen Seite empfinde ich sie als "authentisch"

    Noch ein guter Punkt, wie ich meine. Wäre die Kleidung nur Show und nur aus Berechnung getragen, wäre das m. E. sehr fragwürdig. Aber ja - es passt! Auch, wenn es nicht jedem/r passt. Muss ja niemand hingehen.

    Jedenfalls sind sie das, was von einem Klassikforum eigentlich zu erwarten wäre.

    Frag nicht, was Dein Land für Dich tun kann. Frag Dich, was Du für Dein Land tun kannst.

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • (Okay, die "Welt" der Salzburger Festspiele ist mir auch unbekannt.)

    Mir nicht.

    In welcher Welt lebt diese Frau?

    Offensichtlich in Berlin und nicht in Salzburg.

    In den Salzburger Festspielen sieht man alles. Ich war kürzlich in der "Aida"-Premiere, solche Veranstaltungen sind in Salzburg ein großes Ereignis.

    Man sieht sehr elegante Kleidung, zu der auch viele Dirndl gehören, aber ebenso Geschmackloses (immer von meiner Warte aus gesehen, vielleicht finden andere es ja toll).

    In meinem Aufführungsbericht über diese Vorstellung hatte ich auch ein bißchen über Kleidung berichtet. Selbstverständlich fand man bei der Hitze auch offene Hemdkragen. Und die Sakkos werden auch ausgezogen. Daß die Herren alle Kniestrümpfe statt Socken tragen, glaube ich nicht.

    Wie gesagt, es gibt alles und jedes, allerdings deutlich mehr elegantes outfit als an anderen Opernhäusern. Und natürlich gelegentliche Extravaganzen, das ist für Salzburg typisch.

    Um zu Yuja Wang zurückzukommen: wie der Standard ja schrieb, war das Publikum entzückt über ihr Aussehen. Daß das an anderen Opernhäusern auch so ist, glaube ich eher nicht.

    So sah das die SZ 2018:

    Glück und Unglück
    Gergiev, die Philharmoniker und Yuja Wang
    www.sueddeutsche.de

    Bitte das Urheberrecht beachten und keine Zitate einstellen.

    Motiaan für die Moderation.

    Einmal editiert, zuletzt von motiaan (31. August 2022 um 21:09)

  • Anmerkungen:

    Ich bin ein Fan.

    Na, da kenne ich jemanden, der weiterhin das Vorrecht genießen will als ihr größter Fan Grins1

    Im Übrigen ist meines Erachtens alles gut, welches angetan ist, uns alten Leuten beim Blutdruck zu helfen.

    Deshalb höre ich auch nix mehr von Pärt, habe Angst vor Langeweile zu sterben = Blutdruck perdu.

    Gummistiefel

    Klemperer hat mal in Budapest Ende der 40iger ne Opernaufführung in Gummistiefeln dirigiert, weil er zu spät kam, sich nicht mehr umkleiden konnte und wg. Regens eben dieses Schuhwerk trug..

    Im Übrigen kommt mir diese Diskussion irgendwie bekannt vor.

    Etwa so. Der Kleingärtnerverein Kiel Nord diskutiert, ob Frau Nicoline H aus ihrem Garten einen verwilderten Naturgarten machen darf.

    Gruß aus Kiel

    "Mann, Mann, Mann, hier ist was los!"

    (Schäffer)

  • Im Übrigen kommt mir diese Diskussion irgendwie bekannt vor.

    Etwa so. Der Kleingärtnerverein Kiel Nord diskutiert ob Frau Nicoline H aus ihrem Garten einen verwilderten Naturgarten machen darf.

    :megalol:

    Irgendwo passt das aber nicht. Im Kleingartenverein haben die meisten Ahnung von Botanik.

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Vielleicht hat das Ganze auch noch was mit kulturellem Austausch zu tun oder Aneignung oder so.

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