Yuja Wang - eine Ausnahmepianistin startet durch

  • Um einmal vom Outfit wegzukommen, so habe ich aber jenseits der unwidersprochen pianistischen Perfektion trotzdem ein distanziertes Verhältnis zu ihren Interpretationen. Ich habe sie nur 2x gehört, einmal mit Prokofiev 3. Klavierkonzert unter Abbado in Luzern - das erschien mir einfach seelenlos - , und dann zusammen mit dem Mahler Chamber Orchestra mit dem 1. und 2. Klavierkonzert von Beethoven. Das MCO spielt bevorzugt ohne Dirigent (so z.B. bei Projekten mit Uchida und Andsnes), und so war es auch mit Yuja Wang. Ich war damals in der Probe im Gasteig dabei und entsinne mich, dass der Konzertmeister Matthew Truscott relativ genervt war, weil Wang keine klare Vorstellung von den Stücken hatte und immer wieder mit ihm sprach und Dinge fragte. Das Konzert lief dann auch irgendwie belanglos und uninspiriert ab und war für mich eine herbe Enttäuschung im Vergleich zu der fulminanten “Beethoven Journey”, die das Orchester in den Jahren zuvor mit Leif Ove Andsnes durchgeführt hatte. Nun mag sie vielleicht zwischenzeitlich reifer geworden sein, zumal sie offensichtlich auch Kammermusik macht, wo sie nicht das uneingeschränkte Primat der Tastenakrobatin hat.

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    Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)

  • Eine Künstlerin überlegt sich sehr bewusst, wie sie sich auf der Bühne präsentiert. Das kann bedeuten, sich klassisch und unauffällig zu kleiden, um die Fokussierung auf körperliche Reize und entsprechende Kommentare zu vermeiden, dass kann aber auch bedeuten, sich bewusst auffällig und attraktiv zu kleiden, um auch als Erscheinung zu beeindrucken. Beides ist nicht verkehrt, ein Künstler oder eine Künstlerin stellt sich nun einmal als "Gesamtpaket" auf einer Bühne öffentlich zur Schau. Die Frage ist eben, was er oder sie daraus macht.

    Ja, beides hat seine Berechtigung. Das muss sie/er selbst für sich entscheiden. Und mit den Reaktionen des Publikums leben. Es ist ja ein Teil des Marketings, der Selbstvermarktung. Jegliche abfällige Bemerkung verbietet sich. Auch ob es/was "sich gehört"/oder "nicht gehört", ist kein Maßstab, nur weil es sich im Falle von Yuja Wang um sogenannte E-Musik handelt. Wer sollte das festlegen, dass entsprechende Kleidung nur bei der sogenannten U-Musik erlaubt sei, wobei wir uns ja sicher einig sind, dass diese Unterscheidung ohnehin Unsinn ist. Wie sagte, ich glaube es war "Lenny", einst: "Es gibt nur gute und schlechte Musik". Aber auch das scheint mir ein weites Feld zu sein...

  • Um einmal vom Outfit wegzukommen, so habe ich aber jenseits der unwidersprochen pianistischen Perfektion trotzdem ein distanziertes Verhältnis zu ihren Interpretationen.

    Darüber lohnt es sich - so scheint mir - in der Tat zu diskutieren. Bei Beethoven 1 erging es mir ebenso. Das mit der Probe im Gasteig halte ich für eine hochinteressante Erfahrung. Auch die Schilderung darüber.

    Habe diese Aufnahme bei YouTube gehört: Muziekgebouw, Eindhoven, November 8, 2017 Mahler Chamber Orchestra Yuja Wang, piano, Matthew Truscott, concertmaster.

    Das ist dann ja wohl der gleiche Konzertmeister wie im Gasteig.

    Ich kann meine "gemischten Gefühle" - noch - nicht in richtige Wort fassen (muss es noch einmal hören), aber irgend etwas vermisse ich, fehlt mir: der "Tiefgang"?

    Ihre weitere Entwicklung scheint mir diesbezüglich in jedem Fall interessant zu sein.

  • Angela Merkel in Bayreuth

    Oslo. 2008. Eröffnung der neuen Oper.

    Das Foto wird allerdings seither von der Presse auch bei anderen Events immer wieder verwendet. "Symbolbild" nennt man sowas wohl, in Ermangelung eines echten Fotos. Sie schreiben's nur nicht immer hin...

    Ich find' diese Sucht, zu bebildern, auch wenn man keine Bilder hat, ärgerlich. Erweckt je nach Anlass auch falsch Vorstellungen. Übles Framing.

    OK: off topic

    viele Grüße

    Bustopher


    Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
    Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)

  • Muziekgebouw, Eindhoven, November 8, 2017 Mahler Chamber Orchestra Yuja Wang, piano, Matthew Truscott, concertmaster.

    Das Konzert in München war am 7.11.

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    Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)

  • Ich habe meine früheren Vorbehalte ihr gegenüber diesbezüglich revidiert und beurteile sie heute nur noch hinsichtlich von Qualität und Musikalität ihres Klavierspiels. Und da ist sie m.E. über jeden Zweifel erhaben.

    Das habe ich bereits registriert und freue mich darüber.

    Auch in dem Teodor Currentzis gewidmeten Faden habe ich erlebt, dass einer der schärfsten Kritiker jenes Künstlers dann, als er sich eine von ihm geleitete Aufführung von Verdis Requiem angehört hat, um 180 Grad in die andere Richtung geschwenkt ist. Einfach nur zuhören und auch mal die Augen verschließen vor allem, was außermusikalisch ist, hilft manchmal sehr.

    Mir persönlich ist das outfit und das Schuhwerk von Yuja Wang sowas von egal. Und jetzt haue ich mal einen raus: Ich persönlich finde sie noch nicht einmal besonders attraktiv (nähere Erläuterungen, warum das so ist, spare ich mir, das ist nun wirklich mein Privatleben). Und auf ultrahohe High Heels stehe ich ohnehin nicht, finde das fast schon albern. Aber es ist mir so etwas von egal, was da auf der Bühne herumgestöckelt wird. Es zählt allein ihr Klavierspiel. Und das ist fast schon konkurrenzlos gut (allenfalls Hamelin kann an ihre pianistischen Fähigkeiten heranreichen, übertrifft sie vielleicht sogar ein klein wenig). Lucas Debargue ist mittlerweile mein Lieblingspianist Nr. 2 nach Yuja Wang, aber sie ist doch einfach noch einen Tick besser als er.

    Yuja Wang gefällt mir übrigens überhaupt nicht in ihrem Verhalten nach ihrem Bühnenauftritt. Ich habe mir ein paar Mal ein Autogramm von ihr geholt, einmal unterhielt sie sich auch mit mir, aber in aller Regel schaut sie den in der Schlange Anstehenden nicht in die Augen, signiert die CD, das Programmheft oder die Eintrittskarte sehr hastig und wartet dann auf den nächsten. Die Botschaft kommt deutlich rüber, dass sie diesen Kontakt mit den Konzertbesucher(inne)n so schnell wie möglich hinter sich bringen möchte. Deswegen stehe ich auch nicht mehr für Autogramme von ihr an. Aber wiederum: Das ist mir sowas von egal bei dieser pianistischen Offenbarung, die man in ihren Konzerten erlebt. Nur das zählt. Nichts anderes.

  • Ich erinnere mich gerade daran, dass ich etwas Vergleichbares vor knapp zwei Jahren schon einmal in diesem Faden geschrieben habe Grins1

    ich freue mich über jeden anderen Musikliebhaber, der sie wegen ihrer außerordentlichen pianistischen Fähigkeiten schätzt und ihr Riesenrepertoire, das sie sich bereits in sehr jungen Jahren erarbeitet hat, bewundert. Alles andere ist mir persönlich, ehrlich gesagt, völlig egal. Ich bewundere sie wegen ihres Ligetis, ihres Scriabins und ihres Schönbergs, nicht wegen ihres Schuhwerks.

  • aber in aller Regel schaut sie den in der Schlange Anstehenden nicht in die Augen, signiert die CD, das Programmheft oder die Eintrittskarte sehr hastig und wartet dann auf den nächsten.

    Kann ich gut verstehen. Ist halt eine blöde Pflichtübung. Man muss den Fetischbedarf der „Fans“ bedienen/abarbeiten, ob man das mag oder nicht. Steht vermutlich im Vertrag. Dabei ist man durch, hat geliefert, ist müde, hungrig, möchte Ruhe und dann vielleicht endlich schlafen. Aber da sind Leute (irgendwelche, die man nicht kennt und nicht kennen will) in Hambung, Hongkong, Berlin, Moskau, NY, London, Paris, München, Sydney … , die einem unbedingt sagen wollen, wie toll sie einen finden. Ich würde die auch nicht anschauen. Zu viele Gesichter, die alle gleich(gültig) sind. Was würde ich da sehen können?

    Sorry, ich kann das gut verstehen.

    Adieu
    Algabal

    Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.

  • Sorry, ich kann das gut verstehen.

    Swjatoslaw Richter, der auf solche Autogrammarien auch keinen Bock hatte, ließ alles, was er signieren sollte, von den Ordnern einsammeln, signierte dann diese Papiere allein im Künstlerzimmer und ließ sie von den Ordnern wieder an die draußen Wartenden verteilen. Kann ich wirklich gut verstehen.

    Wenn man aber persönlich den Wartenden gegenübertritt, wird es sehr gewertschätzt, wenn man zugewandt und freundlich ist. Und das sind 99,9 % aller Künstler. Selbst eine Martha Argerich, die einen bestimmten Ruf weg hat, war mir gegenüber immer ausgesucht höflich und freundlich im Künstlerzimmer der Laeiszhalle. Und selbst Vladimir Horowitz war dies bei meiner einzigen persönlichen Begegnung mit ihm vor dem Hotel Vier Jahreszeiten in Hamburg.

  • Selbst eine Martha Argerich, die einen bestimmten Ruf weg hat, war mir gegenüber immer ausgesucht höflich und freundlich im Künstlerzimmer der Laeiszhalle.

    Aber es geht gar nicht um dich. Du bist nur einer unter 10tausenden, die eine Unterschrift wollen (aus welchen Gründen auch immer). Bewundernswert, dass MA immer so „ausgesucht höflich und freundlich“ gewesen ist.

    Adieu
    Algabal

    Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.

  • Bewundernswert, dass MA immer so „ausgesucht höflich und freundlich“ gewesen ist.

    Nicht nur sie. Wie ich bereits schrieb: 99,9 % aller Künstlerinnen und Künstler sind nach meinen persönlichen Erfahrungen gegenüber ihren Konzertbesucherinnen und -besuchern zugewandt und freundlich nach einem Konzert. Im Klassikbereich wie auch im Jazz. 0,1 % sind es nicht. Von einem Miles Davis hätte ich, obwohl ich ihn oft live erlebt habe, nie ein Autogramm erbeten.

  • Es zählt allein ihr Klavierspiel. Und das ist fast schon konkurrenzlos gut (allenfalls Hamelin kann an ihre pianistischen Fähigkeiten heranreichen, übertrifft sie vielleicht sogar ein klein wenig).

    Deine Begeisterung in Ehren, aber diese Verabsolutierung kann ich nicht nachvollziehen.
    Und was heißt “pianistische Fähigkeiten” ?? Ist die technische Perfektion das einzige Kriterium??
    Es kommt doch auf wesentlich mehr an als auf Tastenakrobatik und fehlerloses Spiel. Mich würde interessieren, wie sie ein Mozart-Klavierkonzert spielt oder beispielsweise die Sonaten op. 31 von Beethoven. Das ist in meinen Augen mindestens so schwer wie ein Rachmaninow-Konzert, auch wenn es technisch einfacher ist.
    Die Beethoven-Klavierkonzerte mit ihr haben mich jedenfalls nicht überzeugt.

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    Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)

  • Mich würde interessieren, wie sie ein Mozart-Klavierkonzert spielt

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  • oder beispielsweise die Sonaten op. 31 von Beethoven. Das ist in meinen Augen mindestens so schwer wie ein Rachmaninow-Konzert, auch wenn es technisch einfacher ist.

    Hier das Finale aus op. 31/3 aus ihrem jüngst veröffentlichten Wiener Konzert.

    Yuja Wang - Beethoven: Piano Sonata No. 18 in E flat major “The Hunt” op. 31/3: 4. Presto con fuoco
    Listen and order Yuja Wang's new album 'The Vienna Recital' here: https://dgt.link/Wang-ViennaRecitalDiscover full concert performances and operas on STAGE+,...
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    Herzliche Grüße
    AlexanderK

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