Konzerte im Rhein-Neckar-Raum

  • Konzerte im Rhein-Neckar-Raum

    Hier geht es um Berichte über Konzerte in der Region um Heidelberg, Mannheim und Ludwigshafen.


    Gestern habe ich in der Stadthalle Heidelberg dieses Konzert erlebt:


    Felix Mendelssohn Bartholdy: Streichersinfonie Nr. 12 g-moll
    Wolfgang Amadeus Mozart: Sinfonie C-Dur KV 425 »Linzer Sinfonie«
    Ludwig van Beethoven: Klavierkonzert Nr. 3 c-Moll, op.37


    Mitwirkende:
    Ragna Schirmer, Klavier
    Heidelberger Sinfoniker, Leitung: Thomas Fey


    Dieses Konzert wollte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen, denn es war für mich - abgesehen von den Werken selbst - in zweifacher Hinsicht interessant: einmal wegen der Solistin Ragna Schirmer (vgl. Heidelberger Frühling: Klavierabende mit Ragna Schirmer und Ragna Schirmer - Im Anfang war Bach), dann wegen des Dirigenten Thomas Fey, dessen Gesamtaufnahme der Symphonien Joseph Haydns - rund ein Drittel der 104 Werke ist bislang erschienen - ich hochschätze.


    Wie man schon bei Fey und seinen Heidelberger Sinfonikern in ihren Studioaufnahmen bemerken kann: Hier hat sich ein ganz spezieller "Sound" herausgebildet, charakterisiert durch eine kompakte Gruppe der Streicher (gestern: 6 1. Vl, 6 2 Vl - beide "antiphonisch" -, 4 Vla, 3 Vc, 2 Kb), die straff und vibratolos agieren, modernen Holzbläsern, historischen Blechbläsern und mit Fell bespannten Pauken, was einen kraftvoll-körnigen Klang ergibt. Für mich klingt das ein wenig wie ein radikalisierter Norrington-Sound (mit den Stuttgartern). Daß Fey früher Schüler von Harnoncourt war, wurde ebenfalls hörbar.


    Fey haßt Verschleppungen und liebt zügige Tempi; so wurde der Kopfsatz des Beethoven-Konzerts endlich einmal schnell und wirklich "con fuoco" geboten. Ragna Schirmer (auf modernem Steinway) zog da gut mit, hochvirtuos und sensibel zugleich, das "fetzte" in den Ecksätzen und berührte im Mittelsatz. Die relativ kleine Streicherbesetzung steigerte das Kraftvolle und Energische noch: Die Schroffheiten und das manchmal Widerspenstige des Konzerts war zu hören wie sonst selten, der ins Dur gewendete Schluß wirkte eher trotzig als aufhellend.


    Mendelssohns 12. Streichersinfonie ist, von der formalen Anlage her gesehen, ein merkwürdig Ding, der Kopfsatz eine Fuge und auch das Finale mit viel Kontrapunktik. Das hektische Feuer, für Mendelssohn typisch, konnte sich herrlich entfalten, mit viel Verve.


    Auch Mozarts "Linzer" mit viel Kraft, recht lärmig teilweise. Gerade hier war auffällig, wie die Entscheidung für Naturhörner und fellbespannte Pauken einen eigenen Ensembleklang erzeugt, der sich deutlich von romantischen Idealen abhebt. Ein Sonderlob hier dem 1. Oboisten, der einen schweren Part zu meistern hatte und mehrfach brillierte, so im Menuett, wo er in den Wiederholungsteilen mit reichen Verzierungen glänzte.


    Die Musiker wirkten auch diesmal wieder hochmotiviert, hochkonzentriert und hatten offensichtlich Spaß an der Sache.


    Ragna Schirmer hat mich auch diesmal wieder beeindruckt; zwei Zugaben gab es zum Schluß, eine wieder hochvirtuose Chopin-Etüde(?), die sich stimmig an die Con-fuoco-Affekte Beethovens anschloß, und die Aria aus Bachs Goldberg-Variationen.


    Ein eindrucksvolles Konzert!


    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz
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    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Gestern im Konzert:


    Freitag, 20.01.2012, 20:00 Uhr
    Heidelberg, Kongreßhaus Stadthalle


    Wolfgang Amadeus Mozart: Streichquartett Nr. 15 d-moll KV 421
    Claude Debussy: Streichquartett g-moll op. 10
    César Franck: Klavierquintett f-moll


    Mitsuko Uchida, Klavier; Quatuor Ebène


    Es war das Eröffnungskonzert des "Streichquartettfests", einer Konzertreihe im Rahmen des diesjährigen "Heidelberger Frühling".


    Bereits die ersten Takte des Mozart-Quartetts waren ein Ereignis: Ganz leise, sehr verhalten begannen die vier jungen Herren; die Musik schien zunächst nicht so recht in den Saal zu trauen, zögerlich, schüchtern wurde das Hauptthema präsentiert: Geheimnisvoll wirkte das und so war es von Anfang an spannend, das blieb es den ganzen Abend hindurch. Das Quartett bot einen insgesamt eher introvertierten Mozart, mit einer ersten Violine, die sehr schön in den Gesamtklang integriert war, niemals herausstach; Menuett und der Variationensatz wurden zügig, doch nicht gehetzt gespielt. Eine recht eigene Interpretation, vielleicht ein kleines bißchen zu homogen, zu romantisch? Jedenfalls - wie auch im Folgenden - stets durchdachtes, fein kalkuliertes Spiel, mit emotionaler Wärme.


    Dann Debussys Werk, sein einziger Beitrag zur Gattung Streichquartett: Hier bestätigte sich für mich, was ich bereits von der CD her kannte (das Quatuor Ebène hat kürzlich eine phantastische Einspielung des Quartetts, gekoppelt mit den Quartetten Ravels und Faurés, herausgebracht): die Homogenität im Klang, die die Vier pflegen, kam hier noch glücklicher heraus: das gleiche motivische Material, das die vier Sätze durchzieht, entfaltet sich hier ja weniger prozeßhaft im Sinne klassischer Entwicklung, sondern erscheint im Wechsel harmonischer, rhythmischer und klangfarblicher Kontraste, was ich hier wunderbar gestaltet fand, mit einem warmen Ton, mit intensiv gesteigerten Höhepunkten und, wie schon bei Mozart, mit einem feinen Gespür für die leisen Töne - sehr beeindruckend!


    Eine Meisterin der leisen Töne ist auch Mitsuko Uchida, die nach der Pause das episch ausladende Franck-Quintett mit den Ebènes in einer Weise darbot, die bei mir den Eindruck erweckte, als handle es sich um die Transkription eines Orgelwerks. Große Homogenität des Spiels auch hier, zumal die Pianistin mit überraschend weichem, warmem Anschlag (höre ich bei Steinway-Flügeln eher selten) aufs beste mit den vier Musikern harmonierte. Im Werk wurden breite Ströme mit langen Bögen herausgearbeitet, Einzelheiten wurden eher in einen klanglichen Zusammenhang gestellt, wobei das nie schwammig oder unklar wurde. Auch spieltechnisch war das höchstes Niveau.


    Als Zugabe spielte Frau Uchida noch ein ganz schlichtes Stück, Chopin (?), jedenfalls ebenfalls wie das Quintett in f-moll.


    Ein großer Abend!


    :wink:


    PS: Am 03.02.2012 treten die genannten Künstler in Salzburg auf, mit demselben Programm.

    Es grüßt Gurnemanz
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    Helmut Lachenmann

  • Lieber Gurnemanz,


    danke für Deinen schönen Bericht, der meine Vorfreude auf das Salzburger Konzert am 3.2. noch mehr erhöht!


    :wink:
    Renate

    Unsre Freuden, unsre Leiden, alles eines Irrlichts Spiel... (Wilhelm Müller)

  • Liebe Renate, viel Freude in Salzburg schon jetzt! Es würde mich natürlich sehr interessieren, ob Du ähnliche Eindrücke gewinnst; vielleicht wird es aber auch ganz anders...


    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz
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    Helmut Lachenmann

  • Gestern im Konzert:


    Freitag, 22.02.2012, 20:00 Uhr
    Heidelberg, Kongreßhaus Stadthalle
    5. Philharmonisches Konzert


    Leoš Janáček (1854-1928): Suite aus Das schlaue Füchslein
    Sergei Koussevitzky (1874-1951): Konzert für Kontrabaß und Orchester fis-Moll op. 3
    Bohuslav Martinů (1890-1959): Symphonie Nr. 4 H 305


    Nabil Shehata, Kontrabaß; Philharmonisches Orchester Heidelberg; Ltg.: Cornelius Meister


    Von einem lieben Kollegen freundlicherweise daran erinnert, hatte ich mich kurzfristig entschlossen hinzugehen. Ein nicht alltägliches Programm, die drei Werke klug ausgewählt, denn es ergab sich ein durchaus sinnfälliger Zusammenhang. Zum einen zwei Werke zweier großer Tschechen, die beide, wie ich finde, aufregende Wege gefunden haben, sich aus der romantischen Tradition zu lösen: Janáček stört den Fluß der motivischen Entfaltung, indem er ihn, orientiert an Sprache und, im vorliegenden Fall, auch an Tierlauten, die ein musikalisches Eigenleben führen, in Einzelteile aufspaltet: Das wurde auch in der Suite, Ende der 1930er eingerichtet von Václav Tálich, revidiert von Václav Smetáček, deutlich, obwohl ich hier den Eindruck hatte, daß die beiden Bearbeiter in der Instrumentierung einiges geglättet hatten, so daß sich, von den Heidelbergern unter Cornelius Meister wunderbar differenziert gestaltet, doch ein organisches Ganzes ergab, dessen Destruktion, mit dem Ergebnis harter Kontraste, ich bei Janáček eigentlich mehr bewundere.


    Möglicherweise lag es auch an der Interpretation: Meister ließ das Orchester ruhig und klar aufspielen, viele Details, die der Thematik gemäß dem Tierleben zuzuordnen sind, wurden liebevoll ausmusiziert, ohne daß es kitschig wurde. Die Gruppen (Holz, Blech, Streicher und Perkussionisten) waren präzise ausbalanciert; das hörte sich sorgfältig einstudiert an; auch die ansonsten heiklen Blechbläserstellen gelangen tadellos.


    Gleiches kann man auch von der Martinů-Symphonie sagen. Das Werk entstand im Frühjahr 1945, der Komponisten war im Exil in den USA und hoffte nach dem Ende des Krieges auf eine baldige Rückkehr in seine tschechische Heimat, eine Hoffnung, die sich nicht erfüllen sollte. Die Musik ist voller Aufbruchsstimmung, freudiger Erwartung und endet in triumphalem Dur-Optimismus. Auch wenn ich es schwer beschreiben kann: Das tschechische Idiom (und damit auch die Nähe zu Janáček, gelegentlich sogar zu Dvořák meine ich da herauszuhören. Das Programmheft führt eine Äußerung des Komponisten an: "I don't use themes in my music.." Das zeigt sich darin, daß die Symphonie sich zwar aus einer motivischen Keimzelle (einem immer wieder auftauchenden Terz-Motiv F - D - F) zu entwickeln scheint, ohne daß daraus charakteristische Themen zu entstehen scheinen. Stattdessen komplexe, vorantreibende Rhythmen und ein unglaublicher Reichtum an kontrastierenden Klangfarben, und ich war überwältigt, wie diffenziert und transparent die Heidelberger das "meisterten".


    Vor zwei Jahren habe ich am selben Ort dasselbe Orchester ebenfalls unter Meisters Leitung mit Martinůs 1. Symphonie erlebt: Die Aufführung damals fand ich weniger beeindruckend, weil die lauten Stellen da eher zu harten Klangmassen gerieten, aber das war letzlich nur laut (so mein Eindruck auch im Vergleich zu meiner einzigen Einspielung der Symphonien, mit Neeme Järvi und den Bamberger Symphonikern, die ich damals deutlich vorn sah, aktuell aber hat mich Meister mit den Heidelbergern weitaus mehr überzeugt, vor allen wegen der gelungeneren Balance).


    Zum Abschluß noch ein paar Worte zu der absoluten Rarität des Abends, dem 1902 entstandenen Kontrabaßkonzert eines Komponisten, der eigentlich als Dirigent und tatkräftiger Förderer komponierender Kollegen berühmt wurde, u. a. Skrjabin, Prokofjew, Strawinski, Ravel und eben auch Martinů (dessen 4. Symphonie im Auftag Koussevitzkys entstand). Selbst hat er nur wenig komponiert; außer dem Konzert gibt es noch mir unbekannte Stücke für Kontrabaß und Klavier. Auch das Kontrabaßkonzert (das Koussevitzky für sich selbst komponierte, da er dieses Instrument virtuos beherrschte) habe ich gestern zum ersten Mal gehört. Es beginnt zunächst ein wenig à la Tschaikowski und entfaltet sich romantisch, elegisch, dramatisch, mit vielen Kantilenen, durchsetzt von virtuosen Passagen: Das Werk dauert knapp 20 Minuten und ist dreisätzig (Allegro - Andante - Allegro), allerdings ohne Pausen. Überraschend wird im Schlußsatz kein neues Thema eingeführt, sondern es erklingt das Eingangsthema, so daß insgesamt der Eindruck eines großen Sonatenhauptsatzes entstehen könnte; allerdings fehlt jede Dialektik: Eine Auslegung der drei Sätze als Exposition - Durchführung - Reprise würde einer musikalischen Analyse vielleicht nicht standhalten; es ist wohl eher eine große Phantasie mit der Gliederung A - B - A'. Stilistisch und im Ausdruck erinnert mich das Werk etwas an Skrjabins Klavierkonzert.


    Der Solist Nabil Shehata ist Sohn deutsch-ägyptischer Eltern, wurde 1980 in Kuweit geboren und wuchs in Deutschland auf. Er war mehrere Jahre 1. Solo-Kontrabassist an der Staatsoper Unter den Linden Berlin und der Berliner Philhamoniker. Mangels Vergleich kann ich nur sagen, daß ich ihn gestern beeindruckend und sympathisch fand. Er brachte, wie man so sagt, sein Instrument "zum Singen" und bewies auch in der Zugabe (Bearbeitung eines Satzes aus Bachs Cello-Suiten?) seine virtuosen Fähigkeiten: schon staunenswert, welche Beweglichkeit und welch schnelle, geradezu leichte Läufe auf diesem Koloß möglich sind!


    GMD Cornelius Cornelius Meister wird die Heidelberger Philhamoniker im Sommer nach sieben Jahren erfolgreicher Arbeit verlassen, leider. Immerhin war auch gestern zu hören, daß er hier einen Klangkörper geformt hat, der auch unter neuer Leitung (Yordan Kamdzhalov) das Niveau halten wird, hoffentlich auch weiterhin mit Konzertprogrammen abseits der ausgetretenen Hauptwege...


    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz
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    Helmut Lachenmann

  • Im Rahmen des "Heidelberger Frühlings" fand gestern dieses Konzert statt:


    Sonntag, 25.03.2012, 11:00 Uhr
    Heidelberg, Alte Aula der Universität


    Robert Schumann (1810-1856)
    Fantasiestücke op. 12
    - Nr. 1: Des Abends. Sehr innig zu spielen (Klv)
    Sechs Stücke in kanonischer Form op. 56 (arrangiert von Theodor Kirchner)
    - Nicht zu schnell (Klr, Vc, Klv)
    - Mit innigem Ausdruck (Vl, Vc, Klv)
    - Andantino (Vl, Vc, Klv)
    - Innig (Klr, Vc, Klv)
    - Nicht zu schnell (Vl, Klr, Vc, Klv)
    - Adagio (Vl, Klr, Vc, Klv)
    Fantasiestücke op. 12
    - Nr. 2: Aufschwung. Sehr rasch (Klv)
    - Nr. 3: Warum? Langsam (Klv)
    Fantasiestücke op. 73
    - Zart im Ausdruck (Klr, Klv)
    - Lebhaft, leicht (Vl, Klv)
    - Rasch, mit Feuer (Vc, Klv)


    Olivier Messiaen (1908-1992)
    Quatuor pour la fin du temps
    - I. Liturgie de cristal (Vl, Klr, Vc, Klv)
    - II. Vocalise, pour l'ange qui annonce la fin du temps (Vl, Klr, Vc, Klv)
    - III. Abîme des oiseaux (Klr)
    - IV. Intermède (Vl, Klr, Vc)
    - V. Louange à l'éternité de Jésus (Vc, Klv)
    - VI. Danse de la fureur, pour les sept trompettes (Vl, Klr, Vc, Klv)
    - VII. Fouillis d'arcs-en-ciel, pour l'ange qui annonce la fin du temps (Vl, Klr, Vc, Klv)
    - VIII. Louange à l'immortalité de Jésus (Vl, Klv)


    Sebastian Manz, Klarinette
    Franziska Hölscher, Violine
    Christian Poltéra, Violoncello
    Herbert Schuch, Klavier


    Der Reiz dieses Konzerts hatte für mich zunächst darin bestanden, das umfangreiche Kammermusikwerk Messiaens nach langer Zeit wieder einmal hören zu können. Im ersten Teil gab es, wie ich meinte, ausschließlich Klaviermusik von Schumann, was ich auch nicht so schlecht fand. Allerdings wurden meine Erwartungen dann in höchst angenehmer Weise enttäuscht: Zwar waren drei Klavierstücke (aus op. 12) dabei, sie waren allerdings eingebettet in einen Zyklus, den die Interpreten als "Neuschöpfung" wie ein eigenes Werk präsentierten: Es wurde in einem durcxhgespielt und das Heidelberger Publikum spielte mit, indem es die kurzen Pausen nicht wie sonst üblich mit dem üblichen Räuspern und Husten unterbrach.


    Die "Sechs Stücke in kanonischer Form", Zeugnis von Schumanns Beschäftigung mit J. S. Bach, sind eigentlich für ein Instrument namens "Pedalflügel" komponiert, der aus zwei Flügeln besteht, die ineinander geschoben werden. Anscheinend lassen sich die Stücke nicht auf normalem Klavier realisieren, und es gibt Bearbeitungen von Claude Debussy (für zwei Klaviere) und dem Schumann-Schüler Theodor Kirchner (1823-1903) für Klaviertrio. Auf letztere Bearbeitung wurde hier zurückgegriffen, mit der Klarinette als Ergänzung (vermutlich teilte sie sich mit der Violine die Stimme). Auch wenn ich Kirchners Trio-Bearbeitung nicht kenne: Das war eine kontrastreiche, feine Instrumentierung, die auch so etwas wie den ursprünglichen Harmoniumklang noch ahnen ließ.


    Auch die Fantasiestücke op. 73 wurden auf Klarinette, Violine und Violoncello verteilt.


    Das Arrangement der einzelnen Werke zu einem großformatigem Kammermusikwerk mit ca. 45 Minuten Dauer fand ich sehr überzeugend: Die Musiker trafen genau das, was ich bei Schumann oft schätze, den erzählerischen Duktus (quasi: "Der Dichter spricht") mit all den Schattierungen und Stimmungen, vom geheimnisvoll-bedeutungsvollen bis zum leidenschaftlich aufschwingenden Gestus, alles in einem natürlichen Fluß, mit feiner Agogik, die sich ganz der Musik ergab, ohne - wie mir schien - etwas daraus "machen " zu wollen - auch technisch auf höchstem Niveau. Das berührte mich sehr.


    Nach der Pause dann das "Quartett für das Ende der Zeiten", in dem der Komponist selbst die acht Sätze unterschiedlich besetzte. Zunächst einmal: Auch dies wurde technisch höchst präzise dargeboten (die vermutlich sauschweren Unisonoläufe im "Tanz des Zorns" (VI.), das wundersame Klarinettensolo im "Abgrund der Vögel" (III.), mit den mehrfach aus dem Nichts wacsenden langen Tönen, und die beiden tiefmeditativen Sätze, den Lobpreisungen der Ewigkeit bzw. der Unsterblichkeit Jesu, Klavier mit Cello bzw. Violine (V. und VIII.), mit den leisen Ausklängen in der Höhe, auch das wohl höchst schwierig für die Streicher), fein ausbalanciert und mit großer emotionaler Kraft.


    Das Spirituelle, Tiefreligiöse des Werks wurde deutlich, auch hier unterstützt vom Publikum, das sich etwa nach dem leisen Verklingen (Klavier und Cello bzw. Violine absolut synchron!) der beiden "Lobgesänge" mucksmäuschenstill verhielt.


    Ich war tief beeindruckt - ein großes Konzert!


    :wink:


    Nachtrag: Das Konzert wurde übrigens vom SWR2 mitgeschnitten und wird vermutlich irgendwann gesendet.

    Es grüßt Gurnemanz
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    Helmut Lachenmann

  • Das Konzert wurde übrigens vom SWR2 mitgeschnitten und wird vermutlich irgendwann gesendet.

    Und zwar, wie mir der SWR auf meine Nachfrage hin eben mitteilt, am 23.04.2012 in der Zeit von 20:03 bis 22:00 Uhr.


    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz
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    Helmut Lachenmann

  • Gestern abend im DAI (Deutsch-Amerikanisches Institut) in Heidelberg, im Rahmen der Heidelberger Klavierwoche ("http://www.dai-heidelberg.de/content/e2/e209/index_ger.html"):


    Die junge Koreanerin Jee Eun Franziska Lee - mir bislang völlig unbekannt - begann mit Richard Wagners "Isoldes Liebestod" in einer Fassung des Schwiegervaters Franz Liszt: ein etwa 10 Minuten langes Stück mit vielen Ostinati (schnelle Tonrepetitionen), mit denen das Klavier orchestrale Effekte imitiert: Auch wenn der Bearbeiter sich eng an Wagners Vorlage hielt, war es doch als "typisch Liszt" zu erkennen. Grandios, wie klar und transparent die Pianistin das gestaltete, ohne daß die klangliche Fülle reduziert wurde.


    Dann eines der beiden "Großwerke", zunächst die Klaviersonate A-dur, D. 959 (Franz Schubert). Zurückhaltender Pedalgebrauch, Viel Non-legato und eine insgesamt recht trockene Akustik hätten zusammen zu einer in Einzelheiten zerfallenden Darstellung führen können. Allerdings war das Spiel auch technisch derart souverän und die Interpretation so gut durchgearbeitet, daß der Blick aufs Ganze nach meinem Eindruck stets präsent war. Tief beeindruckend etwa die große Steigerung im 2. Satz (hier war auch das von der Künstlerin gewählte Motto "Zwischen Diesseits und Jenseits" nachvollziehbar) und die wunderbar flüssige Durchgestaltung des Finalsatzes.


    Nach der Pause die Klaviersonate c-moll op. 111 (Ludwig van Beethoven). Scharf herausgearbeitet waren die Kontraste des Beginns, mit Betonung der Dissonanzen. Auch hier wieder die tolle technische Sicherheit, gepaart mit klarer Strukturierung und tollen Steigerungen. Der 2. Satz schien mir recht zügig genommen, im Vergleich zu mir bekannten Aufnahmen vielleicht etwas unsentimental, was mir allerdings gut gefiel. Schlüssig war das allemal.


    Als Zugabe gab es ein Albumblatt (?) von Clara Schumann, das wiederum so flüssig und geschmeidig wirkte, daß ich mir mehr Schumann (Clara oder Robert) von der Künstlerin wünschen würde.


    Als Vorbereitung hatte ich mir die beiden Sonaten mit zwei von mir hochgeschätzten Interpreten angehört, Alain Planès (Schubert) und Friedrich Gulda (Beethoven). Ich war überrascht, wie nahe Jee Eun Franziska Lee in ihrem Spiel und ihrer Auffassung den Beiden war, jedenfalls schien es mir so.


    Ein sehr beeindruckender Klavierabend! Möglicherweise kann man das Konzert demnächst auf YouTube nachverfolgen. Und von der jungen Künstlerin werden wir hoffentlich noch mehr hören!


    :wink:

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  • Jee Eun Franziska Lee im DAI Heidelberg

    Gestern abend im DAI (Deutsch-Amerikanisches Institut) in Heidelberg, im Rahmen der Heidelberger Klavierwoche ("http://www.dai-heidelberg.de/content/e2/e209/index_ger.html"):


    Die junge Koreanerin Jee Eun Franziska Lee -
    .....
    Ein sehr beeindruckender Klavierabend!
    :wink:


    http://s1.directupload.net/images/140105/7utk2sbj.jpg


    Da kann ich nur zustimmen.
    Was JeeEun Franziska Lee auszeichnet, ist ein wunderbares Gespür für Musik, verbunden mit makelloser Technik die es ihr erlaubt dies auch in die Tasten zu bringen, in Kombination mit Zeit und Tiefe, mit der sie die Stücke, die sie spielt, erforscht und verinnerlicht. Das macht die Magie ihres Spiels aus. Wenn sie Schubert spielt, dann ist sie Schubert. In Isoldes Liebestod ist sie Isolde. Und in Beethovens Op 111 spürt sie dem zwischen diesseitigem Zorn und Jenseits-Ahnung zerrissenen Beethoven nach, aber welcher Pianist könnte schon von sich sagen, er könne Beethoven gerade in seiner letzten Sonate verkörpern ?

    Eins zwei drei, im Sauseschritt, eilt die Zeit - wir eilen mit. Wilhelm Busch

    Einmal editiert, zuletzt von Holzbock ()

  • Klavierabend Jee Eun Franziska Lee im DAI auf YouTube

    Möglicherweise kann man das Konzert demnächst auf YouTube nachverfolgen.


    Ja, hier ist es:
    Wagner/Liszt, Isolde's Liebestod: "http://www.youtube.com/watch?v=2bXZRTQEaQ0"
    Beethoven op. 111: "http://www.youtube.com/watch?v=j771KnSvQiU"
    Für Schubert D959 gibts eine schon ältere, in 4 Sätze aufgeteilte Aufnahme "http://www.youtube.com/watch?v=QUx7LukzK3c" und folgende.

    Eins zwei drei, im Sauseschritt, eilt die Zeit - wir eilen mit. Wilhelm Busch

  • Wer mag, kann Schuberts A-dur-Sonate, wie sie am 3.1. in Heidelberg erklang, jetzt hier nachhören: "http://www.youtube.com/watch?v=UAzwjSdH0wk".


    :wink:

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    Helmut Lachenmann

  • Vorgestern im Palatin in Wiesloch, 13 km südlich von Heidelberg:


    Das Bundesjugendorchester, laut Programmheft "Deutschlands jüngstes Spitzenorchester" (dem möchte ich nicht widersprechen), tourt gerade - mit Momo Kodama als Solistin und unter der Leitung von Lothar Zagrosek - durch Deutschland und Italien. Programm:


    Olivier Messiaen:
    - Le Traquet rieur ("Der Steinschmätzer"), Nr. XII aus Catalogue d'oiseaux für Klavier
    - Oiseaux exotiques für Klavier und Kammerorchester
    Anton Bruckner:
    - Symphonie Nr. 5 B-dur


    Zunächst nur die Solistin und ein paar Instrumentalisten auf dem Podium. Momo Kodama spielte mit weichem Anschlag, doch klar konturiert und mit viel Sinn für die Klangfarben (ich könnte mir vorstellen, daß sie in dieser Weise auch Debussy überzeugend spielen könnte).


    Danach kein Applaus: Der Konzertveranstalter hatte das Publikum "vorgewarnt", zur Stille ermahnt - so sei es "wissenschaftlich erwiesen", daß kein Mensch husten müsse - und Überraschungen versprochen. Diese bestanden aus über Lautsprecher erklingendem Vogelgezwitscher (da ich ornithologisch unbewandert bin, kann ich nur vermuten, daß Laute des Steinschmätzers in solche exotischer Vögel übergingen), eine Collage von Bernhard Wulff. Wärenddessen betraten nacheinander Orchestermusiker (z. B. Flöte, Klarinette) die Bühne und intonierten ebenfalls, umherwandernd, wie improvisierend, Vogellaute. Mir war nicht ganz klar, ob das bereits zum folgenden Werk gehörte, den "Oiseaux exotiques". Jedenfalls erschien schließlich auch der Dirigent und gab den Einsatz für das (mir bislang unbekannte) etwa 20minütige Werk für Klavier und Kammerorchester (Holz- und Blechbläser, Schlaginstrumente, keine Streicher), über weite Strecken Klavier und Orchester im Wechsel, mit einigen Ostinatoschlägen zum Abschluß.


    Alles höchst faszinierend, mit beeindruckenden magisch wirkenden Klangfolgen! Wer Messiaen kennt, kann sich das sicher vorstellen.


    Nach der Pause Bruckners Fünfte, insgesamt zügig und straff ("antiromantisch"?) musiziert, vor allem zum Finale hin wirkte das Ganze zunehmend durchgearbeitet und energiegeladen, mich erinnerte das an die Art, wie Michael Gielen Bruckner auffaßt. Ein mitreißender Abschluß, das jugendliche Orchester (im Schnitt knapp 20?) zog begeistert mit. Die Violinen übrigens in "deutscher Orchesteraufstellung", d. h. erste und zweite Violinen antiphonisch, auch das brachte die Streicher zur Geltung angesichts des machtvollen Bläserapparats. Die grandiose Wirkung wurde noch dadurch verstärkt, daß der Konzertsaal relativ klein war (ein Nachbar, etwas übertreibend: "Da sitzen ja mehr Leute auf der Bühne als im Publikum").


    Ein begeisternder Konzertabend!


    :wink:

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    Helmut Lachenmann

  • Klavierabend Schaghajegh Nosrati im DAI

    Am 5. Januar im DAI (Deutsch-Amerikanisches Institut) in Heidelberg, im Rahmen der Heidelberger Klavierwoche ("http://www.dai-heidelberg.de/content/e2/e212/index_ger.html?veranstaltungs_id=2940&sdate=2014-01-05"):


    "Bach ist der Anfang und das Ende der Musik" - diesen Satz von Max Reger trägt die in Hannover studierende iranischsstämmige Pianistin Schaghajegh Nosrati in ihrem Herzen. Bereits als 19-jährige konzertierte sie mit der Kunst der Fuge, und vor zwei Jahren gab sie hier einen Klavierabend mit den Goldbergvariationen von J.S. Bach und den Paganini-Variationen von J.Brahms, der einen so tiefen Eindruck hinterlassen hatte, daß das DAI in Heidelberg sie in diesem Jahr zum zweiten Mal zur Klavierwoche eingeladen hat.
    Mich hatte sie damals bereits besonders durch ihre Fähigkeit fasziniert, in Fugen den einzelnen Stimmen individuelle Persönlichkeit und Charakter zu verleihen - mir ist es rätselhaft wie man dazu in der Lage sein kann -, und es wollen mir kaum große Pianisten einfallen, die das besser könnten wie Nosrati.


    Bei ihrem gestrigen Rezital im DAI hatte sie die 7-sätzige Partita Nr.6 mit der enorm anspruchvollen, mit Fugati durchsetzen Gigue zum Schluß, sowie die 45- minütige monumentale Grande Sonate „Les quatre âges“ op. 33 des heute weitgehend vergessenen jüdischen Liszt-Zeitgenossen Charles Valentin Alkan im Gepäck.
    Aufgewärmt hat sich die Pianistin zu Beginn mit der Wq 55/4 von C.P.E. Bach, wunderbar ausdrucksvoll und lebendig mit sichtlicher Spielfreude gestaltet, alles andere als die sonst oft gehörte spröde oder altväterliche Darbietungen dieser Musik.
    Auf die darauf folgende 6. Partita hatte ich mich mit einer Life-Aufnahme der 6. Partita von Murray Perahia in Youtube zvor nocheinmal eingehört. Es würde den Rahmen hier sprengen jeden einzelnen der 7 Sätze hier zu kommentieren, aber soviel sei gesagt: Ich kann mich nicht erinnern die abschließende Gigue charaktervoller oder lebendiger gehört zu haben als gestern abend.

    Nach der Pause dann die schier monströse Grande Sonate von Alkan. Einem solchen, mit Themenbezügen, Bildern und Bedeutungen überladenen, programmatischen und mit enormen technischen Schwierigkeiten gespickten Koloss von Sonate Gestalt und Ausdruck zu verleihen, verlangt von einem Pianisten schier unmögliches. Daß eine 24-jährige Pianistin mit iranischen Wurzeln sich dieser Herausforderung, der fast alle etablierten Pianisten aus dem Wege gehen, stellt, zeugt alleine schon von ihrer Souverainität. Dankenswerterweise hat Nosrati dieses Stück - wie auch die anderen - vorab charmant, völlig unprätentiös und ausführlich mit Tonbeispielen erläutert und dadurch den Zugang zu diesem wohl von den meisten noch nie gehörten Stück erleichtert. Mit so schien es mir angehaltenem Atem folgte das Publikum danach 45 Minuten lang dem atemberaubenden, Vortrag, tosender Applaus zum Schluss. Hätte dieses Werk bereits früher solche Interpreten gefunden, würde es heute zu den Klassikern der Klavierliteratur gehören. Den Vergleich mit Referenz-Aufnahmen auf Youtube (mir jedenfalls hat sich der Kopfsatz der Sonate erst in der Interpretation von Nosrati musikalisch erschlossen) überlasse ich dem Leser, denn das Konzert wurde auf Video aufgenommen ist mittlerweile ebenfalls auf Youtube:
    "https://www.youtube.com/watch?v=5JZ2VS-yrCM",
    "https://www.youtube.com/watch?v=VswXA8YjTOc",
    "https://www.youtube.com/watch?v=pe92bwfzK2k",
    "https://www.youtube.com/watch?v=SxKVIHExv40".


    Fazit: Wie das zuvor rezensierte Rezital der Koreanerin am 3.1. beweist auch dieser Abend, daß exzeptionelle Künstler nicht nur unter den von den großen Labels vermarkteten Namen zu finden sind, sondern auch - oder vielleicht gerade - unter den noch unbekannten jungen Musikern. Dank an das DAI, das diesen Musikern ein Plattform bietet.

    Eins zwei drei, im Sauseschritt, eilt die Zeit - wir eilen mit. Wilhelm Busch

  • Danke für den schönen Bericht, lieber Holzbock! Da ist mir etwas entgangen, das weiß ich mittlerweile wohl. Wie (die mir bislang unbekannte) Schaghajegh Nosrati die (mir bislang unbekannte) Alkan-Sonate spielt, ist in der Tat grandios! (Dem Link konnte ich ja bereits nachgehen, wie Du weißt. ;+) ) Deine Begeisterung jedenfalls kann ich bestens verstehen.


    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Gestern:


    Mittwoch, 21.05.2014, 20.00 Uhr
    Heidelberg, Stadthalle


    8. Philharmonisches Konzert ("Evolution: Gott")


    Pēteris Vasks: Tālā gaisma – Fernes Licht
    Anton Bruckner: Symphonie Nr. 9 d-moll (mit Finale: Aufführungsfassung von Samale-Phillips-Cohrs-Mazzuca)


    Alina Pogostkina, Violine
    Philharmonisches Orchester Heidelberg
    Dirigent: Yordan Kamdzhalov


    Es war das erste Mal, daß ich bewußt ein Werk des Letten Pēteris Vasks (*1946) hörte: ein etwa halbstündiges Werk für Violine und Streichorchester in einem Satz, dabei dreiteilig mit drei die Virtuosität betonenden Solokadenzen. Dies fiel insofern auf, als der Orchestersatz sonst überwiegend schlicht gehalten war, mit viel melancholischer Moll-Melodik. So richtig überzeugte mich das nicht (vermutlich bin ich zu sehr von Boulez und Ferneyhough "verseucht" :D ), obwohl sowohl Solistin als auch Orchester warm und sensibel aufspielten, da gab's nichts zu meckern! Immerhin war der Komponist selbst anwesend und genoß sichtlich den freundlichen Applaus.


    Dann Bruckners Neunte mit dem rekostruierten Finale. Wie mir schien, ein kühler, harter, klarer Zugriff, der das "Uniformhafte" (hatten wir grad erst an anderer Stelle) des Werks betonte, Weite und Innerlichkeit à la Furtwängler kam da nicht auf, auch nicht im Adagio: Zügig wurde musiziert, großartig ausbalanciert die verschiedenen Klanggruppen, präzise Bläser (Hörner, Posaunen, Trompeten!) und intensiv und stark aufspielende Streicher (1. und 2. Violinen "antiphonisch", Kontrabässe ganz hinten) - das war offensichtlich präzise und sorgfältig einstudiert. Besonders beeindruckte mich das straff durchgezogene Scherzo!


    Das Finale schloß sich unmittelbar ans Adagio an, und hier gab es für mich einige Aha-Momente: Irgendwie hatte ich das Finale massiver und wuchtiger in Erinnerung, wie an die übrigen Sätze angeklebt. Gestern abend - und das ist vielleicht das, was ich am meisten preisen würde - erschien das ganze Werk in seiner Viersätzigkeit wie ein schlüssiges Ganzes, organisch durchgearbeitet, so, als könne es gar nicht anders sein (ob da letzte Retouchen der Bearbeiter - im Programm erwähnt Benjamin Gunnar Cohrs, daß zuletzt 2012 etwas überarbeitet worden sei - noch Verbesserungen gebracht haben?).


    Fazit: Das war gestern - alle Beteiligten eingeschlossen - auf sehr hohem Niveau musiziert! Wer sich kurzfristig entschließen mag: Heute abend um 20:00 Uhr wird das Konzert am selben Ort wiederholt.


    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Mannheim, Rosengarten, 18.01.2016

    In Mannheim sind die Musen halt nicht zuhause... :D

    Doch, gestern haben ein paar den Weg gefunden. Jedenfalls war die Aufführung der Sinfonie Nr. 7 von Gustav Mahler im Mannheimer Rosengarten ein großes Erlebnis: Wie Stefan Blunier das Nationaltheater-Orchester der Musikalischen Akademie Mannheim flexibel, organisch und mit feiner Agogik führte, das war beeindruckend, das zeigte die Klasse von Dirigent und Orchester. Auch klangliche Finessen gab es reichlich (z. B. die Echowirkung der Bläser zu Beginn des 2. Satzes), auch wenn manche Details (etwa die Fanfarenkaskaden im Finale) etwas klarer hätten gestaltet werden können). Blunier leitete attacca ins Finale über; ob man es nun als affirmativ oder gebrochen empfinden soll, blieb dem Hörer überlassen (vgl. Mahler: Symphonie Nr. 7 – Der rätselhafte Jubel – War Mahler ein „schlechter Jasager“?).



    Wer heute abend Zeit und Lust hat, die Wiederholung des Konzerts zu erleben, sollte sich das nicht entgehen lassen: "http://www.musikalische-akademie.de/akademiekonzert04.html".


    :wink1:

    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Hallo Gurnemanz,


    das Konzert habe ich ja einen Tag später besucht. Es war meine erste Begegnung mit der gesamten 7.; einzelne Sätze kannte ich nur aus der Konserve, wo ich ganz angetan von der Aufnahme unter Eliahu Inbal mit dem Tschechischen Philh. Orchester bin.


    Mit den ersten beiden Sätzen hatte und habe ich so meine Schwierigkeiten, ich erkenne die Zusammenhänge nicht und alles kommt mir (im Vergleich zur 9.) wie ein Gemischtwarenhandel vor. Leider konnte das auch die Aufführung am Dienstag nicht ändern. Absolut begeistert bin und war ich aber von den letzten drei Sätzen, da hatte Blunier es wirklich sehr gut geschafft, eine schattenhafte Stimmung aus dem Orchester zu zaubern. Die Solo-Oboe hatte ein paar Unstimmigkeiten, ansonsten waren Blech- und Holzbläser wirklich in sehr guter Form. Eigentlich wäre es ungerecht einzelne Orchestergruppen hervorzuheben. Das Orchester ist einfach wirklich gut und hatte sichtlich harmonisch mit Blunier geprobt und aufgeführt.


    So wenig hierzu.


    VG
    boccanegra

    Je niedriger der Betroffenheitsgrad, desto höher der Unterhaltungswert!

  • Die Solo-Oboe hatte ein paar Unstimmigkeiten [...]

    Echt? Da ist mir am Montag nichts Unangenehmes aufgefallen, aber es gibt ja auch unterschiedliche Tagesform.


    Ansonsten vielen Dank für Deinen Bericht! Auch ich hatte den Eindruck einer Steigerung zum Schluß hin, das paßt ganz gut mit Deinen Eindrücken zusammen.


    :wink1:

    Es grüßt Gurnemanz
    ---
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    Helmut Lachenmann

  • Gustav Mahler: Sinfonie Nr. 3 d-Moll


    Obwohl ich diese Sinfonie schon seit Jahrzehnten aus der Konserve kenne und liebe, habe ich sie nun zum ersten mal live erlebt.
    Ich kann jetzt nicht behaupten, dass sich an meiner Einstellung dem Werk gegenüber etwas geändert hätte, ausser, dass sich der kurze Chorsatz (Bim Bam) im Konzertsaal doch besser erschließt. Beim Konservehören habe ich ihn doch recht oft ausgeblendet. Aber Live kam der Liedcharakter stärker zum tragen. Ausserdem waren sowohl die beiden Chöre, als auch Frau Lang gut durchhörbar.
    Die Instrumentalsätze bestachen durch das typische Mahler'sche Wechselspiel aus Pittoreske und Klangbombast. Aus süßlich unschuldigen Themen, die man mitsummen mochte, wenige Minuten später dann aber ins Dämonische pervertiert wurden. All das hat Monsieur Roth sehr schön herausgearbeitet. Hat er im ersten Satz einzelne Sequenzen für meinen Geschmack etwas zu sehr separiert (auch wenn in einigen Übergangsphasen die Pauke leise zu hören war, musste ich an Bruckner'sche Generalpausen denken), so dass er auseinanderzufallen drohte, bekam er schon in der Endphase der ersten Abteilung den Spannungsbogen besser in den Griff.


    Diese Monstersinfonie von gut 90 Minuten wurde ohne Pause gespielt, so dass die Chöre, die nur einen 5 Minuten-Auftritt im vorletzten Satz hatten, von Anbeginn im Hintergrund verharren mussten.
    Immerhin durften sie die meiste Zeit sitzen, lediglich den 4. Satz mussten sie schon stehen, da Roth den Übergang zum 5.Satz übergangslos spielte.
    Tragischerweise war das für einen der Knaben zu viel - er kollabierte mitten im Alt-Solo und die Aufführung wurde unterbrochen. Schnell waren einige Ärzte aus dem Publikum zur Stelle.
    Zum Glück war es wohl nichts ernstes, so teilte es der Dirigent nach der Aufführung mit, und dem Jungen ginge es schon besser.
    Dennoch werden jetzt die Tontechniker des SWR eine Aufgabe mehr haben, denn die Sinfonie soll am 8. April 2016 um 20:05 Uhr im Abendkonzert in SWR2 übertragen werden.


    Danke an Gurnemanz für die Ankündigung, es war ein wunderbarer Abend.

  • Hat er im ersten Satz einzelne Sequenzen für meinen Geschmack etwas zu sehr separiert (auch wenn in einigen Übergangsphasen die Pauke leise zu hören war, musste ich an Bruckner'sche Generalpausen denken), so dass er auseinanderzufallen drohte, bekam er schon in der Endphase der ersten Abteilung den Spannungsbogen besser in den Griff.

    Das habe ich nicht ganz so erlebt. Gerade die Rücknahmen, die extrem leisen, aber gut hörbaren Schlagzeugstellen fand ich eindrucksvoll, und die Gesamtspannung war da in meinen Ohren nicht gefährdet.


    Was mir besonders auffiel: Der vorletzte Satz mit den Chören geriet so gar nicht "Lustig im Tempo und keck im Ausdruck", wie eigentlich vorgeschrieben. Indessen habe ich das nicht als Mangel erlebt: Noch nie habe ich diesen Satz, in dem nach ursprünglichem Programm die Engel das Wort haben, so wehmütig und melancholisch erlebt! Das bildete für mich eine durchaus stimmige Brücke zwischen dem Altsolo mit dem Nietzsche-Text ("O Mensch!") - insgesamt schlicht, ruhig, ohne überbordendes Lamento, eher gefaßt - und dem Schlußsatz, in dem die schmerzvoll getönte Stimmung noch lange vorherrschte, bis zum aufbrandenden Finale.


    Zum Orchester: Ich hatte ja an selber Stelle vor zwei Wochen das Mannheimer Akademie-Orchester mit Mahlers Siebter erlebt (s. o.). Ohne dieses Orchester abwerten zu wollen (denn auch das war sehr gut): Mir schien, daß das SWR-Orchester noch einmal eine "Liga" drüber anzusiedeln ist. Was da an klanglicher Raffinesse hörbar war, die wunderbar austrarierte´Balance zwischen Bläsern und Streichern, vor allem letztere mit einer großartigen Intensität und Homogenität, die mich tief beeindruckte - das war schon höchst bewunderungswürdig!


    Ich hatte den Eindruck, François-Xavier Roth (sympathische Ausstrahlung, souverän zurückhaltend) mußte da gar nicht so viel "machen", dieses Orchester hat es einfach "drauf".


    Mit Wehmut und Bangen sehe ich auf die im Sommer bevorstehende Fusion (vgl. Schock: Fusion der SWR-Orchester geplant!).


    Zitat von Parsifal

    Danke an Gurnemanz für die Ankündigung, es war ein wunderbarer Abend.

    Gern geschehen. Ja, das war es.


    :wink1:

    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

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