VERDI: Otello – Drama und Psychologie

  • VERDI: Otello – Drama und Psychologie

    Meine Lieben,



    Am Wochenende ergab sich die Gelegenheit, wieder einmal den "Otello" in der Zeffirellischen Filmversion anzuschauen und sich dabei Gedanken über die Schwierigkeit zu machen, die mit der Interpretation dieses musikalischen und optischen Kolossalgemäldes verbunden sind. Denn hier findet sich extrem Gegensätzliches: Leidenschaftliche Wucht, zarte Empfindung, monumentale Pose, lyrisches Verströmen - jeder, der die Titelrolle verkörpert, wird wohl irgendwann mit all den vielen Facetten dieser Figur überfordert sein.


    Zeffirelli setzt natürlich sehr stark auf Farbe und Detailreichtum. Seine Kompositionen wirken oft recht kleinteilig, was mir bei diesem Shakespearestoff nicht ganz angemessen scheint. Was für die Bildsprache der "Traviata" von suggestivem Reiz ist, wirkt hier mitunter ablenkend und dem gleichsam heroischen Konflikt widersprechend. Die knappere Bildsprache der Karajanschen Fassung (mit Vickers/Freni/Glossop) wirkt da bei weitem konziser, obwohl sie in stilistischer Hinsicht viel disparater und widersprüchlicher ist. Auch hat Zeffirelli relativ viel weggelassen und dafür andere Szenen ausgeschmückt bzw. hinzugefügt (wie z.B. das heidnische Ritual, mit dem Otello seinem Christentum entsagt). Er hat damit das erzählerische Moment gestärkt. Ob das wirklich immer ganz im Sinn der Musik ist, möchte ich fast bezweifeln. Natürlich hängt das auch mit seinem Hauptdarsteller zusammen. Placido Domingo ist ein ausgezeichneter Sänger und ein sehr guter Schauspieler, der intensiv in die Rolle hineinschlüpft. Trotzdem fehlt ihm natürlich vom Typ her und stimmlich jenes Element stählern-wilder Substanz, dessen der Otello nicht ganz entraten darf. Domingo wirkt am stärksten in den weichen, stimmungsvollen Augenblicken, im Elegischen. Seine Temperamentsausbrüche dagegen muten meist zu äußerlich-aufgesetzt an. Dieser Feldherr ist energisch nur nach außen, aber in Wirklichkeit ein komplexbeladenes Nervenbündel. Man kann den Otello so auffassen, und Domingo gestaltet ohne Zweifel eine bemerkenswerte Leistung, aber für mich kommt er bei weitem nicht an die stimmliche und auch visuelle Gestaltung heran, die Jon Vickers bietet (stimmlich in der früheren Aufnahme mit Rysanek unter Tullio Serafin, optisch bei Karajan). Ramon Vinay möchte ich mir demnächst vornehmen, der liefert unter Toscanini ja das Barbarisch-Wilde par excellence.


    Katia Ricciarelli kommt mir mit der Desdemona stimmlich überfordert vor. Darstellerisch und vom Typ her paßt sie und macht ihre Sache großartig, aber sängerisch kommt sie gegen die Freni sie bei weitem nicht an. An den dramatischen Stellen hat man fast das Gefühl, daß sie meist auf der Suche nach dem richtigen Ausdruck ist. Am ehesten sprechen noch einige Teile des "Ave Maria" an. Sie spielt die Desdemona, aber sie ist nicht Desdemona.


    Sowohl sie wie Domingo werden von Justino Diaz als Iago eindeutig in den Schatten gestellt. Er singt nicht nur ausgezeichnet, sondern bringt in der stilisierten Bösartigkeit, die sich des Übertreibens enthält, exakt jene Überzeugungskraft ein, die man beim Hauptpaar teilweise vermißt. Auch alle anderen Nebenrollen sind eigentlich ausgezeichnet besetzt und strahlen jenes klassische Maß aus, das hier am Platz ist. Daraus resultiert aber auch bis zu einem gewissen Maß ein Bruch mit dem Zeffirellischen Manierismus. Trotz wunderschöner Bildeinstellungen und einiger atemberaubender Momente bleibt dieser "Otello" in meinen Augen nur zum Teil gelungen. Das Dirigat Lorin Maazels möchte ich ähnlich einordnen. Sehr gut, aber ein wenig zu sehr auf einzelne Effekte ausgerichtet und nicht immer die große Linie voll haltend.


    Um es klar zu machen: Hier geht es um Kritik an sehr hohem Qualitätsniveau. "Otello" ist jedoch keine Oper, die man zu sehr als Kostümstück bringen darf.


    Liebe Grüße


    Waldi

    ______________________


    Homo sum, ergo inscius.

    2 Mal editiert, zuletzt von Waldi ()

  • Lieber Waldi, der Titel liess mich vermuten, dass es vor allen Dingen um den Inhalt und die Psychologie der Charaktere gehen soll- ist das auch in Deinem Interesse oder liegt dir mehr an einer Besprechung der verschiedenen Einspielungen/Besetzungen/Inszenierungen?


    Bei Letzterem kann ich als Nicht-Sammlerin leider nicht mitreden- die einzige Otello-Gesamtaufnahme die ich eher zufällig besitze, ist von 1954 unter Alberto Erede mit Mario del Monaco, Renata Tebaldi und Aldo Protti in den Hauptrollen.


    Um dazu wirklich etwas sagen zu können, muss ich sie mir aber nochmal anhören.



    lieben Gruss nach Wien, wo es eine so tolle Oper gibt, dass Waldi ihr einen unserem Forum ehremachenden Ehrenartikel widmet!!!!!! :fee:

    Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)

  • Lieber Waldi, der Titel liess mich vermuten, dass es vor allen Dingen um den Inhalt und die Psychologie der Charaktere gehen soll- ist das auch in Deinem Interesse oder liegt dir mehr an einer Besprechung der verschiedenen Einspielungen/Besetzungen/Inszenierungen?


    Liebe Fairy,


    Das läßt sich gerade bei "Otello" oft nur schwer trennen, weil es eben ganz unterschiedliche Interpretationen in immenser Bandbreite gibt. Allein was den "Mohren" betrifft, sind die Auffassungen recht divergent: vom echten Schwarzafrikaner bis bloß dunkel-fremdländischen Typus. Stimmlich vom kaum gezähmten Barbaren bis zum Neurotiker.


    Beim Titelzusatz des Threads habe ich hin und her überlegt, aber mir fiel nichts wirklich Zufriedenstellendes ein; ich hielt mich aber an die Regel, etwas plakativ zu formulieren. Wenn die Moderation einen brauchbaren Änderungsvorschlag hätte, wäre ich durchaus einverstanden.


    LG


    Waldi

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    Homo sum, ergo inscius.

    Einmal editiert, zuletzt von Waldi ()

  • Amfortas mag den Othello. Ja, eine megafetzige Oper. Othello sollte in der Tat nicht als Kostümstück gebracht werden. Aber Psychologie der Charaktere ist mir auch zu wenig.


    Der Othello ist mehr als ein vermeintliches Eifersuchtsmusikdrama. Eins der gelungensten Werke Verdis. Und ein Spätwerk
    Für mich ist der Othello nicht zuletzt aus folgendem Grunde eine extrem rätselhafte Oper: Weil schon im Text so viel zwischen den Zeilen gesagt wird bzw. so viel verschwiegen wird. Und vor allem in der Musik: Ich habe beim Hören oft den Eindruck eines extremen Minimalismus der Othello-Musik: Kleinste Angaben in den Noten, unscheinbare Details haben eine kaum zu überschätzende Bedeutung (jedenfalls für mich) : z.B. Sforzati der Schlussakkorde (die ich bisher nur bei Toscanini deutlich höre)...die langen Akkorde im Orchester nach dem Ave-Maria, also vor Einsatz der Kontrabässe .. die Pausen im Credo des Jago ..und . und .. und.. ..und .. ich bin mir über die Bedeutung dieser Erfahrungen aber immer noch alles andere als im Klaren...


    :wink:

    „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann

  • Habe gerade mal kurz in die Erede Aufnahme aus Rom 1954 reingehört.


    Was immer man gegen del Monaco sagen mag(und ich habe bisher wenig Positives von ihm gesagt) als Othello ist er auf dieser Einspielung eine Referenz!


    Er trifft genau den richtigen Ton, hat genau das richtgie Timbre- ich nehme mal an , das war seien Paraderolle?


    Schreien darf er ja kräftig "Il fazoletto! Il fazoletto!!!!!!!!!!!



    Und Aldo Protti als Jago, nder Szene am Beginn des zweiten Aktes wo er Otello kurz bevor dieser Desdemona zur rede stellt seien Einflüsterungen macht- das ist so raffiniert abgetönt und so giftig-sanft gesungen- einfach toll!


    Renata Tebaldi ist nicht eben meine Lieblingssängerin, aber ich muss noch die Salice Szene und das Gebet hören- anders kann man keine Desdemona bewerten.



    Anscheinend habe ich da eine sehr gute Aufnahme udn wusste es gar nicht...... :hide:


    Lieber Waldi, bitte lass den Titel stehen! Er lädt doch so schön zum zweitgleisigen Diskutieren ein.



    F.Q.

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  • Was immer man gegen del Monaco sagen mag(und ich habe bisher wenig Positives von ihm gesagt) als Othello ist er auf dieser Einspielung eine Referenz!


    Er trifft genau den richtigen Ton, hat genau das richtgie Timbre- ich nehme mal an , das war seien Paraderolle?


    Schreien darf er ja kräftig "Il fazoletto! Il fazoletto!!!!!!!!!!!

    Liebe Fee,


    Der Otello war in der Tat del Monacos Paraderolle, er hat Ihn einige hundert Mal auf die Bühne gebracht, viele Gesamtaufnahmen und vor allem Livemitschnitte hinterlassen - und in allen ist er leider defizitär. Aber das sage ich als ein Otellomane. :D
    Unter Erede ist er in der Tat vocal in Hochform, viel besser, als später schon angestrengt unter Karajan. Er weiß den lauten Stellen Gewicht zu geben, ebnet aber leider eine der beiden anspruchsvollsten Tenorpartien der Operngeschichte (neben dem Tristan) künstlerisch ein. Für die Zwischentöne hat er weder das Piano noch die Farbnuancen - und leider auch nicht den künstlerischen Willen. Es gibt da Stellen im Otello, da ist die Gesangspartie derartig dicht von Vortragsanweisungen gespickt, man würde es nicht glauben, wenn man Monaco hört. Nun, schlecht ist er nicht. Allerdings im Vergleich mit den größten Vertretern der Rolle auf Gesamtaufnahmen - Ramon Vinay und Jon Vickers - besitzt er nur das stimmliche Kaliber, beim Sänger und Interpret fehlt einfach das Format.
    Der beste Otello der letzten 30 Jahre - Domingo - hat ebenfalls nicht das - übermenschliche - vokale Format, dass diese Rolle eigentlich braucht. Aber er realisiert wunderbar, was in der Partitur steht.
    Nun, Du weißt ja, ich bin streng und unerbittlich. Beim Otello steigert sich dass dann aber fast zum Wahn. 8)
    Die Partie hats mir angetan, ich halte die Titelrolle - und die Musik, da stimme ich dem Amfortas zu - für einen Höhepunkt des Verdischen Schaffens.


    Aber oh weh, die Bücher rufen leider und die Zeit tickt unerbittlich...aber Rezensionen zu den Aufnahmen von Vinay, Vickers und Domingo sind angedroht. Ebenso die unerlässlichen Ausschnitte mit Caruso und Ruffo und die Ausschnitte mit Martinelli...und dann ist da ja noch Melchior...acht Minuten und zwei Szenen, die Aufnahmegeschichte geschrieben haben.


    :wink: aus Bärlin
    Sascha


    "You realize that it’s not necessary to own 50 Beethoven cycles, 46 of which you never play, when you can be just as happy with 20 of them, 16 of which you never play.
    "
    , David Hurwitz

  • Hallo liebe Opernfreunde!


    Unter den Verdiopern ist Otello wahrscheinlich mein Favorit.


    Mario del Monaco, der wohl für alle Zeiten mit dieser Rolle identfiziert werden wird, hat unser Bild vom Otello als hyperdramatischen Macho zweifellos bis auf weiteres geprägt. In seinen zahlreichen Aufnahmen (am überzeugendsten m.E. in einem Met-Mitschnitt von 1958 neben Victoria de los Angeles und Leonard Warren) hat er auch überwältigende Momente, etwa in den "Sangue"-Rufen oder überhaupt im zweiten Akt. Das gebrochene, schwache, das die Partie ja zur Genüge enthält. bleibt er jedoch komplett schuldig, und so gefällt mir seine Interpretation des großen Monologs im dritten Akt auch überhaupt nicht (allerdings noch tausend mal mehr als Domingos unerträgliche Larmoyanz in einigen Live-Mitschnitten).


    Im Rororo Opernbuch lobte Attila Csampai einst Ramon Vinay über alles. Diese Baritonstzimme in enorlage hat auch zweifellos ihre Reize, eher unter Fritz Busch (Met 1948) als unter Toscanini, wo er auf mich den Eindruck eines Tigers an der Kette macht. Trotzdem ist er für mich zu eionseitig wilder Krieger, den zärtlichen Liebhaber glaube ich ihm weniger, auch nicht den überlegenden Staatsmann.


    Mein eindeutiger Favorit ist undf bleibt der junge Jon Vickers in der Studioaufnahme unter Serafin: hier haben wir den wilden Exoten, den großen Feldherrn, den zärtlichen Liebhaber und die animalische Verzweiflung dessen, dem der Boden unter den Füßen entrissen wurde. So wundert es nicht, dass er ab "Abbasso le spade!" Herr der Lage ist und eigentlich jeder, außer Iago nach der Aufforderung "Onesto Iago..." alles eingestehen würde. Im Liebesduett singt er zärtlich, den Ausbrüchen des zweiten Aktes bleibt nichts schuldig, und den Monolog im dritten Akt kann man nicht besser singen: introvertiert und majestätisch zugleich. Leider wurde Vickers Stimme schon rasch deutlich spröder, so das er in der Karajan-Breitwand-Aufnahme keine so gute Figutr mehr macht. (Die Vergfilmung - kam kürzlich irgendwo im Fernsehen - ist m.E. eh unerträglich).


    Vielleicht wissen es ja nicht alle: vom Sänger der Uraufführung, Francesco Tamagno, gibt es eine ganze Reihe von Aufnahmen, die allerdings entstanden, als er seine aktive Bühnenkarriere bereits beendet hatte und herzkrank war. Sie zeigen eine trompetenhafte dramatische Tenorstimme mit recht hellem Timbre. Interessant ist, dass das "Ora e per sempre addio" aus dem zweiten Akt deutlich langsamer genommen wurde und dadurch einen eher melancholischen Charakter bekommt. Caruso (der die Rolle ja nie auf der Bühne fesungen hatte) nahm übrigens ein ähnliches Tempo. Das schnelle Zeitmaß, das heute allgemein üblich ist und die Wildheit Otellos herüberbringen soll, kam spätestens mit Toscanini, der es eigentlich auch wissen musste, saß er bei der Uraufführung doch im Orchestergraben und spielte Cello.


    So, jetzt werde ich müde und gehe ins Bett!


    Viele Grüße


    Dieter

  • Gestern habe ich noch ein bißchen Ramon Vinay unter Toscanini gehört. Die Portion Edelmetall in dieser Stimme charakterisiert seinen Otello vor allem als Nobile und Herrn. In dieser Beziehung ist Placido Domingo sein Gegenpol; der gestaltet sehr glaubhaft den Emporkömmling, der im Grund unsicher ist und deshalb beim geringsten Verdacht sofort Seelenqualen durchleidet und die Haltung verliert. Auch Jon Vickers strahlt diese Souveränität des Befehlshabers aus, bleibt auch als Gekränkter vornehm und nicht voll barbarisch . Vielleicht wirkt Peter Glossop deshalb als Gegenspieler nicht ganz so überzeugend wie andere Iagos, weil er es eben schwerer hat als Justino Diaz. Bei Toscanini hat Giuseppe Valdengo dagegen stimmlich genug drauf, um den strahlenden Tönen Vinays Paroli zu bieten.


    LG


    Waldi

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    Homo sum, ergo inscius.

  • Otello und seine Interpreten

    Die Suche nach dem idealen Otello-Interpreten ist wahrscheinlich in etwa so alt wie die Rolle selbst. Mit dem Sänger der Uraufführung, Francesco Tamagno, soll Verdi nicht zufrieden gewesen sein, da er nicht in der Lage gewesen sei, lange Legato-Phrasen in der mezza voce zu singen. Die von Tamagno existierenden Aufnahmen, insbesondere die des "Niun mi tema", bestätigen dieses Urteil des Komponisten, auch wenn man eben zugestehen muss, dass Tamagno damals bereits alt und krank war.


    Viel wurde seither darüber debattiert, ob die Rolle besser mit einem genuinen Tenor oder einem umgeschulten Bariton besetzt werden sollte - eine in ihrer Allgemeinheit nicht sehr ergiebige Diskussion, da die stimmlichen Anforderungen von beiden Sängertypen bewältigt werden können. Daneben kommt es natürlich auch auf die Rollengestaltung an. Die Nagelprobe ist wohl der dritte Akt, insbesondere "Dio mi potevi scagliar", ein Charakterstück, das sehr viele der Anforderungen an die Titelrolle auf engem Raum konzentriert. Der Monolog beginnt im pianissimo pianissimo (pppp), in der berüchtigten "voce soffocata", von der bis heute niemand weiß, was Verdi damit denn nun gemeint hat. Die meisten Otellos lösen das durch mehr oder weniger effektvolles Deklamieren. Der zweite Teil steigert sich bis zum fortissimo, und der Sänger benötigt ein sicheres hohes B.


    Unter den Interpreten der Gesamtaufnahmen gefallen mir ebenfalls Vickers und Vinay am besten. Vinay bedient, das sehe ich ähnlich wie Dieter, eher die wilde Seite. Manchmal wirkt sein Otello auf mich wie ein verwundetes Tier, das verzweifelt um sich beißt - das allerdings konsequent und überzeugend. Von Jon Vickers ist ja bekannt, dass er nicht unbedingt eine große Sprachbegabung hatte. Auch vom Timbre gibt es attraktivere Sänger. Dass er aber ein wirklich großer Interpret ist, kann man gerade in der Serafin-Aufnahme allerorten hören, sogar beim "Ora per sempre addio", einer Stelle, bei der sonst von anderen Tenören eigentlich immer nur voll aufgedreht wird. Selbst da findet Vickers verschiedene Klangfarben, um der Rolle Gesicht zu verleihen. Auch das Finale des dritten Akts, in dem Otello abwechselnd mit allen möglichen Personen auf der Bühne sprechen muss, ist bei Vickers mustergültig umgesetzt.


    Mit Del Monaco ist es so wie mit den meisten seiner Aufnahmen: vom vokalistischen Standpunkt ein Ereignis, allerdings von der Rollengestaltung nicht besonders interessant. Sein Otello ist ein Hysteriker. In gleich welcher Phase der Oper reagiert er mit einem cholerischen Anfall. Und gerade Del Monacos dürftiges "Dio mi potevi scagliar" (z.B. bei Erede) zeigt, dass dieser Otello wenig überlegt handelt.


    Domingo ist sicher keine schlechte Wahl, allerdings insgesamt eher ein freundlicher Regent à la Riccardo aus dem Maskenball, weniger unbeherrschter Gewaltmensch. Nicht schlecht hat mir aber auch Carlo Cossutta in der ersten Solti-Gesamtaufnahmn gefallen. Natürlich, nicht unbedingt eine Riesenstimme, die auch manchmal an ihre Grenzen gerät, aber Cossutta ist ein intelligenter Interpret und macht das Beste daraus.


    Meine Favoriten der ferneren Vergangenheit, von denen ich mir Gesamtaufnahmen gewünscht hätte, sind Renato Zanelli und Francesco Merli. Das sind vor allen Dingen zwei großartige Otello-Stimmen. Ob sie auch große Interpreten gewesen sind, kann man nur erahnen.


    Renato Zanelli hat viel mit Ramón Vinay gemeinsam, die Herkunft aus Chile, die Bariton-Vergangenheit, unterscheidet sich aber von diesem durch die attraktivere Stimme: ein warmer, runder sehr dunkler Tenor, der weniger rau und steif klingt in der Höhe. Sein "Dio mi potevi scagliar" hat mich vollends überzeugt. Die Aufnahme aus dem Jahr 1928 ist voll von wunderbaren Feinheiten. So singt Zanelli zum Beispiel auf "l'anima acqueto", von Verdi immerhin mit dolcissimo überschrieben, ein traumhaftes, absolut perfektes Diminuendo. Das hatte ich an dieser Stelle noch nie vorher so gehört. - Na und? Es gibt Wichtigeres, wird sich jetzt vielleicht manch einer sagen. Vielleicht, aber solche kleinen Effekte sind es, mit denen man mich erst einmal glücklich machen kann und die in der Summe eine besonders gelungene Interpretation ausmachen.


    Francesco Merli hat zwar auch ein sehr angenehmes, dunkles Timbre, aber auch eine wirklich aufregende tenorale Höhe, wie sie einem in dieser Rolle nicht oft begegnet. Ein echter Spinto, sängerisch sehr präzise und diszipliniert, dem man zu keinem Zeitpunkt anhört, dass diese Rolle irgendwie schwer sein könnte. Gerade beim "Ora per sempre addio", eine Stelle, an der man bei vielen Tenören die Anstrengung hören kann, hat man das Gefühl, dass Merli immer noch die Handbremse angezogen hat. Was er da auf einen Atem singt, ist erstaunlich. Und sein "Dio mi potevi" ist auch eine fast perfekte Aufnahme, in der sich Merli von einer selbstmitleidigen Reflexion zu einem zornigen Ausbruch steigert.

  • Ich fand den hysterischen Mario einfach rein stimmlich so gut in der von mir gehörten Eifersuchtsszene ... aber mir fehlen ja ALLE Verglecihe, ich hab sonst keine Aufnahme...... :hide: :hide: :hide:



    Sag also nun nix mehr dazu.

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  • Othello 3. Akt - Wer weiss das zufällig ?

    ich habe heute mir einen Othello-Mitschnitt vom 11.05.80 unter Muti (Mailand) reingezogen. Und im 3. Akt, die Szene mit Chor, Orchester + Solisten, die eingeleitet wird mit Desdemona: A terra ! .. si .. nel livido .. Fango .. percossa und die mit dem Wutausbruch und Zusammenbruch Othellos endet, gab es kompositorisch eine erhebliche Abweichung von bisherigen Live-Aufführungen und Mitschnitten, die ich mir reingezogen hatte..
    Frage an Verdi-Junkies und - Spezialisten, gibt es eine 2. Fassung dieser Oper ?


    :wink:

    „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann

  • Othello 3. Akt - Wer weiss das zufällig ? Zum 2.

    Ich warte immer noch auf eine Antwort auf meine Frage. Gibt es denn unter Euch kein Verdi-Junkie, der darüber mal was sagen kann ? Über Informationen würde ich mich nämlich (ohne h) riesig freuen ;+) ;+) ;+)
    :wink:

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  • Lieber Amfortas, es gibt eine andere Fassung des Otello, die sich ohne h schreibt udn die ist von Rossini. Dort wird Desdemona nciht erstickt, sondern mit einem Dolch erstochen. Vorher singt sie noch eine herrliche Arie, mit der Maria Malibran zum Idol der romantischen Generation wurde. Sie wird leider heute serh selten gespielt


    Assisa a pié d'un salice.


    Kannst Du auf youtube z.B. mit Cecilia Bartoli oder Marilyn Horne oder Frederica von Stade geniessen.


    Von Verdis Othello hab ich wenig Ahnung. Ich bin aber auch kein Verdi Junkie. Viel Erfolg beim Scuhen eines Solchen.Antracis und Severina, wir brauchen euch!!!!! :wink:


    F.Q.

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  • Liebe Fairy,


    Vedis "Othello" wird ebenfalls ohne "h" geschrieben. Um Verdis Otello geht es bei Amfortas´ Frage auch, wie dieser Link zeigen mag.


    Eine Antwort auf deine Frage, lieber Amfortas, habe ich allerdings leider nicht. Von einer anderen Fassung ist mir nichts bekannt. Und die Aufnahme stammt nicht aus Mailand, wie man bei Muti vermuten kann, sondern aus Florenz.


    Gruß
    Thomas

  • Lieber Thomas, ja es ist diese Aufnahme (ich wusste nicht, dasss sie aus Florenz stammt, da kein Ab - + Vorspann mit Radiosprecher ist) und die hat im 3. Akt ab A terra ! .. si .. nel livido .. Fango .. percossa eine Fassung, die von der üblichen sehr abweicht, bis etwa zum Wutausbruch + Zusammenbruch Othellos. Liebe Fairy Queen: Es ist der Verdische Othello, nicht der von Rossini...


    ...und jetzt hätte ich gerne noch mehr Infos über diese kompositorische Abweichung im 3. Akt ...


    :wink:

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  • Ich kenne den Florentiner Mitschnitt nicht, und da Du nicht beschreibst, inwiefern die Fassung von den üblichen abweicht, kann ich, wenn man einen Betriebsunfall (z.B. bei der Sendung vertauschte Bänder) oder eine für Muti untypische Umstellung ausschließt, nur spekulieren, dass hier das von Verdi 1894 für Paris nachkomponierte Ballett gegeben wurde. Verdi selbst fand diese Gewohnheit eine "künstlerische Monstrosität", fügte sich aber den Anforderungen der wichtigsten Oper der Welt und komponierte das verlangte Ballett einige Jahre nach der Fertigstellung der Oper selbst. Es sollte eingefügt werden, nachdem die Trompeten die Ankunft der venezianischen Delegation ankündigen.


    Das Ballett um arabische Motive dauert etwa sechs Minuten und wurde u. a. von Riccardo Chailly auf einer nicht mehr angebotenen Sammlung von Verdis Ouvertüren und Ballettmusiken eingespielt. Vielleicht hat Muti mal versucht, es im Zusammenhang zu präsentieren, obwohl es den dramatischen Fluss sehr stört, wenn es auch, für sich genimmen, sehr gute Ballettmusik bietet.


    Ansonsten gibt es keine autorisierten Abwandlungen von der originalen Partitur.


    :wink: Rideamus

    Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung

  • nee nee da ist kein Ballet dabei, 100%ig nicht. Und ich erinnere mich jetzt dunkel, dass ich im Radio einen Othelllo mir mal reingezogen habe (vermutlich von der ENO, weil in englischer Sprache, habe den leider nicht mitgeschnitten) in der die gleiche Abweichung von der üblichen Fassungen zu hören war, also Ensemble + Chor im 3. Akt.. also denke, dass diese Abweichung nicht auf Mutis "Mist " gewachsen ist, dessen Dirigat mir -nebenbei - in diesen Mitschnitt gefällt.. Infos darüber zu bekommen, ist eine vermutlich schwere Dedektivarbeit... wie gesagt, wenn Ihr was erfahrt, lasst es uns alle wissen


    :wink:

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  • Ich habe bisher noch nicht sehr viele Otellos gehört, mag die Oper aber sehr. Wie sagt Amfortas? Megafetzig. :thumbup:
    Live bin ich bisher leider noch nicht in ihren Genuß gekommen, da es hier in der Umgebung offenbar kaum Tenöre gibt, die dieser Mörderpartie gewachsen sind. Mein erster Otello war vor vielen Jahren Placido Domingo im Zeffirelli-Film. Mir hat er gefallen, obwohl auch ich Katia Ricciarelli eher optisch als stimmlich ansprechend fand. Außerdem fand ich ihn in der Szene in der er am Feuer sitzt und sich darauf vorbereitet Desdemona zu meucheln auf beunruhigende Weise sexy :hide: :D Ich bin und bleibe wohl ewig eine Tussi :angel:
    Als ich den Film vor ein paar Tagen nach längerer Abstinenz nochmal gesehen habe, habe ich mit Erstaunen und Ärger festgestellt, daß Zeffirelli das „Lied von der Weide“ gestrichen hat, das war mir völlig entfallen. Zumindest ist es auf meiner DVD nicht drauf.
    Den Otello der Salzburger Festpiele 2008 habe ich auf Video aufgenommen, zwar gilt jedem Tenor der die Titelpartie auch nur durchhält meine größte Hochachtung, aber wirklich gefallen hat mir der Tenor (Aleksandrs Antonenko) nicht, dafür war ich völlig hingerissen von Marina Poplavskaya als Desdemona. Der letzte Akt war für mich einzig und allein ihretwegen DER Höhepunkt der Fernsehübertragungen aus Salzburg. Weit vor Villazóns Romeo, und das will was heißen, bin ich doch nach wie vor sein glühender, bangender Fan. Auch Stephen Costello als Cassio hat mir sehr gefallen, Carlos Alvarez als Jago war dagegen für meinen Geschmack eher brutal als dämonisch, was ich sehr schade fand. Dennoch hat mich sein „Credo“ aus den Schuhen gehauen.
    Am Mittwoch habe ich angefangen meine Otello-Neuerwerbung zu hören:

    Mir gefällt Ramon Vinay in der Titelrolle sehr gut, auch wenn er hier ein bisschen kritisiert wurde. Sehr begeistert bin ich von Giuseppe Valdengo als Jago der genau die richtige Mischung aus Verschlagenheit, Bosheit und täuschend echter Freundlichkeit in sich vereint. Und der darüber hinaus eine phantastische Stimme hat. Herva Nelli als Desdemona hat mich mit ihrer silbrighellen Stimme überrascht und gefällt mir sehr. Da ich den letzten Akt aus Zeitgründen bisher noch nicht gehört habe, weiß ich aber nicht, ob sie Marina Poplavskaya aus meinem Herzen verdrängen wird. Aber morgen, wenn hierzulande die Fahnen wehen, habe ich ja alle Zeit der Welt zum Musikhören und werde sie nutzen.
    Ach, und ehe ich es vergesse: ganz großartig ist auch der Chor, der mich vor allem mit dem Feuerchor sehr, sehr begeistert hat.
    Hier mal eine Besprechung der Aufnahme:
    Klick

    Ein Paradies ist immer da, wo einer ist, der wo aufpasst, dass kein Depp reinkommt...

  • :yes: :yes: Megafetzig !! :yes: :yes:


    Diese Toscanini-Wiedergabe gehört mit zu meinen Othello-Favoriten: Und da habe ich schon eine ganze Menge an Wiedergaben, und ich hoffe da kommen noch jede Menge dazu. Der 3. Akt gewinnt eine unglaubliche orchestrale Intensität mit Toscanini. momentan für mich fast konkurrenzlos. Bewegend wie auch Toscanini die Schlussarkorde im 4. Akt: unscheinbare Sforzati, die dem Schluss jeden versöhnenden Gestus austreiben. Sehr gut ist auch das Quartett im 2. Akt (Jago, Emelia, Desdemona, Othello) durch den späten Karajan gestaltet, was die Durchhörbarkeit + Dynamik betrifft, momentan auch konkurrenzlos...


    :wink:

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  • Ich habe lange gezögert, diese Aufnahme zu kaufen: zwar sind Domingo und Milnes in ihren jeweiligen Partien eine sichere Bank (zumindest 1978, als die Aufnahme entstand), aber bei Scotto vermutete ich, sie könne vielleicht Probleme bei dem Versuch haben, Desdemonas Zartheit und Verletzlichkeit stimmlich zu verdeutlichen; immerhin hatte sich ihr Stimmcharakter in den 70er Jahren stärker in Richtung Verismo mit allen guten und weniger guten Ausprägungen geändert.


    Ganz so schlimm wie befürchtet ist es dann wirklich nicht geworden, weil Renata Scotto sich hörbar um Disziplin und Wohlklang bemüht und ihr Stimmaterial dies zum Zeitpunkt der Aufnahme auch noch zuließ. Das Duett im 1. Akt gelingt sehr gut. Im 2. und 3. Akt keift sie mir bisweilen zuviel, aber der Eindruck einer eher leidenden als austeilenden Desdemona wird zumindest nicht völlig zerstört. Den 4. Akt gestaltet sie mit großer Intensität. Die Leistung ist insgesamt in Ordnung, aber alleine wegen der Scotto muß man diese Aufnahme nicht kaufen.


    Domingo ist ein noch jugendlicher, frischer Otello, der einiges an Stimm- und Leuchtkraft aufbringt, von der -m.E. wünschenswerten- etwas dunkleren, gewissermaßen ernsthaften Stimmfarbe aber noch ein paar Jahre entfernt ist; später gelang es ihm besser, sozusagen auch den Kommandanten hörbar zu machen. Allerdings ist das Mäkeln auf hohem Niveau - es gibt nur wenige Tenöre, die den Otello auch gestalterisch so verinnerlicht haben wie Domingo, und man merkt ihm an, daß er wirklich in jedem Takt genau weiß, was er singt. Eine beeinfruckende Leistung.


    Überragend ist der Iago von Sherill Milnes. Ich denke, er hat zu seiner Zeit nicht seinesgleichen in dieser Partie gehabt. Hervorragende Textverständlichkeit, eine schier unerschöpfliche Kraft (Iago hat immerhin fast genausoviel zu singen wie Otello, den man deswegen immer bedauert: Iagos Part ist nicht minder schwierig!) und eine ungemein differenzierte Gestaltung - von sotto-voce-Raunen in der Erzählung des 2. Aktes bis zum fast gewalttätigen Ausbruch ist alles vorhanden. Eine großartige Leistung, und man merkt vor allem die perfekte Abstimmung von Milnes und Domingo sowie beider Sänger mit James Levine, der gewohnt feinfühlig dirigiert.


    Die anderen Partien sind zufriedenstellend besetzt, allerdings ist mir der Cassio von Frank Little ein bißchen zu krähend; ein allerdings vernachlässigenswertes Detail.


    Insgesamt ist dies eine Aufnahme, die mehr als ordentlich ist, ohne wirklich der große Wurf zu sein; der nunmehr sehr mäßige Preis gestattet den Kauf auf jeden Fall zur Vervollständigung der heimischen Otello-Sammlung.


    Grüße!


    Honoria

    "...and suddenly everybody burst out singing." (Busman's Honeymoon)

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