Nielsen: Die Orchesterwerke außerhalb der Symphonien

  • Naja, mit Komponisten-Vergleichen ist das immer so eine Sache. Die "Helios-Ouvertüre", op. 17 (1903) von Carl Nielsen und "Nächtlicher Ritt und Sonnenaufgang", op. 55 (1908) von Jean Sibelius trennen zwar nur wenige Jahre aber sind doch grundverschieden.

    Nielsen komponierte "Helios" während eines Griechenland-Aufenthalts und er wurde da eindeutig vom mediterranenem Flair beeinflusst. Ursprünglich wollte Nielsen das Werk "Ouvertüre an die Sonne" nennen, verwarf dann aber diesen Titel.
    "Nächtlicher Ritt und Sonnenaufgang" von Sibelius basiert auf keinem Programm aber das Werk ist meiner Meinung nach klar von der nordischen, d. h. finnischen, Landschaft und Atmosphäre geprägt und so strahlt die Sonnenaufgangs-Passage kein lichtdurchflutetes "Mittelmeer-Feeling" aus sondern der Charakter wirkt, wie der nordische Sonnenaufgang, eher etwas getrübt. Vielleicht empfindet man das so, dass dies tiefgründiger und somit beeindruckender klingt als die insgesamt hellere "Helios-Ouvertüre".

    Lionel

    "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)

  • Da werden wir uns nicht so ganz einig: Mich reißt Nielsens Helios-Ouvertüre zehnmal stärker mit als "Nächtlicher Ritt und Sonnenaufgang". Ich bin gewiss kein genereller Sibelius-Verächter, aber gerade mit dieser Tondichtung kann ich nur wenig anfangen.

    Zitat

    Den Sonnenaufgang in Sibeliusens "Nächtliche Jagd und Sonnenaufgang" finde ich weitaus beeindruckender und gekonnter als den in Helios.

    Das Programm interessiert mich eigentlich kaum. In der Helios-Ouvertüre finde ich halt eine Melodik und Harmonik, die mich unmittelbar in ihren Bann zieht. Das Werk würde mich genauo stark beeindrucken, wenn es einfach nur "Konzertouvertüre" heißen würde.

    Beste Grüße

    Bernd

  • Anstelle eines Vergleiches nun eine Nebeneinandersetzung:

    Ich weiß nicht, was ich von "Helios" halten würde, stammte es nicht von Nielsen. Bei folgender Stelle wird es mir einfach zuzviel mit Wohlklang und Bombast: Der ff-Hörnereinsatz bei 3:30 (Vänskä-Einspielung). Ab hier zieht sich ein Hollywood-Sound dahin (davon abgesehen, dass in Hollywood banalere Melodien verwendet werden). Die Gute-Laune-Musik nach dem baldigen Trompetengeschmetter ist mir für Nielsen-Verhältnisse auch etwas undifferenziert. Dermaßen dicht wabernden Orchesterklang ist man von ihm nicht gewohnt. So leicht hat es sich Nielsen sonst nie gemacht, unmittelbare Wirkung und eindeutig benennbare Stimmungen zu erzeugen. Klar, das klingt alles großartig, man wird geradezu überwältigt. Aber vielleicht weniger vom Geschmack als von den vielen Geschmacksverstärkern. Ich bin mir sicher, dass das Werk genau so geraten ist, wie Nielsen es sich vorgestellt hat. Und ich halte es auch für allerbeste Nachromatnik. Meine harten Worte gegen "Helios" folgten auch aus meiner Verwunderung, dass Nielsen etwas derartiges komponiert hat.

    Nordische Landschaft höre ich bei der "Nächtlichen Jagd" (im Gegensatz z.B. zu Tapiola) nicht. Was mich an dem dortigen Sonnenaufgang fasziniert: Wie mit sparsamer Instrumentierung und dezenter Verwendung melodiöser Einfälle die Erhabenheit eines beeindruckenden Sonnenaufgang in Klang gesetzt wird. In dieser Hinsicht liegt hier das genaue Gegenteil von Helios vor. Vielleicht ist dies mein liebster musikalischer Sonnenaufgang.

    Beste Grüße,
    Falstaff

  • In der Helios-Ouvertüre finde ich halt eine Melodik und Harmonik, die mich unmittelbar in ihren Bann zieht.

    (Hervorhebung von mir)

    Auf genau diese Unmittelbarkeit hin scheint die Helios-Ouverture optimiert zu sein. Mit diesem Satz kann recht knapp formulieren, was ich mit den letzten beiden Beiträgen sagen wollte.

    Falstaff

  • Zitat

    Was mich an dem dortigen Sonnenaufgang fasziniert: Wie mit sparsamer Instrumentierung und dezenter Verwendung melodiöser Einfälle die Erhabenheit eines beeindruckenden Sonnenaufgang in Klang gesetzt wird.

    Gut, bei nächster Gelegenheit werde ich mir dieses Op.55 des finnischen Meisters noch einmal genauer anhören. Ich müßte nämlich lügen, wenn ich behaupten wollen würde, dass ich mich schon richtig intensiv damit befasst habe... :schaem: .

    Zitat

    Auf genau diese Unmittelbarkeit hin scheint die Helios-Ouverture optimiert zu sein.

    Die "Optimierung auf unmittelbare Wirkung" kann man natürlich unterschiedlich bewerten. Mehr als problematisch würde es für mich, wenn es dem Werk an eigentlicher Substanz fehlen würde. Aber genau dieses Missverhältnis zwischen Fett und Knochen sehe ich nicht. Für meine Ohren hat Nielsen hier zu einer geradezu idealtypischen Synthese von direkter Anziehungskraft und innerem Gehalt gefunden - vergleichbar optimal finde ich das sonst nur noch in seiner 3. und 4. Sinfonie sowie im letzten Satz des Bläserquintetts gelungen.

    Beste Grüße

    Bernd

  • Anstelle eines Vergleiches nun eine Nebeneinandersetzung:

    Ich weiß nicht, was ich von "Helios" halten würde, stammte es nicht von Nielsen. Bei folgender Stelle wird es mir einfach zuzviel mit Wohlklang und Bombast: Der ff-Hörnereinsatz bei 3:30 (Vänskä-Einspielung). Ab hier zieht sich ein Hollywood-Sound dahin (davon abgesehen, dass in Hollywood banalere Melodien verwendet werden). Die Gute-Laune-Musik nach dem baldigen Trompetengeschmetter ist mir für Nielsen-Verhältnisse auch etwas undifferenziert. Dermaßen dicht wabernden Orchesterklang ist man von ihm nicht gewohnt. So leicht hat es sich Nielsen sonst nie gemacht, unmittelbare Wirkung und eindeutig benennbare Stimmungen zu erzeugen. Klar, das klingt alles großartig, man wird geradezu überwältigt. Aber vielleicht weniger vom Geschmack als von den vielen Geschmacksverstärkern. Ich bin mir sicher, dass das Werk genau so geraten ist, wie Nielsen es sich vorgestellt hat. Und ich halte es auch für allerbeste Nachromatnik. Meine harten Worte gegen "Helios" folgten auch aus meiner Verwunderung, dass Nielsen etwas derartiges komponiert hat.

    Also ich habe jetzt, zugegeben nicht durchgehend mit voller Aufmerksamkeiit die Tondichtungen-CD mit Roschdestwjenskij/Chandos angehört. Ich finde nicht, dass die Helios-Ouverture sehr aus dem Rahmen fällt. Der Rest ist auch nicht viel weniger spätestromantisch (einiges allerdings relativ nichtssagend, wobei ich gestehen muss, die CD in den ca. 5 Jahren, die ich sie haben dürfte, vielleicht 3-4mal gehört zu haben.)
    Am besten hat mir von der CD das dramatisch bewegte Pan&Syrinx gefallen.
    Aber insgesamt habe ich bislang nicht den Eindruck, dass man viel verpasst hat, wenn man die Stücke nicht kennt (was ich von den Sinfonien nicht sagen würde).
    (Nächtlicher Ritt... kenne ich gar nicht.)

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Der Rest ist auch nicht viel weniger spätestromantisch


    Zur "Nachromantik" zähle ich Komponisten wie Richard Wetz oder Kurt Atterberg. Mahler, Sibelius und Nielsen würde ich nur zum Teil unter diesen Begriff fallen lassen. Sie sind dafür zu eigenständig und weisen mit ihren Stilmitteln weit über die Spätromantik hinaus. Bei Nielsen ist es z.B. die "progressive Tonalität" (späteru und an anderer Stelle vielleicht mehr dazu), welche ihn aus der Romantik herausfallen lässt. (Mehr zu dieser Kompositionsweise findet man z.B. in Robert Simpsons großartigem Nielsen-Buch.)

    Falstaff


  • Zur "Nachromantik" zähle ich Komponisten wie Richard Wetz oder Kurt Atterberg. Mahler, Sibelius und Nielsen würde ich nur zum Teil unter diesen Begriff fallen lassen. Sie sind dafür zu eigenständig und weisen mit ihren Stilmitteln weit über die Spätromantik hinaus. Bei Nielsen ist es z.B. die "progressive Tonalität" (späteru und an anderer Stelle vielleicht mehr dazu), welche ihn aus der Romantik herausfallen lässt. (Mehr zu dieser Kompositionsweise findet man z.B. in Robert Simpsons großartigem Nielsen-Buch.)

    Ich bin sicher weit davon entfernt, Nielsen komplett irgendwo einordnen zu wollen. Dafür kenne ich seine Musik nur viel zu oberflächlch. Die Sinfonien scheinen mir aber doch "moderner" als das meiste auf dieser CD. Und nach meinen unreflektierten Höreindruck sticht die Helios-Ouv. eben nicht als außergewöhnlich plakativ oder konservativ heraus. Aber es gibt bei Sibelius ja auch gewisse Unterschiede zwischen "Finlandia" und dem Violinkonzert einerseits oder der 4. und 7. Sinfonie andererseits.

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Na toll, jetzt habe ich einen Helios-Ohrwurm...

    Da will ich noch auf eine Stelle hinweisen, die ich bei Helios gelungen finde. Du Beginn wechseln sich die Hörner über gehaltenen Tönen der tiefen Streicher mit einer aufsteigenden Figur ab, diese umspielen bald die hohen Streicher mit wellenartigen Figuren (ähnliches kennt man aus dem Rheingold-Vorspiel oder aus dem "Holzgeschnitzten Prinzen"). Bei der Stelle, die ich meine, geht die Umspielungsfigur der Geigen ganz unscheinbar in die erste Melodie des Werkes über. Umspielungsfiguren und Melodie gehen noch öfters ineinander über. Der Klang ist jeweils grundverschieden - einmal wellenartig dahinfließend einemal melodiös mit hohem Erinnerungswert. Also ob die Melodie immer wieder in den Wellenfiguren auf- und abtauche.

    ...mein Ohrwum bezieht sich jedoch auf den Hörnereinsatz, an dem ich vorhin rumgemäkelt habe.

    Falstaff

  • Auch in diesem Thread soll auf die erst wenige Jahre alte SACD-Einspielung der drei Konzerte hingewiesen werden, die man zusammen mit den sechs Sinfonien vor wenigen Wochen äußerst preisgünstig erhielt und jetzt ziemlich preisgünstig erhält. Sie überzeugt aufgrund des exzellenten Klanges und der präzisen und engagierten Interpretationen. (Was die Sinfonien anbelangt, so kann man eher verzichten, wenn man schon gut mit Nielsen versorgt ist.)

    :wink: Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Nicht unerwähnt sollte diese Scheibe bleiben:

    Viele kleine, größtenteils schwungvolle Bühnenwerke. Pan und Syrinx ist mir sehr positiv in Erinnernung.

    Und ja ich mag Helios auch!

    Wenn ich F10 auf meinem Computer drücke, schweigt er. Wie passend...

  • Nicht unerwähnt sollte diese Scheibe bleiben:


    Viele kleine, größtenteils schwungvolle Bühnenwerke. Pan und Syrinx ist mir sehr positiv in Erinnernung.

    Eine tolle Scheibe. Ich hätte eine noch originalverpackte CD hier. Sie kam zufällig doppelt an bei mir.....

    Viele Grüße sendet Maurice

    Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)

  • Diese Scheibe enthält ein Gelegenheitswerk, eine Paraphrase über "Näher mein Gott zu Dir". Tipp: Vol. auf kräftig stellen und abwarten! So bekommt der Titel des amerikanischen Beerdigungs-Liedes einen unerwarteten Sinn. :D

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

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