Die Sinfonien von Anton Bruckner in Empfehlungen von Dr. Benjamin Gunnar Cohrs (1/2012)

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  • Die Sinfonien von Anton Bruckner in Empfehlungen von Dr. Benjamin Gunnar Cohrs (1/2012)

    Gestern wurde auf WDR3 eine sehr interessante Sendung zum Thema Anton Bruckners Sinfonien ausgestrahlt. Der Musikwissenschaftler und Bruckner-Forscher Dr. Benjamin Gunnar Cohrs sprach dort über die "Elf Sinfonien und ihre Fassungen". Seine sehr interessanten und aufschlussreichen Ausführungen untermauerten seine schon oft unter Beweis gestellte Bruckner-Kompetenz und machten neugierig auf seine Empfehlungen. Dankbarerweise hat der WDR eine 4-Seiten-lange Liste seiner Empfehlungen auf die Homepage gestellt, die ich Euch hier nicht vorenthalten möchte:


    "http://www.wdr3.de/fileadmin/user_upload/Sendungen/Variationen/2011/Manuskripte/Bruckner_Empfehlungen.pdf"


    Natürlich ist diese Liste sehr subjektiv. Aber auf jeden Fall ist sie diskussionswürdig.


    Viel Spaß dabei!


    Ich würde mich über Antworten jedweder Art dazu sehr freuen.



    Gruß,


    inland_empire

  • Interessante Liste, Danke dafür. Und eine große Überraschung, auf die ich mich trotz aller Skepsis freue:


    Zitat

    Die Letztfassung der Partitur (B9 mit Finalsatz) erscheint im Frühjahr 2012 bei EMI, eingespielt von den Berliner Philharmonikern unter Sir Simon Rattle.


    Ist die Rundfunksendung auch in der Mediathek des WDR zu finden?

    Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad, hinter ihm schlagen die Sträuche zusammen.

  • Zitat

    Ist die Rundfunksendung auch in der Mediathek des WDR zu finden?

    Ja, das ist sie!


    Guck mal hier:


    "http://www.wdr3.de/variationen/details/artikel/wdr-3-variationen-45.html"


    Etwas runterscrollen, dann kommt das Abspielfeld.

  • eine große Überraschung, auf die ich mich trotz aller Skepsis freue:

    Du brauchst nicht bis zur Veröffentlichung der angekündigten EMI-CD zu warten. Bruckners Neunte mit der vervollständigten Aufführungsfassung des 4. Satzes von Samale-Phillips-Cohrs-Mazzuca gibt es live in der Berliner Philharmonie am 7., 8. und 9. Februar 2012 mit den Berliner Philharmonikern und Sir Simon Rattle. Tickets hier:
    "http://www.berliner-philharmoniker.de/konzerte/kalender/programmdetails/konzert/8592/termin/2012-02-07-20-00/"
    Erfahrungsgemäß wird eins der drei Konzerte live im Rundfunk übertragen und in der Digital Concert Hall ja sowieso.


    Zur Liste des Herrn Cohrs: er sagt ja selbst zu Beginn seiner Empfehlungsliste, dass diese Liste allein Ausdruck seines persönlichen Geschmacks ist und "über weite Strecken sicher nicht mit der gängigen Bruckner-Interpretation konform" geht. Das ist in der Tat so. Immerhin konnte er sich durchringen, Günter Wand wenigstens bei der Sinfonie Nr. 1 in der Wiener Fassung zu erwähnen und ihm eine "solide" Einspielung zu bescheinigen. Furtwängler kommt überhaupt nicht vor, Karajan, Mrawinsky und Chailly ebensowenig. Klemperers fulminante Sechste taucht nicht auf, Tennstedts grandiose Dritte, Bernsteins überragende Neunte und Kertészs ganz wunderbare Vierte auch nicht. Statt dessen rühmt er die "Bruckner-Legende" Takashi Asahina.

  • Ich finde Benjamin-Gunnar Cohrs Erläuterungen über die Musik Bruckners und die verschiedenen Interpretationsansätze sehr plausibel und halte sie für schlüssig. Endlich erklärt mal jemand wichtige Details über einen bedeutenden Komponisten so anschaulich, dass auch ein "Otto-Normalhörer" wie ich das nachvollziehen kann, ohne dass man Musik studiert haben muss.


    Wie das mit "Empfehlungslisten" immer so ist, man kann immer diskutieren oder herummäkeln, wieso dieser oder jener Dirigent mit seiner Aufnahme nicht berücksichtigt wurde: man kann es da nicht jedem Recht machen. Ich für meinen Teil finde die Nennungen von Tintner und insbesondere von Harnoncourt für sehr gut. Besonders Harnoncourts Aufnahme der 5. Sinfonie sorgte bei mir wirklich für ein "Aha-Erlebnis". Ebenso Harnoncourts Aufnahme der Final-Fragmente (ohne Coda) der 9. Sinfonie, wo Cohrs auch den sehr informativen Booklet-Text schrieb, halte ich für sehr aufschlussreich.


    Da finde ich es besonders spannend, dass die Rekonstruktion des Finales von Bruckners 9. Sinfonie mittlerweile so weit gediehen ist, dass es von dieser Rekonstruktions-Version in diesem Jahr eine Aufnahme und Konzerte (Berlin und New York) geben wird. Hoffentlich werden die Wiener Philharmoniker am besten mit Nikolaus Harnoncourt (bitte nicht mit Thielemann) davon auch noch mal eine Aufnahme machen, denn bei der Musik von Bruckner (auch von Mahler, R. Strauss und auch Brahms) mag ich besonders gern den Klang der Wiener Philharmoniker, der da fast etwas authentisches für mich hat.


    Lionel

    "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)

  • Harnoncourts Aufnahme der Final-Fragmente (ohne Coda) der 9. Sinfonie, wo Cohrs auch den sehr informativen Booklet-Text schrieb


    Cohrs empfiehlt also eine CD-Produktion, an welcher er selbst (als Verfasser der liner notes) beteiligt war und folglich mitverdient? Ist das mit dieser Harnoncourt-CD ein Einzelfall oder gibt es noch mehr solche Empfehlungen von CDs, bei welchen - rein zufällig - der Bookletautor ebenfalls Cohrs heißt?


  • Cohrs empfiehlt also eine CD-Produktion, an welcher er selbst (als Verfasser der liner notes) beteiligt war und folglich mitverdient? Ist das mit dieser Harnoncourt-CD ein Einzelfall oder gibt es noch mehr solche Empfehlungen von CDs, bei welchen - rein zufällig - der Bookletautor ebenfalls Cohrs heißt?


    Ein Wulff im Klassikfreundgewand? Mitnichten. Empfehlen kann ich die Aufnahme - und zwar nachdrücklich - obwohl ich nicht in irgendeiner Weise centmäßig an dem Verkauf beteiligt bin. Was, glaubst Du, bekommt man wohl für einen Beitrag im Booklet? Eine Beteiligung an den Einnahmen?


    Liebe Grüße Peter

    .
    Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
    (Hermann Bahr)

  • Was, glaubst Du, bekommt man wohl für einen Beitrag im Booklet? Eine Beteiligung an den Einnahmen?

    Nein, aber man bekommt Geld dafür. Und ist stark an Folgeaufträgen derselben CD-Firma interessiert, denn von irgendetwas muss man ja leben. Folglich kommt es immer gut, wenn man die CD, an deren Gesamtpaket man als Bookletautor mitgewirkt hat, öffentlich gutheißt und nicht schlechtredet. Es wäre naiv zu glauben, dass Leute, die Geld für ihre Musiktexte nehmen, von derlei Überlegungen frei seien. Wirklich frei von derlei Überlegungen sind nur wir Musikliebhaber, die Musik eben nicht hauptberuflich betreiben und sich für lau darüber äußern. Von solchen Musikliebhabern kriegt man ehrliche Meinungen. Die man falsch oder richtig finden kann. Aber ehrlich sind sie.

  • Von solchen Musikliebhabern kriegt man ehrliche Meinungen. Die man falsch oder richtig finden kann. Aber ehrlich sind sie.

    Ja eben, deshalb geht es uns allen doch allein um die Sache, oder? Nämlich um die Frage, ob es sich bei der Einspielung Bruckner 9/Harnoncourt um eine "nachdrücklich" empfehlenswerte Aufnahme handelt oder eben nicht. Allein dies mag man mit Argumenten unterlegen. Die Sichtweise Cohrs' ist insoweit zumindest nachvollziehbar.

  • Wenn man sich den Beitrag im WDR anhört, und das kann ich nur nachdrücklich empfehlen, bekommt man an keiner Stelle den Eindruck, das Herr Cohrs hier Werbung in eigener Sache betreibt.


    Er ist nun mal einer der vier Musikwissenschaftler, die an der Rekonstruktion des Finales der Neunten beteiligt waren und hat demnach natürlich das Recht, sich dazu zu äußern. Daß er auch den Booklettext zu der Harnoncourt-CD verfasst hat, finde ich völlig unproblematisch. Wie gesagt, er muß ja auch von etwas leben.


    Herr Cohrs hat eine sehr ruhige, ernsthafte Art und Weise sich zu äußern, und er weiß, wovon er redet. Mir hat diese Sendung viele neue Einsichten und Anregungen gebracht.

  • Ja eben, deshalb geht es uns allen doch allein um die Sache, oder?

    Klar geht es um die Sache. Und ich möchte ja auch beileibe nichts gegen Harnoncourt als Bruckner-Dirigenten sagen. Mich stört eher die Nichterwähnung bestimmter Aufnahmen anderer Dirigenten.

  • Die Harnoncourt-Aufnahmen von Bruckners Sinfonien Nr. 5 und 9 stützen sich nun mal auf die neuesten Ausgaben der Anton Bruckner-Gesamtausgabe im Musikwissenschaftlichen Verlag Wien, wo Cohrs mitarbeitet. Im Booklet zur Aufnahme der 5. Sinfonie mit Harnoncourt ist Cohrs als wissenschaftlicher Berater genannt. Cohrs ist also nicht irgendein "Werbe-Fuzzi" oder nur ein "Booklet-Autor", der in seinen Booklet-Texten einfach nur "Lobhuldeleien" über Harnoncourt und seine Aufnahmen loslässt sondern es sind für Booklet-Verhältnisse sehr fundierte aber gleichzeitig verständliche verfasste Beiträge, die sich ausschliesslich mit den Werken auseinandersetzen.


    Zugegeben würde es seltsam aussehen, wenn in Cohrs Empfehlungsliste nur diese beiden Harnoncourt-Aufnahmen auftauchen würden aber ich bezweifle, dass Cohrs bei allen anderen Aufnahmen, die auf der Liste stehen, jeweils die Booklet-Texte geschrieben hat und selbst wenn ist mir das ziemlich egal. Wer solch gute Booklet-Texte schreibt, kann meiner Meinung nach auf jeden Fall Geld dafür verlangen im Vergleich zu anderen Booklet-Texten wo mittlerweile so mancher Wikipedia-Beitrag informativer ist.


    Lionel

    "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)

  • Im Booklet zur Aufnahme der 5. Sinfonie mit Harnoncourt ist Cohrs als wissenschaftlicher Berater genannt.

    Auch das noch. Das verfestigt ja nun endgültig den Eindruck einer keineswegs unbefangenen "pro domo"-Besten-Liste.

  • Die Betonung liegt auf wissenschaftlicher Berater. Herr Cohrs war nicht als "Marketing-Berater" an diesen Aufnahmen beteiligt, denn wie ich bereits erwähnte, sind das keine plakativen PR-Texte, die Cohrs in den Beiheften verfasste sondern sachlich formulierte Texte. Wenn er als einer der aktuellen Bruckner-Experten und als studierter Musiker auch an neuen Aufnahmen als wissenschaftlicher Berater beteiligt ist halte ich es für normal, wenn er in einer Radiosendung eine Empfehlungsliste mit Aufnahmen vorlegt, wo u. a. auch diese Aufnahmen, an denen er mitwirkte, genannt hat. In dieser Radiosendung hat er ja auch nicht nur über Harnoncourts Aufnahmen gesprochen. Weiter äußere ich mich aber nicht mehr dazu, weil mir das zu blöd und absurd wird.


    Lionel

    "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)

  • verfestigt ja nun endgültig den Eindruck

    Mit der Öffentlichmachung solcher verfestigten Eindrücke (=Behauptungen) sollte man allerdings etwas zurückhaltender umgehen. Letztlich kann ich mich vor dem Hintergrund solcher Äußerungen nur glücklich schätzen nicht der "Fan" von Irgendjemandem zu sein, auch nicht von Furtwängler.

  • Vielleicht sollte man auch erwähnen, dass Cohrs gerade in den Schlussfolgerungen von Harnoncourt bekanntlicherweise abweicht. Harnoncourt bleibt bei den Fragmenten stehen, die er überzeugend präsentiert, Cohrs hat eine Fassung des letzten Satzes vorgelegt, die mich begeistert hat (Rundfunkmitschnitt der Interpretation von Harding). Wenn diese Fassung des 4. Satzes von Rattle zugrunde gelegt wird, freue ich mich. Obsolet wird dadurch nicht die 2. CD der Harnoncourt-Einspielung, die ich jedem Liebhaber nur ans Herz legen darf.


    Liebe Grüße Peter

    .
    Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
    (Hermann Bahr)

  • Ich glaube, der Eindruck der Eigenwerbung ist in dem Fall falsch. Herr Cohrs hat viele Booklet-Texte zu neueren Bruckner CDs geschrieben, einfach weil er ein Experte auf dem Gebiet ist. Und er hat viele dieser Aufnahmen nicht empfohlen (etwas die 5. von Haitink beim BR, die ich sehr gelungen finde).


    Ich verdanke Herrn Cohrs viele Erkenntnisse zu Bruckner, und er hat auch meiner Hörgewohnheiten verändert. So eine Liste von CDs ist natürlich immer eine heikle Sache, weil Musik halt trozt allem mehr als Wissenschaft ist, und bei aller Wissenschaft immer auch persönliche Vorlieben eine Rolle spielen. Die Liste enthält viele meiner Lieblingseinspielungen (Harnoncourt, Celibidache), aber es fehlen natürlich auch einige meiner Favoriten, und bei einigen (z.B. Norington) tu ich mich schwer. Ich finde das interessant, was er macht, halte ihn aber nicht für einen großen Dirigenten. Er bewegt mich nicht wirklich emotional, auch wenn es alles plausibel wirkt.


    Ich denke, dass "Expertentum" bei allen Vorteilen auch den Nachteil hat, dass man seine Sicht zwangsläufig etwas auf seine Erkenntnisse verengt. Wenn man zu der Überzeugung kommt, dass nur ein bestimmtes Tempo oder nur eine bestimmte Detaillösung in Bruckners Sinn richtig ist, dann kann man eine Einspielung, die das missachtet nicht mehr wirklich toll finden. Eine innere Vorstellung im Kopf hört mit und vergleicht immer, ob das jetzt gerade richtig oder falsch ist (auf jeden Fall erlebe ich das so bei Stücken die ich gut kenne, ohne mich als Experte, der ich sicher nicht bin, aufspielen zu wollen). Man hört damit vermutlich mehr und zugleich weniger als der Nichtexperte, bei dem der innere Merker nicht vorhanden ist, und der einfach genießen und sich ganz dem Augenblick hingeben kann.


    Ich kann nicht beurteilen, wie Bruckner wirklich gespielt werden soll (obwohl ich merke, dass ich bei kaum einem anderen eine so starke Meinung habe, wie es sein sollte) und was ihm gefallen hätte. Vielleicht hätte er diese Liste genauso erstellt, vielleicht hätte er eine genialische Aufnahme, die vieles radikal anders macht, als er vorgegeben hat (z.B. von Furtwängler) geliebt. Wir wissen es einfach nicht. Wissenschaft kann versuchen, alle Quellen zu sichten und dann Schlüsse daraus ziehen. Und spätestens dann wird es doch auch subjektiv (vielleicht werden in 20 Jahren wieder ganz andere Schlüsse auf den gleichen Quellen gezogen). Und vielleicht ist es gar nicht nötig, Bruckners Wünsche genau zu kennen (spätestens jetzt ziehe ich vermutlich Widerspruch auf mich ;+) ), weil Musik immer auch etwas lebendiges ist, das im Augenblick erschaffen wird. Manchmal kann auch was total Verrücktes plausibel sein, wenn der Interpret stark ist. Dann ist es vielleicht kein Bruckner und trotzdem entsteht große Kunst, große Musik.

  • Bruckners Wünsche genau zu kennen (spätestens jetzt ziehe ich vermutlich Widerspruch auf mich ;+) ), weil Musik immer auch etwas lebendiges ist, das im Augenblick erschaffen wird. Manchmal kann auch was total Verrücktes plausibel sein, wenn der Interpret stark ist. Dann ist es vielleicht kein Bruckner und trotzdem entsteht große Kunst, große Musik.


    Lieber Ulisse,


    gut gesagt! Meine volle Zustimmung.


    Liebe Grüße Peter

    .
    Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
    (Hermann Bahr)

  • Soeine Liste von CDs ist natürlich immer eine heikle Sache, weil Musik halt trozt allem mehr als Wissenschaft ist, und bei aller Wissenschaft immer auch persönliche Vorlieben eine Rolle spielen. Die Liste enthält viele meiner Lieblingseinspielungen (Harnoncourt, Celibidache), aber es fehlen natürlich auch einige meiner Favoriten, und bei einigen (z.B. Norington) tu ich mich schwer. Ich finde das interessant, was er macht, halte ihn aber nicht für einen großen Dirigenten. Er bewegt mich nicht wirklich emotional, auch wenn es alles plausibel wirkt.


    Ich denke, dass "Expertentum" bei allen Vorteilen auch den Nachteil hat, dass man seine Sicht zwangsläufig etwas auf seine Erkenntnisse verengt. Wenn man zu der Überzeugung kommt, dass nur ein bestimmtes Tempo oder nur eine bestimmte Detaillösung in Bruckners Sinn richtig ist, dann kann man eine Einspielung, die das missachtet nicht mehr wirklich toll finden. Eine innere Vorstellung im Kopf hört mit und vergleicht immer, ob das jetzt gerade richtig oder falsch ist (auf jeden Fall erlebe ich das so bei Stücken die ich gut kenne, ohne mich als Experte, der ich sicher nicht bin, aufspielen zu wollen). Man hört damit vermutlich mehr und zugleich weniger als der Nichtexperte, bei dem der innere Merker nicht vorhanden ist, und der einfach genießen und sich ganz dem Augenblick hingeben kann.


    Ich kann nicht beurteilen, wie Bruckner wirklich gespielt werden soll (obwohl ich merke, dass ich bei kaum einem anderen eine so starke Meinung habe, wie es sein sollte) und was ihm gefallen hätte. Vielleicht hätte er diese Liste genauso erstellt, vielleicht hätte er eine genialische Aufnahme, die vieles radikal anders macht, als er vorgegeben hat (z.B. von Furtwängler) geliebt. Wir wissen es einfach nicht. Wissenschaft kann versuchen, alle Quellen zu sichten und dann Schlüsse daraus ziehen. Und spätestens dann wird es doch auch subjektiv (vielleicht werden in 20 Jahren wieder ganz andere Schlüsse auf den gleichen Quellen gezogen). Und vielleicht ist es gar nicht nötig, Bruckners Wünsche genau zu kennen (spätestens jetzt ziehe ich vermutlich Widerspruch auf mich ;+) ), weil Musik immer auch etwas lebendiges ist, das im Augenblick erschaffen wird. Manchmal kann auch was total Verrücktes plausibel sein, wenn der Interpret stark ist. Dann ist es vielleicht kein Bruckner und trotzdem entsteht große Kunst, große Musik.


    Respekt, Ulisse. Dein Beitrag ist umwerfend (gerade auch, was genialische Aufnahmen wie die von Furtwängler angeht) gut. Einfach klasse.

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