"Haben Sie sich je diese Gesichter angeschaut..." - Was stört im Konzert?

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  • "Haben Sie sich je diese Gesichter angeschaut..." - Was stört im Konzert?

    Hallo!
    Ich war vorher im Vorstellungsthread, wo ein Zitat gebracht wurde, von einem Don, oder so, nämlich dieses:

    Zitat


    Die ungewöhnliche Anfangszeit um 19 Uhr erklärte sich nach einem kurzen Blick ins Publikum - Frl. Wang ist offenbar die aktuelle Abgöttin der elf- bis dreizehnjährigen Klavierschülerinnen, die zahlreich giggelnd anwesend waren. Solcherlei niedliches Gewese gehört rechtzeitig ins Bett, wenn anderntags Schule ist, und darauf hatte sich die marketingschlaue dortmunder Konzerthausdirektion offenbar mit einer kommoden Anfangszeit eingestellt.


    Ich kann seinen Ärger durchaus verstehen, wobei ich eigentlich nicht nur mit Kindern schlechte Erfahrungen im Opernhaus oder im Konzertsaal gemacht habe. Auch die meisten Frauen, die sich fein herrichten, zu Tode parfümieren, und die älteren Herren in ihren Anzügen, die alle 10 Sekunden lautstark in leise Passagen hineinhusten, finde ich furchtbar!
    In diesem Zusammenhang fällt mir nun ein Zitat ein, das von Claude Debussy (unter dem Pseudonym Monsieur Croche) stammt:




    "Haben Sie schon einmal die Feindseligkeit des Publikums im Konzertsaal bemerkt? Haben Sie sich je diese Gesichter angeschaut, grau vor Langeweile, Gleichgültigkeit, ja Stumpfsinn? Niemals werden sie jene reinen Dramen miterleben, die sich im symphonischen Konflikt abspielen, wo man die Möglichkeit erahnt, zum Gipfel des Klanggebäudes emporzusteigen und dort die Luft der vollkommenen Schönheit zu atmen. Diese Leute, mein Herr, wirken immer wie mehr oder weniger gut erzogene Gäste: Sie erfüllen geduldig ihre langweilige Pflicht und harren nur deshalb aus, weil sie am Ausgang gesehen werden wollen; warum wären sie sonst gekommen?"



    Nun ist Debussy sicher keiner, dem man vorwerfen kann, ein „alter Grantler“ zu sein, dessen Meinung eh nicht ernst zu nehmen ist.
    Wie denkt ihr über diese Aussage? Stören euch die Leute, die nur hingehen, weil sie aus einer versnobten Ansicht heraus meinen, die Oper oder Konzerte seien was für „bessere Leute“, sich dabei aber gar nicht für das Werk interessieren, sich keine Noten ansehen, keine Aufnahme zu Hause stehen haben, gar nichts über den Komponisten wissen etc.? Oder denkt ihr eher, dass es egal ist, ob man diese "Dramen" miterlebt, von denen Debussy spricht, hauptsache, man hat mal nicht Lady Gaga gehört?


    Ich glaube, man darf auch nicht vergessen, dass die Oper zu ihren Anfangszeiten nicht so war, wie man es heute kennt. Damals brachten die Leute Essen mit, unterhielten sich, nur bei den großen Arien war es ruhiger. (Das erklärt ja auch, wieso die früheren Opernouvertüren oft mit einem lauten Tusch begannen ;+) ) Wenn es einem nicht mehr gefiel, ging man einfach in die nächste Vorstellung und sah, was dort gespielt wurde. Das hat sich offenbar immer mehr geändert …

  • Stören euch die Leute, die [...] sich keine Noten ansehen, keine Aufnahme zu Hause stehen haben, gar nichts über den Komponisten wissen etc.?

    Mehr stören mich diejenigen, die in einem Liederabend oder Chorkonzert die Nase in ihren Programm stecken, um den Text zu verfolgen (entweder kennen sie ihn schon, dann warum sollten sie prüfen, daß er richtig im Buch steht, oder sie kennen ihn nicht, dann ist es eh zu spät, ihn zu lernen und warum sollten sie kontrollieren, daß der Sänger das richtige singt). Für solche Leute ist nämlich der Konzertsaal tageshell und ich konzentriere mich besser auf die Musik, wenn es dunkel ist.
    Dazu blättern sie ganz auffällig, damit jeder weiß, wie interessiert sie sind.
    Ich saß einmal bei einer Winterreise inmitten von Leuten, die ein Booklet mitgebracht hatten, um den Text zu verfolgen. Damals gab es nur LP-Booklets ... Der Sänger war Fischer-Dieskau, dem man eine unklare Diktion nicht vorwerfen kann. Und alle diese Leute hatten anscheinend die Winterreise zu Hause auf LP ! Ich kann mir vorstellen, wie angenehm es für Fischer-Dieskau war, vor einem Parterre offener Booklets zu singen, wo in allen Variationen "DIE WINTERREISE" stand, hinter welchen sich unsichtbare Zuschauer verbergten.

    Alles, wie immer, IMHO.

  • Naja ich teile deine grundsätzliche Abneigung gegen Leute, die sich im Konzertsaal nicht zu benehmen wissen, sehr oft finden sich diese Leute auch wirklich auf den besseren Plätzen.


    Daraus aber abzuleiten, dass nur mehr jene ins Konzert gehen sollten, die sich Noten anschauen, 4 Doktorarbeiten über die Essgewohnheiten von Camille Saint-Saens lesen und sich sein 2. Klavierkonzert in 6 verschiedenen Aufnahmen anhören um für den Abend zu rüsten, halte ich für verfehlt. Denn dann wären die Säle leer, weil diesen Menschenschlag halte ich für eine kleine Minderheit. Das ist nämlich das andere Extrem und die Forderung danach ist ebenso versnobt wie Leute, die ihren Nerz ausführen.


    Ich selber gehe nicht mit der Partitur ins Konzert und schaue mir auch vorher keine Noten an, schlichtweg weil ich die nicht lesen kann und ich auch nicht weiß was es mir bringen soll um das Drama zu erleben. Ich bin von einem Schauspieler auch nicht ergriffener, nur weil ich gleichzeitig das Textbuch mitlese. Die Wirkung geht IMO auch ein Stück weit verloren, wenn man ein Werk zu Tode analysiert, ebenso wie man einen Film mit anderen Augen sieht, dessen Making-of man gesehen hat. Wenn ich weiß, dass sich die Darsteller des Liebespaares auf den Tod nicht leiden können, habe ich Schwierigkeiten das zu vergessen und ihnen die Performance abzunehmen.


    Auch bezweifle ich, dass man das Drama eines Werks erst mit profundem Hintergrundwissen erleben kann. Mahlers 2. Symphonie wird mich nicht mehr oder weniger berühren, wenn ich seine Biographie kenne. Ich kenne Leute, die gehen in ihre 6 Abokonzerte pro Jahr und sind aber danach genauso ergriffen oder nicht wie der Rest. Sicher, manche Werke sind beim ersten Hören schwer zu erfassen und zu verarbeiten und da sind die im Vorteil, die sie schon kennen. Als Grundvoraussetzung sehe ich es aber nicht an. Erst gestern war ich Konzert und hinter mir saß eine französische Schulklasse, die das Violinkonzert von Tschaikowski sicher in 5 verschiedenen Aufnahmen mit der Partitur in einem 40.000 Euro teurem Abhörraum analysiert hat und siehe da, die waren ehrlich begeistert.


    Ich glaube es ist wichtig, dass man im Konzert die Ohren aufsperrt und zuhört ("to listen") und nicht die Musik als Untermalung für seine Gedanken verwendet.

    Wenn ich F10 auf meinem Computer drücke, schweigt er. Wie passend...

  • Für mich ist das Publikum immer ein wichtiger Teil des Erlebens eines Events! Je mehr Menschen ich sehe, die so auf den ersten Blick (am besten auch noch auf den zweiten) ganz anders sind als ich, um so besser. Faszinierend, wie Musik die unterschiedlichsten Menschen zusammenbringt und sei es nur für diesen einen Abend an diesem Ort des Geschehens. Bisweilen hat dieser Gedanke meine Gefühle für den jeweiligen Komponisten/Interpreten/ Künstler in einem ganz neuen Licht erscheinen lassen....
    Toleranz also mal nicht als Pflichtübung, sondern als Bereicherung empfunden ! ;+)




  • Ich kann mir vorstellen, wie angenehm es für Fischer-Dieskau war, vor einem Parterre offener Booklets zu singen, wo in allen Variationen "DIE WINTERREISE" stand, hinter welchen sich unsichtbare Zuschauer verbergten.


    Meinst du, dass Sänger gerne in die Gesichter des Publikums schauen? Mir wäre es irgendwie lieber, wenn das Publikum für mich nur "die Masse da draußen" ist ... ausserdem bekam er ja Geld dafür, zu singen, und hat seinen Job erledigt. Die Leute haben ja trotzdem zugehört.

  • Faszinierend, wie Musik die unterschiedlichsten Menschen zusammenbringt


    Ja, nur geht es in diesem Fall darum, dass viele Menschen NICHT wegen der Musik ins Konzert, oder die Oper gehen, wie Debussy schon gesagt hat, sondern nur ihre langweilige Pflicht erfüllen.
    Und für Leute die in leise, ruhige Passagen laut hineinhusten, habe ich, mit Verlaub, wenig Toleranz über, weil sowas einfach nur unhöflich ist, den Musikern, den Sängern und dem restlichen Publikum gegenüber.

  • Ich bin da weniger streng. Vor einiger Zeit saß ich in der Nähe eines schon sehr betagten, bei jedem Atmen laut rasselnden Herrn. Unangenehmerweise rasselte dieser Herr auch noch rhythmisch, es hat das Hörerlebnis erheblich beeinträchtigt. Nur: Dem Mann war anzusehen, wie sehr er diesen Konzertbesuch genossen hat. Wer weiß, wie oft ihm das noch möglich sein wird, dachte ich bei mir und war mit seinem Rasseln versöhnt.


    Will sagen: Es kommt auf die Umstände an.


    Bei Hänsel und Gretel vor Weihnachten habe ich erlebt, dass ich der Laute war: Mitten im Stück wollte mein Sohn dringend etwas wissen (ich weiß nicht mehr, worum es ging, es hatte mit dem Geschehen auf der Bühne zu tun). Was tun? Nur ein strafendes Psst? Ich habe mich für eine kurze, geflüsterte Erläuterung entschieden. Mein Sohn war zufrieden, meine mir fremde Sitznachbarin strafte mich mit ihrem Blick, in dem ich gleichwohl etwas Verständnis zu entdecken meinte.

  • Ok, Kinder sind sowieso ein eigenes Kapitel in der Oper, oder im Konzert. Für die gibt es aber genügend andere Angebote, eigene Kindervorstellungen etc, und auch DVDs, die man notfalls unterbrechen kann, ohne dass es ein paar hundert andere Leute stört.

  • Nur ist die Gruppe der gelangweilten nicht zwangsläufig die Gruppe der Huster.


    Und außerdem verstehe ich nicht ganz was dich jetzt genau stört? Dass Leute im Konzert gelangweilt sind? Das interessiert mich ja nicht solange die sich ruhig verhalten, was sie meistens ja auch tun. Oder primär die Huster?
    Andererseits meinst du einem Sänger kann es egal sein was sein Publikum macht, weil er ja eh Geld bekommt.
    Auf die Idee, dass ich mir meinen Kunstgenuss verderben lasse, weil ich weiß, dass der neben mir gerade im Kopf seinen Wocheneinkauf plant, wär ich nicht gekommen.

    Wenn ich F10 auf meinem Computer drücke, schweigt er. Wie passend...

  • Ok, Kinder sind sowieso ein eigenes Kapitel in der Oper, oder im Konzert.

    Stimmt. Kinder verhalten sich nicht selten zivilisierter als manche Erwachsenen - so meine Erfahrung aus mehreren Konzerten und Opernaufführungen (keine Kindervorstellungen!) der letzten Zeit.


    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Wo ist das Problem?


    Es gibt doch CD und DVD; da kann ich mich alleine und ungestört der Musik widmen und sogar einzelne Stellen wiederholen, um sie in der Partitur nochmals nachvollziehen zu können.


    Und ich muß mir auch nicht u. U. Künstler anschauen müssen, die sich wild und geräuschvoll bewegen, grimassieren, schnaufen, sich mitunter verspielen, die Saite nicht richtig anstreichen u.s.w.


    Das ist aber dann auch eine ziemlich langweilige Veranstaltung.


    Finde ich.


    Magus

    "Whenever we hear sounds, we are changed, we are no longer the same..." Karlheinz Stockhausen 1972

  • Und außerdem verstehe ich nicht ganz was dich jetzt genau stört?


    In erster Linie wollte ich wissen, was ihr von diesem Zitat haltet, das von Debussy stammt. Ob ihr ihm recht gebt, oder nicht. Ich schließe mich seiner Meinung an.

    Andererseits meinst du einem Sänger kann es egal sein was sein Publikum macht, weil er ja eh Geld bekommt.


    Nein, in diesem Beispiel ging es konkret darum, dass Leute den Text mitlesen. Ich lese zwar keine Texte mit, weil ich die Libretti meiner Lieblingsopern auswendig kenne, aber ich schaue gern in meine Klavierauszüge, oder meine Partituren, während ich in der Loge über dem Orchester sitze.


    Vor ein paar hundert Jahren war es ja auch noch so, dass die Sitzreihen in einem Haus, Konzert oder Oper, nicht Richtung Bühne aufgestellt wurden, sondern das Publikum sich gegenseitig ansah, und die Bühne somit auf der Seite war. Da hat es auch keinen Sänger gestört, dass das Publikum nicht zu ihm sah.

  • Stören euch die Leute, die nur hingehen, weil sie aus einer versnobten Ansicht heraus meinen, die Oper oder Konzerte seien was für „bessere Leute“, sich dabei aber gar nicht für das Werk interessieren, sich keine Noten ansehen, keine Aufnahme zu Hause stehen haben, gar nichts über den Komponisten wissen etc.?


    Naja ich teile deine grundsätzliche Abneigung gegen Leute, die sich im Konzertsaal nicht zu benehmen wissen, sehr oft finden sich diese Leute auch wirklich auf den besseren Plätzen.


    Also kurz: Schlechtes Benehmen ist ein Kennzeichen von Wohlstand und Dandytum und echtes Interesse an Musik ein Zeichen relativer Armut? Mit Verlaub: das gehört, glaube ich, in die Kategorie „Klischee“, und es wird durch ständige Wiederholung nicht besser. Schlechtes Benehmen ist genausowenig an den Geldbeutel gebunden wie echtes Interesse an der Musik.


    Ja, mich stören die Leute, die glauben, während der Aufführung ihre unmaßgebliche Meinung darüber oder über den allgemeinen Zustand des Universums unbedingt ihrem Nachbarn mitteilen zu müssen. Mich stören Leute, die nicht in der Lage sind, mal für eine Stunde den Mund zu halten. Mich stören die Permantenthuster. Ok, das sehe ich durchaus differenziert, jeder kann in die Lage kommen, husten zu müssen. Aber muß das immer in den Pianissimostellen geschehen? Meistens gibt es durchaus innerhalb überbrückbarer Zeit Stellen, wo es weniger auf- und ins Gewicht fällt. Mich stören die rrrrrrrrrrr-Handtasche auf-raschelraschel-Hustenbonbon-oder-was-auch-immer-auspack-rrrrrrrrrrr-Handtasche zu-Damen. Mich stören die Damen, die vorher in Parfum gebadet haben und das in der Pause gleich noch mal durch Neueinsprühen toppen. Mich stören die Leute, die sich die drei Programmnummern bis zur Pause nicht merken können, und immer erst dann nachsehen, wie es weitergeht – nein, nicht während des Applauses, da würde es ja nicht stören – sondern immer erst dann mit dem Programm rascheln, wenn die Musiker bereits wieder angefangen haben. Mich stören die Taktklopfer. Mich stören die Leute, die mit ihren Kindern unvorbereitet, oder besser gesagt mit unvorbereiteten Kinder in Oper oder Konzert kommen, und ihren Schratzen – nein, eigentlich sind die Eltern die Schratzen – just in time und in Echtzeit das Geschehen auf der Bühne oder dem Podium erläutern. (Ich habe aber auch schon Kinder erlebt, die sich mustergültig und besser als mancher Erwachsener benommen haben. An den Kindern liegt es also nicht) Mich stören die Zuspätkommer und noch mehr jene, die meinen, ihr Mißfallen an der Aufführung dadurch möglichst plakativ zum Ausdruck bringen zu müssen, indem sie sich bereits während der Aufführung lautstark den Weg nach außen bahnen. Mich stören die Leute, die ihre Flatulenz still und heimlich in die Polster drücken. Mich stören die Idioten, die vergessen ihr Mobiltelefon oder die stündliche Alarmfunktion an ihrer 2,49-€-Armbanduhr auszuschalten. Und ehrlich gesagt, interessiert mich das einen Dreck, ob das vor dreihundert Jahren alles üblich war, und ob die Menschheit damals Essen in die Oper mitgebracht hat. Vielleicht hätte ich das damals auch gemacht und es hätte mich nicht gestört. Ich lebe aber nicht vor dreihundert Jahren, sondern heute. Damals hat man auch Hexen verbrannt, unliebsame Zeitgenossen mal ein wenig gefoltert, Leibeigene gehalten und sich nicht gewaschen. Ist das ein Argument, so etwas heute immer noch zu machen? Seit gut zweihundert Jahren gelten Leute, wie die oben beschriebenen als Flegel. So steht das jedenfalls seit gut zweihundert Jahren in den Benimmbüchern. Wie ich finde: zu recht.


    Und um auf den Anfang zurückzukommen: Ich habe all‘ das oben Beschriebene sowohl auf "besseren" als auch auf "billigen" Plätzen erlebt.


    Jetzt hätte ich mich fast aufgeregt… :wut2:

    viele Grüße


    Bustopher



    Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
    Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)

  • und nicht die Musik als Untermalung für seine Gedanken verwendet.

    Das ist jetzt aber ne echt harte Bedingung...

    Mehr stören mich diejenigen, die in einem Liederabend oder Chorkonzert die Nase in ihren Programm stecken, um den Text zu verfolgen

    Das würde mich als Musiker darauf hoffen lassen, daß diese Leute die Feinheiten meiner Textausdeutung wirklich mitkriegen, also mich nicht wirklich stören...
    Was solls denn bei nem nicht-szenischen Programm auch immer zu Glotzen geben? Am liebsten sind mir die, die die Augen schließen, denn die hören oft am besten zu (wenn sie nicht grad schlafen... aber wer schläft, sündigt nicht...).

    Ok, Kinder sind sowieso ein eigenes Kapitel in der Oper, oder im Konzert.

    Auweia...
    ich habe auf diversen nicht-klassischen Mucken schon übelste Erfahrungen gemacht... Okay, es sind die Erwachsenen, die nix sagen, wenn direkt vor der Bühne eine Horde laut schreiender und tobender Gören sich im Kreise dreht... kein Wunder, die PA hat uns nach draußen übertragen, wo die Eltern sich uns ganz gemütlich angehört haben und garnicht gemerkt, wie wir von ihren lieben kleinen fast niedergeschrien wurden...


    Aber ich mag Kinder und konnte meiner Tochter auch etwas Respekt vor der Bühnenleistung anderer Menschen beipulen...


    Zu Debussy muß ich sagen, daß diese Erscheinung des Prestige-Konzertgängers bei den Konzerten, die ich gehört habe, eher selten war. Für die muß es schon das A-Orchester sein und der benamste Solist...


    Gruss
    Herr Maria

    Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
    daß Alles für Freuden erwacht

  • Was solls denn bei nem nicht-szenischen Programm auch immer zu Glotzen geben?


    Da geb ich dir recht, da steht ein stocksteifer Herr und trägt Lieder vor. Da gibts einfach nix zu sehen, da würde ich, wenn mir solche Lieder gefallen würden, auch lieber den Text mitlesen, und ab und zu mal zum Sänger oder Pianisten schauen.


    aber wer schläft, sündigt nicht


    Es sei denn, es wird geschnarcht ;+)

    Aber ich mag Kinder und konnte meiner Tochter auch etwas Respekt vor der Bühnenleistung anderer Menschen beipulen...


    Wie kannst du nur! Lass Kinder Kinder sein, die müssen sich frei entfalten können etc. bla bla bla :D

  • Also kurz: Schlechtes Benehmen ist ein Kennzeichen von Wohlstand und Dandytum und echtes Interesse an Musik ein Zeichen relativer Armut? Mit Verlaub: das gehört, glaube ich, in die Kategorie „Klischee“, und es wird durch ständige Wiederholung nicht besser. Schlechtes Benehmen ist genausowenig an den Geldbeutel gebunden wie echtes Interesse an der Musik.

    Leute, die trotz relativer Armut ins Konzert gehen, gehen eher aus Interesse als mancher, der sichs halt leistet, weils dazugehört. Vermute ich mal.
    Daß der typische Hartzer fürs Prestige ins klassische Konzert geht, ist schon eher die Ausnahme...


    Ansonsten hast Du natürlich recht, schlechtes Benehmen ist universell...


    Ich finde schon interessant, in welchem Maße die Werke, die wir heute aufführen wie im Kunsttempel, früher eher Teil eines gesellschaftlichen Events waren.
    Nur so kann man auch die Monsterprogramme z.B. der Beethovenschen "Akademien" verstehen... Und auch die Tatsache, daß nach jedem Satz geklatscht wurde.
    Daß Werke auseinandergerissen wurden und auf verschiedene Teile eines Programms verteilt wurden.
    Es war eben doch mehr Unterhaltung(smusik) als heute.
    Ob man sich danach zurücksehnen muss...
    Ich spiele schon entspannter, wenn das Publikum was zu trinken in der Hand hat, womöglich rauchen darf, sich auch mal - leise!!! - was zuflüstern kann. Diese Art von Freiheit erfordert natürlich reifere Menschen, die dann nicht laut reden oder anders ihre Existenz für alle hör- und sichtbar machen müssen.
    Für mich ist jedenfalls nicht einsichtig, wieso die Werke der Klassiker nicht auch in so einer entspannten Atmospäre erklingen dürfen! Es ist halt nicht so leicht, in relativer Freiheit sich respektvoll zu verhalten, insofern geht das nicht mit jedem Publikum..


    Gruss
    Herr Maria

    Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
    daß Alles für Freuden erwacht



  • Nett wie du mir da einen Strick drehen und mich als primitiven Neidhammel hinstellen willst, ich habe es aber weder so gemeint wie du es hinstellst noch lasse ich es mir von dir unterstellen.


    Ich stimme da mit Philmus überein, dass auf den teureren Plätzen halt oft die Prestigegeher sitzen.
    Im übrigen erlebe ich die guten Kategorien als Restplatzgeher oft genug aus der Nähe. Und gerade von Leuten, die sich in der Pause noch als weltgewandt und als Teil der besten Gesellschaft präsentieren, erwarte ich, dass sie dieses Verhalten auch dann beibehalten wenn der Kanzleipartner mal nicht hersieht sondern 60 Musiker versuchen eine Beethoven-Symphonie zu spielen. Aber gerade da wurde ich oft genug enttäuscht.
    Meine persönliche Highlights: Frau ist gelangweilt, weil Mann sie zu einer Mahler-Aufführung schleppt (nebenbei die 5. als es gibt schlimmeres). Daher fängt sie an auf Wikipedia diverse Artikel zu lesen und irgendwann ihre E-Mails abzurufen.
    Anderes Beispiel: Teuerste Kategorie, Ehepaar Mitte 40, offensichtlich geldig: Sie rutsch im Sitz soweit runter, dass sie ihre Knie auf der Lehne des Vordermannes abstützen kann und blickt gelangweilt zur Decke und macht auch zwischendurch mal die Äugeln zu. Er liest auf seinem Blackberry Artikel über pulmonalen Hochdruck und das für die Dauer von immerhin 2 Beethoven-Symphonien.




    Hier meine Hitliste der Nervigkeiten in ungeordneter Reihenfolge (auf persönlich Erlebnissen beruhend):



    Laut räuspern oder offensichtlich Schleim von ganz tief hochmussten - der hätte auch noch 10 Minuten unterbleiben können, so tief tut der nix.


    Brillenetuis regelmäßig zuschnalzen lassen, weil man alle 5 Minuten ins Programm schauen muss, die Brille aber zwischenzeitlich immer wegpackt


    Das Programm in den Händen hin und her gleiten lassen und dabei das Papier rascheln lassen und auch so ein seltsames Schaben zu erzeugen


    In Taschen herumkramen


    Aus Taschen laut das Hustenbonbon rausholen es langsam aus wickeln aber DANN (!) den Rest wieder zurück in die Tasche und dann noch natürlich den Reisverschluss der Innentasche zu ziehen und den Verschluss der Tasche langsam und ohne hinzusehen
    zufingern.


    Unmengen klappernde Ketten alle paar Minuten aus den tiefen Falten und Furchen, die vor vielen Jahren mal ein Dekolleté waren rausholen und drapieren


    Anstatt einmal zu Husten, 2x45 Minuten im 30-Sekundentakt leise vor sich hinräuspern


    Nach der Hälfte der Goldbergvariationen applaudieren, schließlich sind jetzt 40 Minuten vorbei und daher geht man jetzt von einer Pause mit Lachsbrötchen aus


    Nach dem Satz, den man persönlich als Höhepunkt sieht, applaudieren und zum Ausgang gehen und sich auch nicht vom beginnenden Folgesatz davon abhalten lassen


    in Taschentüchern trompeten als ob man das Hirn in die Umlaufbahn katapultieren machte


    der besten Freundin was erzählen und sich nicht davon abhalten zu lassen, die Geschichte fertigzuerzählen wenn das Stück schon begonnen hat


    Und dann mein absoluter Favorit:
    Die Werkkenntnis dadurch zu zeigen, indem man bei ATTACA-Satzübergängen trotzdem zu husten beginnt oder seinem Sitznachbarn etwas erzählt und dieses Verhalten auch dann an den Tag legt, wenn das Werk so komponiert ist. Das Ende der Symphonie wird bereits 2 Takte vorher mit einem lauten Bravo signalisiert.

    Wenn ich F10 auf meinem Computer drücke, schweigt er. Wie passend...

  • Da bin ich gespannt, was Aranea zu diesen Punkten sagt, für sie ist das Publikum nämlich immer ein wichtiger Teil des Erlebens eines Events, und die Toleranz gegenüber solchen versnobten, unhöflichen, uninteressierten Spinnern wird als Bereicherung empfunden :o:

  • Was noch nicht erwähnt wurde: Die Leute, die in lautem Bühnenflüsterton ihrem Nachbarn zuzischen: "Was ist denn das jetzt? Das gibts doch nicht. Der singt ja total falsch! Klingt das aber komisch! Finden Sie nicht, dass der total falsch singt? Wie hört sich das überhaupt an? Was soll das?" usw. usf.


    Anlass war der Gesang des gebratenen Schwans in den Carmina Burana.


    Und das, obwohl sich sicherheitshalber vor Beginn des Konzerts jemand hingestellt und dem Publikum erläutert hat, was jetzt kommt, wie es klingen wird und warum. Aber da haben die Herrschaften wohl nicht zugehört, weil sie noch damit beschäftigt waren, ihre Schlipse und Dauerwellen zurechtzurücken, die Nachbarn zu begrüßen und die Handtäschchen auf- und zuzuklipsen.


    Gruß von Zefira, immer noch erbost

  • Stören euch die Leute, die nur hingehen, weil sie aus einer versnobten Ansicht heraus meinen, die Oper oder Konzerte seien was für „bessere Leute“, sich dabei aber gar nicht für das Werk interessieren, sich keine Noten ansehen, keine Aufnahme zu Hause stehen haben, gar nichts über den Komponisten wissen etc.?


    Wenn sie, vor allem, WÄHREND der Aufführung die Klappe halten, sicher nicht. Man sieht ja schließlich nicht, was jemand nur denkt, und das ist gut so. Und ich gehe, wenn ich mal Zeit habe, auch gerne was anhören, wovon ich keine Aufnahme habe.


    Ich glaube es ist wichtig, dass man im Konzert die Ohren aufsperrt und zuhört ("to listen") und nicht die Musik als Untermalung für seine Gedanken verwendet.


    Was ich in meinen Gedanken wie verwende, geht eigentlich keinen was an...



    Meinst du, dass Sänger gerne in die Gesichter des Publikums schauen? Mir wäre es irgendwie lieber, wenn das Publikum für mich nur "die Masse da draußen" ist ... ausserdem bekam er ja Geld dafür, zu singen, und hat seinen Job erledigt. Die Leute haben ja trotzdem zugehört.


    Solange es nicht übermäßig Krach macht, kommt es an den Sänger gar nicht heran, was da draußen vorgeht, auch wenn es hell erleuchtet ist. Man siehst, sogar sehr deutlich, aber es tangiert nicht (wenn nicht gerade alle nach und gehen :|


    :wink: :wink:

    Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren (Bert Brecht)


    ACHTUNG, hier spricht Käpt´n Niveau: WIR SINKEN!! :murg: (Postkartenspruch)

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