Rita Gorr – Gesangskultur auf höchstem Niveau

  • Rita Gorr – Gesangskultur auf höchstem Niveau

    Am 22. Januar verstarb die belgische Mezzosopranistin Rita Gorr (eigentlich Marguerite Geirnaert) im Alter von 85 Jahren in Benidorm in ihrer Wahlheimat Spanien. Leider blieb dies weitgehend unkommentiert, was ich gerne etwas korrigieren möchte, obwohl sie auch in meiner Wahrnehmung nie ganz in die erste Reihe ihres Faches vorstieß, was ich im Nachhinein als ziemlich ungerecht empfinde.


    Wie wohl viele, hörte ich sie zuerst als Amneris in Georg Soltis Aufnahme der AIDA von 1962 mit Leontyne Price und Jon Vickers.



    Obwohl sie auch eine hervorragende Azucena und Ulrica sang, hatte sie ihre eigentlichen Erfolge aber im deutschen und vor allem französischen Fach. Viele schätzen sie als Fricka in dem RING von Hans Knappertsbusch und in Erich Leinsdorfs Einspielung von DIE WALKÜRE



    und besonders als Ortrud in Erich Leinsdorfs Aufnahme des LOHENGRIN mit Sandor Konya und Lucine Amara, aber auch dem Mitschnitt der bayreuther Aufführung unter Lovro von Matacic mit Elisabeth Grümmer als Elsa.



    Für mich wird sie jedoch vor allem mit ihren Leistungen in dem ihr angeborenen Idiom verbunden bleiben. Sie war eine großartige Dalila in George Prêtres Gesamtaufnahme von Saint-Saens' SAMSON ET DALILA mit Jon Vickers, und wenn die Oper nicht ohnehin zu den verkannten großen Werken des ausgehenden 19. Jahrhunderts zählen würde, wäre allein ihre Leistung ihre Leistung wäre es wert, André Cluytens' Aufnahme von Edouard Lalos LE ROI D’YS zu kennen:


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    Aber auch ihre Einspielungen des WERTHER, der LOUISE und einiger weitgehend unbekannter Werke wie Albert Roussels PADMAVATI verdienen es, mindestens einmal erwähnt zu werden. Als Resultat einer noch vor kurzer Zeit kaum zu vermutenden Neubewertung einer Oper ersten Ranges werden die meisten ihre Stimme heute vielleicht von ihren beiden Aufnahmen von Poulencs DIALOGUES DE CARMELITES kennen, in denen sie, für Pierre Dervaux, die Mutter Maria und zuletzt für Kent Nagano die alte Priorin sang:



    Ihre letzten Bühnenauftritte hatte sie noch im Jahr 2006, im hohen Alter von 80 Jahren, als alte Gräfin in Tschaikowskis PIQUE DAME an der Oper von Ghent.


    Meine letzte Begegnung mit ihr, leider auch keine persönliche kam in einer wunderschönen Huldigung an die Kunst der Sängerinnen, Werner Schroeters Film POUSSIÉRES D’AMOUR, den wir als einen unserer letzten im Jahr 1996 herausbrachten.



    R.I.P.


    :wink: Rideamus

    Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung

  • Als Resultat einer noch vor kurzer Zeit kaum zu vermutenden Neubewertung einer Oper ersten Ranges werden die meisten ihre Stimme heute vielleicht von ihren beiden Aufnahmen von Poulencs DIALOGUES DE CARMELITES kennen, in denen sie, für Pierre Dervaux, die Mutter Maria und zuletzt für Kent Nagano die alte Priorin sang

    In letzterer Rolle konnte ich sie vor knapp 10 Jahren in Köln noch live erleben, mit altersbedingtem (aber nicht störendem) Tremolo, ansonsten aber völlig intakter und voluminöser Stimme: eine sängerisch und szenisch beklemmende Darstellung. Einer der seltenen Fälle, wo ein Darsteller die komplette Aufmerksamkeit auf sich zieht, sobald er nur die Bühne betritt. Höchst beeindruckend!

    Bernd


    Fluctuat nec mergitur

  • Liebe Capricciosi!


    Ich lese öfter von der Darstellungskraft und Bühnenpräsenz Rita Gorrs, die ich von den Tondokumenten natürlich nicht beurteilen kann. Das mag zu ihrer Karriere nicht unwesentlich beigetragen haben. Rein akustisch verbreitet Rita Gorr in meinen Ohren nämlich regelmäßig gepflegte Langeweile und so nimmt es mich nicht wunder, dass sie, wie Rideamus im Eröffnungsbeitrag schrieb, "nie ganz in die erste Reihe ihres Faches vorstieß". Ihr matronenhaftes Timbre gepaart mit der immergleichen gleichförmigen Phrasierung und einer säuerlichen Höhe mag für eine ältliche Nebenrolle wie die Faust-Marthe gerade noch angehen, aber für eine Dalila oder Mère Marie - Rollen, in denen ich sie kennengelernt habe - empfinde ich sie als eine eklatante Fehlbesetzung. (Die Dervaux-Aufnahme der "Dialogues des Carmèlites" ist sowieso die reinste Demontage französischer Gesangsstars, auch Régine Crespin ist mit der Madame Lidoine heillos überfordert)


    Mein heutiger gereizter Kommentar ist allerdings inspiriert von zwei ärgerlichen Arien-Playbackverfilmungen, die ich heute in meinem YouTube-Feed hatte, einmal mit Saphos "O ma lyre immortelle", einmal mit Ebolis "O don fatale":


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    Die arme Sapho erleidet dasselbe Schicksal wie die erwähnte Dalila und ihre Mère Marie. Man hört da eine Sapho, die in tiefer Depression versinkt, aber keine, die sich im Affekt zum Suizid aufraffen könnte. Schlimmer noch ist der Verdi. Rita Gorr legt "O don fatale, o don crudel" als milde Verstimmung einer belgischen Hausfrau an, deren Weihnachtsgeschenke nicht die richtige Farbe hatten. Man ahnt, woher Konwitschny seine Idee von "Ebolis Traum" hatte.


    Liebe Grüße,

    Areios

    "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
    Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.

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