Gottfried von Einem - ein Gerechter geht unbeirrt seinen Weg

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  • Der österreichische Komponist Gottfried von Einem ist für mich eine der großen Gestalten der Musik des 20. Jahrhunderts. Nicht nur wegen seiner Musik. Es war auch sein Auftreten, das faszinierte. So musste ein Komponist aussehen: Wallendes Haar, Bart, beides oft kraus und zerzaust, blitzende Augen, die dem Gegenüber durch und durch gingen, aber auch lachen konnten wie kaum je Augen gelacht haben, eine präzise Ausdrucksweise, angesichts der man sofort alles Schwafeln beiseite ließ, denn man wußte instinktiv, man würde mit Schwafeln nicht weit kommen bei diesem Gesprächspartner - und nicht zuletzt eine charakterliche Geradlinigkeit und Unbestechlichkeit, vor der ich den Hut ziehe. Gerade dieser Charakterzug ist immer falsch verstanden worden in Österreich: Man sagte oft, Einem habe seine Fahne nach dem Wind gerichtet. Nichts könnte falscher sein. Einem ist sich immer treu geblieben. Nur die Meinungen Anderer und die politischen Parameter haben sich geändert - diese Änderungen hat Einem nicht mitvollzogen und fand sich plötzlich in Nachbarschaften, die nicht er sich sondern die ihn ausgesucht hatten.


    Einem und ich hatten eine sehr produktive Bekanntschaft, und heute bedauere ich einen Riß, der entstand, als er von mir verlangte, ich solle mithelfen, den Nachlaß Alban Bergs zu katalogisieren - unbezahlt, wohlgemerkt. Als ich ablehnte, wollte Einem mit mir nichts mehr zu tun haben. Auch das gehörte zu ihm: Er war groß im Geben, aber er konnte auch nehmen, im schlimmsten Fall seine Freundschaft. Nicht allzu lang vor seinem Tod errang ich sie wieder zurück - eine Auszeichnung, wie mir versichert wurde, denn in der Regel war eine einmal entzogene Freundschaft nicht mehr zurückzugewinnen.


    Ich will nun an dieser Stelle jenes Komponisten gedenken, der mich in Vielem beeinflußte und dem ich für seine Freundschaft stets dankbar sein werde.




    Biografisches


    Gottfried von Einem wird am 24. Jänner 1918 in Bern geboren, er ist auf dem Papier der Sohn eines österreichischen Militärattachés William von Einem und der Baronin Gerta Louise, geb. Rieß von Scheuernschloß. Trotz des militärisch-konservativen Hintergrunds des Elternhauses werden Einems künstlerische Ambitionen vom ersten Moment an unterstützt.


    Gerta Louise verkehrt in höchsten Kreisen von Politik und Adel, sie ist eine intelligente, außergewöhnlich schöne Frau - und sie hat Affären. Gottfried von Einem erfährt später, daß sein wahrer Vater der ungarische Graf Laszlo Hunyady ist, der bei einer Großwildjagd von einem angeschossenen Löwen getötet wird.


    1921 zieht die Familie nach Schleswig-Holstein. Gottfried von Einem eignet sich im Sprechen seinen norddeutschen Akzent an, den er nie verliert. Er geht in Plön in die Schule und später, als diese in eine Napola umgewandelt wird, in Ratzeburg.


    Nach dem Schulabschluß geht er 1937 nach Berlin, wird Korrepetitor an der Berliner Oper und nimmt Kompositionsunterricht bei Boris Blacher, der das außergewöhnliche Talent seines Schülers sofort erkennt und fördert. In dieser Zeit entstehen auf Anregung von Werner Egk das Ballett "Turandot" als offizielles Opus 1 sowie Orchesterwerke, manche von den Nationalsozialisten wegen offensichtlicher Affinitäten zum Jazz (damit hat ihn Blacher infiziert) und zu atonalen Frivolitäten äußerst kritisch beäugt.


    Einems Durchbruch erfolgt 1947 bei den Salzburger Festspielen mit der Oper "Dantons Tod", die europaweit zur Erfolgsoper wird und sich allmählich auch international durchsetzt.


    Ab 1953 lebte von Einem in Wien, von 1963 bis 1972 ist er Professor für Komposition an der Wiener Musikhochschule.


    Am 12. Juli 1996 stirbt Gottfried von Einem in seinem Haus in Oberdürnbach.




    Die Persönlichkeit


    Gottfried von Einem war nicht nur durch seine Werke eine prägende Gestalt des österreichischen Musiklebens, sondern auch durch seine Einflußnahme. Vom Elternhaus her war es ihm gegeben, in den höchsten Kreisen mit der Sicherheit eines gelernten Diplomaten zu verkehren, Politiker wie Künstler und Manager gehörten zu seinem Freundeskreis - und Einem nützte seinen Einfluß. Etwa, als er die Salzburger Festspiele als Festspiele der Neuen Musik positionieren wollte, vor allem der Neuen Oper. Bertolt Brecht sollte der dramatische Spiritus rector werden, als Komponisten schwebten Einem u.a. Egk, Blacher, Orff und Liebermann vor. Als das Engagement Brechts an dessen kommunistischer Überzeugung scheiterte, legte sich Einem mit den konservativen Politikern an - erfolglos. Damit zog sich Einem aus Salzburg zurück, nicht ohne dem Landeshauptmann, dem späteren konservativen Bundeskanzler Josef Klaus, versichert zu haben, er würde alles tun, ihn in die Ewigkeit eingehen zu lassen, und zwar wegen besonderer kulturpolitischer Unfähigkeit. Obwohl Einem eher den Konservativen nahestand, galt er ab diesem Moment als Sozialist.


    Die Sozialisten wiederum wunderten sich, als Einem in der Affäre um den Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten Kurt Waldheim, den SPÖ-Politiker als NS-Drahtzieher verleumdet hatten und der sich in seiner Verteidigung denkbar unglücklich verhielt, eindeutig auf Waldheims Seite stellte. Einem kannte Waldheim persönlich sehr gut und wurde nicht müde zu erklären, er traue ihm nichts von den ihm zur Last gelegten Handlungen zu. Nun gingen die Sozialisten, die Einem als einen der Ihren betrachtet hatten, in Distanz, und es setzte eine Einem-Vernaderung ein, die ihresgleichen sucht.


    Was viele nicht wußten: Bereits lange zuvor hatte Einem einen unbestechlichen eigenen und eigensinnigen Weg beschritten - als er nämlich den jüdischen Musiker Konrad Latte von 1943 bis 1945 unterstützte, indem er ihn unter einem Decknamen als Korrepetitor für Einems "Turandot"-Ballett engagierte, ihn mit einem Ausweis der Reichsmusikkammer und mit Lebensmittelmarken versorgte. Dank Einems Hilfe entging Latte der Deportation. Am 12. August 2002 wurde Einem für sein selbstloses Handeln vom Yad Vashem unter die Gerechten der Völker aufgenommen.


    Was umso bemerkenswerter ist, als einer der Skandale in Einems Leben mit Hitler zu tun hatte: Gerta Louise verkehrte in allen Kreisen, auch in denen hochrangiger Nationalsozialisten. Einem kannte Hitler persönlich. In einer TV-Diskussion, zu der Einem eingeladen war, drehte sich das Gespräch u.a. um Hitler, und sämtliche Diskutanten stellten Hitler als Trottel dar. Worauf Einem erklärte, das sei eine völlig falsche Darstellung - und er zeichnete ein Bild eines zutiefst unsympathischen Menschen (es ging um die menschliche Seite, nicht um die Verbrechen), mit dem man jedoch über Musik, Malerei und Architektur sehr gut reden konnte. Einem versuchte zu erklären, daß Hitler zwar einer verqueren Ästhetik anhing, diese jedoch subjektiv durchzuargumentieren wußte. Am nächsten Tag galt Einem als verkappter Nazi - der er, dafür lege ich meine Hand ins Feuer, nie war. Es ging ihm stets nur um die Wahrheit - vielleicht eine subjektiv gefärbte Wahrheit (das ist wohl bei jedem so), aber gewiß nicht um Beschönigungen eines Regimes, das er als verbrecherisch ablehnte.




    Die Musik


    Gottfried von Einems Musik, man braucht nicht herumzureden, ist konservativ - aber nur dann, wenn man tonale Musik automatisch als konservativ bezeichnet. Einem entwickelt eine sehr eigenständige Rhythmik und Periodenbildung, die Melodik wirkt mitunter der primär erfundenen Rhythmik als untergeordnete Funktion eingeschrieben. Die Harmonik ist tonal mit einer Vorliebe für chromatische Zusatz- und Reiztöne. Nach der nahezu auf rhythmische Formulierungen beschränkten Oper "Der Prozeß" entwickelt Einem eine zunehmend melodischere Sprache, oft im Gestus von Bruckner und Mahler, wobei es ihm aber gelingt, seine eigene Persönlichkeit zu bewahren.


    "Dantons Tod" nach Büchner und "Der Besuch der alten Dame" nach Dürrenmatt sind Einems große Erfolgsopern, während er mit "Der Prozeß" nach Kafka, "Der Zerrissene" nach Nestroy und "Kabale und Liebe" nach Schiller weniger Erfolg hat - zu Unrecht, wie ich meine. "Der Zerrissene" ist eine lyrisch-komische Oper in bester "Rosenkavalier"-Nachfolge, "Der Prozeß" entwickelt einen ungeheuren rhythmischen Sog als Parallele zur Unausweichlichkeit der Handlung, und "Kabale und Liebe" ist eine Gesangsoper, die zeigt, daß Einem nicht nur Mahler liebte, sondern auch eine gewisse Affinität zum späten Strauss hatte.


    Das Skandalwerk schlechthin war "Jesu Hochzeit" auf ein sehr schönes Libretto von Einems zweiter Ehefrau, der Dramatikerin und Dichterin Lotte Ingrisch, das in fundamentalistischen katholischen Kreisen jedoch mißverstanden wurde. Die "Hochzeit" ist eine symbolische Vereinigung Jesu mit der Tödin - aber mehr wurmte die Kirchenmänner wohl die Kritik an der Vereinnahmung von Jesu Lehre, obwohl das ein Nebenstrang der Oper ist. Es setzte einen Uraufführungsskandal mit Rosenkranzbetenden vor dem Opernhaus sowie Zurufen und einer Stinkbombe drin. Ausgerechnet dieses Werk erregte Aufsehen - obwohl es mit seiner ausgebluteten Tonsprache Einems wohl schwächste Oper ist.


    An Konzertmusik unbedingt nennenswert sind "Symphonische Szenen" für Orchester, "Philadelphia Symphony", "Wiener Symphonie" und die "Bruckner-Dialoge", in denen Einem eigenes Material mit dem Choralthema aus dem vierten Satz von Bruckners Neunter Symphonie konfrontiert.


    Einem hat, neben den Opern, weitere Vokalmusik geschrieben, sehr viele Lieder in einer eigenartigen Technik: Die Singstimme singt die Melodie, das Klavier geht oft völlig eigene Wege und deutet die Inhalte selbstständig aus. Ein Meisterwerk ist auch "Das Stundenlied" für Chor und Orchester nach Bertolt Brecht, ein Werk, in dem Einem holzschnittartigen Charakter, rhythmischen Impetus und Ausdruckskraft zu verbinden weiß.






    Gottfried von Einem gehört jener Komponistengeneration an, deren einst erfolgreiche Vertreter nach und nach dem Konzert- und Operngeschehen entschwinden. Der Verlust ist umso größer, als die wirklich repertoiretauglichen Opern deutschsprachiger Komponisten des 20. Jahrhunderts nicht gar so dicht gesät sind. Einem ist ein Garant für handwerklich tadellos gearbeitete Werke, von denen viele sich sogar in den Regionen von Meisterwerk und sogar Geniestreich ansiedeln lassen. Solche Musik sollte wahrlich nicht ungehört bleiben.


    :wink:

    Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)

  • Lieber Edwin!


    DANKE, dass Du an Gottfried von Einem erinnerst, leider erinnert sich kein Operndirektor mehr an ihn. "Dantons Tod" war damals eine Sensation, wie auch "Der Prozess" es war. "Der Besuch der alten Dame" war durch Christa Ludwig und Eberhard Wächter einzigartig gut und "Jesu Hochzeit" bezeichnest Du als schwächeres Werk, ich nicht. Ich habe von Gottfried von Einem und Lotte Ingrisch, beim Abschied von einem Besuch bei ihm ein Blatt bekommen wo Notenbeispiele und die Textstellen von Lotte Ingrisch drauf sind.


    Ich persönlich schätzte beide Persönlichkeiten ungemein nur ist es ein Pech, wenn man tot ist, ist man auch vergessen - ein österreichisches Schicksal.


    Liebe Grüße sendet Dir Peter. :wink:

  • "Jesu Hochzeit" bezeichnest Du als schwächeres Werk, ich nicht.

    Lieber Peter,
    "Jesu Hochzeit" hat große Probleme, die mit der Unausgewogenheit der Akte beginnen (der zweite ist zu kurz, um den ersten auszubalancieren), über fehlende musikalische Entsprechungen zur Szene (z.B. finden vorgeschriebene Tanzschritte keine wie auch immer geartete Entsprechung) bis zu einer etwas zu vereinheitlichten Personencharakteristik (im Prinzip singen alle die gleiche Musik) gehen. Ich hatte mir mehr dramatische Schlagkraft erhofft, und auch beim kürzlichen Wiederhören schien mir das Werk musikalisch etwas ausgedünnt. Auf jeden Fall würde es aber eine zweite Chance verdienen, denn trotz der musikalischen Schwächen ist es eine durch und durch interessante Oper mit einem kühnen philosophischen Entwurf als Textgrundlage, der dramatisch ausgezeichnet funktioniert.
    Dennoch glaube ich, daß die unterschätzteste Einem-Oper "Der Prozeß" ist, der mit seiner fast aggressiven rhythmischen Schlagkraft ebenbürtig neben den Werken Orffs steht.
    Was Einem so wunderbar verstandn hat war, die Sänger ins rechte Licht zu setzen. Seine Opern sind wirklich Futter für die Bühne, wirkungsvoll geschrieben, dabei frei von Banalitäten und Anbiederungen an Stilrichtungen und wechselnde Geschmäcker.
    :wink:

    Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)