Was lernen wir aus der Oper?

  • Was lernen wir aus der Oper?

    Hallo!

    Gerade las ich in einem Beitrag, dass die Handlung einer bestimmten Oper auch heute noch sehr aktuell ist. Und auch Regisseure meinen immer wieder, dass sie versuchen den Leuten die Aussage, die Charakere etc. eines Stücks zugänglich zu machen.

    Nun soll es aber nicht darum gehen, ob "moderne" Inszenierungen uns eher daran behindern, oder ob uns Regisseure nur IHRE Sicht der Dinge "aufzwingen".

    Mich würde mal ganz ernsthaft, ohne Ironie interessieren: gehen wir heute in erster Linie in die Oper, um schöne Musik und möglichst perfekten Gesang zu hören, und folgen der Handlung so gut wie gar nicht? Denken wir hinterher darüber nach, was wir gesehen haben, denken wir über die Charaktere nach und versuchen uns in sie einzufühlen, ihre Handlungen und Worte nachzuvollziehen, wie man es auch in einem Film oder einem Buch machen würde?
    Wird ein Stück interessanter, wenn die Problematik darin zeitlos ist?

    Und das bringt mich zur Hauptfrage: können wir aus der Oper etwas fürs Leben lernen, das auch hilfreich ist?

    (Mit Oper meine ich die Werke, so, wie sie in der Partitur stehen. Es soll nicht um bestimmte Inszenierungen gehen!)

    Mich würde interessieren, wie ihr das seht, und natürlich soll es nicht um eine bestimmte Oper hier gehen; jeder kann über die Opern reden die ihm gefallen, die ihn interessieren.

    Liebe Grüße,

    merkatz

  • Hallo Merkatz,

    interessante Frage(n) !

    gehen wir heute in erster Linie in die Oper, um schöne Musik und möglichst perfekten Gesang zu hören

    Bei mir ist dies definitiv der Fall.

    Allerdings würde ich es nicht mit möglichst PERFEKTEN Gesang formulieren. Sondern mit "möglichst SCHÖNEM, BERÜHRENDEM Gesang".

    Wenn die Story nicht ganz hahnebüchen ist, umso besser. Aber oft ist es schon eine opulente Soap - Liebe, Leidenschaft, Drama.
    (genau darauf haben es die Komponisten / Librettisten doch oft ausgelegt - da wird schon ordentlich dick aufgetragen)


    können wir aus der Oper etwas fürs Leben lernen, das auch hilfreich ist?

    Da ließe sich sicher das eine oder andere mitnehmen - für mich steht dies jedoch definitiv nicht im Vordergrund.

    (Hm... ...Rigoletto:

    Vater hat seine Tochter überhaupt nicht auf das Leben vorbereitet, so fiel sie dem Frauenhelden ungeschützt in die Arme.

    Er war völlig skrupellos, nur auf sein Vergnügen aus. Sie dagegen hat sich derart in ihn verliebt, daß sie lieber sich selbst geopfert hat, zumal sie ja dann auch gemerkt hat (?), daß sie nur verführt und benutzt worden war - und das Herz dadurch komplett zerbrochen war. Letztlich war es Selbstmord aus Verzweiflung (?)

    - also sollte man die eigene Tochter warnen, daß es Männer gibt, um die man lieber einen großen Bogen machen sollte! )

    Ach, es klingt einfach so wundervoll ! Vor allem, als es mit ihr dem Ende entgegengeht.


    :wink:

    amamusica :pfeif:

    Ein Blümchen an einem wilden Wegrain, die Schale einer kleinen Muschel am Strand, die Feder eines Vogels -
    all das verkündet dir, daß der Schöpfer ein Künstler ist. (Tertullian)

    ...und immer wieder schaffen es die Menschen auch, Künstler zu sein.
    Nicht zuletzt mit so mancher Musik. Die muß gar nicht immer "große Kunst" sein, um das Herz zu berühren...


  • ...würde es so sagen:

    Der Komponist braucht eine Story, um die herum er die Musik "drapiert", wie der Schneider eine Modepuppe / einen Menschen braucht, um den herum ein (hoffentlich halbwegs ansehnliches) Kleidungsstück kreiert wird.

    Und es sollte halt auch tunlichst eine Story sein, die "etwas hermacht", bei der die Leute nicht gleich einschlafen
    (außerdem muß man sie ja erst mal in die Oper locken) - daher der Soapcharakter.
    Dann noch ein paar Lebensweisheiten mit reinpacken, und hoffentlich ist das Publikum dann erfreut und das Stück wird erfolgreich...

    (?)


    :wink:

    amamusica :pfeif:

    Ein Blümchen an einem wilden Wegrain, die Schale einer kleinen Muschel am Strand, die Feder eines Vogels -
    all das verkündet dir, daß der Schöpfer ein Künstler ist. (Tertullian)

    ...und immer wieder schaffen es die Menschen auch, Künstler zu sein.
    Nicht zuletzt mit so mancher Musik. Die muß gar nicht immer "große Kunst" sein, um das Herz zu berühren...


  • Und das bringt mich zur Hauptfrage: können wir aus der Oper etwas fürs Leben lernen, das auch hilfreich ist?

    Ich meine: Ja. Opern liefern oft mahnende, lehrreiche Beispiele.

    Z. B. Tristan und Isolde: Hier kann der aufmerksame Zuschauer lernen, daß der Genuß hochprozentiger Getränke auf Schiffsreisen nicht ohne Risiko ist, zumal wenn das Glas von einer Dame gereicht wird, die offensichtlich nicht ganz bei sich ist.

    Auch der nächtliche Aufenthalt im Walde ist mit Gefahren verbunden, wie Hänsel und Gretel eindringlich vor Augen führt.

    Man sollte sich in solchen Fällen von der schönen Musik nicht täuschen lassen!

    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz

    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Lieber Gurnemanz!

    Dass man durch eine Musikinstrument, wie eine Flöte, eine Schwiegermutter geschenkt bekommt und die gleich einen Anhang von drei Tanten hat die ihm jene Flöte geben, die sonst net gebraucht wird und auch unnütz herumliegt, und wo sich drei Jugendliche net entscheiden können zu wem sie halten sollen, je nach Akt verschieden - und der Prinz, nicht um die Burg, von einem Paßfoto ablässt, welches er in den Händen hält und es ansingt, weil der Fotograf es so guat derwischt hat.

    Es komt wie es kommen muss, die ollen Tanten verschwinden, die Schwiegermutter auch - und das nennt man dann Familiensinn.

    Liebe Grüße sendet Dir Peter aus Wien. :wink:

  • Und das bringt mich zur Hauptfrage: können wir aus der Oper etwas fürs Leben lernen, das auch hilfreich ist?

    Auf jeden Fall eines: Mit Musik geht alles besser!

    Gruss
    Herr Maria

    Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
    daß Alles für Freuden erwacht

  • Hallo Merkatz,

    noch eine Ergänzung.
    Du hattest ja gefragt:

    gehen wir heute in erster Linie in die Oper, um schöne Musik und möglichst perfekten Gesang zu hören, und folgen der Handlung so gut wie gar nicht? Denken wir hinterher darüber nach, was wir gesehen haben, denken wir über die Charaktere nach und versuchen uns in sie einzufühlen, ihre Handlungen und Worte nachzuvollziehen, wie man es auch in einem Film oder einem Buch machen würde?

    Also in meinem Fall: Doch, die Handlung ist auch wichtig. Denn der Gesang sollte, für mein Empfinden, wenn eine Oper gelungen ist, gut zur Handlung passen, diese mit guter, möglichst wundervoller Musik zum Ausdruck bringen oder zumindest begleiten, und die Handlung sollte nachvollziehbar und nicht ganz hahnebüchen sein.
    Bei Rigoletto z.B. ist die Story sehr gut nachvollziehbar. Bei Carmen kann man der Story auch gut folgen, und sie ist psychologisch stimmig.
    Und auch bei Madame Butterfly habe ich über die Charaktere nachgedacht und mich eingefühlt, genau so wie Du es geschrieben hast - wie man es auch in einem Film oder einem Buch machen würde. Da ist der Plot ja auch oft - außergewöhnlich. Sonst wäre es ja langweilig.

    können wir aus der Oper etwas fürs Leben lernen, das auch hilfreich ist?

    Die Oper ist meines Erachtens doch vor allem auf "gute Unterhaltung und Kunstgenuß" hin ausgelegt und weniger auf "...was kann ich daraus für das Leben lernen, das auch hilfreich ist" - denn die Storys sind schließlich nur bedingt ähnlich wie unser Leben. Aber ein paar grundlegende Lebensweisheiten sind da ja immer mit eingebaut - und man könnte auch zum Schluß kommen, "Hüte Dich vor Liebe und Leidenschaft, das nimmt meist kein gutes (Opern-)Ende..." ...sorgt aber doch für herzergreifenden, himmlischen Gesang - zumindest wenn die Töne nicht in den Ohren zwicken - und den Griff zum Taschentuch....


    :wink:

    amamusica :pfeif:

    Ein Blümchen an einem wilden Wegrain, die Schale einer kleinen Muschel am Strand, die Feder eines Vogels -
    all das verkündet dir, daß der Schöpfer ein Künstler ist. (Tertullian)

    ...und immer wieder schaffen es die Menschen auch, Künstler zu sein.
    Nicht zuletzt mit so mancher Musik. Die muß gar nicht immer "große Kunst" sein, um das Herz zu berühren...


  • Ich glaube nicht, daß man die Frage ob (und ggf. was) wir aus der Oper lernen völlig von der Frage nach Inszenierung und Regie trennen kann. Denn „so wie die Oper in der Partitur steht“ ist sie nur Tinte und Papier. Klang und Spiel wird sie nun mal erst auf der Bühne, und wenn man nicht gerade eine konzertante Aufführung daraus macht, ist die Inszenierung dann eben doch wieder wichtig, da es sich um MusikTHEATER handelt. Das ist jedenfalls meine Meinung.
    Im Übrigen glaube ich persönlich nicht unbedingt, daß wir aus der Oper „lernen“ im Sinne von „Neues Erfahren“. Sie kann uns aber, in ihren besten Momenten, Tatsachen vor Augen führen die zu unserem Leben gehören und mit denen wir uns ohnehin rumschlagen.
    Ich nehme mein Lieblingsbeispiel „La Traviata“: die Oper konfrontiert uns mit einem Umstand, den wir alle kennen, das nämlich in letzter Konsequenz niemand aus seiner Haut kann:
    Germont père mag die Kurtisane menschlich noch so sympathisch finden, er ist in seinem Was-sollen-denn-die-Leute-denken-Gefühl gefangen.
    Alfredo mag Violetta noch so lieben, er kann nicht vergessen, was sie war und traut ihr nur niedrige Berechnung zu als sie ihn verlässt.
    Violetta schließlich teilt die Ansicht der bürgerlichen Gesellschaft, daß eine Frau wie sie nicht in eine „anständige“ Familie passt und dem Geliebten die Zukunft ruiniert. Sähe sie es anders, wäre sie nicht so schnell zu dem Opfer bereit.
    Das sind Mechanismen, die für jeden von uns gelten und von denen wir uns nur bedingt lösen können. Die Oper führt uns das mit viel schöner Musik vor Augen. Ob und wie die Botschaft ankommt hängt dann eben auch an der Regie und nicht nur an den Noten in der Partitur.
    Im Idealfall sind Musik und Handlung eine Einheit, ich gehe daher nicht wegen der Musik und trotz der Handlung in die Oper. Ich gehe auch nicht wegen der Handlung und trotz der Musik in die Oper. Ich gehe wegen der Oper in die Oper. Daher kann ich es auch kaum verzeihen, wenn ein Regisseur gegen die Musik inszeniert und diese Einheit zerstört. Leere Bühne? Moderne Kostüme? Blut und Nackte? Wenn es denn passt, von mir aus. Aber bitte keine Regie, die in direktem Gegensatz zur Musik steht. :boese:

    EDIT
    Ja selbstverständlich denke ich später über das nach was ich gesehen habe. Zumindest, wenn es das Nachdenken wert ist. Immer wieder stelle ich dabei fest, daß ich besonders über Inszenierungen nachdenke, die mir EIGENTLICH gar nicht gefallen haben, weil sie mit meinen Sehgewohnheiten gebrochen haben. Ich rege mich auf, ich wüte, ich gifte. Aber ich beschäftige mich noch sehr lange damit. Zeffirelli kann jeder der das Geld dazu hat :stumm:

    Ein Paradies ist immer da, wo einer ist, der wo aufpasst, dass kein Depp reinkommt...

  • Auf jeden Fall eines: Mit Musik geht alles besser!

    Wer singt, stirbt langsamer! :P

    "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
    Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.

  • Okay, was wir noch lernen:
    Kein Mann erkennt seine eigene Gattin wenn die eine Maske oder einen Schleier trägt.
    Ein Mann wird einen Jüngling immer für ein junges Mädchen halten wenn der Jüngling ein Kleid trägt.
    Eine Frau wird einen stämmigen 100-Kilo-Leporello immer mit ihrem ungetreuen 75-Kilo-Don Giovanni verwechseln wenn Leporello des Dons Mantel und Hut trägt.
    Wer Alt oder Mezzo singt ist ein Luder.
    Wer Bariton singt ein Schuft. Jedenfalls bei Verdi und jedenfalls meistens.
    Väter richten grundsätzlich Unheil an.
    Aber brauchen wir solche Weisheiten? 8+)

    Ein Paradies ist immer da, wo einer ist, der wo aufpasst, dass kein Depp reinkommt...

  • Oper als "Musiktheater", das mehr ist, als Distinktionsmittel und Spektakel, das allgemeine, wie Zeitfragen in besonderer Weise entalltäglicht und womöglich mit kathartischem Effekt behandelt, das war einmal das Programm der bürgerlichen Oper in Hamburg, Leipzig oder London, der höfischen Oper selbstbewußt entgegengesetzt.

    Wenn solche Programme aus der Aufstiegsphase des Bürgertums heute der Bourgeoisie nur noch lächerlich erscheinen, sagt das viel über die bürgerliche Gesellschaft der Gegenwart als "Gesellschaft des Spektakels" (Guy Debord).

    :wink: Matthias

  • Wer singt, stirbt langsamer!

    Wieder mal eine Gelegenheit Eckart Henscheids phantastischen Opernführer "Verdi ist der Mozart Wagners" zu empfehlen! In diesem Fall besonders der Beitrag "Das dreizehnte Addio war tödlich!" :)

    Gruß, Frank

    Eigentlich bin ich ganz anders, aber ich komme so selten dazu.

  • Aber brauchen wir solche Weisheiten?


    Tja, was kann man aus Stereotypen lernen...?

    Zitat

    Kein Mann erkennt seine eigene Gattin wenn die eine Maske oder einen Schleier trägt.


    zu ergänzen: Wenn eine andere Frau (auch ohne Maske oder Schleier) das gleiche Kleid, wie seine Frau/Geliebte/Angebetete/Braut trägt, dann hält er die andere für diese, sogar dann, wenn die andere ein Mann in Frauenkleidern sein sollte. Funktioniert auch andersherum: wenn Männer die falschen Klamotten tragen, werden sie von ihren weiblichen Partnern ebenfalls nicht mehr erkannt. Und zieht eine Frau Hosen an, wird sie von allen für einen Mann gehalten. Was wir daraus lernen: Völlig egal, wer drinnsteckt, die richtigen Klamotten sind wichtiger, als der/die, der/die sie trägt... Sagt schon die Werbung. Und Keller. Kleider machen Leute.
    und weiter:
    der Besitz von fremden Taschentüchern reicht als Mordmotiv, oft Mord an völlig Unbeteiligten. Nach dem Mord ist die Oper aus. Allenfalls gibt's Selbstjustiz. (Wir lernen: Staatsanwälte kommen in der Oper nicht vor)
    wenn drei Männer und drei Frauen auf der Bühne stehen, verlieben sie sich erst einmal immer so, daß keine Paare entstehen können. (Wir lernen: Singles sind ganz schön vernagelt)
    Frauen opfern sich für ihren Schwarm. (Wir lernen: Tempora mutantur...)
    Frauen sind glücklich, wenn sie am Ende dieser unreife Idiot auch noch/immer noch haben will, obwohl jeder halbwegs Vernunftbegabte diesen Typen zum Teufel schicken würde (Wir lernen: ...nee, lieber doch nicht.... :stumm: )
    Kein Tenor bekommt aus eigener Leistung eine Frau. (Wir Mädels lernen daraus: haltet euch doch lieber gleich an die Tieftöner, als euch von bartlosen Milchbubis einwickeln zu lassen - s.auch oben)
    Tuberkulosekranke im Enstadium können so singen, daß sie zwei Stunden lang ein 50-köpfiges Orchester übertönen und eine große Halle mit ihrer Stimme so füllen können, daß man sie bis in das letzte Eck gut vernimmt. Hinterher sterben sie. (Wir lernen: 1. Wer Tuberkulose hat, kann gut singen. 2. Wenn man Tuberkulose hat, sollte man keine Opern singen)
    Der Herrscher läßt immer Milde walten (Wir lernen: Die Mächtigen dieser Welt sind so selbstlos, daß sie lieber das Recht beugen, als ihren Vorteil wahrzunehmen.)
    Weiberhelden fahren in die Hölle, les femmes fatales werden ermordet. (Wir lernen: Enthaltsamkeit und eheliche Treue führen ins Paradies. Sagt auch die Kirche.)
    t.b.c....

    viele Grüße

    Bustopher


    Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
    Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)

  • Okay, was wir noch lernen:
    [...]
    Wer Bariton singt ein Schuft. Jedenfalls bei Verdi und jedenfalls meistens.
    [...]
    Aber brauchen wir solche Weisheiten? 8+)

    Zum Bariton: Und wenn nicht der Schuft, dann ist er der beste Freund des Tenors (Kurwenal, Posa, Guglielmo, Papageno...)

    Zu den Weisheiten: ja!

    BTW: Oper ist für mich alles andere, als eine Gelegenheit schöne Musik zu hören. Ich will gefordert werden (trotzdem müssen die Stimmen gut sein).

  • Nun, mir laufen gelegentlich dabei Arien u.a. über den Weg, die ich dann sinnloser Weise lerne und mir vorknöpfe:-)

    Aber ernsthaft: Das "klassische" Lernen greift hier für mich nicht ganz, weil in der Oper m. E. mit mehr als nur dem Interllekt (auch wenn der nicht ganz außen vor bleiben muss) rezipiert. Die reinen Mono- und Dialoge in Opern wären mir gesprochen, zu wenig ausdifferenziert oder schlichtweg zu schwülstig, aber die fehlenden verbalen Zwischentöne werden eben durch Musik ersetzt. So wird aus dem eher dürren inhaltlichen Gerüst ein mit Sinnen und Verstand erfassbares Kunstwerk, was für mich den Reiz ausmacht. Sogar aus einem völlig unverstänlichen und unlogischen Plot machen Stimme und Musik einen ganzheitliches Meisterwerk mit Tiefe und, wie schon vorher erwähnt, aus den meist jahrhundertealten Charakteren und Verläufen zeitlose Archäotypen. Eine (über-)behütete junge Frau, die - vielleicht in Folge dieser Abschottung - zielsicher an den Falschen gerät und auf Vatterns Ermahnung pfeift, bis das Debakel unübersehbar wird, ist auch ein modernes Phänomen, sodass es m. E. auch grundsätzlich legitim ist, dass die Barockperücke und-brokat durch Anzug und sexy Outfit ersetzt werden und der Hallodri kein Herzog mehr, sondern vielleicht ein umschwärmter Börsenschösel ist.

    Wenn man die - thematisch vielleicht auch anderweitig zu setzende - Frage nach dem Spannungsfeld "perfekter" Gesang und "spannende" Szene stellt, so läge mein idealer Schwerpunkt darauf, dass die Voraussetzungen für ersteres unbedingt verbleiben müssen. Das muss keine Rampensteherei sein, denn Singen bedeutet nicht, dass man nichts anderes als nur rumstehen kann. Ich finde aber, dass viele Inszenierungen zuviel in das Genre laden, was mir oft nur als Ablenkung z. b. von stimmlichen Fehlbesetzungen vorkommt und/oder das Publikum von der Aufgabe, konzentriert die Wirkungen der Kombination Theater und Musik aufnehmen zu müssen, entbindet.

    LG

    :wink: :wink:

    Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren (Bert Brecht)

    ACHTUNG, hier spricht Käpt´n Niveau: WIR SINKEN!! :murg: (Postkartenspruch)

  • Zitat

    Aber ernsthaft: Das "klassische" Lernen greift hier für mich nicht ganz

    Um es noch schärfer zu formulieren: Mit (Opern)musik beschäftige ich mich überhaupt nicht, um etwas für andere Bereiche des Lebens zu "lernen". Ganz im Gegenteil: Ich erreiche hier im günstigen Fall eine Ebene der Wahrnehmung, auf der das sich alltäglich drehende Rad endlich stillsteht. Wenn ich in eine Opernvorstellung besuche oder mich notgedrungen an Konserven halte, geht es mir nicht ums "Lernen", nicht um irgendwelche sozialen Konstellationen, aus denen ich eventuell irgendwelche Schlüsse auf meine eigene Stellung im Leben ziehen könnte, sondern vielmehr um das Erreichen einer ganz anderen Erkenntnisstufe, die weit jenseits des "Lernens" liegt.

    Beste Grüße

    Bernd

  • Hallo Merkatz,

    ganz aktuell, in einem Artikel aus dem Wirtschaftsteil der Süddeutschen Zeitung von diesem Wochenende wird mit einem Augenzwinkern darauf hingewiesen, daß man aus dem Wagner-Ring lernen kann, wie wichtig eine solide Immobilienfinanzierung ist.

    (s. meinen Post #661 im Satire + Witze-Thread)


    :wink:

    amamusica :pfeif:

    Ein Blümchen an einem wilden Wegrain, die Schale einer kleinen Muschel am Strand, die Feder eines Vogels -
    all das verkündet dir, daß der Schöpfer ein Künstler ist. (Tertullian)

    ...und immer wieder schaffen es die Menschen auch, Künstler zu sein.
    Nicht zuletzt mit so mancher Musik. Die muß gar nicht immer "große Kunst" sein, um das Herz zu berühren...


  • Hallo merkatz,

    inzwischen kann ich auch manche Opernaufführungen bzw. -DVDs genießen, die besonders schöne Musik und/oder eine interessante Umsetzung zu bieten haben, selbst wenn die Handlung bzw. das Libretto mir eher banal erscheint. Aber das Potenzial zu dem persönlichen Prädikat "Lieblingsoper" haben nur diejenigen, bei denen mich bereits die Handlung fasziniert. Wenn dann alles zusammenkommt: ein Thema, das sich mit existentiellen Fragen von mir beschäftigt (und solche Fragen sind sowieso zeitlos), eine berührende Musik und Darstellung, dann

    ja dann...

    wird Oper für mich zu der großartigsten Erlebnisform, die der menschliche Geist je ersonnen hat. Eine solche Aufführung kann mich monatelang beschäftigen, ich lebe mit ihren Figuren intensiver als mit jedem Buch oder Film. Ich stimme Bernd zu, dass es sich dabei weniger um ein intellektuelles als um ein emotionales "Lernen" handelt und dieser Ausdruck sowieso eigentlich zu schwach ist.
    Aber ich denke schon, dass diese Bewusstseinserweiterungen auch Auswirkungen auf mein Verhalten im Alltag haben. Ich würde noch nicht einmal ausschließen wollen, dass man auf diese Weise ein "besserer Mensch" werden kann (was immer man darunter verstehen will).
    Jedenfalls gibt es nichts Schöneres :love: . Ganz ernsthaft.

    VG, stiffelio

  • Ja stimmt alles - alles was gschrieben wurde ist goldrichtig!

    Ich möchte nur betonen, dass im "Trobadour" z. B. eine sehr sehbehinderte Dame, namens Leonore die beiden Brüader aber schon gar net auseinanderkennt, obwohl einer hellblond ist, wie Dimitri Hvdrostovsky es, eindeutig, beim hellen Mondeslicht hat, und seine liebe Leihmutter Acuzena den oanen, den ihrigen, immer im Glauben lasse will er sei was ganz Normales, eben ein Zigeunerkind, dabei ist wie man im Programmheft lesen kann, er der Bruader vom anderen und der richtige Manrico ist bei Feld- und Scheiterhaufenbauarbeiten verbrannt worden, als diese von der Frau Großmama gemacht wurde und diese andauernd etwas von "Starker Scheite schichtet mir dort" vor sich hinsingt [aber das macht die alte Dame sehr selten hier] - a feine Gesellschaft kann man nur sagen.

    Liebe Grüße sendet Euch Euer operngeschädigter Peter aus Wien. :wink:

  • Ich erreiche hier im günstigen Fall eine Ebene der Wahrnehmung, auf der das sich alltäglich drehende Rad endlich stillsteht.

    :thumbup:

    Man hat das früher mal "Muße" genannt. Daß die dabei entstehenden Artefakte (mal von der Seite der kreativen Muße aus gesehen..) u.U. auch so etwas wie einen Zweck für die Kultur erfüllen, ist eine komplexe Geschichte. Wenn man belehrt werden soll: "Man fühlt die Absicht und ist verstimmt". Wer war das nochmal???

    ganz aktuell, in einem Artikel aus dem Wirtschaftsteil der Süddeutschen Zeitung von diesem Wochenende wird mit einem Augenzwinkern darauf hingewiesen, daß man aus dem Wagner-Ring lernen kann, wie wichtig eine solide Immobilienfinanzierung ist.

    Und niemals windigen Feuergeistern vertrauen!

    Gruss
    Herr Maria

    Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
    daß Alles für Freuden erwacht

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