Ich bekenne mich schuldig....*

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  • Ich bekenne mich schuldig....*

    * Bezugnehmend auf diesen Thread: "Wir sind die Urheber" vs "Anonymous"


    Ich bekenne mich schuldig,
    zu denen zu gehören,
    die sich Urheber schimpfen.


    Ich bekenne mich schuldig,
    dass ich jeden Tag aufs Neue versuche,
    von der Originalität meiner Ideen zu leben.


    Ich bekenne mich schuldig,
    dass ich versuche aus meinen Ideen
    verwerflichen, kapitalistischen Profit zu generieren.


    Ich bekenne mich schuldig,
    ein kreativer Mensch zu sein,
    der kein „anständiges Handwerk“ gelernt hat.
    (Pfui!)


    Ich bekenne mich schuldig,
    andere Urheber in der Form zu unterstützen,
    dass ich keine Raubkopien mein Eigen nenne.


    Ich bekenne mich schuldig,
    alle Software auf meinem Computer legal erworben zu haben,
    weil ich die Arbeit anderer achte und weiß,
    dass auch sie ihr Leben finanzieren müssen.


    Ich bekenne mich schuldig,
    nicht das Gen der „Geiz ist Geil“- Generation zu besitzen,
    sondern Dinge, die ich mir nicht leisten kann,
    hinten anzustellen, bis ich die Kohle habe.


    Ich bekenne mich schuldig,
    Urheber zu sein.


    Nun führt mich zum Steinigungsplatz
    und lasst keine Gnade walten,
    denn dort steht ein Mensch,
    der sein Leben lang der Meinung war,
    das geistige Leistung, künstlerisches Schaffen,
    musikalische Ausdruckskraft
    Werte sind, die es zu achten gilt
    und die auch einer Entlohnung bedürfen.


    Tadelt mich für diesen Irrtum,
    lasst einen Sturm von Pflastersteinen auf mein Haupt regnen,
    auf dass meinem Hirn seine Kreativität entweichen möge.


    So soll es sein!
    Fortan wollen wir eine Gesellschaft sein,
    in der sich jeder am Eigentum anderer, ob materiell oder immateriell
    vergreifen darf, wie ihm beliebt.


    Hinfort mit mir, ich elende Urheberin.


    © Corda vuota*



    *der Realnamen ist den Forenbetreibern bekannt.

  • Liebe Corda Vuota,


    ein sehr schönes Gedicht - herzlichen Dank dafür!


    Just gestern (22.05.12) erschien im Feuilleton der FAZ ein Gedicht von Thomas Gsella: "Der Urheber und seine Kinder".


    :wink:


    Magus

    "Whenever we hear sounds, we are changed, we are no longer the same..." Karlheinz Stockhausen 1972

  • Liebe Corda Vuota,
    Dank auch von mir, nicht nur für das treffende Gedicht, sondern auch für Deine übrigen Beiträge, nicht nur in dieser unsäglichen Urheber-Diskussion.


    Viele Grüße
    :wink: Talestri


    PS: Ich bekenne ... ich bin auch eine elende Urheberin :thumbup:
    Hoffentlich gibt Dein Gedicht dem einen oder anderen Nutznießer mal die Gelegenheit, über sein parasitäres Verhalten nachzudenken.

    One word is sufficient. But if one cannot find it?

    Virginia Woolf, Jacob's Room

  • "Was gesagt werden muss..."

    Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

  • "Was gesagt werden muss..."

    Unter dem Titel hat sich ja schon vor kurzem einer nicht soo sehr mit Ruhm bekleckert. Es reicht halt nicht immer, eine Wahrheit zu sagen, man muß es auch auf eine Weise tun, die künstlerisch und auch inhaltlich überzeugt...


    [Sorry, mein Text ist eben einem falschen Tastendruck zum Opfer gefallen. Sei´s drum...]
    Ich finds eher nicht so toll.
    Als selber Urheber mag ich es einfach a weng dezenter.
    Und herbeiphantasiertes Martyrium ist auch nicht so mein Ding.
    Ich bin einfach mit der Regel aufgewachsen, daß man sich nicht selber loben soll; auch wenn man es ironisch als Schuldbekenntnis verpackt. Aber diese Art Manieren sind natürlich marketingtechnisch absolut kontraproduktiv und überhaupt nicht mehr zielführend...


    Inhaltlich bin ich ganz auf Deiner Seite, Corda Vuota, aber das auf diese larmoyante Art rauszuhauen, ist für mich stilistisch schon sehr grenzwertig. Vielleicht bin ich da altmodisch, aber "man fühlt die Absicht und ist verstimmt".


    Nix für ungut
    Gruss
    Herr Maria

    Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
    daß Alles für Freuden erwacht

  • Hallo Herr Maria,


    welche Absicht fühlst Du denn, wen ich mal fragen darf?


    Es war nicht mehr und nicht weniger als Satire ;( :rolleyes: :D . Satire überspitzt, übertreibt. Übertreibung macht anschaulich. Schält das Problem deutlicher raus. 8o


    Du als Old-School-Musican gehst da anders ran. Da hat auch keiner was dagegen. Mir war einfach mal danach auf satirische Art und Weise darzustellen, das Menschen, die von Ihrer Kreativität leben, das Thema auch humorvoll darstellen können. Einige habe es so verstanden, andere, wie Du, eben nicht :wacko: :whistling: . Das ist halt so. In diesem Sinne, ein gute Nacht.


    Bis bald
    corda vuota

  • Wenn ich da eine Ironie nicht verstanden habe, tut es mir leid...


    Die Mischung aus durchaus sachlichen (dafür nicht wirklich poetischen...) Erwägungen und polemisch-ironischen (dabei auch sehr pathetischen...) Teilen macht es für mich schon sehr schwer, die Ironie so leicht zu nehmen, wie für mein Gefühl Ironie daherkommen sollte...


    Ich fühle so etwas wie die Absicht, über das edle Dasein des Urhebers belehrt zu werden. Und zwar nicht humorvoll, für mich ist Selbstironie etwas anderes, was auf jeden Fall nichts damit zu tun hat, mich "ironisch" für verfolgt zu halten.
    Wenn es ironisch die HAltung der Urheber karikieren sollte, würde ich sagen, okaay, das habe ich nicht verstanden, ist aber scharfer Stoff... Aber ich vermute, ironisch karikiert werden sollte in Deinem Gedicht eher die Haltung der Piraten-User, und dafür ist mir zuviel Holzhammer dabei. Halt irgendwie mehr Zaunpfahl als Augenzwinkern.


    Gruss
    Herr Maria

    Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
    daß Alles für Freuden erwacht

  • Mir ging es wie philmus,


    ich habe die Ironie in dem Gedicht auch nicht wahrgenommen, sondern empfand es als Ausdruck von Unverstanden-sein, und, wie es Cherobino frech mit dem Hinweis an Herrn Grass tat, auch als getarnte Beschwerde. Aber, vielleicht reagiere ich inzwischen in dieser Diskussion auf alles, was Status Quo beschreibt, negativ? Ich wünsche mir eine zielführende Diskussion, und daher eben auch Vorschläge, wie mit dem Problem neu umgegangen werden kann oder auch soll. Evtl. liegt aber auch meine Wahrnehmungstrübung dann darin, daß ich eben, genauso wie philmus glaube, daß das Urheberrecht geändert werden muß, und daher ein Festhalten am Status Quo dann gleich zu einer "Abwehrhaltung" dem Informationssender gegenüber führt?


    Liebe Grüße,


    Matthias

    "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
    "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
    "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
    "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)

  • Ironie sollte meiner Meinung nach ein bisschen zum Schmunzeln verführen . Pathos tut das nie... oder vielleicht unfreiwillig manchmal doch....? ^^ :stumm:




  • [quote='merkatz','index.php?page=Thread&postID=176637#post176637']Was haltet ihr hiervon?
    http://www.spiegel.de/netzwelt…mons-lizenz-a-835817.html
    Der Ansatz ist natürlich für den User und Konsumenten in Jedem von uns erst mal interessant: Ein Künstler macht Kunst für Alle, wird dafür gesponsort und macht nebenbei Werbung für sich selbst und seine selbstlose Hingabe an die Kunst.


    Wenn sich das aber als moralischer Standard durchsetzt, wirds problematisch: Wenn es nicht mehr selbstverständlich, sondern der Sonderfall wird, daß Künstler für ihre Arbeit Geld verlangen, sozusagen schon moralisch anrüchig, finde ich das gruselig. Ist ja erst mal nur eine Befürchtung...


    Vom "gewerkschaftlichen" Standpunkt aus handelt es sich um ein freiwillig (=ohne Not) gemachtes Angebot absoluten Dumpings...


    Gruss
    Herr Maria

    Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
    daß Alles für Freuden erwacht

  • Wenn sich das aber als moralischer Standard durchsetzt, wirds problematisch: Wenn es nicht mehr selbstverständlich, sondern der Sonderfall wird, daß Künstler für ihre Arbeit Geld verlangen, sozusagen schon moralisch anrüchig, finde ich das gruselig. Ist ja erst mal nur eine Befürchtung...


    Vom "gewerkschaftlichen" Standpunkt aus handelt es sich um ein freiwillig (=ohne Not) gemachtes Angebot absoluten Dumpings...

    Zumindest bei Aufnahmen ist es ja inzwischen sogar ein "negatives Dumping": Ganze Labels (wie z.B. Genuin) leben davon, dass die Musiker nicht nur umsonst spielen sondern zum Teil etliche tausend Euro auf den Tisch legen, um ihren Traum von der eigenen CD zu verwirklichen. Ich glaube nicht an das angeblich unbegrenzte Menschenrecht auf Kostenlos-Kultur (z.B. bei Lebensmitteln verlangt das meines Wissens kein Mensch), aber das verbreitete Gejammere in Musikerkreisen geht mir mehr und mehr auf die Nerven: Die haben die Preise mit ihren Geschenken, die vor allem der Befriedigung des eigenen Egos dienen, selbst verdorben. Wer als Musiker dafür bezahlt, dass man ihm zuhört, darf sich nicht anschließend über sein leeres Konto beklagen.


    Viele Grüße,


    Christian

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Zumindest bei Aufnahmen ist es ja inzwischen sogar ein "negatives Dumping": Ganze Labels (wie z.B. Genuin) leben davon, dass die Musiker nicht nur umsonst spielen sondern zum Teil etliche tausend Euro auf den Tisch legen, um ihren Traum von der eigenen CD zu verwirklichen.

    Unglaublich eigentlich...
    Wer macht sowas?

    aber das verbreitete Gejammere in Musikerkreisen geht mir mehr und mehr auf die Nerven: Die haben die Preise mit ihren Geschenken, die vor allem der Befriedigung des eigenen Egos dienen, selbst verdorben.

    Auftritte als Geschenke gibt es für gute Freunde, sonst vielleicht für explizit gute Zwecke (Benefiz), ansonsten für niemanden, schon garnicht für Veranstalter, die mit Kultur punkten wollen, aber dafür nichts "übrig" haben im materiellen Sinne. Ich dachte, das wäre selbstverständlich. Aber das Ego und sein Bedürfnis, im rampenlicht zu stehen, soll man nicht unterschätzen.
    Es gibt ja auch Bands, denen es wichtiger ist, statuswirksam mit dem Nightliner vorzufahren, als von ihrer Gage etwas fürs Überleben zu behalten...


    Gruss
    Herr Maria

    Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
    daß Alles für Freuden erwacht

  • Ich glaube nicht an das angeblich unbegrenzte Menschenrecht auf Kostenlos-Kultur (z.B. bei Lebensmitteln verlangt das meines Wissens kein Mensch)


    Ich auch nicht, dennoch wird es hiermit begründet:


    http://de.wikisource.org/wiki/…A4rung_der_Menschenrechte


    Dort Artikel 27:


    Zitat


    Artikel 27


    1. Jeder hat das Recht, am kulturellen Leben der Gemeinschaft frei teilzunehmen, sich an den Künsten zu erfreuen und am wissenschaftlichen Fortschritt und dessen Errungenschaften teilzuhaben.


    2. Jeder hat das Recht auf Schutz der geistigen und materiellen Interessen, die ihm als Urheber von Werken der Wissenschaft, Literatur oder Kunst erwachsen.


    Da ist dann auch gleich der Widerspruch... :D (man beachte auch, daß "frei" nicht dasselbe ist wie "kostenlos"!)


    Liebe Grüße,


    Matthias

    "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
    "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
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    "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)

  • Zitat von »ChKöhn«
    Zumindest bei Aufnahmen ist es ja inzwischen sogar ein "negatives Dumping": Ganze Labels (wie z.B. Genuin) leben davon, dass die Musiker nicht nur umsonst spielen sondern zum Teil etliche tausend Euro auf den Tisch legen, um ihren Traum von der eigenen CD zu verwirklichen.
    Unglaublich eigentlich...
    Wer macht sowas?

    Ich kenne Dutzende, die das so gemacht haben.

    Eben, es ist nicht dasselbe, weshalb sich aus der Erklärung der Menschenrechte meines Erachtens auch kein Recht ableiten lässt, dass alle Kultur kostenlos zu sein hat (und schon gar nicht, dass die Kulturschaffenden umsonst oder für ein freiwilliges Almosen arbeiten müssen). Kultur darf etwas kosten, aber jeder muss in die Lage versetzt werden, sich Kultur leisten zu können. In Deutschland geschieht das z.B. durch öffentliche Finanzierung von Theatern, Orchestern oder Bibliotheken, wodurch die Eintritts- bzw. Nutzungspreise moderat bleiben.


    Viele Grüße,


    Christian

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Eben, es ist nicht dasselbe, weshalb sich aus der Erklärung der Menschenrechte meines Erachtens auch kein Recht ableiten lässt, dass alle Kultur kostenlos zu sein hat (und schon gar nicht, dass die Kulturschaffenden umsonst oder für ein freiwilliges Almosen arbeiten müssen). Kultur darf etwas kosten, aber jeder muss in die Lage versetzt werden, sich Kultur leisten zu können. In Deutschland geschieht das z.B. durch öffentliche Finanzierung von Theatern, Orchestern oder Bibliotheken, wodurch die Eintritts- bzw. Nutzungspreise moderat bleiben.

    Danke. ich war zu faul, das zu schreiben. Es ist natürlich auch eine kostenlose Kultur denkbar, bei der die Künstler vom Staat bezahlt werden. Allerdings haben die Versuche in sozialistischen Staaten gezeigt, daß dann sehr schnell politische Definitionen von erwünschter bzw unerwünschter, nicht förderungswürdiger Kunst die Oberhand gewinnen. Ob das in demokratischen Gesellschaften nicht passiert, wage ich nicht zu prognostizieren.


    Ob der Markt als Regulativ tatsächlich weniger totalitär funktioniert, ließe sich ewig diskutieren... Ich bin mit dem gegenwärtigen Zustand einer sozialdemokratisch abgefederten marktwirtschaftlichen Organisation des Kulturbetriebes eigentlich ganz zufrieden.
    Wer auch immer Vorstellungen von kostenloser Kultur in Umlauf bringt, wird sich mit solchen Fragen befassen müssen: Wer bezahlt die Künstler? Wer entscheidet, was bezahlenswert ist?


    Daß eine Gesellschaft an die von ihr bezahlten Künstler gewisse Forderungen hat, ist ja erstmal nichts Ungewöhnliches: Nie waren die so diffus und flexibel erfüllbar wie heute.


    Gruss
    Herr Maria

    Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
    daß Alles für Freuden erwacht


  • Und genau an diesen Fragen wird versucht zu diskutieren, ob die GEMA als nicht-staatliche, aber dennoch fast monopolistisch agierende Institution der "Umverteilung" der Einnahmen für Kunst noch zeitgemäß ist, oder ob es inzwischen bessere Möglichkeiten gäbe (iTunes fällt einem da ein, wo im Prinzip direkt zwischen Künstler und Konsument ein Vertragsverhältnis (mit einer ziemlich frechen Vermittlungspauschale an Apple) zustande kommt).


    Matthias

    "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
    "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
    "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
    "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)

  • Zitat von »ChKöhn«
    Zumindest bei Aufnahmen ist es ja inzwischen sogar ein "negatives Dumping": Ganze Labels (wie z.B. Genuin) leben davon, dass die Musiker nicht nur umsonst spielen sondern zum Teil etliche tausend Euro auf den Tisch legen, um ihren Traum von der eigenen CD zu verwirklichen.


    Unglaublich eigentlich...
    Wer macht sowas?


    Wieso soll es klassischen MusikerInnen anders gehen als JazzmusikerInnen, PhilosophInnen oder WissenschaftlerInnen?


    Die meisten in diesen Bereichen müssen auch selbst zuzahlen oder mit vorfinanzieren oder selbst irgendwelche Finanzierungen an Land ziehen, um etwas, wofür die kaufkräftige Nachfrage nicht ausreicht, veröffentlicht zu bekommen.


    Hier den schwarzen Peter für diesen traurigen gesellschaftlichen Zustand den Kultur- oder GeistesarbeiterInnen zuzuschieben, die doch nur ihre Egos befriedigen würden und damit für eine Dumpingspirale selbst verantwortlich seien, finde ich doch ärgerlich verkürzt.


    Wenn ich etwas erarbeitet habe, was vielleicht nicht nur ich, sondern auch ein paar andere kompetente InteressentInnen für dokumentationswert oder mitteilungswert, vielleicht sogar gesellschaftlich wichtig halten, die erwartbare kaufkräftige Nachfrage aber nicht hinreicht oder von Plattenfirmen, bzw. Verlagen als nicht hinreichend eingeschätzt wird, beiße ich auch in den sauren Apfel und spare, um etwas veröffentlichen zu können. Alles immer nur Selbstüberschätzung übersteigerter Egos, vielleicht gar bloß immer nur falsche Selbsteinschätzung der Loser, die nichts anderes verdient haben, weil der Markt, 'unverdorben' durch nicht markt-konforme Verhaltensweisen, es schon richten würde?


    Nach der Logik können wir über 90 % von Wissenschaft, Philosophie, Kunstmusiken abschaffen.


    Wer hingegen keine ausreichende kaufkräftige Nachfrage zu erwarten hat, aber auch nicht an deren Stelle so gut in den sonstwie subventionierenden etablierten Gremien und Institutionen Unterstützer hat und Sponsoren finden kann, muß selbst für Finanzierungen sorgen. So ist das! Und nicht alles davon ist Shit! Um manches, was dennoch veröffentlicht wird, bin ich sehr froh und manches davon halte ich sogar für - auch wenn es patethisch klingt - gesellschaftlich wichtig.


    Ich finde diese gesellschaftliche Situation alles andere als ideal. Da kann man schon mal darüber nachdenken, was das mit bestehenden Eigentumsrechten und Produktions- und Distributionsweisen zu tun hat, meine ich, z.B. wem eine Gema vor allem nützt, die tendenziell nach dem Prinzip, mit Martin Luther gesprochen, "der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen" funktioniert.


    Um es gleich vorwegzunehmen, ein allgemeines Grundeinkommen + 'Kulturflatrate' + ganz weg mit den Urheberrechten halte ich auch weder - aus verschiedenen Gründen - für wünschbar, noch seriös für finanzierbar, jedenfalls nicht auf einem Niveau, das die Situation für die meisten Kultur-, Kunst-, WissenschaftsproduzentInnen nicht noch weiter verschlechtern würde. (Bei den Piraten kann offensichtlich niemand Ökonomie. :stumm: )


    Bloße moralische Empörung darüber, dass die veränderten gesellschaftlichen Produktivkräfte - klassisch ausgedrückt, der mit den neuen gesellschaftlichen Produktivkräften erreichte objektive Grad an Vergesellschaftung - Auswirkungen auf die Produktions- und Distributionsverhältnisse haben, die unter bestehenden gesellschaftlichen Voraussetzungen, um nicht zu sagen, objektiv überkommenden Produktionsverhältnissen, alle so oder so unschöne Folgen und Konsequenzen haben, dürfte hingegen so wirkungsvoll sein, wie moralische Empörung über das Wetter, das mir zu heiß oder zu kalt ist.


    Wenn das so ist, kann man nur durchspielen, was unter den bestehenden Verhältnissen die Vorteile und Nachteile der verschiedenen, alle mehr oder weniger nicht gerade idealen denkbaren Regelungsmöglichkeiten sind und, wenn einem die alle nicht so gut in ihren Konsequenzen gefallen, kann man zusätzlich darüber nachdenken, wohin man gesellschaftlich will und was Schritte dahin seien könnten.


    Schuldzuweisungen entweder an die naiven Verteidiger der Internet-Anarchie, die übersehen, dass hier die Nutzenverwertung/-Verteilung auch alles andere als fair ist und die Konsequenzen auch oft wenig wünschbar sind oder gar an die KulturproduzentInnen, die sich aus verständlichen Gründen an die bestehenden Rechtsformen klammern, die ihnen bislang immerhin etwas an der Verteilung gesichert haben, wenn auch hier einige wenige große Rechteverwerter, denen es nicht gerade um Kunst-, Kultur- und Wissenschaftsförderung geht, den größten Teil vom Kuchen abbekommen haben, was den Dinosauriern unter ihnen aktuell nicht mehr so recht gelingt, greifft demgegenüber beides zu kurz.


    :wink: Matthias


  • Um es gleich vorwegzunehmen, ein allgemeines Grundeinkommen + 'Kulturflatrate' + ganz weg mit den Urheberrechten halte ich auch weder - aus verschiedenen Gründen - für wünschbar, noch seriös für finanzierbar, jedenfalls nicht auf einem Niveau, das die Situation für die meisten Kultur-, Kunst-, WissenschaftsproduzentInnen nicht noch weiter verschlechtern würde. (Bei den Piraten kann offensichtlich niemand Ökonomie. :stumm: )


    :wink: Matthias


    Matthias,


    nur kurz, ich stimme Dir zu (auch zu den Teilen, die ich gestrichen habe!), und bin auch ein Gegner des BGEs. Aber: Nur zur Korrektur: Das BGE soll NICHT einen Lebensstandard sichern, sondern den Zwangsdatenstriptease bei Hartz IV und ALG II beseitigen. Und: Die Piraten wollen eine Enquetekommision, die dann einen Vorschlag erarbeiten soll, der dann von einer Volksabstimmung zu bestätigen oder abzulehnen sei. Also: Die Piraten wollen NUR den Weg zu einem möglichen BGE eröffnen, sie wollen NICHT das BGE. Das ist ein kleiner, aber feiner Unterschied...


    Liebe Grüße,


    Matthias


    EDIT: Kulturflatrate wird von den Grünen favorisiert, und das BGE ist über eine Idee einiger CDU'ler in die deutsche Politik gekommen, nur zur richtigen Positionierung!

    "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
    "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
    "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
    "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)

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