Fritz Wunderlich - der unvergessene Zauberton

  • Ich wundere mich, warum ich hier noch nichts geschrieben habe. Wunderlich ist auch für mich einer der Tenöre, nach dem ich geradezu süchtig bin, von dem ich eigentlich alles sammele, was ich in die Hände kriegen kann. Nicht, dass ich ihn ständig höre, aber wenn ich ihn dann einmal wieder auflege, ist sofort diese ganz besondere Verzauberung da.

    Die Schönheit und Natürlichkeit des Timbre, diese scheinbare Leichtigkeit des Singens, dieses 'Überrumpeltwerden' im Gesang, die Selbstverständlichkeit im Ausdruck, immer den richtigen 'Ton' treffend und immer ein Stück besser es könnend als seine großen Kollegen. Und egal ob er Wiener Lieder sang, Operette, Lieder, Oper, Konzertliteratur oder geistliche Musik.

    Eine meiner liebsten Aufnahmen mit ihm ist diese hier:

    Die weiteren Mitschnitte mit FiDi oder Nan Merriman finde ich nicht so überzeugend, aber hier zeigt er auf eine Art und Weise wie der Tenorpart gesungen werden kann und muss. Das ist wirklich einzigartig. Weder live noch als Aufnahme habe ich es jemals wieder mit dieser Klasse und Selbstverständlichkeit gehört.

    Ich vermute, daß er im Ausland nicht ganz so bekannt war wie im deutschsprachigen Raum, er stand ja gerade erst am Beginn einer Weltkarriere.

    In den 80iger Jahren war ich häufig in Mailand und traf dort ein Haufen von professionellen Sängern/Sängerinnen, Dirigenten oder solche, die es werden wollten, auch Agenten, aus quasi allen Teilen dieser Welt. Und ausnahmslos alle schwärmten von Wunderlich. Von einigen bekam ich sogar den Rat, ich sollte doch unbedingt mal Wunderlich hören, dann wüsste ich endlich mal... Also jedenfalls unter 'Profis' scheint er immer noch ein Name zu sein.

    :wink: Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Wunderlich als 'italienischer' Tenor.

    Leider, leider gibt es in dem Bereich relativ wenig. Die 'Traviata' aus München vollständig, eben diese 'Bohéme', die 'Butterfly' in Auszügen jeweils auf Deutsch, 'Cavalleria' ebenso und manch andere Ausschnitte und dann v.a. Arien. Aber das war es dann schon. Dabei hatte er für einen deutschen 'Mozarttenor' erstaunliche Voraussetzungen für dieses Fach. Die breite, volle, ausdrucksvolle Mittellage, die Sicherheit in der Höhe, die Wärme im Timbre, der Charme im Singen.

    Diese Auszüge hier sind von seiner Seite aus wunderbar. Solch ein 'C' in der Arie und es dann so wieder in die Linie einbindend, das muss man erst einmal können. Aber unabhängig von diesem Ton, hört man die gesamte Aufnahme, versteht man, warum Pavarotti speziell Wunderlich in dieser Partie empfohlen hat und warum für di Stefano (neben ihm natürlich ^^ ) Wunderlich der beste Rodolfo überhaupt war. Keine schlechten Empfehlungen übrigens. ;)

    :wink: Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Und nochmal Wunderlich als 'Italiener':

    Wiederum nur Auszüge und wiederum nur in Deutsch. Aber Pilar Lorengar ist eine geradezu singuläre Butterfly und an ihrer Seite, jedenfalls im Aufnahmestudio, dann Fritz Wunderlich. Das ist ein emotionaler Rausch, das ist der Moment, in dem man Puccini verflucht, warum der Tenor so wenig zu singen hat, aber das ist natürlich auch genau der Punkt (wie bei der 'Bohéme') an dem man lieber nicht auf den Text hört. ^^

    Wunderlich ist so großartig, so verführerisch, so vital und viril, so sehr klanglich und stimmlich ein Erlebnis, dass man a) Butterfly zu verstehen scheint und b) 'wirkliche' italienische Tenöre völlig vergisst.

    Hört euch das an und hört nicht auf den Text. (Leider sang man zu der Zeit auch noch textverständlich. ;) ) Hört nur einfach auf den Klang dieser beiden Stimmen!

    :wink: Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Und dann ein ganz anderer Wunderlich. Wie auch in vielen Lied-Aufnahmen war er noch auf dem Weg.

    Das war mit Sicherheit nicht endgültig, aber es zeigt, wohin er sich womöglich entwickelt hätte. Und es bleibt ein faszinierendes Porträt von jemanden, der der Partie stimmlich absolut gewachsen war und der ihr neue Ausdrucksvarianten hinzugefügt hat.

    :wink: Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Wunderlich als 'italienischer' Tenor.

    Auch in diesem Bereich tauchen immer noch bisher unveröffentlichte Aufnahmen auf, habe ich beim Stöbern in den aktuellen Neuerscheinungen gesehen:

    Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

  • Wunderlich war in Amerika zweifellos noch zu Lebzeiten ein Begriff, wenn auch erst relativ knapp vor seinem Tod. Anders war es auch kaum möglich, beschränkte sich seine internationale Karriere doch auf nur wenige Jahre. Seraphim, ein in New York beheimatetes Label der EMI-Gruppe und verschwistert mit dem Label Angel Records, hatte diverse Aufnahmen von ihm im LP-Angebot, darunter 3 Albums "Fritz Wunderlich - Lyric Tenor", die kurz nach 1966 veröffentlicht wurden. Seraphim hätte ihn wohl kaum so prominent ins Programm genommen, wäre Wunderlich nicht schon entsprechend bekannt gewesen. Seine Erfolge in London und Edinburgh spielten dabei sicher eine wichtige Vermittlerrolle.
    Ich habe Wunderlich noch auf der Bühne der Wiener Staatsoper erlebt, aber vor allem die Seraphim-Platten waren es, die dann endgültig meine lebenslange Sucht nach dieser Stimme ausgelöst haben.

    ______________________

    Homo sum, ergo inscius.

  • Auch in diesem Bereich tauchen immer noch bisher unveröffentlichte Aufnahmen auf, habe ich beim Stöbern in den aktuellen Neuerscheinungen gesehen:

    Ah, finalmente... Leider ist die ebenfalls noch existierende "Cenerentola" technisch wohl nicht zu retten.

    “There’s no point in being grown up if you can’t act a little childish sometimes” (Doctor Who, der Vierte Doktor)

  • Und dann ein ganz anderer Wunderlich. Wie auch in vielen Lied-Aufnahmen war er noch auf dem Weg.

    Das war mit Sicherheit nicht endgültig, aber es zeigt, wohin er sich womöglich entwickelt hätte. Und es bleibt ein faszinierendes Porträt von jemanden, der der Partie stimmlich absolut gewachsen war und der ihr neue Ausdrucksvarianten hinzugefügt hat.

    :wink: Wolfram

    https://www.youtube.com/watch?v=QZZH9eQ1JUs

    Bin kein so großer FW-Fan.Doch seine Palestrina-Pfitznerei sowie Andres-Bergsteigerei kommen geil rüber (Wiener unter Abbado gestalten Chose allerdings fetziger als Böhmsche Studiokonserve).

    https://www.youtube.com/watch?v=FYn8MeyVxaY

    „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann

  • Auch in diesem Bereich tauchen immer noch bisher unveröffentlichte Aufnahmen auf, habe ich beim Stöbern in den aktuellen Neuerscheinungen gesehen:

    Ist das endlich raus. Tolle Nachricht! :clap:

    :wink: Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Wunderlich war in Amerika zweifellos noch zu Lebzeiten ein Begriff, wenn auch erst relativ knapp vor seinem Tod.

    Das Met-Debüt stand ja wohl bevor, dass hätte dann mit Sicherheit noch mal gepuscht.

    :wink: Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Doch seine Palestrina-Pfitznerei sowie Andres-Bergsteigerei kommen geil rüber (Wiener unter Abbado gestalten Chose allerdings fetziger als Böhmsche Studiokonserve).

    Immerhin hat sich Böhm immer und unablässig für Berg eingesetzt, was schon mal ein großes Verdienst ist. Und der Andres von Wunderlich ist wirklich toll gesungen.

    :wink: Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Wunderlich als Lenski in einer seiner großen und wirklich ergreifenden Partien. Zwei Querschnitte und eine GA liegen vor und zudem noch eine ganze Reihe Aufnahmen der Arie.

    Wunderlich verkörpert als Lenski genau diesen schwärmerisch-staunend-naiven Charakter, als den ich ihn auch sehe und mit dem ich mich so gut identifizieren konnte (und vielleicht auch noch kann). Alles kulminiert natürlich in der Arie, die (deutscher Text hin oder her) mich immer wieder in der schieren Fassungslosigkeit ob des allen, was da über ihn hineingebrochen ist, zutiefst berührt.

    Karl Löbl schrieb mal über den Tamino von Peter Schreier von sängerischer Vollkommenheit etc., merkte dann aber auch an, dass das Wunderlich auch gehabt hätte. Aber Wunderlich wäre auch Mensch gewesen. Und so geht es mir auch, wenn ich als Lenski ihn und Gedda vergleiche. Gedda ist gerade auch technisch überwältigend, aber Wunderlich war eben auch immer Mensch in seinen Partien und hier ganz besonders. Diese gewisse Distanz, die so technisch hervorragende Sänger wie Schreier oder Gedda oftmals in ihren Rollen aufweisen (und die ich durchaus mag), die findet man bei Wunderlich nie. Das ist direkt, ehrlich, unmittelbar. Und dazu technisch auf dem selben Niveau. Und bei dem Lenski passt diese Art für mein Empfinden besser.

    :wink: Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Eine weitere Aufnahme, die mich immer zum Schwärmen bringt:

    In allen Partien und auch im Dirigat grandios. Wunderlich und Strauss passten einfach verdammt gut zueinander, auch wenn nur relativ wenige der entsprechenden Opernpartien überlebt haben. Sänger im 'Rosenkavalier', Narraboth in der 'Salome', Morosus in der 'Schweigsamen Frau', Stimme des Jünglings in der 'Frau ohne Schatten', Sänger in 'Capriccio', dazu einige Lieder. Wobei, bis auf den Morosus, das ja nun nicht unbedingt große Partien sind. Wenn er doch nur noch Zeit für den Bacchus, den Menelas, den Merkur oder den Matteo gehabt hätte. Aber letztlich ist die Liste der Rollen, die noch hätten kommen können eh unendlich lang. ;)

    :wink: Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)


  • Wunderlich als Lenski in einer seiner großen und wirklich ergreifenden Partien. Zwei Querschnitte und eine GA liegen vor und zudem noch eine ganze Reihe Aufnahmen der Arie.

    Nicht zu vergessen das Video der Münchner Aufführung. Jemand, der drin war, berichtete immer wieder, wie Wunderlich die Arie sang, immer kleiner zu werden schien und die Leute im Publikum saßen wie vor den Kopf geschlagen und gelähmt...

    “There’s no point in being grown up if you can’t act a little childish sometimes” (Doctor Who, der Vierte Doktor)

  • Nicht zu vergessen das Video der Münchner Aufführung. Jemand, der drin war, berichtete immer wieder, wie Wunderlich die Arie sang, immer kleiner zu werden schien und die Leute im Publikum saßen wie vor den Kopf geschlagen und gelähmt...

    Gibt es ein größeres Kompliment für einen Künstler? Also überhaupt. Nicht nur auf Wunderlich bezogen.

    Stimmt, das Video habe ich vergessen. Liegt wohl daran, dass ich es damals als Videokassette noch erstand, in Spanien war es wohl, mir dann anschaute und aufgrund der (damals) grauenhaften Bildqualität schnell wieder beiseite legte. Und deshalb völlig vergaß. ;)

    :wink: Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Meine Lieben! :verbeugung2: :verbeugung2:

    Ich habe vor -zig Jahren selbst noch mit Fritz Wunderlich gesungen, es waren seine Auftritte in Wien als Tamino und ich muss Euch Recht geben seine Stimme war wunderbar geführt , hatte Legato und eine Strahlkraft, die nach ihm der leider letzthin verstorbene Peter Schreier nicht erreichte, Sein Leukippos in der "Daphne" ist für mich Legende, hier passte einfach Alles, er sah gut aus und sein Auftreten war großartig. Das Duett mit Hilde Gueden ist für mich immer wieder ein Traum.

    Nebenbei war er als Kollege ein wunderbarer bescheidener Mensch, der seine Kollegen schätzte und stets freundlich war, wenn er und Gundula Janowitz und Lobl Frick sangen wusste man heute geht nichts schief und es ging auch nie etwas schief.

    Liebe Grüße sendet Euch Euer Streiferl. :wink: :wink:

  • Immerhin hat sich Böhm immer und unablässig für Berg eingesetzt, was schon mal ein großes Verdienst ist.

    Ja. Und meine Lauscherchen finden Böhmsche offizielle Lulu-Einspielung, was Orchester betrifft, hammer-geil, obwohl lediglich Short-Version (gab damals noch keinen Cerha-Akt-3); Wozzeck-Live-Mitschnitte unter Böhm (z.B. aus NYC in engl. Sprache) orchestral mit größeren Fetzigkeits-Level als Studiokonserve ...

    zusätzlich 2 x Pfitznerei mit FW in Gestalt "Von deutscher Seele" :

    https://www.youtube.com/watch?v=ZntUKY_rFyk

    https://www.youtube.com/watch?v=CJmQsjA51Wk
    https://www.youtube.com/watch?v=lnDHuUxYJ28
    https://www.youtube.com/watch?v=fXc52Dx_oXo

    http://fas-schoenberg.com/2007dso/PH_Pfi…ele_WEB_ger.pdf

    „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann

  • Zu den an anderer Stelle zitierten Erinnerungen an Fritz Wunderlich ist für mich sein Vortrag bei Gustav Mahlers "Das Lied von der Erde" ein sehr beeindruckendes Beispiel für die Kraft, die Reinheit, die Intensität seiner Stimme:

    Philharmonia Orchestra & New Philharmonia Orchestra - Otto Klemperer, London, 07.-08.XI.1964 & 06.-09.VII.1966

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