Es folgt die Fortsetzung - wie Opern weiter gehen könnten

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  • Es folgt die Fortsetzung - wie Opern weiter gehen könnten

    Nachdem unser Streifenpeter in seinem Opernführer hier (Wiener Streif(en)-Lichter – der etwas andere Opernführer) schon angedeutet hat, wie es mit FIDELIO weiter gehen könnte, habe ich mich an eine Fortsetzung von unser aller Lieblingsoper erinnert, die ich einmal in einem anderen Leben schrieb.


    In der Hoffnung, damit eine weitere Anregung für alle zu geben, sich auch einmal in der Disziplin der Sequelitis zu versuchen, folgt sie hier in etwas aufpolierter Form:



    Hänsel und Gretel II - Das Sequel


    1. Akt
    Unter den vielen Kindern, die Hänsel und Gretel befreit haben, befindet sich auch ein Geschwisterpaar königlichen Geblütes, das von seinen Eltern heftig beweint wird. Als die Familie Besenbinder die beiden zum königlichen Hof zurück bringt, sind diese Royals so entzückt, dass sie sofort ein Waisenhaus für die Kinder bauen lassen, deren Eltern vor Gram (oder langer Zeit) gestorben sind, und das von Vater und Mutter Besenbinder geleitet wird. Hänsel und Gretel selbst aber werden zu königlichen Gespielen der prinzlichen Geschwister ernannt und gemeinsam mit ihnen aufgezogen, so dass sie alles lernen, was damalige Könige und Königinnen so brauchen konnten: französisch, höfisch tanzen, und ein Handwerk - das des Jagens (Hänsel natürlich) und das des Nähens (Gretel - auch natürlich, denn gar so märchenhaft, dass das anders sein könnte, geht es im Märchen denn doch nicht zu).


    Mit Dank an Frank L. Baum und dessen Nachfahren, den Autor von WICKED, erfährt nun die Schwester der verkohlten Hexe, Elphaba, von dem schmachvollen Schicksal ihrer Schwester. Die beiden hatten sich zwar herzlich gehasst, weshalb sie einander weit aus dem Wege gegangen sind und man nie von der anderen erfahren hat, aber so darf es einer Hexe natürlich nicht ergehen. Das belastet die Familienehre, und überhaupt: wo käme man hin, wenn jeder einfach so Hexen verbrennen könnte. Ihr ahnt, in welcher noch aufgeklärten Zeit das spielt, und was für eine großartige Arie der Schwesterhexe da fällig ist, die vor lauterfurchtbarer Verstopfung leidet, wie ein gestopftes Horn wiederholt andeutet, auch wenn nur sehr sorgfältige Partituranatomen das herausfinden können. Aus dem Wissen des Nachhinein gewinnt Elphaba eine tragische Dimension, denn die Schwesterhexe ist wirklich nicht so böse wie der Rest der Brut und wäre eigentlich lieber gut (daher der Hass der bösen auf sie). Nur wird sie eben als Abkömmling der Hexenbrut von der Welt um sie herum nicht als gut anerkannt (es erklingt eine Vorausahnung des kleinen Gespenstes Casper und seines Titelsongs „Remember Me This Way“). Deshalb kommt letztlich doch die in Elphaba wohnende Schizophrenie zum Ausbruch, und sie sinnt auf Rache, die sorgfältig geplant sein will.


    2. Akt
    Fünf Jahre später: Aus dem Kinderquartett sind schmucke Jugendliche geworden, die einander herzlich lieb haben (kreuzweise natürlich) und ein wunderschönes Quartett singen. Hänsel und der Prinz sind inzwischen über den Stimmbruch hinaus und keine Kastraten geworden, also sind sie Tenor (Prinz) und Bariton (Hänsel). Daraus entwickelt sich aber, wir sind schließlich im Märchen, keineswegs ein Quartett im Bett, sondern erneut eine Tragödie. Auf Anraten Elphabas, die sich als angesehene Beraterin in den Hof eingeschlichen hat, soll die Prinzessin an einen hässlichen Königssohn in weiter Ferne verheiratet werden, während der Prinz sich auf die Jagd nach einem furchtbaren Drachen begeben soll, den Elphaba ins Land gezaubert hat. Erst wenn sein Land von der Plage befreit ist, darf er nämlich die Tochter des Königs zur Frau bekommen. Das ist natürlich eine große Ehre, auf die der Prinz aber ebenso pfeift wie auf den lebensgefährlichen Auftrag. Das Jagen und Kämpfen lag ihm ohnehin nie so sehr wie das Tanzen - am liebsten natürlich mit Gretel, die sich schon immer besonders gut darauf verstand (Leitmotiv „Einmal hin, einmal her“) Erneutes Ensemble, diesmal ein Quintett, da es durch die hämischen Kommentare Elphabas erweitert wird, die das Quartett heimlich belauscht.


    Gretel versucht, ihren geliebten Prinzen vor dem tödlichen Auftrag zu retten, und ihre Tränen (sowie ihre ans Herz rührende Klage) vermögen den König zu erweichen, denn er hat ein großes Herz für bezaubernde junge Dinger, und auch die Königin lässt sich von dem Mut beeindrucken, mit dem Hänsel anbietet, an Stelle des Prinzen los zu ziehen (große Arie: "Dräut dem Dorf der finstre Drache, wehklagt nicht, weil Hans hält Wache" - er ist halt ein Held, wie er im Buche steht und braucht deshalb keine Grammatik). Es wird also beschlossen, dass Hänsel statt des Prinzen das Ungeheuer zur Strecke bringen soll. Gretel webt ihm ein Wams aus feinsten Goldfäden und härtesten Edelsteinen, das ihn unverwundbar machen soll (muntere Einlage: "wenn die spinnen, spinn‘ ich auch"). Wenn Hänsel das Untier zur Strecke bringt, soll er die Prinzessin heiraten dürfen und Gretel selbst als Gemahlin des Prinzen Prinzessin werden. Alles ist guter Dinge und begibt sich zum Tanz.


    Da tritt Elphaba mit fürchterlichem Furor in ihrer ganzen härenen Hässlichkeit auf und verkündet, dass nur ein Königssohn das Untier erlegen kann. Um diesen daran zu hindern, praktiziert sie den Zauber der Gliederstarre an dem Prinzen und verkündet dem entsetzten Königspaar, dass er sich erst wieder werde rühren können, wenn er in dessen Blut bade. Allgemeines Entsetzen aller, die ja nunmehr wissen, dass das nicht mehr geht, (großes Ensemble à cappella mit anschließendem, allgemeinem Klagechor). Lediglich Hänsel und Gretel sowie die Prinzessin halten wacker dagegen, denn sie wissen, dass wenn die Not aufs höchste steigt, jemand eine Lösung geigt (sie kennen sich in richtigen Reimen aus und sprechen nicht sächsisch). Tatsächlich schwebt vom Schnürboden eine Zaubergeige herab und weist mit der Stimme des Waldvogels darauf hin, dass es auf Erden nicht nur einen Königssohn gäbe. So machen Gretel und die Prinzessin, nachdem sie einander Mut zusprechen und heimlich hoffen, dass es die andere trifft, den tapferen Vorschlag, dass jeder Königssohn gleich welcher Lande, der Hänsel bei der Jagd nach dem Untier begleitet und dieses erlegt, zwischen ihnen wählen darf. Das Königspaar ist einverstanden und verspricht (was sonst?) die Hälfte seines Königreiches als Mitgift derjenigen, die der tapfere Retter erwählt. Da muss Hänsel erstmals herzlich schlucken, denn er geht natürlich davon aus, dass seine geliebte Prinzessin erwählt werden wird, wenn es überhaupt dazu kommt. Alles ergeht sich in einer Mischung aus Hoffnung, Gebet und Ratlosigkeit, bevor es vom Vorhang erlöst wird und in die große Pause gehen darf.


    Zwischenspiel


    Ein Orchesterstück, das einmal als Waisenhausintermezzo in die Geschichte eingehen wird. Der furchtbare Drache Fauchar hat die Nähe des abgelegenen Waisenhauses erreicht und löst allgemeine Panik aus. Der ehemalige Besenbinder schleicht sich davon um das Schloss zu alarmieren, verfehlt aber die Richtung und wird von dem Drachen geröstet. Sprachlose Chorstimmen der klagenden Kinder (nachgewachsene Generation) ergänzen das Orchester.


    3. Akt


    1. Bild
    In der Kammer der Hexe wird diese durch den anhaltenden Klagegesang erreicht und erweicht. Ihre schizophrene Persönlichkeit meldet sich, und Elphaba wird wieder zur guten Fee (rührender Umschwung der Musik). Als solche macht sie sich auf den Weg, aber Wachen nehmen sie fest, werfen sie in den Kerker und lassen sie foltern. Niemand glaubt ihr, dass sie auf einmal eine gute Fee ist und hört deshalb nicht hin, als sie etwas davon faselt, dass Hänsel und Gretel keine Besenbinderkinder sind. Wer soll sich aber auch auf ihr halb irres Gestammel "Besenbinder, Kinderschinder, Phoenixrinder, Königskinder, Drachen machen scharfe Sachen, wenn die Hexen Hochzeit machen" etc. einen vernünftigen Reim machen können?


    2. Bild
    Im Prunksaal des Schlosses. Boten treffen ein, die alle verkünden, dass sich kein Königssohn bereit erklärt hat, die Aufgabe zu übernehmen, denn die wenigen, die sich das zugetraut hätten seien gerade von einer gewissen Turandot geköpft worden. Schließlich kommt auch noch ein Bote, der verkündet, dass der Drache das Waisenhaus bedrohe. Hänsel, der seine Eltern in Gefahr weiß, verkündet, sich alleine auf den Weg machen zu wollen. Da er aber noch immer einen katastrophalen Ortssinn hat, erbietet sich Gretel, ihm wieder einmal den Weg zu weisen. Obwohl Hänsel ritterlich protestiert, bleibt ihm nichts anderes übrig, denn niemand sonst will ihn begleiten, nachdem das Königspaar seiner Tochter verboten hat, mitzugehen.


    3. Bild
    Das Waisenhaus steht schon in Flammen. Die Mutter und die verängstigten Kinder verstecken sich wehklagend in einer Kammer. Da treten Hänsel und Gretel ein, die sich an dem Drachen vorbei schleichen konnten. Die Kinder sehen sich schon gerettet, da erinnert Gretel daran, dass sie nur gemeinsam sterben könnten, weil Hänsel ja kein Königssohn sei. Erst jetzt gibt die Mutter zu, dass die beiden gar nicht die Kinder ihres gerösteten Vaters sind, sondern die Bastarde des Königs, der einst während eines Jagdausfluges das damals selbstverständliche Recht der ersten Nacht bei ihr reklamiert und nachgeholt hatte. Hänsel sei also durchaus ein Königssohn.


    Den Rest kann man sich denken. Der Drache, in Wirklichkeit ein überdimensionaler Minotaurus, wird erlegt, der Prinz wird in dessen Blut gebadet, Hänsel und Gretel als Königskinder anerkannt, und als die Königin auch noch beichtet, dass sie sich in der Nacht der Zeugung von Hänsel und Gretel mit einem Pagen getröstet hatte, steht der fröhlichen Doppelhochzeit der vier Bastarde nichts mehr im Wege - außer vielleicht den irren Gesängen Elphabas, die aus dem Kerker hervor dringen, und in denen sie allen die Pest an den Hals wünschen, weil sie dazu verurteilt wurde, im Fell des Drachen verbrannt zu werden. Das geschieht auch, und entsetzt hören wir, dass sie mit ihrer Schlussarie "Schwärende Scheite schichtet mir schnell, Härene Haut sei mir heißer Gesell" arg an eine gewisse Brünnhilde im letzten Stadium des Wahnsinns erinnert.


    Wie wir heute wissen, kam die Pest dann auch, und die Rache der Menschen an den Hexen war fürchterlich. Das aber kann erst im dritten Teil erzählt werden, denn schon hier muss man sich ernsthaft Gedanken machen, ob das ganze überhaupt noch eine Kinderoper sein kann. Schon wegen der Länge des Stückes.


    :wink: Rideamus

  • Lieber Rideamus!


    Schaurig schön :jub: :jub: , kann man nur sagen, aber wer wrd das in Musik setzen? :pfeif: :pfeif:


    Liebe Grüße sendet Dir Peter aus Wien. :wink:

  • Das aber kann erst im dritten Teil erzählt werden

    Sehr geschäftstüchtig, lieber Rideamus! :D


    Tolles Libretto - jetzt wünsche ich Dir nur noch einen willigen Komponisten! ;+)


    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Tolles Libretto - jetzt wünsche ich Dir nur noch einen willigen Komponisten! ;+)

    Verfilmt worden ist die Fortsetzung Hänsel und Gretels bereits. Der Kinostart ist um ein Jahr auf Februar 2013 verschoben worden.
    Und ich fürchte, man hat sich dort nicht so ganz an Rideamus' Libretto gehalten. Elendes Regie-Kino! :D


    "http://www.imdb.com/title/tt1428538/"


    :wink:

    „Beim Minigolf lernte ich, wie man mit Anstand verliert.“ (Element of Crime)

  • Schaurig schön , kann man nur sagen, aber wer wird das in Musik setzen?

    Da kann es eigentlich nur einen geben: the one and only Engelbert Humperdinck. Wie wir schon im "eben gelacht" Thread lesen konnten, veröffentlicht Herr Beethoven gerade ein neues Album. Scheint also nichts im Weg zu stehen, wenn Herr Humperdinck ebenfalls etwas neues komponiert. :D

    Es ist schwieriger, ruhig zu sein, als das zu sagen, was man denkt

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