Oper inszeniert - Das Regisseure-Ranking 2012

  • Oper inszeniert - Das Regisseure-Ranking 2012

    Bei Capriccio wurden schon alle möglichen Hitlisten erstellt, ein Opernregisseure-Ranking gab's aber noch nicht. Was sich hiermit ändert.


    Die Listen sollten kurz gehalten werden. Ich schlage vor, dass jeder Teilnehmer seine fünf liebsten Regisseure nennt. Rankings sind aussagekräftiger, wenn man eine strenge Auswahl treffen muss. Außerdem ist für die meisten die Anzahl der Regisseure, von denen sie mehrere Inszenierungen live erleben konnten, ohnehin eher eingeschränkt (außer für Alviano natürlich 8+) ).


    Erlaubt sind Regisseure, von denen man mindestens 2 Inszenierungen gesehen hat, auf der Bühne oder per Fernsehen/Videostream/Konserve. Wer seine Wahl begründen möchte, darf das natürlich tun.


    1. Stefan Herheim
    weil er der größte Bühnenzauberer derzeit ist. Theater für den Kopf, den Bauch und die Sinne. Parsifal, Rosenkavalier, Rusalka, Lulu, neulich Xerxes - fast alles scheint im zu gelingen.


    2. Patrice Chéreau
    obwohl ich nichts von ihm jemals live gesehen habe und seine Arbeiten nur von der Konserve kennen. Der Bayreuther Ring. Aus einem Totenhaus. Cosí fan tutte. Und natürlich spielt bei einem Ranking immer auch der Nimbus einer Person eine Rolle, wer wollte das leugnen.


    3. Calixto Bieito
    mit dessen Inszenierungen ich nicht immer 100% glücklich bin, dessen adrenalingesägtigtes Theater aber eine große Faszination auf mich ausübt. Lulu, Holländer, Parsifal, Aus einem Totenhaus, Il Trionfo del Tempo e del Disinganno, Die Entführung aus dem Serail - Abende, bei denen ich von Anfang bis Ende gebannt an der Stuhlkante saß.


    4. Peter Sellars
    den ich auch nur von der Konserve kenne. Händels Theodora vor allem anderen, aber auch der Da-Ponte-Zyklus (insbesondere Don Giovanni).


    5. Dmitri Tcherniakov
    dem es wie kaum einem anderen gelingt, seine Geschichte alleine über eine minutiöse und ihresgleichen suchende Personenführung zu erzählen. Chowanschtschina. Dialogue des Carmélites. Und von DVD Eugen Onegin und Prokofiews Der Spieler.



    Viele große Namen fehlen natürlich, die für mich einen guten Klang haben und die ich hätte nennen können. Neuenfels, Kupfer, Wernicke, Marthaler, Wieler/Morabito zum Beispiel - einfach, weil ich zu wenig von ihnen kenne. Kušej trotz seiner Rusalka weil das, was ich sonst kenne, mich nicht gleichermaßen begeistert hat. Konwitschny weil ich mir nicht so sicher bin, ob ich seinen Stil eigentlich mag oder nicht.


    Und jetzt bin ich gespannt, welche Namen hier sonst noch auftauchen werden.



    :wink: Michel

    Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)

  • Es sind da einige dabei, die ich NICHT zweimal (leider bisher sogar gar nicht!) gesehen habe (Herheim (kommt im Sommer: Parsifal, Bayreuth), Tcherniakov (im Julia dann Troubador via Stream)), aber gerne sehen würde, daher hier meine (ich erlaube mir, ganz frech (wie ich eben bin), sieben zu nennen):


    1. Ruth Berghaus (Ring, Frankfurt, Traviata, Stuttgart, Pelleas&Melisande, Berlin, Barbier, Berlin, Tristan, Hamburg, Freischütz, Zürich (DVD))
    Hier stimmt einfach immer die Verbindung von Szene und Musik! Perfekt!


    2. Peter Konwitschny (Meistersinger, Hamburg, Lohengrin, Barcelona (DVD), Götterdämmerung, Stuttgart, DVD)
    Grandios die Brüche, die zum Neudenken zwingen, ganz großer Zauberer


    3. Calixto Bieito (Holländer, Stuttgart, La vida breve, Freiburg, Armida, Berlin, Parsifal, Stuttgart, Aus Deutschland, Freiburg, Entführung, Berlin, Il trionfo, Stuttgart, Freischütz, Berlin)
    Ich denke, hier muß ich nicht viel sagen, meine Begeisterung kann hier überall nachgelesen werden, auch, wenn ich das Gefühl habe, daß er seinen Zenit inzwischen überschritten hat, mal sehen, was Platee am Sonntag gibt.


    4. Hans Neuenfels (Tannhäuser, Essen, Penthesilea, Frankfurt, Lohengrin, Bayreuth (DVD, Fernsehen, und im Sommer live!))
    Kam spät zur Oper vom Theater, aber, das merkt man, hier stimmt Personenführung, hier gibt's immer was zu Lachen (befreiend)


    5. Fura dels Baus (Ring, Valencia (DVD))
    Hier kommt was Neues ins Spiel, nämlich die Videokunst. Ganz grandiose Bilder, rauschhaft!


    6. Patrice Chéreau (Ring, Bayreuth (DVD))
    Nicht umsonst als der Jahrhundertring bezeichnet.


    7. Harry Kupfer (Palestrina, Frankfurt, noch was via DVD, weiß ich gerade nicht!)
    Er wird auf seine alten Tage wieder radikaler, ein ganz großer Gestalter des Bühnengeschehens.


    Matthias

    "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
    "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
    "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
    "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)

  • Nur anhand von Aufführungen, die ich live gesehen habe:


    1. Christoph Marthaler


    gesehen: Pelléas et Melisande, Luisa Miller, Fidelio (alle Frankfurt), Katia Kabanova (Salzburg), Le nozze di Figaro (Salzburg), Pariser Leben (Berlin/Bonn), Tristan und Isolde (Bayreuth), Wozzeck (Paris), Die Sache Makropulos (Salzburg)


    Hier ein paar Worte zur Begründung. In seinen besten Arbeiten (Pelléas, Fidelio, die beiden Janacek-Opern) mit überwältigender Kongruenz von Szene und Musik, in den Bühnenbildern von Anna Viebrock, die im Lauf der Aufführungen immer mehr mir Bedeutung aufgeladen werden.



    2. Herbert Wernicke


    gesehen: Hoffmanns Erzählungen, Herzog Blaubarts Burg, Der Ring des Nibelungen (alle Frankfurt), Boris Godunov (Salzburg), Alcina (Duisburg), Les troyens (Salzburg), Elektra (München), Actus Tragicus (szenisch dargestellte Bachkantaten, Stuttgart)


    Zugleich Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner. Wernicke war einer der Regisseure, die den Spagat zwischen intellektuellem Konzept und theatralischem Zauber am überzeugendsten gemeistert haben. Überragend sein "Ring des Nibelungen" (1991 in Brüssel, 1994 in Frankfurt wiederholt - jeweils nach Bayreuth-Manier innerhalb einer Woche auf die Bühne gebracht): alle vier Abende spielten in einem einzigen Bühnenbild (das am Schluss spektakulär zusammenkrachte), wenige Requisiten dienten als visuelle Leitmotive (Konzertflügel, rotes Seil). Nie plump, sondern immer vieldeutig historische Assoziationen weckend, mit einer exzellenten Personenregie - bei der auch berührend ein verkleideter Tänzer als Pferd Grane agierte. Eine phänomenal phantasievolle Ausnutzung des Raumes kam hinzu: Wotan wurde im dritten Walküren-Akt nach Barockopern-Manier aus der Decke auf einem Stuhl heruntergelassen, Wurm Fafner brach dagegen im Siegfried spektakulär aus dem Bühnenboden hervor. Herzog Blaubarts Burg wurde zweimal hintereinandergespielt, beim zweitenmal in einer dekonstruierten Variante, bei der der psychologische Realismus des ersten Durchlaufs in Rätselbilder übersetzt wurde - die radikalste Wernicke-Arbeit, die ich kenne.



    3. Stefan Herheim


    gesehen: I puritani (Essen), Die Entführung aus dem Serail (Salzburg), Don Giovanni (Essen), Parsifal (Bayreuth)


    Visueller Theaterzauber und die Kraft der Assoziation, bei den von mir gesehenen Arbeiten am überwältigendsten im Parsifal.





    Den Rest muss ich mir noch überlegen :D. Kandidaten wären:
    Konwitschny (da hab ich einiges erlebt, am besten wohl Wozzeck in Hamburg und Götterdämmerung in Stuttgart)
    Bieito (von dem ich nicht wirklich viel gesehen habe, dessen Parsifal aber richtig gut war)
    Mussbach zu seinen besseren Zeiten (Aus einem Totenhaus, Frankfurt, gehört immer noch zu meinen größten Opernerlebnissen)
    Kusej (immer interessant, etwa bei Macbeth und Don Giovanni, toll bei Fidelio in Stuttgart und vor allem bei Rusalka in München)


    Ja, auch Neuenfels, wegen seiner Stuttgarter Meistersinger, die früheren Arbeiten kenne ich leider nicht, von den späteren (z.B. Così fan tutte, Die Sache Makropulos, Tannhäuser) fand ich nur Penthesilea (Schoeck) überzeugend.
    Wieler/Morabito vielleicht.
    Ruth Berghaus sicher auch, aber da habe ich nur nicht mehr ganz taufrische Repertoirevorstellungen gesehen: Macbeth, Mahagonny (beide Stuttgart), Rosenkavalier (Frankfurt).



    Viele Grüße


    Bernd

    .

  • Ergänzung: Ich habe auch noch Konwitschnys Elektra in Stuttgart gesehen.


    Und @Bernd: Man kann Ruth Berghaus' Inszenierungen auch noch beurteilen, selbst, wenn es "aufgewärmte" Aufführungen sind... Ich lege Dir nach wie vor Ihren Hamburger Tristan ans Herz, den gibt's nächsten Mai noch mal zu sehen... Und wenn nach 25 und mehr Jahren immer noch so eine Wirkung davon ausgeht, dann war die "Originalversion" höchstwahrscheinlich noch besser... :D Und auch ihr Berliner Barbier läuft immer noch...


    Matthias

    "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
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  • @Bernd: Man kann Ruth Berghaus' Inszenierungen auch noch beurteilen, selbst, wenn es "aufgewärmte" Aufführungen sind...


    Was ich bezweifele. Kommt auch auf die Gewichtung der einzelnen Komponenten bei einem Regisseur bzw. einer Inszenierung an. Wie groß ist die Rolle des Bühnenbilds und der Ausstattung? Wie groß ist die Rolle der "Choreographie", der Interaktion zwischen den Personen auf der Bühne, der Körpersprache, der Gestik, der Mimik? Und wie sind die Interaktion und Körpersprache beschaffen: sprechen sie eher durch starke, leicht nachstellbare Handlungen oder eher durch Nuancen?


    Wenn eine Inszenierung von einem Assistenten, der die Berghaus möglicherweise nie gesehen hat, mit Sängern, die wahrscheinlich nie mit der Berghaus gearbeitet haben (schon gar nicht in dieser Inszenierung), anhand eines Regiebuchs erarbeitet wird, geht notwendigerweise verdammt viel verloren. Und diese Ruine mag immer noch eindrucksvoll sein (was ich bezüglich der Ausstattung von Schaal im Hamburger Tristan sofort glaube), sie bleibt allenfalls die Rekonstruktion einer Berghaus-Inszenierung.


    Fast alle Produktionen, die oben von mir aufgezählt worden sind, habe ich in der Premiere bzw. der Premierenserie gesehen, mit den Sängern und dem Dirigenten, mit denen der Regisseur gearbeitet hat (Ausnahmen wie der Wernicke-Hoffmann und der Marthaler-Tristan, auf die ich kein Urteil über die beiden Regisseure bauen würde, bestätigen die Regel). Ich habe schon diverse Inszenierungen im Repertoirebetrieb verrotten sehen, das ging manchmal ziemlich schnell.


    Ebenso würde ich anhand einer Aufzeichnung/DVD nie mehr als ein vorläufiges Urteil über eine Inszenierung fällen: Bei guten Regisseuren und Bühnenbildnern muss man meist die ganze Bühne im Blick haben. Unter der Diktatur des Kamerazooms bricht das vollständig weg. Deshalb habe ich auch Chéreau nicht genannt, obwohl mich einige seiner aufgezeichneten Arbeiten stark beeindrucken, allen voran der Ring, den ich zum erstenmal 1980 (oder 1981?) im Schwarzweiß-Fernsehen gesehen habe.



    Viele Grüße


    Bernd

    .

  • Bernd, mit dieser Begründung kann ich Dir folgen. Danke für die Erklärung. Wie ich dem Buch über Ruth Berghaus entnehme, kümmern sich extrem viele der ehemaligen Mitarbeiter von Ruth Berghaus sogar noch in ihrer Rentenzeit um einige Inszenierungen, um die Kontinuität sicherstellen zu können. Das ist aber wirklich von Fall zu Fall zu prüfen.


    Matthias

    "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
    "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
    "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
    "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)

  • Ich habe viel zu wenig gesehen, um mir ein Urteil erlauben zu dürfen, aber da mir zumindest zwei einfallen, die hier noch nicht genannt wurde und von denen mich mindestens 2 Inszenierungen beeindruckt haben:


    1. Patrice Chéreau


    2. Calixto Bieito


    3. Kasper Bech Holten (Kopenhagener Ring auf DVD, 2 Folgen des Rings und Carl Nielsen "Maskarade" live in der Kopenhagener Oper)


    4. Barrie Kosky (Tristan und Isolde, Essen, Monteverdi L'Orfeo, Berlin)

  • Da ich die Arbeiten der meisten hier zu nennenden Regisseure leider fast nur aus zu verklärender Vergangenheit live erlebt habe - der frühe Neuenfels der Frankfurter AIDA oder die Ruth Berghaus der dortigen TROYENS gehörten dann sicher dazu - , beschränke ich mich hier dezidiert auf die interessantesten Regiearbeiten, die ich auf DVD oder im Fernsehen genießen durfte. Da nur fünf Namen zugelassen sind, bleibt hier nur die absolute Spitze, deren Vertreter mich kaum jemals enttäuscht haben. Die wird für mich angeführt von


    1. ex aequeo: Jean-Pierre Ponnelle und Giorgio Strehler


    Dass diese beiden verstorbenen Großmeister der Opernregie bislang noch gar nicht genannt wurde, kann ich mir nur dadurch erklären, dass die meisten nie eine ihrer Inszenierungen live erlebt haben und sich auf solche Erlebnisse
    beschränken. Allein Ponnelles musterhafte Inszenierungen seines zürcher Monteverdi-Zyklus, seine wiener MANON oder die Mailänder CENERENTOLA sollten ihm ewigen Ruhm sichern, selbst wenn die CARMINA BURANA oder sein herrlicher CENERENTOLA –Film, weil Filme, nicht gelten. Strehler ist bei uns wohl berühmter als durch sein Werk bekannt, aber zum Glück sind von seinem Mailänder SIMON BOCCANEGRA, dem FALSTAFF oder dem MACBETH auch Aufzeichnungen erhalten, die seinen legendären Status als verdient bestätigen.


    2. David McVicar


    Kommen wir zu den Lebenden und zu einem Regisseur, der mich noch nie enttäuscht hat. Sein londoner FIGARO, sein genialer salzburger HOFFMANN, die MANON von Barcelona oder jüngst die MEISTERSINGER aus Glyndebourne sind aber allesamt vorbildliche Regiearbeiten, die nicht (nur) durch spektakuläre Umdeutungen bestechen, sondern durch eine frappante Liebe zum Detail, das oft mehr über die Figuren und ihre Motivationen freilegt als jede noch so spektakuläre Neuinterpretation.


    3. Patrice Caurier und Moshe Leiser


    Eine ungemein intensive Liebe zum Detail und eine Fülle witziger Einfälle zeichnet auch die Arbeiten dieses Duos aus. Es will schon etwas heißen, wenn es heute jemand schafft, einer so abgenudelten Oper wie dem BARBIERE DI SIVIGLIA die
    erfrischendste Inszenierung aller Zeiten abzugewinnen, und das, obwohl die Hauptdarstellerin sich gerade das Bein gebrochen hat und im Rollstuhl agieren muss. Aber auch bei ernsteren Stoffen sind sie ihren Anforderungen voll gewachsen, wie ihre Umsetzungen von Thomas‘ HAMLET oder ihr zürcher OTELLO beweisen.


    4. Laurent Pelly


    Ich habe mich ja schon daran gewöhnt, dass bei ein tiefgründelnderPARSIFAL bei uns immer ernster genommen wird als eine vermeintlich banale Komödie, aber dass dieser Meisterinszenator von Werken Rameaus (PLATÉE), Offenbachs (LA BELLE HÉLÉNE) oder Donizettis (LA FILLE DU RÉGIMENT) bislang noch gar nicht erwähnt wurde, grenzt schon ans Empörende.


    5. Carlus Padrissa und die FURA DELS BAUS


    Seit ihrer spektakulären DAMNATION DE FAUST in Salzburg haben mich Padrissa und seine einfallsreichen Mitstreiter immer wieder begeistert, und der RING aus Valencia gehört für mich zu den absoluten Höhepunkten meines Opernerlebens, obwohl es nur per Konserve ermöglicht wurde. Mögen sie manchmal auch über ihr Ziel hinaus schießen und Kunsthandwerk produzieren, wie bei der ZAUBERFLÖTE oder der jüngsten münchener TUJRANDOT, selbst das ist nie uninteressant und eindrucksvoller als manch hochgelobte Provokation.


    Natürlich hat die auch ihren Platz, und bei einer längeren Liste wären sicher auch unebenere Meister wie Bieito, Carsen, Chéreau , Guth und Konwitschny, oder die unspektakulär zuverlässigen Werkdiener wie Dexter, Flimm, Kupfer oder, in Italien, Gabriele Lavia zu einer Nennung gekommen. Aber da nur fünf Leute gefragt waren, wollte ich doch meine Scheinwerfer erst einmal auf die bisher zu Unrecht Übergangenen richten, die weder Staubis noch Regielis sind und deshalb leicht zwischen die Fronten geraten, sondern einfach nur großartige Regisseure.


    :wink: Rideamus

    Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung

  • 1. David McVicar: Wurde schon von Rideamus zu Recht gelobt. Zu den dort genannten Meisterinszenierungen müsste man unbedingt noch die aufregende ZAUBERFLOTE aus London und den GIULIO CESARE aus Glyndebourne hinzufügen.


    2. Laurent Pelly: Wie kein zweiter hat er Offenbach und die komischen Opern Donizettis zu neuem szenischen Leben erweckt. Grandios.


    3. Michael Hampe: Ein oft übersehener, aber sehr guter Regisseur der konventionellen Schule. Rossini-Spezialist. Er inszenierte selten spektakulär, immer dicht am Libretto, mit überzeugenden schauspielerischen Leistungen, und die auf DVD greifbaren Aufführungen wirken auch in größerem zeitlichen Abstand noch frisch und kaum gealtert. Empfehlenswert z.B. der BARBIERE DI SEVIGLIA und die ITALIANA IN ALGERI, beide aus Schwetzingen.


    4. Robert Wilson: Seine streng stilisierte Regie ist ganz gewiss nicht jedermanns Geschmack, aber etwa zu Glucks ORFEO ET EURYDICE und ALCESTE passt sie auf unvergleichliche Weise, auch Monteverdis ORFEO ist sehr gut. Und mir persönlich gefällt sogar sein verrückter FREISCHÜTZ.


    5. Fura del Bauls: LA DAMNATION DE FAUST und aus dem "Ring" mindestens das RHEINGOLD sind tolle Beispiele mitreißender Bühnenkunst.

  • David Mc Vicar und Laurent Pelly gehören auch zu meinen absoluten Lieblingen. Figaro, Manon, Giulio Cesare, Cendrillon, Offenbach, Donizetti etc pp- das waren Highlights meiner bisherigen Opernerlebnisse. Sehr beeindruckt haben mich auch Peter Sellars "Theodora" und Konwitschnies Don Carlos, Freischütz und Tristan. Mich überzeugen auch viele Filmregisseure, die sich an Opern versuchen. Max Syberbergs Parsifal hat mir das Werk überhaupt erst sehbar gemacht und Bergmans Zauberflöte oder Loseys Don Giovanni gehören zu den Glanzpunkten der Opernregie.Aber auch eine Choreographin wie Pina Bauschs Orfeo hat eine ganz besondere Sicht auf die Dinge. Eine Rangliste zu machen kann ich mir nciht anmassen, ich kenne einfach zuwenig. :fee:

    Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)


  • Ist die Frage ernst gemeint? Nerin, es geht mir nicht um die Nackten und die Blutroten bei Bieito, auch wenn ich die überwiegend überflüssig und inzwischen kontraproduktiiv finde. Aber wenigstens achtet Bieito auf die Musik, und das mit oft faszinierendem Resultat.


    Dagegen finde z. B. Christoph Marthaler höchst zwiespältig. Seine pariser TRAVIATA schätze ich durchaus, aber seine oft gepriesene "Dekonstruktion" der baseler GRANDE DUCHESSE DE GEROLSTEIN ist für mich eine Zumutung.


    Ähnlich erging es mir bei Philipp Stölzls bonbonbuntem BENVENUTO CELLINI in Salzburg.


    Ich würde auch Robert Wilsons öden FREISCHÜTZ nennen, bin mir aber nicht sicher, ob der überhaupt hoch gelobt wurde.


    In allen Fällen (von weniger prominenten wie dem nürnberger WILHELM TELL will ich gar nicht reden) beschränkt sich die Auseinandersetzung auf ein Herumbasteln am Text, das spätestens dann illegitim wird, wenn auch noch die Musik ignoriert oder gar konterkariert wird.


    Aber diese Diskussion gerät off topic, denn hier soll ja von den Besten die Rede sein.


    :wink: Rideamus

    Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung

  • Ist die Frage ernst gemeint?


    Klar, ich mach hier keine Witze.


    Weder Stölzls Benvenuto Cellini noch Wilsons Freischütz waren aber m.E. als Provokation intendiert oder sind als solche wahrgenommen worden (der Nürnberger Tell wohl auch nicht, den kenne ich aber wirklich nur vom Hörensagen). Und hochgelobt wurden die alle nicht.


    Ja, Marthalers Großherzogin ist schon eine andere Geschichte (die ich nur von Youtube kenne). Sehe ich zwar anders als Du, kann aber verstehen, dass Dir das gegen den Strich geht.



    Viele Grüße


    Bernd

    .

  • Auch ich beschränke mich auf Regisseure, deren Produktionen ich live gesehen habe - mit Oper im TV/auf DVD kann ich in der Regel wenig anfangen (einzige Ausnahme bisher: Konwitschnys Don Carlos).



    5. Dietrich Hilsdorf


    Eine brutal-drastische Lady Macbeth von Mzensk mit skurrilen Einlagen (in Bonn) ist mir noch in bester Erinnerung. Später hat er (ebenfalls in Bonn) Händel-Oratorien szenisch inszeniert, Saul und Belsazar, tolle Chor-Arrangements (das meine ich szenisch). Seine Kölner Traviata vor ein paar Jahren war mir etwas zu ausstattungslastig, ganz anders die Poppea in der Gerling-Kantine, einerseits szenisch sparsam, andererseits das ganze Gebäude per Video einbeziehend. Auf seine Inszenierung von My Fair Lady bin ich gespannt (wenn sie denn stattfinden sollte).



    4. Günter Krämer


    Da ich überwiegend in Köln in die Oper gehe, habe ich natürlich viele Produktionen des langjährigen Generalintendanten gesehen. Seine psychologisch motivierte Regieanlage ging mir oft genug gehörig auf den Senkel, aber er war immer für Überraschungen gut, oft von der immer hervorragenden Personenregie ausgehend. Oft auch Bilder, die sich mir sehr eingeprägt haben, wie der "Time Tunnel" zu Beginn von Vĕc Makropulos, die Riesen-Guillotine im Schlußbild der Dialogues des Carmélites oder der Blaue-Ameisen-Chor in der Turandot. Unvergessen die Hitchcock-Parallele (Vertigo) in Die tote Stadt, der ganz unerwartet witzige (und dreisprachige) Hoffmann und die großartigen Inszenierungen von Werken der Nachkriegszeit, Intolleranza und Ruzickas Celan sowie sein Einsatz für von den Nazis verfemte Werke wie Johnny spielt auf oder die drei frühen Einakter von Hindemith.



    3. Willy Decker


    Der ist mir in seiner direkten Art näher, auch wenn er das Sentimentale manchmal nicht nur streift. Aber eben auch wieder konterkariert, wie bei der sehr einsam sterbenden Mimi in Bohème (in der Wiederaufnahme Jahre später zur Unkenntlichkeit verstümmelt). Puccinis Mantel gehört in seiner Inszenierung andererseits zum Düstersten, was ich auf der Opernbühne gesehen habe, herrlich kontrastiert von einem saukomischen Gianni Schicchi (das Stück dazwischen ist szenisch vermutlich eh nicht zu retten). Nicht zu vergessen der großartige Billy Budd.



    2. Christoph Loy


    Bei vielen seiner Inszenierungen fühlte ich mich von Anfang an mitgerissen, auch lange Stücke vergingen bei ihm wie im Fluge. Sehr gerne denke ich an seine Düsseldorfer Monteverdi-Trilogie zurück, wo er jedes Stück ganz anders gemacht hat, den Ulisse als Kammerspiel, die Poppea als blutiges Spektakel. Grandios die Hinrichtungsszene im Don Carlos, berauschend die Nacht in Les Troyens (eine auf die zwei Theater der DOR aufgeteilte Inszenierung, bei der es im Schlußakt dann doch etwas laaang wurde), die perfekt auf den damaligen Star der DOR, Alexandra von der Weth, zugeschnittene, ekstatisch vorbeirauschende Manon, etwas zwiespältig seine Kölner Inszenierungen, Carmen und Eine Nacht in Venedig. Mein Lieblingsstück von ihm aber war Mozarts Finta giardiniera, mit massivem Natureinsatz (Wasser und Sand) auf der Bühne.



    1. Robert Carsen


    Als ich 1996 nach langer Abstinenz wieder in die Oper zurückkehrte, war Carsens Falstaff-Inszenierung das zweite Stück, daß ich gesehen habe - da blieb mir der Mund offen vor Staunen ob des immensen Detailreichtums. Ich mußte bald nochmal hin, um alles mitzukriegen, sowas hatte ich auf der Opernbühne noch nicht gesehen. Eher schwach der Otello (war aber eine aufgewärmte Repertoirevorstellung), ganz stark dann Macbeth; hier hat mir eine Inszenierung deutlich gemacht, daß in der Musik mehr steckt, als ich bis dahin mitgekriegt hatte - seitdem ist auch der frühe Verdi für mich ganz oben! Es folgten Semele (mit Bartoli auch auf DVD zu haben), der grandiose Ring des Nibelungen und als Krönung Kát'a Kabanová, auf dem Wasser inszeniert. Zu dem großen Einfallsreichtum kommen bei ihm ein immer durchgehaltenes schlüssiges Konzept und eine gut verfolgbare Personenregie.



    Einige der für mich unvergeßlichsten Operninszenierungen habe ich jetzt aber aufgrund von Michels Regeln nicht nennen können; außer Konkurrenz also:


    La fura dels Baus: Sonntag aus Licht,
    Bernd Mottl: A kékszakállú herceg vára,
    Tilman Knabe: Samson et Dalila,


    alle hier im Forum ausführlich besprochen, und am allermeisten


    Karin Beier: Rigoletto. :juhu: :juhu: :juhu: Jürgen Kesting hat in seiner Radiosendung über die Callas als Gilda erklärt, warum diese Rolle zwingend von einem dramatischen Sopran (jedenfalls von einem Sopran mit entsprechenden Qualitäten) gesungen werden muß - in dieser Aufführung habe ich das zuvor verstandene bildlich erfahren können. Seit damals (2001) habe ich mir gewünscht, nochmal eine Kölner Operninszenierung von Karin Beier zu sehen - das wird jetzt wohl endgültig nix mehr werden.



    Und noch ein paar unvergeßliche Produktionen, die ich aber nicht ganz so hoch ansiedeln würde:


    Andreas Homoki: Die Zauberflöte
    Torsten Fischer: La cenerentola
    Helmuth Lohner: Les brigands
    Christopher Alden: I pagliacci
    Katharina Thalbach: Salome
    Calixto Bieito: Der fliegende Holländer

    Bernd


    Fluctuat nec mergitur

  • Die 5, die ich nominiere, wurden hier schon genannt und begründet, daher mache ich es kurz:
    Stefan Herheim,
    Robert Carsen,
    David McVicar
    Patrice Chéreau,
    Peter Sellars
    (der letztere hat übrigens in Berlin auch eine großartige Matthäuspassion inszeniert bzw. rituaisiert).


    Aber unbedingt erwähnen will ich auch den guten alten Götz Friedrich, weil ich von dem in Berlin (bis heute) unzählige Inszenierungen gesehen habe, und keine war ärgerlich. Vielleicht kann man den Ring herausheben, der immernoch gespielt wird und vor allem durch die großartige Personenführung beeindruckt.
    Heike

    „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ (F. Rzewski, Komponist, in der FAZ vom 21.4.2012)

  • Mal einen Beitrag, ohne Ranking.


    Da hier Tilman Knabe genannt wurde: Auch ich hatte darüber nachgedacht, ihn zu nennen, denn sein Lohengrin in Mannheim ist grandios. Auch sein Rheingold in Essen hat mir sehr sehr gut gefallen. Dann war da aber sein Tristan in Mainz, und das hat mich dann ihn zurückziehen lassen...


    Liebe Grüße,


    Matthias

    "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
    "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
    "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
    "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)

  • Nach längerem Nachdenken meine Liste:


    1) Wieland Wagner: Seine Bayreuther Inszenierung des Wagnerschen Rings konnte man um 1970 auch in Stuttgart erleben (zumindest das Bühnenbild kam aus Bayreuth, aber ich vermute, auch die Personenregie war weitgehend übernommen worden). Die Besuche der gesamten Tetralogie waren meine ersten Opernbesuche überhaupt und haben mich so sehr geprägt, daß ich einige Jahre lang begeisterter Wagnerianer war.


    1965, ein Jahr vor seinem Tod, zierte der Enkel des Komponisten das Titelbild des "Spiegel". Aus dem Leitartikel:

    Zitat

    So müssen sich die buchstabengläubigen Wagnerianer, denen das germanisch zelebrierte Werk Weihe und Weltanschauung bedeutet, damit abfinden, daß im Festspielhaus des Meisters "Siegfried" ohne Drachen, "Parsifal" ohne pompösen Karfreitagszauber und "Die Meistersinger von Nürnberg" ohne Nürnberg gegeben werden - eine Entrümpelung, die als "Show", "Musical", "Revue", "amerikanisch", "ostzonal", "bolschewistisch" oder gar als "Strawinski" deklassiert wird.

    Quelle: "http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46273447.html"


    2) Sergio Morabito / Jossi Wieler: Ebenfalls in Stuttgart habe ich viele Inszenierungen beider Regisseure erlebt, die sie gemeinsam erarbeitet hatten, z. B.: Wagner: Siegfried, Schönberg: Moses und Aron, Busoni: Doktor Faust, Gluck: Alceste, Händel: Alcina, Monteverdi: L’ Incoronazione di Poppea, Soler: Una cosa rara - alles herausragende Produktionen, an die ich mich gern erinnere.


    3) Hans Neuenfels: 1979/80 war ich zweimal in Frankfurt, um Die Gezeichneten zu erleben, womit ich Franz Schreker kennen und schätzen lernte. Die Bilder wirken bis heute nach. Das gilt ebenfalls für die Stuttgarter Aufführungen von Wagners Meistersingern und Janáčeks Die Sache Makopulos.


    4) Calixto Bieito: Hier ausführlich besprochen und gepriesen wurde sein Stuttgarter Parsifal. Aufregend fand ich auch seine szenische Gestaltung von Händel: Il Trionfo del Tempo e del Disinganno, ebenfalls in Stuttgart, ebenfalls hier ausführlich gewürdigt.


    5) Peter Konwitschny: Seine Stuttgarter Götterdämmerung hat mich sehr beeindruckt, weil es ihm gelang, auch die komischen Aspekte auf absolut stimmige Weise herauszuarbeiten, so daß ich nicht das Bedürfnis verspüre, weitere Aufführungen dieses Werks erleben zu wollen... Eigentlich müßte ich noch eine zweite Konwitschny-Arbeit nennen, aber es will mir gerade keine einfallen, bei der ich selbst dabei war.


    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • 1.)
    stefan herheim "don giovanni" aalto essen (2008) und "mdm. butterfly" volksoper wien (2004)


    2.)
    tilmann knabe "rheingold" und "mdm. butterfly" aalto essen (2008 bzw 2011)


    3.)
    peter konwitschny "macbeth" oper leipzig (2011)


    4.)
    dietmar pflegerl " la traviata" oper graz(2005)


    5.)
    john dew "katja kabanova" städt. bühnen münster (2010 zuvor 2009 in darmstadt)


    lg yago

  • Die Fünf

    Mit nur fünf Nennungen werde ich nicht so ganz hinkommen, aber ich will es versuchen.


    1.Calixto Bieito: unabhängig davon, dass ich von Bieito einige schwächere ("Aida" in Basel, "Fidelio" in München, "Freischütz" in Berlin z.B.) oder manch schlechte ("Manon" in Frankfurt oder die beiden Schauspielproduktionen "Lulu" und "Bernarda Alba" in Mannheim) gesehen habe, diejenigen, die mich so in den Sitz gedrückt haben, dass sie für mich zum stärksten gehören, was ich auf der Opernbühne überhaupt erleben durfte, überwiegen deutlich. Mein absoluter Favorit ist der "Trovatore" in Hannover, aber auch die "Entführung" in Berlin, die "Butterfly" oder die "Armide" am gleichen Ort, "Don Giovanni", "Traviata" und "Cav/Pag" in Hannover, "Lulu" , "Don Carlo" und "Totenhaus" in Basel, "Elektra" , "Vida breve" und "Grand macabre" in Freiburg, "Holländer", "Jenufa" oder "Fanciulla del West" in Stuttgart haben bleibende Eindrücke hinterlassen.


    2. Peter Konwitschny: es war ein toller Abend, als ich das erstemal in Hamburg eine Inszenierung von Peter Konwitschny habe sehen können. Ausgerechnet „Der Rosenkavalier“ hat mir so umwerfend gut gefallen, dass ich immer bedauert habe, diese Produktion nicht noch ein weiteres Mal erlebt zu haben. Jeder Akt war in einer anderen Zeit angesiedelt und der gesamte erste Akt spielte inmitten des auf der Bühne postierten Orchesters, Dirigent Metzmacher durfte ebenso mitspielen, wie das Orchester. Neben der Frankfurter Inszenierung der unvergessenen Ruth Berghaus die beste Inszenierung des „Rosenkavalier“, die ich bislang überhaupt gesehen habe. In Folge habe ich jede Regie-Arbeit von Peter Konwitschny in Hamburg besucht, die auf den Plan kam. Grosse Klasse seine „Meistersinger“, sein „Don Carlos“ oder auch der „Freischütz“, herausragend auch der Schulklassen-„Lohengrin“, sehenswert die „Lulu“, der „Moses“ oder auch der Abschiedsscherz mit Mozarts „Tito“. Genial die ursprünglich für Graz konzipierte Kammerspiel“-Aida“ (die ich in Leipzig gesehen habe), überzeugend in Graz die „Traviata“ und die „Pique Dame“ – und nicht zu vergessen: Nonos „Al gran sole“ in Hannover.


    3. Stefan Herheim: Herheim ist der wohl z. Zt. phantasievollste Regisseur, der Opern inszeniert. Immer gibt es enorm viel zu sehen, immer verblüfft Herheim mit Bildern, die ihren ganz eigenen – oft sehr poetischen – Reiz zu entwickeln vermögen. Dass Herheim grossen Wert auf eine ausgefeilte Personenführung legt, soll hier nicht unerwähnt bleiben. Meine Erstbegegnung mit einer Herheim-Inszenierung war der „Don Giovanni“ in Essen, eine wirklich intelligente, dabei immer auch augenzwinkernde Auseinandersetzung mit Mozarts für mich gelungenster Oper in einem Ambiente, das man nicht unbedingt mit diesem Stück verbinden würde, nämlich einer Kirche, und das Stück funktioniert in diesen Bildern, als könne es nur so gemacht werden. Ebenfalls herausragend die umwerfende „Rusalka“ aus Brüssel/Graz/Dresden oder die „Lulu“ aus Dänemark, die von der Dresdner Semperoper übernommen wurde. Allemal sehenswert der Berliner „Lohengrin“ oder der „Xerxes“, der jetzt auch an der Deutsche Oper am Rhein gezeigt werden wird, sowie der „Onegin“ in Amsterdam und drei Stunden bestes Theater bietet die eigenwillige Interpretation der „Carmen“ in Graz, die in einer Gemäldegalerie mit Carmen als Putzfrau und José als Museumswärter spielt.


    4. Karoline Gruber: es war eine Inszenierung der Monteverdi-Oper „Krönung der Poppea“ in Hamburg, die sofort mein Interesse an Karoline Gruber geweckt hat. Bildstark, tolle Personenführung, unterhaltsam, mit Tiefgang – alles da, was einen spannenden Theaterabend ausmacht. Auch ihr „Giulio Cesare“ am gleichen Ort war ein voller Erfolg und in letzter Zeit war es sicher ihre Inszenierung der „Platée“ an der Deutschen Oper am Rhein, die mich am stärksten beeindruckt hat. Aber auch die Regie des „Don Giovanni“ in Duisburg oder die Produktion von „Elegie für junge Liebende“ in Essen soll nicht unerwähnt bleiben.


    5. Tilman Knabe: es gab bisher nur eine einzige Inszenierung von Knabe, die ich gesehen habe und die mir überhaupt nicht gefallen hat: „Fierrabras“ in Frankfurt und bei „Bassariden“ in Hannover hat es gedauert, bis das Stück dann endlich doch noch zum Teil überzeugen konnte. Unmittelbar vor „Fierrabras“ hatte ich in Bremen die Knabe-Inszenierung der „toten Stadt“ gesehen, von der ich sehr angenehm überrascht war. Aber was dann kam, war trotz aller Kruditäten, immer packendes Musiktheater. Das gilt für „Turandot“ in Essen genauso wie für sein umwerfendes „Rheingold“ ebendort, das trifft auf den „Samson“ in Köln und nicht zuletzt auch für die gelungene Auseinandersetzung mit Wagners „Tristan“ in Mainz zu. Selbst beim „Lohengrin“ in Mannheim, bei dem Staunen macht, wie konsequent Knabe sein Konzept den Abend über verfolgt, lässt sich vergessen, das nicht alles was der Regisseur mit grossem Geschick umsetzt, wirklich mit der Musik harmoniert. Dass Knabe auch ohne Qualitätsverlust zu leiseren Tönen fähig ist, hat er mit seiner „Butterfly“ in Essen bewiesen.


    Da die Zahl „fünf“ nun erreicht ist, will ich nur noch anfügen, wer mir doch einer Erwähnung wert erscheint: Christoph Marthaler (vor allem „Pelleas“ in Frankfurt, aber auch „Luisa Miller“ oder „Fidelio“, gleichfalls in Frankfurt, sowie „Wüstenbuch“ und die „Grossherzogin von Gerolstein“ in Basel) Dmitri Tcherniakov („Lady Macbeth“ in Duisburg und „Karmeliterinnen“ in München), Martin Kusej(„Die Gezeichneten“ in Stuttgart, ganz toll die „Rusalka“ in München, sehenswert „Holländer“ in Amsterdam und „Rakes Progress“ in Wien) Barrie Kosky („Holländer“ in Essen, „Peter Grimes“ und „Totenhaus“ in Hannover, „Iphigenie auf Tauris“, „Rigoletto“ und „Rusalka“ in Berlin) Herbert Wernicke („Barbier von Sevilla“ in Darmstadt, "Phaeton" in Kassel, „Ring“ in Frankfurt, „Actus tragicus“ in Basel und Stuttgart), Peter Mussbach („Entführung“ in Kassel, „Der ferne Klang“ in Berlin, „Wozzeck“ in Frankfurt) sowie Ehrenplätze für Hans Neuenfels („Die Gezeichneten“, „Aida“ und „Dr. Faust“ in Frankfurt) und Ruth Berghaus („Entführung“, „Rosenkavalier“ und „Ring“ in Frankfurt).

    Der Kunst ihre Freiheit

  • Lieber Alviano,


    schön, wieder mehr von Dir zu lesen, Du hast mir sehr gefehlt!


    Zwei Anmerkungen:


    1.) Bei Bieito hast Du den Parsifal nicht erwähnt, hat das einen Grund?
    2.) Knabe's Tristan hat mir nicht gefallen, magst Du da evtl. noch im entsprechenden Thread etwas nachberichten?


    Und ein paar Fragen: Kennst Du Berghaus' Tristan? Ihren Freischütz? Ihren Barbier? Oder ihren Pelleas?
    Neuenfels' Lohengrin? Seine Pentesilea (Schoeck)? Herheims Parsifal?


    Gespannt!


    Matthias

    "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
    "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
    "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
    "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)

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