Shakespeare verfilmt

Vom 28. Januar 2022, 13.30 Uhr bis 03. Februar 2022, 13:30 Uhr findet die 12. ordentliche Mitgliederversammlung des Capriccio-Trägervereins hier statt. Mitglieder werden gebeten, sich für die Teilnahme ab Freitag hier zu registrieren. Die Freischaltungen erfolgen im Laufe des Freitags, wir bitten dann um etwas Geduld.
  • Vielen Dank, Wolfram ! Werde ich mir ansehen. Ich bin weiterhin bei meiner NT production geteilter Meinung, teils wirklich grossartig in ihrer Wirkung auf mich, teils finde ich die Realisation einiger Charaktere nicht ausreichend, oder auch einiger Passagen. Ich weiss einfach nicht, ob ich etwas falsch einsortiere oder nicht. Aber diese "Diskussion" mit mir selber ist an sich auch schon interessant.


    Übrigens finde ich das YT video mit Mark Rylance sehr beeindruckend. Er hat wohl eher auf die manipulierende Seite gesetzt, nicht auf die hart grausame. So sieht es in dem Ausschnitt aus. Mark Rylance ist wirklich toll in diesem Ausschnitt. Die Frage ist in der Tat, wie er das durch das Stück durchzieht. Macht neugierig.

    Ich habe übrigens vor ein paar Jahren das Stück mit Ralph Fiennes gesehen und war auch beeindruckt. Ich glaube man kann es irgendwo streamen, habe es aber noch nicht gefunden

  • Liebe Rosamunde, ich werde direkt zu der NT-Produktion ja nicht viel sagen können, weil ich sie nicht kenne (vielleicht finden sich auf YT noch ein paar mehr Ausschnitte) und auf meine von der RSC warte ich halt noch. Aber wir können dann uns dann sicherlich über die unterschiedliche Anlage verschiedener Charaktere unterhalten. Am besten dann wohl in einem Extra-Thread.


    Ja, Rylance finde ich auch wirklich interessant. Möglich, dass er die Rolle eher manipulierend angelegt hat, möglicherweise gibt er als Richard aber auch den mitleiderregenden Verkrüppelten. Leider gibt es diese Produktion nicht auf DVD und bei YT ist nur dieser kleine Ausschnitt zu finden.


    Das Globe ist übrigens als Theaterort gar nicht uninteressant, weil dadurch die Rektionen und auch das teilweise Mitspielen des Publikum so unmittelbar sind. Für demnächst habe ich mir eine der Globe-Boxen mit den Komödien gewünscht. Mal sehen, wie die vom Publikum in toto aufgenommen werden, nach den YT-Ausschnitten zu urteilen, ist da ordentlich was los. :)


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    (Twelfth Night, wieder mit Mark Rylance)


    :wink:Wolfram

  • (USA/Italien 1999)


    Was für ein fürchterliches Stück! Und gleichzeitig fasziniert es auch auf eine bestimmte Art. Ein Reich im Verfall, in dem alle zivilisatorischen Errungenschaften und Grenzen fallen und nur noch Gewalt als Ausdrucksmittel herrschen kann. Wer auch immer dieses Stück geschrieben hat, er geht hier mit absoluter Konsequenz vor und scheut vor nichts zurück. Ich weiß nicht, ob ich mich intensiver damit beschäftigen möchte, ich weiß auch nicht, ob alles immer visualisiert werden muss, aber die schonungslose Darstellung einer sprachlosen Gesellschaft oder das konsequente Durchdenken solch einer Situation birgt (leider) eine gewisse Wahrheit. Und vielleicht kommt es nicht von ungefähr, dass gerade ab der zweiten Hälfte des XX. Jhrdts. Theatermacher sich weider intensiver mit dem 'Titus' beschäftigt haben.


    Nun also dieser Film der Regisseurin Julie Taymor (The Tempest) und mit Anthony Hopkins und Jessica Lange. Ich muss gestehen, ich habe irgendwann nur noch weggeschaut, nicht weil der Film so schrecklich wäre, sondern weil die Gewaltexzesse unerträglich werden. Für mich jedenfalls. Natürlich ist das alles im Stück angelegt, aber, wie gesagt, muss es alles immer gezeigt werden? Vielleicht bin ich da auch besonders zartbesaitet, ein 'Kopfkino' reicht mir durchaus. Der Film ist gar nicht einmal uninteressant angelegt in seiner Mischung von altem Rom und modernen Einsprengseln, von Antike und EUR. Die Szenenbilder von Dante Ferretti sind teilweise überwältigend, ebenso wie die Kostüme von Milena Canonero und trotzdem schwankt der Film in der Ästhetik ständig zwischen Fellini und Boy George ohne beide zu erreichen. Wie brav wirken z.B. die Orgiensequenzen verglichen mit Fellini und der Verweis auf 'La strada' ist ziemlich billig. Aber das gleichzeitige Verankern der Geschichte im antiken Rom und in einer modernen Gesellschaft, die sich Gewalt auch in einer Form der Unterhaltung zuführt, ist durchaus beeindruckend. Zum Glück hat die Regisseurin den Stoff nicht 1:1 in die Neuzeit transportiert, sondern schlägt eher einen Bogen, dabei die immerwährende Bedeutung deutlichmachend.


    Anthony Hopkins ist durchaus beeindruckend, was ich vom Rest der Besetzung persönlich nicht unbedingt sagen würde. Mal agieren die Schauspieler ok, mal überzeichnet, mal weniger gut. Ein einheitlicher Stil ist nicht erkennbar und eine besondere Affinität zu Shakespeare auch nicht. Aber vielleicht geht es auch nicht darum.


    :wink:Wolfram

  • (GB 1989)


    Gestern habe ich nach zig Jahren mal wieder diesen Film von Kenneth Branagh gesehen und halte ihn immer noch für seine beste Shakespeare-Verfilmung. Und trotzdem hat er irgendwie auch Staub angesetzt.


    Ich glaube, Branaghs große Leistung war, dass er damals mit der Renaissance-Group noch einmal eine Theatertruppe auf die Beine gestellt hat, die grandiose Schauspieler quer durch die Generationen und Stile zusammengeführte und die es schaffte, stilbildend für die Shakespeare-Rezeption seiner Zeit, mindestens in England, zu werden.


    Einen ersten Vorgeschmack davon konnte man 1989 mit diesem Film, seinem Erstling als Regisseur, erleben. Eigentlich ist das typischer Branagh - wenn schon, denn schon. Wohlwissend, dass er an Olivier und dessen Verfilmung gemessen werden würde, wagte er sich an diesen außerhalb Englands (und vielleicht den USA) doch ziemlich schwer vermittelbaren Stoff. Henry V. - 'this star of England' - was sagt er schon anderen Nationen? Aber an Selbstbewusstsein scheint es Branagh nie gemangelt zu haben.


    Der Film ist durch die Bank hervorragend gespielt (vielleicht mit einer Ausnahme, aber dazu gleich), flüssig und logisch inszeniert und setzte damals schon eine Marke hinsichtlich großer Shakespeare-Deutungen. Aber man merkt schon sehr den Theatermacher, der sich nun dem Film zuwandte. Nur ein einziges Mal ist er wirklich filmisch unterwegs. Nach der Schlacht von Agincourt gibt es eine endlos wirkende Plansequenz, die Henry bei seinem Gang über das Schlachtfeld begleitet. Das ist grandios, überwältigend, erschütternd und überaus erhellend. Und es ist großes Kino. Ansonsten ist es eigentlich eher großes Spiel, was ja auch nicht zu verachtend ist, was aber nur ein Teilaspekt bei 'Shakespeare im Film' meint.


    Apropos 'großes Spiel'. Ich habe damals Branagh und seine Arbeiten mit seiner 'Group' sehr genau verfolgt und seine Arbeiten sehr geschätzt. Gestört hat mich aber schon immer er selber. Er schien mir immer zu selbstverliebt in seine eigenen Möglichkeiten, ein Riesentalent zwar, aber als sein eigener Regisseur zu wenig gewillt, sich selber zu disziplinieren. Etwas, was auf Olivier z.B. auch zutraf, allerdings noch nicht von Beginn seiner Karriere an. Branagh gibt immer einen Tick zu viel, ist immer um Nuancen zu sehr im Mittelpunkt und zwar nicht, weil die Rolle es verlangt, sondern, weil er sich selber zu gerne produzierte, weil er immer alle seine schauspielerischen Möglichkeiten zeigen wollte. Die waren und sind enorm, aber er musste sie nicht geradezu in jedem Vers 'rüberbringen'.


    In 'Henry V.' steht er am Anfang und so hält sich auch seine Egozentrik noch in Grenzen, aber sie ist schon erkennbar. Noch passte sie durchaus zur Rolle, aber die Idee einer Olivier-Nachfolge scheint schon durch.


    :wink:Wolfram

  • Na ja. König Lear kommt auch nicht ohne rüber; halt Hardcore-Shakespeare........

    Das ist richtig und Shakespeare ist in der Beziehung ja eh nicht zurückhaltend. Es mag auch an mir liegen, aber dieses Baden in Blut ist nicht mein Ding, auch nicht die rein körperliche Gewalt. Mit psychologischer kann ich eher umgehen, auch wenn sie im Zweifelsfall genauso unerträglich ist.


    :wink:Wolfram

  • (2011)


    Keine Verfilmung eines Stückes, sondern eine Auseinandersetzung mit der Autorenschaft.


    Ich habe den Film vor 10 Jahren mal gesehen und erinnerte noch, dass ich ihn ziemlich schlecht fand. Die Story hatte ich allerdings vergessen oder eher verdrängt und so habe ich ihn mir heute noch einmal angeschaut. Meine Güte, ist das Ding schlecht. Die Geschichte ist verquer und aufgedonnert und selbst für 'Oxfordianer' schwer zu schlucken. Früher nervten einen die Pappkulissen, wenn im Studio gedreht wurde, heute ist es die ständige und so unauffällige Computeranimation. Schauspielführung scheint nun auch nicht Emmerichs große Stärke zu sein, einzig Vanessa Redgrave überzeugt, aber das hätte sie wohl auch noch ohne den Regisseur hinbekommen. Fazit: Zwei Stunden Lebenszeit verschenkt und die Chance einen wichtigen Beitrag zur Autorendebatte zu drehen, verschenkt.


    :wink:Wolfram

  • Das ist richtig und Shakespeare ist in der Beziehung ja eh nicht zurückhaltend.

    Brutalo-Elemente beschränken ja nicht auf Shakespeares Zeilenquälereien sich. Bereits oller Aischylos lässt in seiner Orestie Teil 1 (Agamemnon) via Kassandra mega-fiese Greul-Taten Atreus referieren. Aus Eifersucht (des Auswärtsspiels seiner Frau wegen) schlachtete er Kinder seines Bruders Thyestes, um ihn diese dann als super-leckeres Dinner for One zu servieren (oder auch servieren zu lassen):

    …Sehr, dort vorm Haus sitzen sie,
    die Kinder. Seht ihr sie ?...
    ..... Kinder- erschlagen von ihren Verwandten,
    die Hände voll Fleisch,
    Fraß vom eigenen Leib –
    Sie halten ihr Gedärm und ihre Eingeweide,
    sie halten die jammervolle Last,
    von der ihr eigner Vater aß….
    (Übersetzung P. Stein)

    Bei Homer, Sophokles und auch viel späteren Schreiberlingen wird man beim Reinziehn gleichfalls fündig...

    ....... auch virtuelle Kunst-Chose kommt nicht immer besonders piekfein rüber...

    (was RT-Phoben an sog. "Blut- und Kotzorgien" bzw. "Steinbruch" derselben des RTs so sehr auf den Senkel geht, wäre keinesfalls Erfindung bzw. Entsprungenes vom RT :D )

    „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann

    5 Mal editiert, zuletzt von Amfortas09 ()

  • Das ist richtig, dass die ollen Griechen in ihrem Theater auch ganz schön loslegen konnten. Trotzdem reicht es mir persönlich, wenn es sich auf's

    lässt in seiner Orestie Teil 1 (Agamemnon) via Kassandra mega-fiese Greul-Taten Atreus referieren

    Referieren beschränkt. Kopfkino ohne Ekelfaktor. Womit wir natürlich zum Kino und zum RT kommen.

    ...... auch virtuelle Kunst-Chose kommt nicht immer besonders piekfein rüber...

    Ein Grund, warum ich mir manche modernere Versionen auf der Leinwand oder der Bühne anschauen, ist schon ein gewisser Hang dazu, alles bis ins Detail zu zeigen. Persönlich brauche ich das nicht, finde es eher abstoßend und abtörnend im Sinne von Spannung tötend. Schon die Polanski-Verfilmung des Macbeth habe ich mir äußerst ungerne angesehen und seit Jahrzehnten nicht mehr angerührt.


    Aber unabhängig davon, halte ich den Titus allgemein für ein schwächeres Stück, in dem das Grauen viel zu sehr im Vordergrund steht und psychologische Begründung verdrängt. Und wenn man schon mit Opferung und Mord beginnt, kann man dann wohl nur noch mit Zerstückelung, Vergewaltigung, Verspeisen etc. enden, um eine gewisse Spannung zu erhalten. Auch von daher eher schwach in der Anlage und dann letztlich, wie gesagt, fürchterlich.


    :wink: Wolfram

  • Referieren beschränkt. Kopfkino ohne Ekelfaktor.

    .. finde es eher abstoßend und abtörnend im Sinne von Spannung tötend. Schon die Polanski-Verfilmung des Macbeth habe ich mir äußerst ungerne angesehen und seit Jahrzehnten nicht mehr angerührt.

    Referieren bzw. Schilderungen kommen mit wesentlich größeren Ekelfaktor rüber als visuelle Umsetzung, die im Verhältnis oft verharmlost; wie eben Macbeth-Verfilmung Polanskis. Auch deshalb ging mir seine generell enttäuschende Macbeth-Chose auf den Sack.

    Ein Grund, warum ich mir manche modernere Versionen auf der Leinwand oder der Bühne anschauen, ist schon ein gewisser Hang dazu, alles bis ins Detail zu zeigen.

    ob Hang zum quasi Detailfetischismus neu rüberkommt, ist bisher mein Brägen sich nicht sicher. Denn viele sog. traditionelle Inszenierungs-Chosen hat er sehr detailreich in Erinnerung. Zuweilen sogar detailreicher als manche RT-Chosen…….

    Womit wir natürlich zum Kino und zum RT kommen.

    So isses … :jaja1: :jaja1: :jaja1: :top: :top: :top: :top: :top:

    Mein Brägen hat dazu unterhaltsames Posting Wolfsschluchts auf Schirm:

    Genau darum ist Tendenzen gegenzusteuern, welche die Deutungshoheit von Musiktheater ausschliesslich in die Hände von Schauspielregisseuren legen, die kulturelles Erbe nur als Steinbruch für Blut-, Kotz- und Hakenkreuzorgien sehen, um das Publikum eine Botschaft nahezubringen, welche dem Werk oftmals keineswegs inhärent ist.

    Wolfsschlucht irrt m.E.

    RT-Promis sind meistens keine bloßen Schauspielregisseure. Und was er als Blut- und Kotzorgien auf Schirm hat, ist halt den sog. kulturellen Erbe gar nicht so unhäufig inhärent.

    Dazu mal ein Germanys Top-Model in Gestalt von Schillers Räuber (2. Akt):


    SCHUFTERLE. Dreiundachtzig sagt man. Der Turm allein hat ihrer sechzig zu Staub zerschmettert.

    RÄUBER MOOR sehr ernst. Roller, du bist teuer bezahlt.

    SCHUFTERLE. Pah, pah! was heißt aber das? – ja, wenns Männer gewesen wären – aber da warens Wickelkinder, die ihre Laken vergolden, eingeschnurrte Mütterchen, die ihnen die Mücken wehrten, ausgedörrte Ofenhocker, die keine Türe mehr finden konnten – Patienten, die nach dem Dokter winselten, der in seinem gravitätischen Trab der Hatz nachgezogen war – Was leichte Beine hatte, war ausgeflogen der Komödie nach, und nur der Bodensatz der Stadt blieb zurück, die Häuser zu hüten.

    MOOR. O der armen Gewürme! Kranke, sagst du, Greise und Kinder? –

    SCHUFTERLE. Ja zum Teufel! und Kindbetterinnen darzu, und hochschwangere Weiber, die befürchteten, unterm lichten Galgen zu abortieren, junge Frauen, die besorgten, sich an den Schindersstückchen zu versehen und ihrem Kind in Mutterleib den Galgen auf den Buckel zu brennen – Arme Poeten, die keinen Schuh anzuziehen hatten, weil sie ihr einziges Paar in die Mache gegeben, und was das Hundsgesindel mehr ist, es lohnt sich der Mühe nicht, daß man davon redt. Wie ich von ungefähr so an einer Baracke vorbeigehe, hör ich drinnen ein Gezeter, ich guck hinein, und wie ichs beim Licht besehe, was wars? Ein Kind wars, noch frisch und gesund, das lag auf dem Boden unterm Tisch, und der Tisch wollte eben angehen, – Armes Tierchen, sagt ich, du verfrierst ja hier, und warfs in die Flamme – …..

    „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann

    Einmal editiert, zuletzt von Amfortas09 ()

  • Klar gab es im älteren Kino und auch bei klassischen Inszenierungen Grenzen diesbezüglich, die eigentlich selten bis gar nicht überschritten wurden, egal, was im Text vorkam. Und selbst solch eine explizite Gewaltszene wie die Duschszene in 'Psycho' vermeidet es noch. Das Messer berührt den Körper nie und der Film wurde ganz bewusst in Schwarzweiß gedreht. Erst in den 60iger Jahren (Ausnahmen gab es mit Sicherheit auch schon früher) wagen diesbezüglich Regisseure immer mehr.


    "die kulturelles Erbe nur als Steinbruch für Blut-, Kotz- und Hakenkreuzorgien sehen," ist in dieser Verallgemeinerung natürlich Unsinn, aber die Deutlichkeit, mit der heute Dinge auf der Bühne gezeigt werden, ist schon eine andere. Und, finde ich, nicht immer zum besten der Inszenierung, denn viele Dinge lenken in dem Moment auch nur ab oder lassen einen inneren Spannungsbogen abfallen.


    Ich finde übrigens nicht, dass das Kopfkino wesentlicher intensiver wirkt, denn das kann ich selber noch steuern. Zudem anerkennt es, wenn es denn eingesetzt wird, den Zuschauer eher als autonomes Gegenüber, dem nicht alles vorbuchstabiert werden muss.


    :wink:Wolfram

  • (USA 1929)


    So interessant das Stück, so banal der Film. Fairbanks und Pickford in ihrem einzigen gemeinsamen Film, einem frühen 'talkie' von 1929. Runtergeschmort auf gute eine Stunde Länge bietet der Film zwangsläufig noch wenig Dialog, pathetisches Agieren in bester Fairbanks-Manier, auch wenn es mit den akrobatischen Teilen nicht mehr ganz so klappt, eine Pickford, die nun wirklich mal gegen ihren beliebten Rollentypus eingesetzt wurde und ansonsten die klassische Auflösung im Schlussmonolog: Augenzwinkern und sie wird ihren Petrucchio schon beherrschen.


    Alles ganz klassisch inszeniert, was bei den beiden Hauptdarstellern/Produzenten und der Entstehungszeit wohl auch gar nicht anders ging, was dem Stück aber überhaupt nicht zugute kommt, denn da ist mehr drin.


    :wink:Wolfram

  • (1973)


    Heute habe ich mir mal, nach fast fünfzig Jahren, die Produktion wieder angeschaut, die mich als Halbwüchsiger so unendlich fasziniert hat.


    Tja, wie die Zeiten sich ändern. Großartige Schauspieler, keine Frage, auch wenn mir ihr Stil nicht mehr ganz zusagt. Aber ok, nur, warum um alles in der Welt mussten, vielleicht auch müssen Komödien im deutschsprachigen Raum so unendlich langsam und bedeutungsschwanger rübergebracht werden? Das ist alles so dermaßen auseinandergezogen, so auf jedes Wort hin inszeniert, in den Bewegungen manchmal fast zeitlupenartig, dazu dann gefühlt unendlich lange Umbaupausen zwischen den einzelnen Szenen und derer gibt es viele. Dabei ist Timing ja nun gerade das, was eine Komödie ausmacht, dazu Charme und diese besondere Leichtigkeit, die aber trotzdem nichts überspielt. Nichts davon in dieser Inszenierung. Schade.


    In den späten 80iger wird es wohl gewesen sein, sah ich das Stück am Hamburger Thalia Theater unter der Regie von Jürgen Flimm und habe mich damals auch wieder köstlich amüsiert. Zu gerne würde ich davon eine Aufzeichnung heute sehen, um mein Urteil überprüfen zu können. Andererseits hat wohl so Manches sein Verfallsdatum. Wichtiger ist dann, wie es in seiner Zeit wirkt. Und da hat auch Otto Schenk sehr gut funktioniert.


    :wink:Wolfram

  • Heute habe ich mir dann doch einmal einen Film gegeben, der zwangsläufig ohne das auskommen muss, was Shakespeare eben vor allem ausmacht, nämlich ohne die gesprochenen Verse.



    Nun kann man natürlich viel Shakespeare in die Zwischentitel packen, wovon hier auch ausgiebig Gebrauch gemacht wurde. Emil Jannings (Othello) und Werner Krauss (Jago) sind durchaus ihren Standardrollen entsprechend besetzt, Lya de Putti als Emilia vielleicht eher weniger. Aber das ganze Ding ist von 1922 und man merkt es oder vielleicht auch nicht. Expressionistische Verfremdungen in Bild und Ausstattung darf man nicht erwarten, eher eine gepflegte Inszenierung der Guckkastenbühne hier übertragen auf die Guckkastenleinwand. Die Kamera ist relativ starr, Szene für Szene wird größtenteils abgearbeitet und die Schauspieler agieren eher als Bühnenakteure. Selten wird diese Art einmal durchbrochen, obwohl der Film in seiner Entwicklung eigentlich schon viel weiter war. Historisch interessant, aber auch nicht mehr.


    Was das angeht, sind die vier kurzen Shakespeare-Adaptionen im Bonus-Material vielleicht sogar interessanter. Kurze, teilweise sehr kurze Filme von 1905 bis 1911 (Macbeth, Taming of the Shrew (immerhin D.W.Griffith), Romeo (in modernem Gewand und farbig) und eine dänische Version namens 'Desdemona'), die das schon sehr frühe Interesse des Films und offensichtlich auch des Publikums an Shakespeare bezeugen.


    :wink:Wolfram

  • Und nun mal wieder diesen hier:


    (1996)


    Das ist schon ein ganz schönes Monstrum: ungekürzter Text, 233 Minuten, 70mm und eine Besetzung, die bis in kleine Nebenrollen mit großen Namen aufwartet.


    Persönlich schätzte ich Branagh ja v.a. für seine außergewöhnliche Ensemblearbeit, die er mit der Renaissance-Group geleistet hat, für die Verbindung von alter und neuer Theatertradition auf allerhöchstem Niveau. Gestört hat mich bei ihm immer seine Eitelkeit, mit der er sein eigenes Spiel auch belastet hat.


    Hier, bei diesem Film, würde ich nun mal sagen, zum Glück ist er eitel und damals hemmungslos gewesen, wenn es um neue Produktionen ging. Ohne das wäre eine Verfilmung des gesamten Textes wohl nicht möglich gewesen. Da muss man schon sehr von sich überzeugt sein, um so etwas anzuleiern.


    Ich habe den Film bei Erscheinen im Hamburger Savoy auf großer Leinwand gesehen und war trotz der visuellen Opulenz nicht so richtig angetan. Und auch jetzt beim Wiedersehen fand ich ihn doch recht uneinheitlich, auch wenn ich ihn heute insgesamt doch besser bewerten würde. Es ist großes Kino, so wie Ben-Hur oder Cleopatra großes Kino ist, teilweise aufgemoppt, teilweise ein ästhetischer Rausch, teilweise aber auch unglaublich gut inszeniert. Aber das stört mich gar nicht mehr so sehr, sondern eher ist es die Besetzung. Jack Lemmon, Charlton Heston (durchaus Shakespeare erprobt), Billy Chrystal, Robin Williams, Gerard Depardieu - da wurde doch zu sehr auf den internationalen Markt geschielt, was nicht heißt, das es Ausfälle wären, aber die Absicht ist doch zu offensichtlich. Und alleine durch die Besetzung bekommen manche Rollen dann ein Gewicht, das sie im Gesamtgefüge einfach nicht besitzen.


    Dagegen stehen einerseits Kate Winslet und Julie Christie, die zwar vom Stil her ausgemachte britische Schauspielerinnen sind, aber unvertraut mit Shakespeare, was man bei der Christie durchaus merkt. Andererseits gibt es dann die britischen Schauspieler, die sozusagen aus dem Stall von Branagh kommen bzw. in ihm immer wieder gearbeitet haben. Und diese liefern dann die überzeugendsten Arbeiten ab. Richard Briers ist ein fantastischer Polonius, der nie die Figur in die Lächerlichkeit abgleiten lässt, sondern durchaus auch den kalten Politiker zeigen kann. Nicholas Farrell ist ein treuer, verzweifelter, auch liebender Horatio, prägnant, ohne sich in den Vordergrund zu schieben. Der große Derek Jacobi ist als Claudius einfach umwerfend. Das ist schlichtweg großes Spiel, das ist einmal mehr ein Beleg dafür, dass englische Schauspieler, wenn sie denn gut sind, aber auch wirklich richtig gut sind. Da reicht ein Blick und eine Seelenstimmung offenbart sich. Von all dem anderen ganz zu schweigen.


    Und dann ist da natürlich Kenneth Branagh als Hamlet, ohne den das Stück, der Film natürlich nicht funktioniert. Ich muss gestehen, ich war überwältigt von seiner Leistung. Dass er ein gigantisches Können besitzt, war mir immer klar. Dass er aber auch seine Manierismen, selbst in seiner eigenen Regie, beherrschen könnte, war mir so nicht mehr klar. Er beherrscht natürlich jede Szene, aber er liefert die Verse ( und das sind in der ungekürzten Fassung verdammt viele) mit einer Selbstverständlichkeit und gleichzeitig mit solch einer Kunstfertigkeit ab, die einfach nur bewundernswert ist. Der berühmteste aller Monologe, auch 'O what a rogue and peasant slave am I' - großartig, anders als gewohnt, aber immer überzeugend. 'I have of late...' - eine Sternstunde, 'If it be now...' (vielleicht der Höhepunkt des ganzen Films) - zu Tränen rührend ebenso wie seine Sterbeszene. Leider verkorkst er 'How all occasions....' filmisch komplett. Was auch immer ihn da geritten hat, das ist unecht, pathetisch und da die letzte Szene vor der Pause auch besonderes peinlich.


    Aber egal, Branagh, der Schauspieler, ist als Hamlet ein Ereignis, an dem sich noch manche Generation wird messen lassen müssen.


    :wink:Wolfram

  • Aber egal, Branagh, der Schauspieler, ist als Hamlet ein Ereignis, an dem sich noch manche Generation wird messen lassen müssen.

    Dem ist nichts hinzuzufügen. :thumbup: Ich vergöttere ihn regelrecht für seine Leistungen in sämtlichen Shakespeare-Verfilmungen. :verbeugung1: :verbeugung1: Speziell aber für diese (als Hamlet).


    Dennoch möchte ich Mel Gibson nicht unerwähnt lassen (Verfilmung aus dem Jahre 1990):


    Ich weiß noch, wie baff und überwältigt ich von ihm war. Ich hätte nie gedacht, dass er, den ich zwar schon immer sehr mochte, der ja aber meist recht oberflächliche Rollen gespielt hat, zu so viel Tiefe fähig ist. Erst durch diese Verfilmung habe ich ihn als ganz großen Schauspieler wahrgenommen.


    Und nun meine Frage in die Runde zu einer anderen und aktuellen Shakespeare-Verfilmung:

    Hat jemand von euch "The Tragedy of Macbeth" mit Denzel Washington, der derzeit im Kino läuft (OmU), schon gesehen und kann berichten?

    "Zweierlei eignet sich als Zuflucht vor den Widrigkeiten des Lebens: Musik und Katzen." (Albert Schweitzer)

  • Das ist schon ein ganz schönes Monstrum: ungekürzter Text, 233 Minuten, 70mm und eine Besetzung, die bis in kleine Nebenrollen mit großen Namen aufwartet.

    Hmm. Die Blu-ray (eine einzige!) kostet weniger als die Hälfte, läuft 10 Minuten länger, dürfte bessere Bildqualität haben. Gibt es irgendwelche Nachteile?


    maticus

    Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga
    Und wer Herr Reichelt ist, weiß ich auch erst seit Montag. --- Prof. Dr. Christian Drosten

  • Und nun meine Frage in die Runde zu einer anderen und aktuellen Shakespeare-Verfilmung:

    Hat jemand von euch "The Tragedy of Macbeth" mit Denzel Washington, der derzeit im Kino läuft (OmU), schon gesehen?

    Noch nicht, ich versuche es mal am Montag. Von den Trailern her verspreche ich mir aber 'ne ganze Menge davon.


    :wink:Wolfram

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