Ein Beethoven - mehrere Beethovens?

  • Okay, weg vom Stil: es geht um Ausdruckscharaktere...

    Da finde ich allerdings, daß das bei Mozart schon angelegt ist: allein die verschiedenen Ausdruckswelten in den Klavierkonzerten...
    Und bei Haydn..

    Und eigentlich schon im Barock: wenn ich mal die vier Jahreszeiten von Vivaldi betrachte, oder die 6 Flötenkonzerte...
    C.Ph.E. Bach, um den Vater mal garnicht erst zu zitieren...
    Freilich fällt das in der relativen Einheit des Stils - gemessen an den romantischen Personalstilen, erstmal nicht mehr so auf.

    Vielleicht ist das besondere, daß Beethoven an der Schwelle zu der Zeit steht, wo es eher seltener wurde, daß jeder Komponist einen gewissermaßen für alle Stimmungen geeigneten Stil hatte?

    In der Romantik finde ich es tatsächlich schwierig, solche Universalisten zu finden: Brahms hat es versucht, und doch: klingt bei ihm je etwas wirklich nach Leichtigkeit?
    Daß er scherzhaft die zweite Symphonie mit Trauerrand erscheinen lassen wollte, spricht etwas aus, was vor Allem nicht so vertrauten Hörern auffällt: die Schwere, die alles durchzieht auch hier. Oder Schumann: da klingts immer einen Tick leichter, auch das Zerrissene: nie will sich wirkliche Schwere einstellen. Ähnlich bei Mendelssohn. Dafür gibts bei Bruckner nur Weihe oder Gepolter - egal in welcher Tonart...

    Ist es das besondere von Beethoven, daß er an der Schwelle zwischen einem gewissermaßen selbstverständlichen Universalismus und einer Zeit steht, wo die Personalstile anfangen, tatsächlich gewisse Stimmungslagen fast automatisch zu bevorzugen? Also: von Beidem das Beste?

    Wär so meine Idee dazu...

    Gruss
    Herr Maria

    Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
    daß Alles für Freuden erwacht

  • Der Historiker Axel Körner beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Musikgeschichte und allgemeiner Geschichte, vor allem damit, wie Komponisten und ihre Werke in ihrer Zeit eingebunden sind und wie der Umgang mit Musikwerken (z-B. Opernproduktionen) zur Quelle für kultur- und mentalitätsgeschichtliche Fragen werden können.

    Dabei scheint es ihm ein besonderes Anliegen zu sein, immer anderer Meinung zu sein als die traditionelle (Musik-)Geschichtsschreibung oder, positiv formuliert, mit lange tradierten Mythen aufzuräumen. Auf seine Arbeiten zu Beethoven bin ich im letzten Jahr durch einen durchaus polemisch, aber sehr kenntnisreich formulierten Artikel in der Historischen Zeitschrift aufmerksam geworden, eine Sammelrezension unter dem Titel "Ein Zeitalter Beethovens? Neue Literatur zum Beethovenjahr", die sich vor allem am Bild des eigenbrötlerischen Titanen und des Revolutionärs Beethoven abarbeiten und ihn als in ein weites Netz an sozialen Beziehungen eingebunden darstellt.

    Nun habe ich einen Vortrag Körners gehört, der in eine ähnliche Richtung geht, seine Antrittsvorlesung als Leibniz-Professor der Universität Leipzig im Oktober 2020. Auch hier geht es um das Anreden gegen alte Mythen der Beethoven-Rezeption und vor allem um den Blick auf Beethoven aus der Welt des alten Reiches heraus, der er entstammte, statt aus der der sich entwickelnden Nationalstaaten, in der er rezipiert wurde. Bei manchen Betrachtungsweisen denke ich mir, sie sind vielleicht genau so zeitgebunden wie die ältere Perspektive, an der Körner sich abarbeitet, aber sehr anregend war dieser andere Blick auf Beethoven mit den Verweisen darauf, worüber die Beethoven-Forschung heute so diskutiert, aber auf jeden Fall, deshalb habe ich gedacht, den Hinweis sollte ich vielleicht auch ins Forum setzen, hier sind die Leute, die das interessiert! ;)

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    Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

  • Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das die optimale Rubrik für diese Link-Setzung ist, aber die anderen Beethoven-Rubriken in diesem Komponisten-Forum schienen mir auch nicht passender zu sein und in der allgemeinen Presseschau geht es unter (kann aber gerne verschoben werden, wohin auch immer):

    Dramatische Entdeckung in Haarsträhnen von Beethoven: Darum wurde der berühmte Komponist taub (msn.com)

    Beste Grüße vom Stimmenliebhaber

  • Die Blei-Hypothese habe ich vor Jahrzehnten schonmal irgendwo gelesen.

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Wenn man so einen Schwachsinn

    Zitat

    der gebürtige Deutsche

    liest, sollte man eigentlich gar nicht weiterlesen. Hab' ich dann aber doch noch ein bißchen.

    Im Deutschen gibt es ja das Wort "Neuigkeiten" - wir sollten auch "Altigkeiten" einführen.

    Bernd

    Fluctuat nec mergitur

  • Schon. Wien aber auch. Was die Bezeichnung "gebürtiger Deutscher" sinnlos macht.

    P.S.: Das "Erzbistum Köln" war und ist kein Staat. Du meinst das Kurfürstentum Köln.
    P.P.S.: der Zusatz "deutscher Nation" zum HRR ist eine Erfindung des 19. Jh.

    Bernd

    Fluctuat nec mergitur

  • Naja, alles Historische mal beiseite, ist er in den heutigen Grenzen der Bundesrepublik Deutschland geboren. Wenn Mozart als Österreicher bezeichnet wird, regt sich ja auch keiner auf. Insofern kann ich nicht recht nachvollziehen, warum du dich an diesem unwesentlichen Detail jetzt so festbeißt.

    Beste Grüße vom Stimmenliebhaber

  • Dabei frage ich mich, warum es "modernster DNA-Analyse" bedarf, um Blei- und Quecksilberspuren in Haaren zu finden.

    Alles, wie immer, IMHO.

  • Die Blei-Hypothese habe ich vor Jahrzehnten schonmal irgendwo gelesen.

    Wenn man den Artikel liest, bekommt man den Eindruck, die These sei auch nicht neu, sondern unter den Medizinern umstritten: "Doch vor allem die Bleimengen werden als Grund für Beethovens Leiden angesehen. [...] Damit widerlegte das Team eine Untersuchung aus dem vergangenen Jahr, die ausgeschlossen hatte, dass Beethoven unter einer Bleivergiftung gelitten hatte". Die einen sagen so, die anderen sagen so... wie so oft in der Wissenschaft.

    Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

  • Ok, was Journalisten so alles aus einer Publikation herauslesen und hineininterpretieren und was davon auch noch stille Post ist, weil sie voneinander abschreiben ist die eine Sache...
    (Ich mag so einen reisserischen Journalismus nicht, weder den von Gina Kolata (New York Times), noch das, was Anne-Sophie Mielke daraus abgeschrieben hat)

    Hier ist die Original-Arbeit (die ist deutlich nüchterner. Wen wundert's. Gib's auch als pdf):

    High Lead Levels in 2 Independent and Authenticated Locks of Beethoven’s Hair
    The composer Ludwig van Beethoven’s health issues throughout his life are well documented, with many conjectures on the cause of his death from liver and k
    academic.oup.com

    Die Bleithese (wenn man das so nennen möchte, weil: man hat's ja nachgewiesen und die pharmakologische Wirkung ist bekannt) gibt es in der Tat schon länger. Das Blei dazu hat man bereits 2013 in Beethovens Knochen gefunden: Michael H Stevens, Teemarie Jacobsen, Alicia Kay Crofts, Lead and the deafness of Ludwig van Beethoven, Laryngoscope 2013 Nov;123(11):2854-8. Die These ist allenfalls noch, woher das Blei kam. Bleiacetat im Wein war auch schon 2013 ein Kandidat.

    Jetzt hat man's Blei halt auch noch in den Haaren nachgewiesen.

    viele Grüße

    Bustopher


    Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
    Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)

  • Damit widerlegte das Team eine Untersuchung aus dem vergangenen Jahr, die ausgeschlossen hatte, dass Beethoven unter einer Bleivergiftung gelitten hatte". Die einen sagen so, die anderen sagen so... wie so oft in der Wissenschaft.

    das waren die selben, nicht die einen und die anderen - behauptet zumindest die Gina Kolata. Eine Publikation dazu hab ich allerdings nicht gefunden, schon gar nicht vom selben Team.


    meine Lieblingsschlagzeile zum Thema ist die von BILD:

    Neue DNA-Analyse: War Beethoven taub, weil er billigen Wein trank?

    Nö. Per DNA hat man nur die Echtheit der Haare nachgewiesen. Die Analyse war klassische Massenspektroskopie...

    viele Grüße

    Bustopher


    Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
    Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)

  • das waren die selben, nicht die einen und die anderen

    Den verlinkten Text verstehe ich da anders.

    Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

  • Was ist an "der gebürtige Deutsche" verkehrt? Gehörte das Erzbistum Köln damals nicht zum Heiligen Römischen Reich deutscher Nation?

    Deutsche war damals jene, die Deutsch als Muttersprache hatten, d.h. auch die allermeisten Österreicher, aber auch die Deutschsprachigen in Ungarn.


    Neue DNA-Analyse: War Beethoven taub, weil er billigen Wein trank?

    Das kann ja nur Quatsch sein, weil Beethoven bereits als junger Mann schwerhörig wurde ("Heiligenstädter Testament").

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Das kann ja nur Quatsch sein, weil Beethoven bereits als junger Mann schwerhörig wurde

    weiß doch Jeder, dass die Qualität des Gesöffs mit dem Alter abnimmt...

    Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
    daß Alles für Freuden erwacht

  • Es kann eigentlich auch nur ein Faktor unter mehreren gewesen sein. Den gepanschten Wein müssten damals zehntausende getrunken haben, von entsprechenden Taubheitsepidemien habe ich aber noch nie was gehört... (Und das "gebürtiger Deutscher" ist mir auch seltsam aufgefallen.)

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Was ist an "der gebürtige Deutsche" verkehrt? Gehörte das Erzbistum Köln damals nicht zum Heiligen Römischen Reich deutscher Nation?

    Deutsche war damals jene, die Deutsch als Muttersprache hatten, d.h. auch die allermeisten Österreicher, aber auch die Deutschsprachigen in Ungarn.


    Neue DNA-Analyse: War Beethoven taub, weil er billigen Wein trank?

    Das kann ja nur Quatsch sein, weil Beethoven bereits als junger Mann schwerhörig wurde ("Heiligenstädter Testament").

    Das "Heiligenstädter Testament" ist von 1802, da war Beethoven 32 oder zumindest im 32. Lebensjahr, da galt man damals nicht mehr als jung, sonst hätte er auch kein Testament gemacht. Schubert war mit 32 schon tot...

    Beste Grüße vom Stimmenliebhaber

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