Beethoven: Symphonie Nr. 6 in F-Dur, op. 68 "Pastorale" - Werk und Aufnahmen

Vom 28. Januar 2022, 13.30 Uhr bis 03. Februar 2022, 13:30 Uhr findet die 12. ordentliche Mitgliederversammlung des Capriccio-Trägervereins statt. Mitglieder werden gebeten, sich für die Teilnahme ab Freitag hier zu registrieren. Die Freischaltungen erfolgen im Laufe des Freitags, wir bitten dann um etwas Geduld.
  • Lieber Bernd,


    vielen Dank aus den Hinweis. Auf Knechts Sinfonie bin ich schon in dem Artikel von Steinbeck (Ludwig van Beethoven - Interpretationen seiner Werke. Hrsg. Riethmüller, Dahlhaus, Ringer) gestoßen, hatte aber keine Einspielung gefunden. Jetzt habe ich sie umgehend bestellt. Die Sinfonie Knechts ist auf jeden Fall ein interessanter Vorgänger, den ich gerne auch klanglich kennen lerne. Steinbeck meint, dass die Satzüberschriften ähnlich sind, doch zumindest nach dem, was bei jpc steht, hält sich die Ähnlichkeit in Grenzen


    Zitat

    Le Portrait musical de la Nature ou Grande Symphonie (für Orchester)


    1 1. Allegretto - Andante pastorale - Allegretto
    2 2. Tempo medemo (Allegretto)
    3 3. Allegro molto
    4 4. Tempo medemo (Allegro molto)
    5 5. L'inno con variazioni: Andantino - Coro: Allegro con brio - Andantino


    Liebe Grüße Peter

    .
    Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
    (Hermann Bahr)

  • roland schmenner
    die pastorale
    beethoven, das gewitter und der blitzableiter


    als sehr lebendig und offen gegenüber anderen wissensbezirken ist mir dieses buch in erinnerung geblieben, z.b. beethoven mit kant zu lesen, oder den versuch anzuregen solches zu tun, ähnlich vielseitig wie beispielsweise zizek´s "was sie immer schon über lacan wissen wollten und hitchcock nie zu fragen wagten". ich blättere gerade zügig durch schmenner´s buch hindurch, meine lektüre liegt vielleicht zwei jahre zurück, unter den kapitelüberschriften zitate die man erstmal nicht in einer beethoven arbeit erwartet: rainald goetz ("der naturflash war gigantisch"), element of crime ("in meinen augen wohnt ein tier, das sieht mich immer hungrig an,..."), roy black ("das schönste am leben sind die pausen. das ist schon in der schule so"), rosenstolz ("der könig hat die macht/ doch wir haben den spaß"), etc. (das hatte mich vor zwei jahren ersteinmal stark irritiert) im text dann wiederum: hegel, bourdieu, foucault, adorno, rousseau, zimmermann, habermas, goethe, etc. hier ist ganz deutlich ein angstbefreites, belesenes, junges und sehr waches denken am werk, ein denken, dass zusammenhänge in bereichen aufzeigt, die nicht selbstverständlich als zusammenhängend aufgezeigt sind, anders ausgedrückt: schmenner strickt einen pullover aus materialien, von denen man nicht dachte, dass sie einen solchen ergeben können.
    außerdem deutlich in meiner erinnerung verhaftet, das permanente "mitschwingen" des annales geprägten mentalitätsgeschichtlichen denkens: "im mittelpunkt einer als science de l´homme aufgefassten geschichtswissenschaft sollten die menschen in der komplexität ihrer sozialen beziehungen und aktivitäten sowie ihres verhältnisses zu den natürlichen umweltbedingungen ihrer existenz stehen" (aus: m. middel, die unendliche geschichte, reclam-bibliothek, band 1479: alles gewordene hat geschichte) ich denke dieses zitat fasst einen "großen" gedanken des buches zusammen (auch wenn sich dieses zitat natürlich nicht auf den schmennerschen text bezieht).


    ich möchte mich peter brixius´ meinung anschließen: "eine spannende reise".

  • Gerade erst entdeckt, dass ich hier mit meinem Beethoven-Buch verhandelt wurde. Merci, für die positive Resonanz. Auch wenn es schon einige Jährchen und ein beinahe anderes Leben her ist, so freut man sich trotzdem. Falls der Bedarf nach Fragen da ist, einfach melden.


    VG, Roland

  • Gerade erst entdeckt, dass ich hier mit meinem Beethoven-Buch verhandelt wurde. Merci, für die positive Resonanz. Auch wenn es schon einige Jährchen und ein beinahe anderes Leben her ist, so freut man sich trotzdem. Falls der Bedarf nach Fragen da ist, einfach melden.


    Ja dunnerlüttchen, das Buch ist letztens bei uns in der MuWi-Vorlesung rumgegangen und hat mich bestialisch interessiert! Und jetzt ist der Autor da, das ist ja super! :thumbup: Fragen geht erst, wenn gelesen. Mal schauen, ob die örtliche Musikbuchhandlung das Ding zügig bei kriegt..

  • Mal schauen, ob die örtliche Musikbuchhandlung das Ding zügig bei kriegt..


    Wird nicht klappen, da offiziell vergriffen und auch nicht mehr beim Verlag vorrätig. Es gibt die Möglichkeit über Amazon Marketplace oder direkt bei mir (Marketplace bin ich auch), da der Verlag mir die hundert Restexemplare nach Ablauf der Vertragslaufzeit zurückgeschickt hat. Bei Anfragen verweist Bärenreiter die Buchhändler auch direkt an mich. (ich hoffe, dass dieser Hinweis regelkonform war :wacko: )


    Wie ist es denn im MuWi-Seminar angekommen? Vor 18 Jahren musste ich im Oberseminar immer harte Bandagen anlegen, wenn ich einzelne Kapitel vorgestellt habe :D


    VG, Roland

  • Wird nicht klappen, da offiziell vergriffen und auch nicht mehr beim Verlag vorrätig. Es gibt die Möglichkeit über Amazon Marketplace oder direkt bei mir (Marketplace bin ich auch), da der Verlag mir die hundert Restexemplare nach Ablauf der Vertragslaufzeit zurückgeschickt hat. Bei Anfragen verweist Bärenreiter die Buchhändler auch direkt an mich. (ich hoffe, dass dieser Hinweis regelkonform war )


    Wie ist es denn im MuWi-Seminar angekommen? Vor 18 Jahren musste ich im Oberseminar immer harte Bandagen anlegen, wenn ich einzelne Kapitel vorgestellt habe


    Bestellung machen wir wohl besser über PN.. 8+)


    Wir haben das Buch nicht gelesen, die Dozentin hat es als Anregung für eine originelle Sicht auf Beethoven rumgehen lassen. Sie war aber sehr angetan davon.


    Was wurde dir denn vom Seminar vorgeworfen?

  • Was wurde dir denn vom Seminar vorgeworfen?


    Vielleicht etwas in diese Richtung?


    Zitat

    Wenn es etwas gibt, das der Arbeit so etwas wie eine Richtung gibt, dann ist es das Bestreben, das Denkmal Beethovens nebst seiner Tondenkmäler zum Einsturz zu bringen. Schmenner bewerkstelligt dies durch heftige Attacken auf die eigene Zunft, outet Musikgeschichtsschreibung als "Geniegeschichtsschreibung, die das künstlerische Produkt auf ein omnipotentes Individuum zurückführt".


    aus: http://www.faz.net/aktuell/feu…inschlaegen-11305240.html

  • Ja, so in etwa :-PPP


    Wobei man sagen muss, dass dies nicht nur der Fall war. An der damaligen HdK Berlin war das Unverständnis groß, an der FU Berlin dagegen haben sich spannende und kostruktive Diskussionen im Oberseminar ergeben. :thumbup:


    Generell kann und muss man aber sagen, dass damals und eigentlich bis heute die Musikwissenschaft in Deutschland in der Aufnahme etwa der Diskurstheorie oder der Mentalitätsgeschichte den Kunsthistorikern, den Literaturwissenschaftlern und den Kulturhistorikern sowieso weit hinterherhinkt(e). In den USA und auch in England sieht dies schon anders aus.

  • Ich meine, dass Beethoven heute durchaus noch zu erschüttern vermag und frage den Autor, unter welchem Titel wir die hier anhebende Diskussion auslagern können - die "Pastorale" scheint ja nur mehr Anlass und nicht Inhalt zu sein, diskurstheoretisch oder nicht.


    Wäre der Titel "Vermag Beethoven heute noch zu erschüttern" ok? Oder macht ein anderer einen Thread auf?


    Gruß
    MB


    :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Ich reise gerade durch die Beethoven Symphonien 1 bis 9, zentral mit Leonard Bernstein und den New Yorker Philharmonikern (meine "Lebensaufnahme", mit der habe ich die Symphonien erstmals gehört und ich weiß sie jetzt fast noch viel mehr zu schätzen), dazu Einzelaufnahmen, die ich zur Hand habe. (Weitere Gesamtzyklen später einmal.)


    An dieser Stelle nochmal ein ganz großes Dankeschön an Mauerblümchen für die Detailanalysen in diesem Thread. Ich kann nur betonen: Es lohnt sich wirklich, mit diesen als "Grundlage" die Aufnahmen wieder zu hören, die man hat, man passt auf die genannten Details auf und lernt die Aufnahmen und das Werk selbst dadurch vielfach neu zu schätzen.


    Nun meine persönlichen Höreindrücke der letzten Tage:


    Ich habe Ludwig van Beethovens Symphonie Nr. 6 F-Dur op. 68, die berühmte „Pastorale“, wie die Vierte nach der „Eroica“ der erholsame Gegenpol zur Fünften, in den 80er Jahren wie schon erwähnt mit der Aufnahme von Leonard Bernstein mit den New Yorker Philharmonikern (damals noch aus einer LP Box) kennengelernt und nun das erste Mal seit damals wieder gehört (CD Sony SMK 60557, aufgenommen am 13.5.1963 im Manhattan Center, New York City). Bei der Neubegegnung habe ich nicht schlecht gestaunt, wie ganz nah mir diese Interpretation geblieben ist. Für mich spielt sie wirklich in blühender Natur, in ihrer Lebendigkeit und Vollblütigkeit, der erste Satz ja mit Expositionswiederholung, der zweite wie ein romantisches Naturbild, alles in allem eine „saftige Pastorale“ voller Leben.


    Erstmals gehört habe ich aktuell Karl Böhms Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern (CD DGG 447 433-2, Großer Musikvereinssaal Wien, Mai 1971). Diese Aufnahme hat mich im Innersten getroffen und sehr nachdenklich gemacht. Sie hat mir (wieder einmal) gezeigt, dass Musik oft ganz Persönliches über den Hörer erzählt. „Von außen betrachtet“ höre ich schönste Wiener Klangkultur, „gutbürgerlich professoral kontrolliert“. Über allem steht einerseits (verallgemeinernd formuliert) die Erfüllung einer Erwartungshaltung des damaligen Philharmonischen Abonnementkonzert- und Schallplattenpublikums (gewohnter, geliebter weicher, schöner Klang, von Böhm „zur Zufriedenheit aller“ gesteuerter Ablauf), andererseits (persönlicher) „gutes Benehmen“ (sich voll konzentriert zusammenreißen, sich nicht gehenlassen). In der frühen Kindheit wurde ich so erzogen. Später habe ich mich vielfach davon gelöst. Und genau das habe ich hier gehört. Ich habe die streng gezogenen Grenzen gehört – ein Wiener Elitedenken, das die Philharmonische Klang- und Interpretationskultur konserviert, im Innersten wie im Äußeren, auch die scharfe Abgrenzung schon zum Jazz (geschweige denn zu anderer „U-Musik“), eine gehobene Lebenskultur, die ich aus verschiedenen Gründen nicht mehr lebe, in der ich aber (als Kind) ganz zu Hause war, trotz der „Erziehung zur Heimlichkeit alles Verbotenen“ auch vielfach ganz geborgen. Ich habe also meinen ganz persönlichen Wertewandel mitgehört. Wäre mein Leben anders verlaufen, es wäre wahrscheinlich meine Lieblingsaufnahme.


    Völlig anders der Höreindruck mit Carlos Kleiber und dem Bayerischen Staatsorchester (CD Orfeo C 600 031 B, aufgenommen am 7.11.1983 live in der Bayerischen Staatsoper). Im Konzert erklang die Symphonie nach Webers „Freischütz“ Ouvertüre und Haydns „Paukenschlag“ Symphonie. Die zunächst nur dank Kleibers Sohn auf MC erhaltene Aufnahme der „Pastorale“, 2003 auf CD veröffentlicht (mit einem Begleittext von Kleibers Tochter Lillian), wenn´s wahr ist Kleibers einzige Aufführung des Werks überhaupt, wirkt (zumal nach Karl Böhm) „ungewohnt“ flott und besonders naturfrisch lebendig durchpulst. Wie so oft bei Kleiber bestechen gleichzeitig stringente Zielstrebigkeit und irgendwie schwebende Leichtigkeit. Wie schade, dass es Kleiber insofern besonders eilig hat, als er die Exposition im ersten Satz und die Dorfmusikanten im dritten nicht wiederholt. Ansonsten eine wahrlich exzeptionelle Aufnahme.


    Und besser als Mauerblümchen alle Details und den Gesamteindruck nur mal diese drei Aufnahmen betreffend formuliert hat geht es nicht. :klatsch:

    Herzliche Grüße
    AlexanderK

  • Ich reise gerade durch die Beethoven Symphonien 1 bis 9, zentral mit Leonard Bernstein und den New Yorker Philharmonikern (meine "Lebensaufnahme", mit der habe ich die Symphonien erstmals gehört und ich weiß sie jetzt fast noch viel mehr zu schätzen), dazu Einzelaufnahmen, die ich zur Hand habe. (Weitere Gesamtzyklen später einmal.)

    Die hier?



    Und gibt es noch andere?


  • Nein, was mein Posting betrifft die hier. Bernstein hat in den 60ern für Columbia (deutscher Sprachraum CBS, später Sony) Beethovens neun Symphonien aufgenommen, in den 70ern mit den Wiener Philharmonikern für die DGG (Platten und Filme) noch einmal (diese von Yorick gepostete DGG Box). Die Dritte gibt es auch in einer Decca Aufnahme aus den 50ern, die Fünfte live aus München 1976 (DGG). Von der Siebenten gibt es noch eine Aufnahme aus Boston aus den 50ern, die Siebente hat er dann zweimal mit den New Yorkern aufgenommen (50er und 60er), und bei seinem letzten Konzert 1990 in Tanglewood (auch auf CD verfügbar) stand sie auch auf dem Programm. (Dazu wahrscheinlich in ca. einer Woche mehr von mir im Thread zur Siebenten.) Die Neunte gibt es auch aus Berlin 1989 (nach der Maueröffnung).

    Herzliche Grüße
    AlexanderK

  • RE: Bernstein / New Yorker PH

    Hallo Yorick,


    Du scheinst schon mit den GA der Beethoven-Sinfonien durcheinander zu kommen. Gemeint ist natürlich die von Alexander gemannte Aufnahme mit den New Yorker PH (SONY). Die auf DGG mit dem Wiener PH (DG) ist aber auch hier im Falle der Pastorale ganz grosse Klasse.


    Als absoluter Fan dieser Bernstein-Aufnahmen habe ich sowohl die von Alexander abgebildete SONY-CD im 20Bit-Remastering und die GA im marginal besseren neuen 24Bit-Remastering in dieser preiswerten GA:



    SONY, 60er, ADD


    Wir hatten bei tamino dazu einen Thread, der die klanglichen Unterschiede des Remasterings pro Sinfonie ganau spezifizierte. Aus meiner Sicht sage ich aber - wer die GA(oder Einzelaufnahmen) im 20Bit - Remastering hat, braucht die Neuauflage im 24-Bit -Remastering nicht unbedingt. Denn die Klangqualität wurde schon so ausgereift aufbereitet, dass man voll zufrieden sein kann.


    Und zufrieden bin ich sowieso mit diesen starken Bernstein-Interpretationen.
    Ich sage (im Prinzip genau wie Alexander dies seit der Sinfonie Nr.1 begeistert kundtut): :angel: Für die Insel !


    Dem Dank von Alexander an Mauerblümchen für seine präzisen Rezensionen dieser Aufbnahme in diesem Thread möchte ich mich anschliessen. Er schrieb: "Alles Geschmackssache !"
    :spock: Ja, genau - Bernstein trifft genau meinen musikalischen Nerv !

    ______________


    Gruß aus Bonn


    Wolfgang

  • Hallo Yorick,


    Du scheinst schon mit den GA der Beethoven-Sinfonien durcheinander zu kommen.

    Aber ich bemühe mich wenigstens, habe die Box bestellt und will mein Beethoven-Bild Bernsteins überprüfen.

  • Toscanini / BBC Symphony Orchestra (1937)

    Diese Einspielung ist wahrlich nicht selten auf CD zu bekommen:



    [Blockierte Grafik: http://ecx.images-amazon.com/images/I/51XGnSJ27ZL._SX355_.jpg][Blockierte Grafik: http://ecx.images-amazon.com/images/I/311Za63xpdL.jpg]
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    Doch ich habe sie von dieser Seite:


    "https://archive.org/details/BeethovenSymphony6" [38'00"]


    -----


    Die Aufnahme entstand am 21. & 22. Oktober 1937 in Queen's Hall (London). Toscanini dirigiert das BBC Symphony Orchestra für eine Studioproduktion, die von His Master's Voice veröffentlicht wurde (HMV DB 3333/7 [5x 78er]). Das war für damalige Verhältnisse eine hervorragende Aufnahme mit großer Dynamik, klarer Räumlichkeit und guter Abstimmung der einzelnen Instrumentalgruppen. Toscanini lotet den Klangraum zwischen Soli und Tutti sehr gut aus und ermöglicht eine recht farbige Realisierung der Partitur. Zwar wirkt der Orchesterapparat auch hier noch etwas besetzungsmäßig reduziert, doch die Aufnahme bringt dennoch einen großen Atem auf die Rillen.


    Zum Remastering:
    Der Transfer und das Remastering hat Bob Varney von der RCA-Victor-Ausgabe (Set M-417 [Victor 14707/11, 5x 78er]) vorgenommen und ist kostenlos von archive.org als Download erhältlich; man kann es aber auch direkt streamen. Ich habe mich für VBR MP3 entschieden mit 87,0 MB Größe. Es ist ein einziger MP3-Track mit 320 kBit/s, also in höchstmöglicher Auflösung.


    Im ersten Augenblick war das Gehörte schon eine erstaunliche Überraschung, die sich später aber relativierte. Denn hier hat man den Fall einer Bearbeitung, die wirklich alles an Nebengeräuschen wegeliminiert hat. Bis auf zwei Stellen hört man kein Knacksen und keinerlei Grundrauschen, und die Musik ist praktisch frei von jeder technischen Einschränkung - wenn man vom reduzierten Frequenzraum einmal absieht. Da beginnen die ersten Noten mit einer unbelasteten Klarheit, die man von einer Schellackaufnahme nicht erwartet. Und wenn das Orchester dann ins Tutti verfällt, kommt eine ordentliche klangliche Geschlossenheit an den Tag. Aber eben nur im ersten Augenblick... :S


    Im Grunde hat Varney nämlich übers Ziel hinausgeschossen und zeigt im Grunde, daß man Schellackaufnahmen nicht bis zum äußersten bearbeiten darf. Denn gerade in den leisen Passagen, die hier auch tatsächlich sehr leise sind, merkt man eine leichte klangliche Verfärbung, die typisch fürs digitale Filtern ist. Es klingt seltsam schleifend, als kratze eine Wattewolke sachte über die Saiten der Streicher. Dann kommt hinzu, daß Varney den Standardtrick für die Eliminierung des Grundrauschens angewandt hat: ab einer bestimmten Frequenz das Signal einfach abschneiden. Damit ist kein Grundrauschen mehr vorhanden, aber dadurch wirken die Höhen sehr matt. Da spielt ein bißchen die Hörpsychologie mit hinein, denn durch das Grundrauschen wirken die Höhen immer heller, als sie eigentlich sind. Der Baß ist gut ausgeprägt, die Mitten sind präsent.


    Ansonsten sind die Schellackseiten sauber aneinandergeschnitten und unterscheiden sich klanglich nicht voneinander. Sicherlich hat Varney ein guterhaltenes Set erwischt, aber mit der Bearbeitung einfach übertrieben. Ob dieses Remastering auf einer der oben abgebildeten CDs verwendet wurde, kann ich nicht sagen.



    Dafür, daß man die Aufnahme kostenlos anhören kann, ist es akzeptabel; aber klangtechnisch ist das leider kaum zu genießen. Man sollte bei Schellacks einer bestimmten Klangästhetik treu bleiben, die halt auch ein Hintergrundrauschen zuläßt, sonst gehen die qualitativ vorhandenen technischen Qualitäten endgültig unter.



    jd :wink:

    "Interpretation ist mein Gemüse."
    Hudebux

    "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
    Jean Paul

  • Also, was die Pastorale angeht möchte ich hier mal eine Lanze brechen für die Liveaufnahme von Celibidache / Münchner. Ich weiß ja daß er polarisiert aufgrund der meditativ anmutenden Tempi. Und mir ist auch bewusst daß das, was bei Bruckner (für mich) funktioniert bei Beethoven fehl am Platze sein mag -- sein langsamer Satz der 3. ist sicher diskussionswürdig... Aber als ich die 6. hörte war das für mich das vielleicht schönste Hörerlebnis der vergangegen Monate. Wie eine Blumenwiese die in Zeitlupe erblüht. Ich mußte es mehrfach hören und hab noch lang nicht genug.


    Meine Vergleichseinspielungen sind Gardiner und Bernstein (NY), beide auch wundervoll. Aber unter Celi war das beinahe wie andre Musik.


    Nix was ich Einsteigern empfehlen würde, aber wer das Werk schon kennt und mag? Der sollte sich diese Erfahrung gönnen (außer man steht auf straffe Tempo und einen federnd/schlanken Orchesterklang, dann eher nicht -- viele verschiedene Menschen ergeben ja bekanntlich eine bunte Welt.


    Mir jedenfalls standen beinah die Tränen in den Augen. Ich würd ein Jahr meines Lebens dafür geben.hätt er mit den Münchnern noch Schuberts Unvollendete eingespielt...


    Aber alles kann man nicht haben. Und diese Pastorale die hab ich.


    LG

    "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
    (Shunryu Suzuki)

  • Beethoven 6


    Dieser Text beschreibt einen subjektiven Hörvergleich - in ziemlich schlechter Laune rezipiert - und mit einiger Polemik ironisch überzeichnet.


    Die geschätzte Leserschaft respektiere bitte meinen Erguss, nehme ihn aber auch nicht allzu bierernst, wiewohl er durchaus in einer Bierlaune entstanden ist.


    Das ist nach langer Zeit des erzwungenen Rückzugs wieder einmal ein längerer Essay aus meiner Tastatur. Es geht mir gesundheitlich keineswegs besser, aber ein definitiver Rückzug ist keine Option.


    ... ich denke an dieser Stelle auch an den werten Forianer 'zabki', der bis zuletzt hochwertigste Beiträge geschrieben hat:


    R.I.P. Er ist mir ein Vorbild. Danke, zabki!


    Ich widme ihm mit Verlaub den folgenden Text.


    ***


    Ich suchte heute in meiner Diskothek nach einer Konserve zur Herstellung von Entspannung.


    Beethovens 'Pastorale' erschien mir dahinführend geeignet und passend.


    Ich habe folgende Interpretationen nacheinander gehört und miteinander verglichen:






    Zuerst führte ich mir (als Erstanhörung) die Version mit den Wiener Philharmonikern unter der Stabführung von ChristianThielemann zu Ohren.


    Nun, ja, was soll ich sagen: es wird hier sehr gepflegt musiziert, und die pastoralen Landschaften werden ganz adrett präsentiert aber auch ziemlich zähflüssig ausgebreitet, wiewohl immer noch bewegter und lebendiger, als durch den stoischen Maestro Celibidache, meiner unangefochtenen Präferenz bei diesem Werk.


    Das langsame Tempo scheint mir grundsätzlich dem Werkcharakter angemessen zu sein.


    Schöne Details werden herausgearbeitet. Alles ist ganz proper und hübsch anzuhören (und natürlich alles andere als 'hip'). Meine Adjektive mögen irritieren, aber sie sind nicht abwertend gemeint, wiewohl eine leise Kritik mitschwingt.


    Obwohl ich die Exegesen des famosen aber nicht unumstrittenen Dirigenten Thielemann im grossen Ganzen - und an und für sich - also generell und speziell - ähm, will sagen: mehrheitlich schätze, bin ich hierbei leise enttäuscht.


    Es wird zwar stellenweise ganz inspiriert musiziert und seine Deutung ist keineswegs belastet mit der berühmt-berüchtigten (angeblich traditionellen) Wiener Schlampigkeit, aber die Darstellung verursacht in meinem Lymbischen System dennoch (oder gerade deswegen) eine gewisse Langeweile und eher keine Entspannung.


    Das subtil empfundene Meisterwerk des Zauberers aus Bonn zerbröselt mir zwischen den Ohrwascheln. Ich verliere immer wieder den Faden und schlafe zwischenzeitlich sogar ein.


    Das Resultat ist weiss Göttin keine verunglückte Exegese, und ich ziehe die sorgfältige Deutung den hiprigen (= histerisch-informierten) Versionen allemal vor. Zudem ist zu bedenken, dass die Aufnahme in einer Live-Situation realisiert wurde, notabene ein Umstand, dem ich grossen Respekt zolle.


    Ich muss mir die Aufnahme wohl noch ein paar Mal anhören, bis ich zu einem stabilen Urteil finden kann.


    Die sicherlich zahlreich vorhandenen Qualitäten dieser Deutung wollen sich mir beim ersten Hörwisch noch nicht erschliessen.


    Ich ahne aber Grösseres: Möglicherweise liegt hier sogar eine ganz bedeutende Exegese vor, die ich aufgrund meiner Celibidache-Fixiertheit bei diesem Werk noch nicht angemessen wertschätzen kann.


    Ich werde berichten, falls ich zu weiterführenden Schlüssen gelangen sollte.


    ***


    Die Version mit David Zinman und dem Tonhalle-Orchester Zürich hinwiederum ist von ganz anderem Kaliber: da wird in der Tat mit Kanonen auf Schafe geschossen ... und der Schäfer ist offenbar völlig 'durchgeknallt'... Ich erkenne 'meine Pastorale' nicht wieder!


    Zugegeben: Bei der Lancierung von Zinman's Züricher Beethoven-Zyklus vor 24 Jahren (1997) geruhte ich (zusammen mit der verschworenen Gemeinde der histerisch Informierten) die unangemessene Hetzerei (political correct) als Grosstat zu taxieren, auch wenn mir eigentlich schon damals der Ohrkrebs wuchs, angehörst des eiligen Hirtenflötengedudels ...


    Die zinnmännisch abgespeckte Exegese ist voller eitler Geschäftigkeit. Sie zeichnet in unangemessener Eile und Gehetztheit
    geradezu eine Karikatur der pastoralen Partitur.
    Der Drang, es anders zu machen, ist allzu penetrant.


    ***


    Die altehrwürdige Tonhalle in Zürich scheint überfordert zu sein ob der Geschwindigkeit der musikalisch-physikalischen Phänomene, wie sie hilflos im Raum herumschwirren ...


    Dieser traditionsreiche Konzertsaal - sicherlich einer der Besten auf dem ganzen Erdball - wird übrigens nach jahrelanger Renovation in diesen Tagen wieder den MusikerInnen und dem Publikum zugänglich gemacht:


    Mit dem Einbau einer ('zinmännlich') abgespeckten Orgel (Kuhn), hat der Raum in der Tat an optischer Geschlossenheit gewonnen, wiewohl ich die 'alte' Tonhalle-Orgel von Jean Guillou ob ihrer schieren Grandezza sehr geschätzt habe.


    (Sie wurde verschenkt (!) und hat in der Kathedrale von Koper in Slowenien ihren neuen Bestimmungsort gefunden ...)


    Der Link führt zu einem Bericht von Susanne Kübler, (hinter einer kostenlosen Anmeldeschranke):
    https://www.tagesanzeiger.ch/d…st-geglueckt-536045209805


    ***


    Doch zurück zur 'zinmännlich' übererregten, völlig unpastoralen Zeichnung: was bei der 'Fünften' (von ihrem schicksalsbefrachtetem Duktus her) noch angehen mag, ist bei der ''Pastorale' fehl am Platz.


    Sicherlich wird hier fetzig agiert von den famosen Frauen und Mannen im renommiertesten (aber nicht zwangsläufig besten) Orchester der Schweiz.


    (Notabene und als kleiner patriotischer Exkurs: die trefflichen Orchester-MitgliederInnen aus Bern, Basel, Genf und Winterthur spielen allemal auf dem gleichen hohen Niveau wie die ZürcherInnen. Das muss doch auch mal gesagt sein, donnerli nomau!)


    Die konkrete Performance der musizierenden Potenzen wird ohnehin vom Charisma des jeweiligen 'Dirig-Erpels, bzw. der 'Dirig-Ente kanalisiert.


    (Manfrautrans erlaube mir bitte diesen vergenderten KalauerIn-ismus, hihi. Ach Gottchen, ihr kennt ja meinen überdrehten Stil, nicht wahr.)


    ***


    Aber - um auf Beethoven zurückzukommen - die Kombination von 'Pastorale' und 'Fetzigkeit' scheint mir völlig verfehlt zu sein (ausser allenfalls beim "Gewitter").


    Mit anderen Worten: am schönen Zürisee wurde am Thema vorbeigeholzt, -geblecht und -gefiedelt, dass es (für mich) ein wahrer Ärger ist.


    ***


    Und nun höre ich also zuguterletzt die mir seit Jahren intim vertraute und überaus liebgewonnene Version mit Sergiu Celibidache und den Münchner Philharmonikern.


    Diese edle Exegese ist erfüllt von kompromissloser Stille. Sie bezaubert mich (wie auch User 'Garcia' in seinem vor 7 Jahren ... geposteten Beitrag) immer wieder von Neuem mit subtil beleuchteten Details, die sich wundersam zu einem pastoral-pastellfarbenen Klangganzen vereinigen.


    Diese Beleuchtung ergibt sich unter dem funkelnden Zauberstab des musikalischen Oberhirten von München - Papa Sergiu - ganz wie von selbst, logisch und selbstverständlich, getragen von einer enthusiasmierten Gemeinde, ähm, von einem narkotisierten Publikum.


    Sie wird nicht - wie es bei Thielemann leider manchmal der Fall ist - mit besonderer Bedeutsamkeitsemphase mit dem Scheinwerfer fokussiert oder mit einem aufdringlich fluoreszierenden Hinweisschild beklebt, nach dem Motto: schaut her, soo macht (Thiele-)man das!


    Die zeitlich ausgedehnteste Version mit Sergiu Celibidache ist für mein Dafürhalten die ultimative Realisierung von Beethovens Partiturwälzer mit den Neumen der sechsten Symphonie, meiner Liebsten von allen Neunen.


    Genau DAS brauchte ich heute ganz 'zabkischst' ... !


    Die behutsame Einspielung des ZEN-Meisters 'Celiji' versöhnt mich zwischenzeitlich mit meinem traurigen Weltgefühl.


    Gruss aus Bern vom Walter

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