Eben gehört - NEUE MUSIK

  • Detlev Glanert

    Weites Land - Musik nach Brahms

    Helsinki PO

    Olari Elts


    Klingt für mich zwar eher nach Mahler als nach Brahms, aber Hauptsache es klingt. Und das tut es. :thumbup:



    Und auch hier in der "semi-aleatorischen" Komposition klingt's


    Einojuhani Rautavaara

    Garden of Spaces

    Helsinki PO

    Leif Segerstam


    Toleranz ist der Verdacht, der andere könnte Recht haben.

  • Die schwedische Komponistin Lisa Streich (Jg 1985) ist derzeit ziemlich gefragt. Sie hat schon eine eindrucksvolle Zahl an Preisen eingeheimst und eine längere Liste von Aufträgen vor sich liegen. Ihr Streichquartett (Engel,...) noch tastend entstand 2015. Eine Klangkomposition, bei der die Komponistin "all die Zwischentöne, die sich hinter den notierten Noten verbergen" erkundet. Sie arbeitet mit "halsbrecherischen Oktavpassagen" und verwendet "Mikrotöne, Glissando, Vorschlagsnoten und zufällige Geräusche". Sie schreibt noch mehr, aber besser man hört das Stück selbst.


    Die Umsetzung durch das Asasello Quartett dürfte den Vorstellungen der Komponistin entsprechen.


    Toleranz ist der Verdacht, der andere könnte Recht haben.

  • Eliane Radique: Trilogie de la Mort

    Elektronisch, langsam, ausufernd, minimal (aber keine Minimal Music), vollkommen unfetzig, unspektakulär radikal. Ein Meisterwerk. (würde auch in den "Soundscapes"-Faden passen).

    Schöne Grüße, Helli



    Immer cool bleiben.

  • Der heute 96-jährige isländische Komponist Jón Nordal wurde 1926 geboren. Er studierte in Reykjavik und Zürich (u.a. bei Willy Burkhardt). Weitere Studienaufenthalte in Kopenhagen, Paris und Rom folgten. 1957 war er Teilnehmer der Sommerkurse in Darmstadt.

    Nordal hat das musikalische Leben seiner Heimat seitdem entscheidend mit geprägt als Pianist, Komponist, Lehrer und Leiter des Reykjavik College of Music von 1957-1992.


    Die 2016 bei Ondine erschienene CD mit fünf seiner Orchesterwerken ist meine erste Begegnung mit seiner Musik. Das ist hervorragend gemachte Orchestermusik, die einen ganz eigenen Tonfall hat, eher meditativ gestimmt ist und deshalb durchaus auch mit der häufig kargen Landschaft seiner Heimat in Verbindung steht. Später Sibelius, Aulis Sallinen und Einojuhani Rautavaara fallen mir als entfernte Referenzpunkte ein.


    Toleranz ist der Verdacht, der andere könnte Recht haben.

    Einmal editiert, zuletzt von Wieland ()

  • Yevhen Stankovych (*1942):

    Konzert Nr. 2 für Violine und Sinfonieorchester



    Unfassbar, welch menschliches Leid die Machtpolitik Putins in der Ukraine heute verursacht. Das Konzert Nr. 2 für Violine und Sinfonieorchester von Yevhen Stankovych ist aktueller denn je.


    Die folgenden zwei Zitate aus einem Interview–Artikel* sind bezeichnend für den ukrainischen Komponisten Yevhen Stankovych. Wie Bartok oder Enescu in ihren Ländern je auf alte Volksmusik-Traditionen eingingen, diese aber mit Tendenzen der europäischen zeitgenössischen Musik zu verbinden suchten, so geschah das auch in der Ukraine etwa durch Borys Lyatoshynsky, Myroslav Skoryk oder nonkonformistischer durch deren Schüler Yevhen Stankovich. Als er seine Oper «Tsvit paporoti» über ukrainische Volksmotive in den späten 70er Jahren aufführen wollte, gab es Widerstand von Seiten der offiziellen sowjetischen Musikpolitik.


    Yevhen Stankovych berichtet von damals: "Zu dieser Zeit wurden alle nationalen Ideen von den Verantwortlichen der sowjetischen Ideologie ständig und rücksichtslos bekämpft. Die erste alarmierende Nachricht kam aus Weißrussland. Jewhen Lyssyk, der damals Chefausstatter der Miensker Oper war, erzählte mir, wie die dortige Bürokratie über die Ukraine dachte, ‘die begonnen hat, auf Unabhängigkeit zu spielen’. Während der Proben warnte er mich, dass meine Volksoper Tsvit paporoti keine Zukunft habe. Er hatte Recht. Wie sich später herausstellte, wurde das Schicksal der Oper von Suslov entschieden, der das offizielle Kiew anwies, nach seinen Anweisungen zu handeln. Die Führer wurden durch absurde Dinge aufgeschreckt. Zum Beispiel wurde mir gesagt, dass das Lied "Oi, Moroze-Morozenku" Valentyn Moroz gewidmet sei - und ich wusste damals nichts über ihn. Dieses Lied ist 300 Jahre alt! Ein weiteres Beispiel waren die Bühnenrequisiten von Lysyk, die drei Wege zeigten: Sie wurden als Symbol für den Tryzub [Dreizack, das Nationalemblem der Ukraine] angesehen und daher abgelehnt. Natürlich haben diese und andere Dinge dazu geführt, dass die Premiere verboten wurde.»

    Das 2. Violinkonzert entstand viel später, 2006, in einer Zeit, als die Ukraine ein eigener Staat geworden war und eine Art neuer Universalismus möglich wurde. Neuer Universalismus ist für Stankovych die Kombination der wirkungsvollsten Techniken der Musik des 20. Jahrhunderts mit den tiefen Emotionen der Musik der vergangenen Jahrhunderte. Er ist die Brücke, die die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft der Musik verbindet. In diesem Sinne sucht Stankovych den grundlegendsten Faktoren der condition humaine, wie er sie erlebt, musikalisch Ausdruck zu geben.

    Über den biografischen Hintergrund der Entstehung seines 2. Violinkonzerts sagte er: « Es war so, dass mehrere sehr nahe und liebe Menschen gestorben sind. Solche tragischen Ereignisse bringen einen dazu, über den Sinn der Existenz und die kurze Spanne des Lebens in dieser Welt nachzudenken. Genau darum geht es in der Weltmusik, in der Musik von Palestrina, Bach, Mozart, Beethoven, Vedel, Berezovsky, Schostakowitsch, Britten und Liatoshynsky. In der Musik wird das Drama des menschlichen Lebens durch tragische Kompositionen verdichtet. Die Welt war schon immer so: Man muss kämpfen, um das zu bekommen, was man wirklich braucht. Man muss für eine gute Sache kämpfen, denn das Böse ist leider immer da. Deshalb müssen wir, solange wir leben, alle Anstrengungen unternehmen, um diese Welt mit guten Dingen zu füllen.»


    Etwas von diesem Kampf, etwas Gutes in eine tragische und böse Welt voller Machtstreben hineinzutragen, erzählt dieses einsätzige, durchkomponierte 2. Violinkonzert. Die in engem Tonabstand sich bewegenden, wahrscheinlich (da kennt sich ein westeuropäischer Hörer wie der Schreibende wenig aus!) von ukrainischer Volksmusik beeinflusste Melodien durchziehen das ganze Konzert, mal tragisch mal tröstend, mal kämpfend, mal in Schreie ausbrechend und unvermutet im Nichts abbrechend. Ich höre – gerade auch wegen obigem biografischem Bekenntnis – die ganze Weite existenzieller Trauerarbeit, die sich in diesem Konzert in musikalischen Ausdruck verwandelt.


    * (Lesia Olinyk in The Day Issue: №37, (2007)


    Für Interessierte: Eine Hörbegleitung zu zwei Konzertaufnahmen auf Youtube findet sich auf meiner Homepage:

    Yevhen Stankovych (*1942): Konzert Nr. 2 für Violine und Sinfonieorchester (2006) - unbekannte-violinkonzerte Webseite! (jimdofree.com)

  • DLF-Kultur-Mitschnitt:

    2. Akt davon eingeschmissen.. kommt - nach bereits mega-fetzigen Eindruck vom 1. Akt - erwartungsgemäß geil rüber...

    „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann

  • Diese:



    Christian Jost: TiefenRausch. Konzert für Violine und Orchester (1997)
    Viviane Hagner (Violine), Essener Philharmoniker, Leitung: Christian Jost


    Mitschnitt eines Konzerts vom 16. Juni 2011 in der Essener Philharmonie. Ich war dabei! :)


    Adieu
    Algabal

    Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.

  • Jetzt hast du mich neugierig gemacht. Höre ich mir nun mal auf Youtube an ...

    "Zweierlei eignet sich als Zuflucht vor den Widrigkeiten des Lebens: Musik und Katzen." (Albert Schweitzer)

  • Jetzt hast du mich neugierig gemacht. Höre ich mir nun mal auf Youtube an ...

    Bin gespannt, wie‘s Dir gefällt…. :) Hier inzwischen diese:



    Wolfgang Rihm: Gesungene Zeit. Zweite Musik für Violine und Orchester (1991/92)

    Jaap van Zweden (vl), Royal Concertgebouw Orchestra, Leitung: Zoltan Pesko


    Adieu

    Algabal

    Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.

  • Algabal:

    "Tiefenrausch" hat mir schon mal richtig gut gefallen! :thumbup: Rest (Cocoon Symphony) höre ich mir morgen noch an.

    "Zweierlei eignet sich als Zuflucht vor den Widrigkeiten des Lebens: Musik und Katzen." (Albert Schweitzer)

  • Und nochmal Rihms Gesungene Zeit, jetzt mit der Widmungsträgerin. Bei mir aus dieser Box:



    Das Original sieht so aus:



    Anne-Sophie Mutter (vl), CSO, Leitung: James Levine


    Adieu

    Algabal

    Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.

  • Und nochmal:



    Wolfgang Rihm: Gesungene Zeit

    Tianwa Yang (vl), Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, Leitung: Darrell Ang


    Adieu

    Algabal

    Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.

  • Morton Feldman: Trio (Yves Quartet)

    Es passiert nichts und doch so viel. Auch für Liebhaber für Fetziges, aber Ohren auf: das ist krasse Musik!

    Schöne Grüße, Helli



    Immer cool bleiben.

  • Zwei dritte Symphonien, die einiges gemeinsam haben:


    Sie wurden in den 1960/70er Jahren komponiert, sie dauern ca. 17 min und sie setzen sich produktiv und IMO hörenswert mit dem Erbe der 2. Wiener Schule auseinander. Also Hörkost, die konzentrierteres Zuhören erfordert. Beide wurden vom Werbepartner eingespielt und sind inzwischen für wenig Geld zu haben.


    Humphrey Searle

    Symphonie Nr. 3

    Scottish BBC SO

    Alun Francis


    Josef Tal

    Symphonie Nr. 3

    NDR Radiophilharmonie

    Israel Yinon


     

    Toleranz ist der Verdacht, der andere könnte Recht haben.

  • José Antônio de Almeida Prado (1943 – 2010)

    Piano Concerto No. 1 (1982 – 83)

    Aurora (1975)

    Concerto Fribourgeois (1985)



    Sonia Rubinsky, Piano

    Minas Gerais Philharmonic Orchestra

    Fabio Mechett




    Gruß

    Josquin

  • Peter Eötvös

    Seven

    Patricia Kopatchinskaja

    Frankfurt RSO

    Composer



    Wurde von Gramophone als Konzertaufnahme des Jahres 2013 ausgezeichnet.

    Toleranz ist der Verdacht, der andere könnte Recht haben.

  • Ivan Karabyts (1945-2002)

    Konzerte für Orchester Nr.1-3

    Valentin Silvestrov (geb. 1937)

    Elegie; Abschiedsserenade

    BournemouthSO, Kirill Karabyis

    Naxos, DDD, 2010


    IMHO sehr interessante, abwechslungsreiche, tonale Klassik, dennoch frisch und modern, mit spannendem Einsatz des Schlagwerks. Engagiert gespielt und klanglich exzellent aufgezeichnet. Es mag an der Schreibweise liegen, jedoch liefert jpc zur Zeit keine weiteren Aufnahmen des Komponisten. Sein Sohn, der hier dirigiert, ist ja sehr aktiv, vor allem mit Einspielungen für das britische Label Onyx.

    Zitat

    Mit der Unabhängigkeit der Ukraine 1991 avancierte Ivan Karabits zu einem der führenden Musikerpersönlichkeiten des Landes. Er wirkte als inspirierender Komponist, künstlerischer Leiter und Lehrer und verband in seinem eigenen Werk drei Traditionen: Mahler, Schostakowitsch und die Volksmusik seiner Heimat. Die farbenreichen, virtuosen und oft theatralischen „Konzerte für Orchester“ spiegeln den Einfluss seines Freundes und Mentors Rodion Shchedrin wider. Karabits Zeitgenosse Valentin Silvestro gedachte Karabits nach seinem frühen Tod mit zwei tief empfundenen Werken: Der „Elegie“ liegen Karabits unvollendete Skizzen zugrunde, die im Verlauf des Stückes mit Silvestros eigenen Ideen einhergehen ganz so als befänden sich die Freunde im Dialog über ihre Arbeit.

    Viele Grüße

    Frank

    :cincinbier:

    "it's hard to find your way through the darkness / and it's hard to know what to believe
    but if you live by your heart and value the love you find / then you have all you need"
    - H. W. M.

  • Der Ligeti wird aus meiner Sicht ideal dargeboten von allen Beteiligten und ich schätze die Komposition sehr. Der Eötvös erscheint mir allenthalben reizvoll. Das Bartok-Konzert ist natürlich ein Renner und es existieren gute bis hervorragende Einspielungen in größerer Zahl. Ich kann auch mit Patricia Kopatchinskajas erwartungsgemäß hörbar eigenwilliger Sicht leben, aber da gibt es Besseres, meine ich.


    :) Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

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