Bruckner: Sinfonie Nr. 4 Es-Dur "Romantische"

Vom 28. Januar 2022, 13.30 Uhr bis 03. Februar 2022, 13:30 Uhr findet die 12. ordentliche Mitgliederversammlung des Capriccio-Trägervereins statt. Mitglieder werden gebeten, sich für die Teilnahme ab Freitag hier zu registrieren. Die Freischaltungen erfolgen im Laufe des Freitags, wir bitten dann um etwas Geduld.
  • Bruckner: Sinfonie Nr. 4 Es-Dur "Romantische"

    Ich stecke gerade mitten in einer Brucknerphase. Ich festgestellt, dass es zu einigen Sinfonien des Oberösterreichers noch keinen Thread gibt, deshalb kümmere ich mich jetzt mal darum.


    Entstanden ist die 4. anno 1874, wurde aber im Zeitraum von 1878/80 grundlegend überarbeitet. Zur Entstehunggeschichte kann man hier noch mehr erfahren: "http://www.brucknerfreunde.at/forum/sinfonie-orchesterwerke-ohne-solisten/15-bruckner-symphonie-nr-4-es-dur.html?t=15"
    1888 bearbeitete Bruckner die Sinfonie noch einmal. Bis zur Ausgabe von Korstvedt 2004 wurde diese 3. Fassung, in der Annahme, dass sie von seinen Schülern Franz und Joseph Schalk sowie Ferdinand Löwe stamme, ignoriert. Sie beinhaltet nochmalige Tempomodifikationen, um sie flexibler zu machen und alle Hektik zu minimieren. "http://www.nicolas-radulescu.com/bruckner.html


    Die Sätze der Urfassung:


    1. Allegro
    2. Andante, quasi allegretto
    3. Sehr schnell
    4. Allegro moderato


    Die Sätze der 2. Fassung, mit Finale 1880:


    1. Bewegt, nicht zu schnell
    2. Andante, quasi Allegretto
    3. Scherzo: Bewegt, Trio. Nicht zu schnell, keinesfalls schleppend
    4. Finale: Bewegt, doch nicht zu schnell


    3. Fassung, 1888:


    1. Ruhig bewegt, nur nicht schnell
    2. Andante
    3. Scherzo: Bewegt, Trio: Nicht zu schnell, keinesfalls schleppend
    4. Finale: Bewegt, doch nicht zu schnell


    Eine Analyse der Erstfassung findet sich hier: "http://www.oehmsclassics.de/cd.php?formatid=352
    Eine kurze Beschreibung der 2. Fassung bei wikipedia, allerdings wenig: "http://de.wikipedia.org/wiki/4._Sinfonie_(Bruckner)
    Über die 3. Fassung: "http://www.klemmdirigiert.de/pdf/Bruckner_Vierte_c_EkkehardKlemm.pdf


    Ich selbst kann nicht ins Detail gehen, weil ich keine Ahnung über kompositorische Finessen habe, und auch keine Partitur. Ich beschränke mich aufs reine Hören und einigen Hintergrundinformationen.
    Zu meinen 3 Aufnahmen werde ich allerdings berichten.


    Hier also der Thread zur "Romantischen".
    Bühne frei.


    :wink:

  • Vielen Dank für diese Threaderöffnung!


    Hier ein persönlicher Höreindruck:



    Ich höre Anton Bruckners 4. Symphonie Es-Dur gerne in der Aufnahme mit Claudio Abbado und den Wiener Philharmonikern (CD DGG 431 719-2, aufgenommen im Oktober 1990 im Großen Musikvereinssaal in Wien). Die Wiener Philharmoniker haben dieses Werk ja einige Male aufgenommen, zusätzlich gibt es noch Radiomitschnitte, die teilweise auch auf CD veröffentlicht wurden. Nennen kann man hier außer der Abbado Aufnahme etwa die Interpretationen mit Wilhelm Furtwängler (Oktober 1951, Kongress-Saal des Deutschen Museums München live, Decca), Hans Knappertsbusch (März 1955, Musikverein, Testament) Karl Böhm (November 1973, Sofiensäle, Decca) und Bernard Haitink (Februar 1985, Musikverein, Philips). Der Livemitschnitt aus dem Musikverein mit Nikolaus Harnoncourt vom 19.2.2003 blieb eine Rundfunkübertragung, nicht zuletzt weil Harnoncourt das Werk bereits mit dem Concertgebouw Orkest Amsterdam für CD aufgenommen hat (April 1997, CD Elatus Warner 2564 60129-2).
    Bruckner selbst hat diese Symphonie ja „Romantische“ genannt, und in diese Romantik lass´ ich mich gerne hineinfallen. Diese typische Bruckner Steigerungsart, der Rhythmus 2 zu 3, ist schon mitreißend. Allein das muss für Dirigenten toll sein, solche Steigerungswellen zu dirigieren. Die Durchführung beginnt so wie ich es höre mitten in der blühenden Natur und führt dann auch durch eine Kathedrale. Spannend ist immer wieder mitzuverfolgen, wohin die Steigerungen führen – zu Neuansätzen oder zu Entladungen auf Hochplateaus.
    Der zweite Satz ist schwerblütig geprägt, durch das elegische Thema. Hier kann man sich vielfach verloren fühlen. Die Wiener Philharmoniker trösten mit ihrem Klangluxus, ich kann mir vorstellen, dass andere Orchester hier eine Trostlosigkeit und Fahlheit bis zu Eiseskälte sondergleichen ausbreiten können. Der Aufschwung ein paar Minuten vor dem Ende wirkt auf mich trotzig und erhaben, aber der Satz endet dann so verloren wie er begann.
    Das „Jagdscherzo“ ist in Österreich (zumindest habe ich es so erlebt) Schul-Unterrichtsstoff, was Form und Instrumentenkunde betrifft. Man kann ja wirklich sehr gut beobachten, wo was wiederholt wird und welche Instrumentengruppen einander abwechseln. Das ist sicher einer der am leichtesten zugänglichen Bruckner Symphoniesätze überhaupt. Beim Trio hat der Gustav Mahler Fan ein Aha-Erlebnis.
    Das Finale gibt dem Werk ein Gleichgewicht der Ecksätze. Das monumentale Hauptthema lässt Polyphem oder Fafner aus der Höhle, es geht dann aber auch durch herrlich blühende Natur, und es gibt spannende Orchesterkämpfe. Die Kontraste zwischen diesen Kämpfen und Stillständen geben dem Geschehen eine „schillernde Archaik“, so wie ich es höre. Nach 16 (der knapp über 22) Minuten (bei Abbado) gibt es eine besonders markante Steigerung, die sich immer furioser hochschraubt, dann aber im absoluten Nichts endet und „so als wäre nichts geschehen“ mit der Idylle des nächsten Themenkomplexes fortfährt.
    Bei der Aufnahme mit Abbado und den Wiener Philharmonikern mag ich das vollblütige Klangbild, die satten Streicher und farbigen Holzbläser, und die Tempi die Abbado wählt wirken auf mich „mit wienerischem Brucknerblick“ in sich stimmig. Das „Jagdscherzo“ hab´ ich mir danach noch einmal mit Harnoncourt angehört, der die Konturen schärfer zieht und das Trio bewusst derber, als Bauerntanz interpretiert. Im Beipacktext von Monika Mertl zur CD wird Harnoncourt zitiert, der Bruckners „Lohengrin“-Klangeindruck aus Bayreuth als für den Komponisten verführerisch inspirativ bezeichnet, worauf Bruckner „wie Tannhäuser bei Venus“ komponiert hat, und der zweite Satz wäre so gesehen wie ein „Bußgang“.

    Herzliche Grüße
    AlexanderK

  • Die Abbado-Aufnahme aus Wien hör ich auch sehr gern, obwohl die Blechbläser in Tutti-Passagen extrem zurückgenommen, manchmal kaum hörbar sind (besser als das Gegenteil). Das Gesangliche kommt bei Abbado besonders schön heraus, später in Luzern ist ihm das m.E. noch besser gelungen.



    Ich hab im Karajan-Thread schon einmal etwas zu dessen Berliner Aufnahme der Zweitfassung von 1975 geschrieben (Agravain hat sie auch gerade gehört, wie ich sehe). Ich kopiere das mal hier hinein:



    Karajan lässt zwar nominell die Haas-Fassung spielen, reichert diese aber mit einigen Details aus der korrumpierten Loewe-Fassung unseligen Angedenkens an. Da spielen mal die Geigen eine Oktave höher, dann wird ein Paukenwirbel hinzugefügt - und als Höhepunkt erklingt am Anfang des Finales (Dur-Durchbruch des Hauptthemenkomplexes) ein hier wirklich einmal sinnfreier Beckenschlag. Dass sich jemand so etwas noch Mitte der 70er Jahre getraut hat, verdient je nach Standpunkt Respekt oder Kopfschütteln. Von meiner Seite aus :thumbdown:. Festzuhalten bleibt, dass Karajan nicht als der skrupulöse Philologe unter den Dirigenten in die Musikgeschichte eingehen wird.


    Davon abgesehen ist das keine schlechte Aufnahme, in mancher Hinsicht sogar bemerkenswert. Karajan lässt die Vierte straightforward spielen, mit meist zügigen Tempi. Besonders den zweiten Satz habe ich noch nie so schnell gehört, wirklich einmal quasi allegretto. Darüber hinaus hat mich die Interpretation des Seitenthemas beeindruckt. Häufig mäandern ja hier die Bratschen melancholisch vor sich hin - Karajan setzt aber die mit Forte bezeichnenden Partien scharf ab, fast wie Schreie, begleitet von heftigen Pizzicato-Peitschenhieben.


    Trotzdem mehr Schatten als Licht, und zwar aufgrund einer alten Karajan-Unart: Zu oft gehen Gegen- bzw. Nebenstimmen verloren. Bruckner frönt ja nicht nur in dieser Sinfonie der Eigenart, bei Tutti-Passagen ausschließlich den Hörnern wichtige abweichende Stimmen anzuvertrauen. Da muss sich ein Dirigent halt bemühen, das hörbar zu machen. Bei HvK absolute Fehlanzeige, die Hörner gehen im Tutti-Klang hoffnungslos unter, die Musik klingt dadurch simpler als sie notiert ist. Probehalber habe ich in die fast gleichzeitig entstandene Karl-Böhm-Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern reingehört: In mancher Hinsicht klingt die konventioneller (das behäbige Scherzo z.B.), aber Böhm ist wirklich rührend um die Hornstimmen besorgt, die zudem klangtechnisch fast schon unnatürlich in den Vordergrund gezogen sind.


    Nicht verschwiegen sei, dass Karajan fast wie Jochum, nur etwas verschämter, gerne bei großangelegten Crescendi das Tempo anzieht.



    Viele Grüße


    Bernd

    .

  • Da hat der liebe Zwielicht ja schon alles Wichtige gesagt und enthebt mich der Aufgabe meine Eindrücke zu Karajans 75er Einspielung hier detailliert festhalten zu müssen.
    Und obwohl ich dem Ritter Heribert ja nicht grundsätzlich abgeneigt bin, so fällt mir diese Aufnahme doch im Wesentlichen durch eines auf:
    Sie erinnert mich an das 11. Gebot, das über Robert Gerhardt auf uns herabgekommen ist und lautet: "Du sollst nicht lärmen."


    Vor allen philologischen Problemen empfinde ich die Aufnahme schwer verdaulich, weil sie - wie auch die Achte aus den 70ern - schlicht lärmend klingt. Es wird ein enorm gleißend-schneidender Blech-Klang herausgetutet, dem in Forte-Passage alles (außer der Pauke) untergeordnet wird. Daneben werden - die hohen Tempi unterstreichen es noch - quasi in einer Tour Brucknersche Urgewalten entfesselt, so wie sie kaum in den späten Sinfonien zu hören sind. Da galoppieren Klangelefanten durch den Porzellanladen. Es wird wird - man möge es mir bei abweichender Meinung verzeihen - hier einfach zu plakativ auf den Putz gehauen.


    In den nächsten Tagen trudelt Venzagos Aufnahme der Vierten bei mir ein, die (mir) eine facettenreichere Interpretation verspricht. Bis dahin höre ich eine deutlich schlankere Interpretation, nämlich die Heinz Rögners.


    :wink: Agravain

  • Kennt jemand Einspielungen der Drittfassung?


    Laut "http://www.abruckner.com/discography/symphonyno4ineflat/" gibt es außer einer japanischen Aufnahme, die ich bei den üblichen Anbietern nicht finde, nur diese:



    Was ich über diese Fassung lese, stimmt mich ja eher skeptisch (der große Strich im Finale, auch die Beckenschläge sind wieder da). Aber uninteressant ist sie sicher nicht.



    Hier noch eine konträre Position von Hurwitz zum im Eingangsbeitrag verlinkten Text von Klemm über die Drittfassung:


    "http://www.classicstoday.com/features/Bruckner-4th.pdf"



    Viele Grüße


    Bernd

    .

  • Uninteressant ist sie nicht

    Hallo,
    ich habe die 1888iger Version mit Vänskä als Live-Mitschnitt zufällig eingefangen und da vor dem Finale einem Geiger die Saite reisst, kommt es zu einer Pause, in der der Radioansager sehr deutlich betont, dass es sich um die Benjamin Kortstvedt Edition handelt.
    Ich habe die Partitur keiner der 4. Bruckners, aber mir kam das Scherzo seltsam "kastriert" vor. Außerdem schien mir die Instrumentierung anders. Bei der Wiederholung des Eingangsthemas kam es mir sofort anders vor!
    Wenn ich Herrn Hurwitz folgen darf, dann wird nur die alte Schalk Version leicht modifiziert wieder angeboten, also alter Wein in neuen Schäuchen?
    Das Schöne an dieser Aufnahme ist, dass Osmo Vänskä sehr leicht und transparent (Andreae grüßt von Ferne!) spielen läßt und die Aufnahme zu hören eine Freude ist, zumal derart Entstellendes wie die Gebrüder Schalk mit der 5. veranstaltet haben (Knappertsbusch, ich sage nur Knappertsbusch) hier nicht für mich(!) zu hören ist.
    Das mag ein Spezialist durchaus anders sehen.


    Gruß aus Kiel

    Was soll ich mit einem Oldtimer? Ich kauf mir doch auch keinen Schwarz-Weiß-Fernseher. (Jeremy Clarkson)


  • Davon abgesehen ist das keine schlechte Aufnahme, in mancher Hinsicht sogar bemerkenswert. Karajan lässt die Vierte straightforward spielen, mit meist zügigen Tempi. Besonders den zweiten Satz habe ich noch nie so schnell gehört, wirklich einmal quasi allegretto


    Nur für die Statistik: wenn die Zeitangabe (14:34) bei amazon stimmt, ist Karajan ziemlich exakt so schnell wie Harnoncourt. Klemperer ist in der EMI-Studio-Aufnahme gut eine halbe Minute schneller, in der WDR-live-Aufnahme über als eine Minute. (Ich hoffe mal, dass immer vergleichbare Fassungen ohne Schnitte gespielt werden)


    Klemp 1954 WDR live: 14:48 - 13:16 - 10:29 - 17:17
    Klemp EMI 1963: 16:06 - 13:55 - 11:44 - 18:59
    Andreae live 1953 (ORFEO): 16:39 - 15:01 - 9:57 - 18:38

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Bruckner 4, wie herantasten?

    Hallo Freunde


    Bald höre ich das erste Mal in einem Konzert die 4. Sinfonie von Anton Bruckner. Ich habe schon einige Aufnahmen. Was mich interessiert, ist eher eine Art Überblick, wie die Themen miteinander zusammenhängen, ähnlich diesem Thread.


    Gibt es dazu Literatur oder bevoruzgte Seiten, die sich in dieser Art und Weise mit dieser Sinfonie auseinandersetzen?


    Mauritius

  • Vielleicht kann man das in den normalen Thread zu Bruckners Vierter verschieben?



    Am ehesten dürfte der folgende Band aus der bewährten Handbuch-Reihe des Metzler/Bärenreiter-Verlags Deine Erwartungen erfüllen:



    Leider ziemlich teuer. Aber vielleicht kannst Du ihn aus einer nahegelegenen Bibliothek ausleihen.



    Sonst gibt es m.W. leider kaum Literatur, die Bruckners Werke halbwegs allgemeinverständlich und ausführlich beschreibt/analysiert. In diesem Buch...



    ...kommen nach meiner Erinnerung Aufbau und Struktur der Sinfonien deutlich zu kurz.



    Viele Grüße


    Bernd

    .

  • Vielleicht kann man das in den normalen Thread zu Bruckners Vierter verschieben?

    Man kann - nicht nur vielleicht. ;+) Danke für den Hinweis!


    Literatur über Anton Bruckner allgemein könnte vielleicht mit einem eigenen Faden bedacht werden, entsprechend denen zu anderen Komponisten im Bereich Musikliteratur & Musikkritik.


    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Danke für Deinen Hinweis, Bernd.


    Ich habe das Bruckner-Handbuch angeschaut, aber es ist mir viel zu knapp. Auch das Buch von Renate Ulm trifft das Gesuchte nicht. Mir bleibt nichts anderes übrig, als selbst die Vierte zu erforschen-das ist vielleicht auch nicht da Dümmste :)


    Wenn Interesse besteht, kann ich meine Erkenntnisse dann hier veröffentlichen.


    Mauritius

  • Was mich interessiert, ist eher eine Art Überblick, wie die Themen miteinander zusammenhängen, ähnlich diesem Thread.


    Lieber Freund Adagietto,


    welche Aufnahmen des Werkes hast Du denn? Einen formalen Überblick anhand von Spielzeiten zu geben ist kein großes Problem. Würde Dir das helfen?


    Viele Grüße
    MB


    :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Liebe Mauerblümchen


    Danke für Dein schönes Angebot. Auf meinem Tisch liegt die Aufnahme mit Celibidache und den Münchnern. Mir gefallen gerade die langsamen Tempi. Für einen formalen Überblick wie von Dir geschildert wäre ich sehr dankbar.


    Mauritius

  • Lieber Freund Adagietto,


    die Einspielung mit Celi und den Münchnern mag ich auch sehr gerne! Dann werde ich mich mal daran versuchen ... obs schon heute abend klappt, weiß ich aber noch nicht.


    Viele Grüße
    MB


    :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Liebe Mauerblümchen


    Danke für Deinen Effort! Ich möchte Dich allerdings nicht stressen-nimm Dir soviel Zeit, wie Du brauchst. Ganz gemächlich, so wie Celi dirigiert :)


    Ich grüsse Dich herzlich,


    Mauritius

  • Erster Satz

    So versuche ich mich mal am Kopfsatz unter Verwendung folgender Aufnahme:


    Münchner Philharmoniker
    Sergiu Celibidache
    16. Oktober 1988



    0:05 Exposition
    0:05 Hier haben wir ihn, den Prototyp eines brucknerschen Urnebels – flächiges Tremolo der Streicher, ein Hauch von Nichts .


    0:12 1. Themengruppe (Es-Dur)
    0:12 1. Thema, vorgestellt vom 1. Horn (4 Signale)
    0:57 durchführungsartige Weiterverarbeitung des 1. Themas, Echospiel zwischen Holz und 1. Horn, später auch thematische Beteiligung der Streicher, spannungsaufbauende Harmonik.
    1:54 erste Verwendung des Überleitungsmotivs, welches im typischen Brucknerrhythmus steht (zwei Viertelnoten gefolgt von drei Vierteltriolen) und sowohl in Aufwärts- wie in Abwärtsrichtung vorkommt.


    2:13 Überleitungsmotiv, im Forte vom tiefen Blech gespielt, von den Trompeten in Umkehrung beantwortet. (Dadurch, dass die Durchführung im Wesentlichen vom 1. Thema und vom Überleitungsmotiv bestritten wird, kommt diesem fast der Rang eines Themas zu.)


    3:08 2. Themengruppe (Des-Dur)
    3:08 2. Thema, mit zwei wichtigen „Melodien“ – Oberstimme in der ersten Violine, Unterstimme in den Bratschen. Bruckner nennt die zweite Gruppe gerne „Gesangsperiode“ und beschreibt das Thema als „Gesang der Kohlmeise Zizipe“. – Auch in anderen Sinfonien Bruckners ist das 2. Thema gerne mit zwei kontrastierenden Melodien gesetzt.
    3:25 Das zweite Thema erfährt sogleich die Andeutung einer Wiederholung in Ges-Dur, diese geht jedoch in eine Folge von Tonleitern über. Bei 3:54 ist das 2. Thema dann in E-Dur zu hören. Nach einer ausdrucksvoll zu spielenden einstimmigen Linie in Cello und Klarinette (4:11) dienen Motivabspaltungen des 2. Themas dann als steigernde Überleitung zur


    4:38 3. Themengruppe (B-Dur)
    4:38 3. Thema. Man höre nicht auf das Überleitungsmotiv in Holz und Tuba, sondern auf die Trompeten und Hörner – diese spielen das dritte Thema.
    5:02 Die Fortspinnung wird wieder mit dem Überleitungsmotiv bestritten, wiederum gibt es Motivabspaltungen, die zur Steigerung benutzt werden. Das nächste Forte (5:21) gehört ebenfalls dem Überleitungsmotiv. Ab 5:44 geht es mit geheimnisvoll chromatisch aufsteigenden Skalen weiter, was nach kurzer Steigerung in eine Fanfare bei 6:07 führt, die endgültig das Ende der Exposition ankündigt: Dieses wird zunächst mit Material des 2. Themas gestaltet (ab 6:17) und mündet über Paukenwirbel in eine Stelle chromatisch fallender Akkorde.


    Wo man nun genau die Grenze zwischen Exposition und Durchführung zieht, ist Geschmackssache. Bruckner setzt einen Doppelstrich, der diese imaginäre Grenze vermutlich bezeichnen soll, bei 7:07.


    7:07 Durchführung
    Eigentlich kann man alles selbst heraushören, weil die Themen und Motive ja bekannt sind …
    … für mich geht die eigentliche Durchführung los bei
    7:56 imitatorische Verarbeitung des 1. Themas, sogleich gefolgt vom Überleitungsmotiv, weiter im Wechsel mit dem 1. Thema
    8:39 Beginn einer Steigerung mit dem ersten Thema, die in einem Ausbruch des Überleitungsmotivs mündet (9:10). Auch der folgende Piano-Abschnitt (ab 9:41) verwendet dieses Motiv, steigert sich wieder, um nach einem vorläufigem Höhepunkt ab 10:19 ein Streichertremolo („Urnebel“) in hoher Lage mit Einsätzen des 1. Themas folgen zu lassen.
    11:05 Choralartiger Abschnitt, an das 3. Thema erinnernd, aber dabei den Rhythmus des 1. Themas verwendend. Kulminiert in einer „Mini-Apotheose“ des 1. Themas (12:01), gleichzeitig Höhepunkt der Durchführung. Was folgt, ist Ausklang unter Verwendung der Unterstimme des 2. Themas (ab 12:27).


    14:06 Reprise


    14:06 1. Themengruppe (Es-Dur)
    14:06 1. Thema, wieder im 1. Horn über Streichertremolo, aber begleitet von Akkordbrechungen in 1. Violine und 1. Flöte, beantwortet von der Pauke.
    15:00 wie gehabt durchführungsartige Weiterverarbeitung des 1. Themas, Echospiel zwischen Holz und 1. Horn, später auch thematische Beteiligung der Streicher, spannungsaufbauende Harmonik, hier noch bereichert durch eine Cello-Kantilene.
    16:04 erste Andeutung des Überleitungsmotivs, welches im typischen Brucknerrhythmus steht (zwei Viertelnoten gefolgt von drei Vierteltriolen)


    16:24 Überleitungsmotiv, im Forte vom tiefen Blech gespielt, von den Trompeten in Umkehrung beantwortet.


    17:18 2. Themengruppe (H-Dur)
    17:35 Das 2. Thema erfährt sogleich die Andeutung einer Wiederholung in D-Dur, diese geht jedoch in eine Folge von Tonleitern über. Bei 18:04 ist das 2. Thema dann in F-Dur zu hören. Nach einer ausdrucksvoll zu spielenden einstimmigen Linie im Cello (18:21 – in meiner Partitur Horn?) dienen Motivabspaltungen des 2. Themas dann als steigernde Überleitung zur


    18:57 3. Themengruppe (Es-Dur)


    19:30 Coda (oder auch erst später …)
    19:30 Die Fortspinnung wird dieses Mal mit dem 1. Thema bestritten. Bruckner hält den Zuhörer im Unklaren, verschleiert den Fortgang. Erst bei
    20:30 tritt das 1. Thema wieder markant hervor. Die Schlusssteigerung beginnt – in E-Dur. Bei 20:46 geht es abrupt nach As-Dur, über as-moll (21:01) wird dann die Tonika erreicht, wozu das 1. Thema triumphierend erklingt (21:17).

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Liebe Mauerblümchen


    WOW! Das ist ja mal eine fundierte Beschreibung. Herzlichen Dank, das hätte ich so nie geschafft! Da hast Du sicher viel Zeit investiert...
    Mit diesem Wissen werde ich jetzt mal schön langsam "rangehen". Deine Beschreibungen motivieren mich dazu.


    Hab einen schönen Tag, Mauritius

  • 2. Satz

    Auch die Form des zweiten Satzes kann zur Not als Sonatenhauptsatzform aufgefasst werden, allerdings mit zwei Durchführungen, deren zweite den Höhepunkt des Satzes bringt. Die Haupttonart ist c-moll, die Tonikaparallele der Tonart der Sinfonie.


    0:00 Exposition


    0:00 1. Themengruppe (c-moll)
    0:00 Bevor das eigentliche Thema zu hören ist, exponieren die Violinen und Bratschen ihre initialen Begleitmuster.
    0:08 Die Celli stellen das 1. Thema vor. Es beginnt mit einer fallenden Quinte, gefolgt von einer steigenden Quinte, wie das 1. Thema des Kopfsatzes.
    0:35 Die bisher begleitenden höheren Streicher übernehmen mit einem Motiv, das ebenfalls einen Quintfall aufweist – allerdings nur als Rahmenintervall von erstem und letztem Ton. Wir sind in Ces-Dur. Das Solohorn hat das letzte Wort – dieses Detail hat als weitere Gemeinsamkeit mit dem ersten Thema des Kopfsatzes noch gefehlt.
    Das Quintfallmotiv spielt in diesem Satz eine ähnliche Rolle wie das Überleitungsmotiv im Kopfsatz.
    0:50 Die Holzbläser greifen das 1. Thema wieder auf.
    1:39 Ein choralartiger Abschnitt, der von punktierten Rhythmen unterbrochen wird, eröffnet die Überleitung zum 2. Thema, …
    2:48 … welche in einer auskomponierten fallenden Tonleiter und kadenzierenden Akkorden endet.


    3:25 2. Themengruppe (c-moll)
    3:26 Begleitet von den Pizzicati der übrigen Streicher spielen die Bratschen das 2. Thema.
    4:30 Das 2. Thema ist vorgestellt und endet in Es-Dur, der Durparallele der Tonart des Satzes – die Regeln des Lehrbuchs der Sonatenhauptsatzkomposition sind gerettet.
    4:33 Das 2. Thema wird in variierter Form nochmals gespielt.
    5:41 Das vom Ende des 1. Themas (0:35) bekannte Quintfallmotiv erscheint auch hier, und zwar zunächst in der Soloflöte, dann im Solohorn, …
    5:57 … dann folgt wiederum eine auskomponierte fallende Tonleiter mit kadenzierenden Akkorden.


    6:20 1. Durchführung (Beginn entweder hier oder mit Einsatz des ersten Themas bei 6:52)


    6:20 Nochmals ist das Quintfallmotiv zu hören, jedoch in Celli und Bässen.
    6:52 Durchführung des 1. Themas (Horn, dann Holz) über wiegender Begleitung. Nach und nach zunehmende Lautstärke und kontrapunktische Dichte.
    7:52 Höhepunkt der klanglichen Entfaltung. Decrescendo und Ritardando.


    8:40 Reprise


    8:40 1. Themengruppe
    8:40 1. Thema in den Celli, angereichert durch eine Oboe.
    9:22 Variierte Wiederholung des 1. Themas. Endend mit einer Umkehrung des Quintfallmotivs.


    10:31 2. Themengruppe
    10:31 2. Thema in der Bratsche.
    11:42 Variierte Wiederholung des 2. Themas.


    13:19 2. Durchführung


    13:19 Das 1. Thema wird in einer großangelegten Steigerung zum Höhepunkt des Satzes geführt.
    15:21 Der Höhepunkt ist erreicht. Durchgeführt wird das 1. Thema jedoch nicht in seiner Gänze, sondern nur ein motivischer Ausschnitt (stufenweiser Abstieg von der 5. zur 1. Stufe, also wiederum eine fallende Quinte).
    15:55 Nach und nach Diminuendo.


    16:42 Coda
    16:42 Über monotonen Paukenschlägen erklingen letzte Motivfetzen. Schluss in C-Dur.

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

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