Paul Juon (1872 -1940) – Komponist bedeutender Kammermusik

Vom 28. Januar 2022, 13.30 Uhr bis 03. Februar 2022, 13:30 Uhr findet die 12. ordentliche Mitgliederversammlung des Capriccio-Trägervereins statt. Mitglieder werden gebeten, sich für die Teilnahme ab Freitag hier zu registrieren. Die Freischaltungen erfolgen im Laufe des Freitags, wir bitten dann um etwas Geduld.
  • Paul Juon (1872 -1940) – Komponist bedeutender Kammermusik

    Gibt es gute Gründe dafür, dass ein Komponist wie Paul Juon, Russe schweizerischer Herkunft, heute so wenig Beachtung findet? Dabei sind zentrale Werke seiner Kammermusik, die den Schwerpunkt seines Schaffens ausmacht, in z.T. bemerkenswerten CD-Einspielungen leicht zugänglich.


    In den frühen Werken ist mitunter noch eine gewisse Nähe zu Brahms spürbar, die diesen Werken aber m.E. nicht zum Nachteil gereicht. Eigenes ist bald unüberhörbar. Die mittleren und späteren Werke zeugen von einer ganz persönlichen, unverwechselbaren Sprache und überraschen immer wieder mit einer Fülle phantastischer, ja hinreißender Einfälle.


    Vielleicht mag sich der eine oder andere Capriccioso zu seinen Erfahrungen mit der Musik Paul Juons äußern? Ich selbst kenne bisher folgende Einspielungen:












    Auscultator :wink:

    Mozart und Beethoven reichen bis zum Himmel – Schubert kommt von dort. Oskar Werner

  • Kammersinfonie op. 27


    Dieser Thread verdient eine Wiederbelebung, zumal in den letzten Tagen in "Eben gehört" einiges von Juon hin- und hergereicht wurde.

    Das Werk, das mich immer noch am meisten in Erstaunen versetzt, ist die Kammersinfonie / Oktett op. 27.

    Besetzung: Violine, Viola, Cello, Oboe, Klarinette, Horn, Fagott, Klavier

    Einzige und ausgezeichnete Aufnahme auf CD:


    Es spielen Mitglieder des Tonhalle-Orchesters Zürich

    Aufnahme 27.-30. Januar 2006 im Radiostudio Zürich


    Diese Aufnahme steht neuerdings bei Youtube mit Noten bereit. Sehr zum Kennenlernen empfohlen, man kann da beispielsweise im 1. Satz die für Juon typischen rhythmischen Spielchen wunderbar verfolgen: Im durchgehend vorgeschriebenen 3/2-Takt wechselt er genüsslich zwischen 3-Viertel-Einheiten (6/4-Takt) und 2-Viertel-Einheiten (3/2-Takt) und noch ganz anderen Einteilungen hin und her, oft noch übereinander gelagert.

    Rhythmisch ebenso raffiniert geht es im 3. Satz im 5/4-Takt zu: eine perpetuum-mobile-artige Triolenbewegung drängt nach vorne, gleichzeitig sorgen die abwechselnden bzw. überlagerten 3/4 und 2/4 Einheiten für einen tänzerischen Schwebezustand. Hier mit eingängiger Melodik und einschmeichelnder Harmonik.

    Wunderbar auch der 2. Satz mit seiner russischen Melancholie in f-Moll.

    Das ganze Werk ist höchst originell und klanglich abwechslungsreich. Der nicht origale, aber schon zu Lebzeiten des Komponisten eingebürgerte Titel "Kammersinfonie" passt insbesondere auf die teilweise orchestralen Ecksätze.

    Vom Komponisten stammt eine Alternativfassung als Septett für Streicher und Klavier (op. 27a*), die wohl schwerlich mit diesem klanglichen Feuerwerk konkurrieren kann und denn auch nirgends anzutreffen ist.

    Eher umgekehrt: in der vorliegenden Einspielung (laut Booklettext) "verdoppelt der in der Partitur nicht eingetragene Kontrabass auf diskrete Weise die Basstöne des Violoncellos oder des Klaviers". Warum nicht, wenn es so gut gespielt ist.

    Interessenten sei unbedingt der Kauf der CD ans Herz gelegt, solange es sie noch gibt (bei jpc nicht lieferbar). Klanglich superb und im Gegensatz zur Youtube-Version nicht dynamikreduziert. Das auf der CD noch enthaltene Klavierquintett lohnt mindestens ebenso. Es ist ganz anders gearbeitet, tiefgründig, thematisch dicht, zyklisch angelegt, nebenbei mit ausgesprochenen Ohrwurmqualitäten.


    * Verwirrung herrscht bezüglich der Fassungen, wozu leider auch der Booklettext beiträgt (wie auch Bartje Bartmans, der sich in seinem Youtube-Kanal darauf bezieht). Die abgebildete Partitur ist mit der bei IMSLP verfügbaren identisch. Dort steht ausdrücklich:

    - "Octett für Violine, Bratsche, Violoncello, Oboe, Clarinette, Horn, Fagott und Klavier" = op. 27

    - Bearbeitung als Septett (nur Streicher + Klavier) = op. 27a

    Eine weitere Fassung geistert gerüchteweise durch manche Köpfe, ohne dass irgendwo Informationen über Besetzung, Noten, Aufführungen zu finden wären. Stattdessen wird mancherorts (auch im Booklettext) das Oktett fälschlich als op. 27a angegeben, die Septettfassung als 27b. Auf dem CD-Cover+Rückseite steht's richtig, wenn auch der ohnehin wenig aussagekräftige Titel "Oktett" vermieden wird, da ja 9 Musiker mitspielen. Kompliziert das alles.

    Nicht irritieren lassen, die Kammersinfonie hören und genießen.


    :S Khampan

  • Diese Aufnahme steht neuerdings bei Youtube mit Noten bereit. Sehr zum Kennenlernen empfohlen

    danke für den Tip.

    Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
    daß Alles für Freuden erwacht

  • Musik für Musizierende, nicht für Zuhörer?


    Mit meinen Kollegentrio (Oboe, Klarinette, Cello) versuchen wir uns schon seit Monaten an den Arabesken. Allerdings mit grossen Unterbrechungen, zur Zeit aber wieder intensiver. Die Arabesken op. 73 sollen Juons letztes vollendetes Werk sein, entstanden im Frühjahr 1940.

    Für mich ist das Musik, die selbst zu spielen viel Freude bereitet, obgleich oder gerade weil, die Musik technisch und formal anspruchsvoll ist. Schon mit seiner eigenen Stimme hat man erhebliche Arbeit. Rhythmus und Tempo wechseln häufig, Es wimmelt von Triolen, Quintolen, Sextolen, Septolen, Drei Töne auf zwei Schlägen, etc. Zusammen mit den anderen Stimmern ergibt sich ein labyrinthisches Gewebe voller Schönheit, Arabesken halt.

    Wie gesagt, sich das selbst zu erarbeiten, in dem Tempo in dem man das zunächst bewältigen kann, macht Freude. Das passive Hören dieser Musik finde ich für mich persönlich wiederum weniger lohnend. Musik für Musizierende, nicht für Zuhörer?


    Juon widmete das Werk seinem Freund und Schüler, dem Komponisten Hans Chemin-Petit.

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