Bruckner: Sinfonie Nr. 9 d-Moll – Dem lieben Gott gewidmet

  • Ich habe hier einen Aufsatz des Musikwissenschaftlers Dr. Fritz Oeser über Bruckners 9. Sinfonie gefunden, der zwar aus dem Jahr 1940 stammt aber ich denke, dass er nicht zu angestaubt ist. Oeser erwähnt da, dass Bruckner aus dem vorliegenden Material zum Finale heraus eine Überleitung zum Te Deum erstellen wollte (und vielleicht auch gemacht hat...).

    Vielen Dank, Lionel. Werde ich hoffentlich mal Zeit finden zu lesen. 1940 ist aber nun einige Jahre her. John A Phillips Dissertation ist von 2002. Er ist einer der 4 Wissenschaftler, die an der sogenannten SPCM Rekonstruktion gearbeitet haben und er ist ja auch Autor der Ausführungen in dem Programmheft von 2022, also nochmal 20 Jahre später. Er kennt die Hypothese der Überleitung. Es gibt daffür wohl einige sehr gute, handfeste Belege. Was es nach neuerem Stand der Wissenschaft genau damit auf sich hat und was Phillips dazu sagt, habe ich selber noch nicht gelesen, aber hier ist ein Link zu seiner Dissertation, in der er dies und sehr viel mehr noch bespricht:


    https://digital.library.adelaide.edu.au/dspace/bitstream/2440/21827/7/02whole_v1.pdf


    Vielleicht wird man in dieser Dissertation auch eine Erklärung finden, warum die SPCM Rekonstruktion sich gegen eine solche Überleitung entschieden hat. Ich nehme aber einfach an, dass es Hinweise von Bruckner selber gibt, dass diese Überleitung eben auch nur eine Notlösung sein sollte, falls er den Rest des 4. Satzes nicht fertigstellen konnte. Ich selber finde das Argument, dass man einen fast vollständigen Entwurf der Coda in der Hand hat, ziemlich abschliessend. Ich denke mir in meinem Unwissen, dass Bruckner demnach im Idealfall einen eigenständigen 4. Satz ohne das Te Deum wollte. Dass nun im 4. Satz trotzdem Choräle usw anklingen, ist klar. Ich finde auch wunderbare Zitate aus Beethoven 9.


    Ich möchte aber nochmal betonen, dass auch für mich trotz aller Diskussion der rekonstruierte Satz eben immer ein solcher bleiben wird. Er ist nach aller Diskussion nicht reiner Bruckner. Das wird ja weiterhin von niemandem behauptet. Und ich selber habe auch weiterhin keine Meinung dazu, ob man ihn spielen sollte, ob man ihn nicht spielen sollte, ob man nur das Te Deum spielen sollte....oder vielleicht doch mal eine Überleitung konstruieren?

    Ist alles nur interessant und jeder kann das so machen, wie er will.

  • Bruckners Wille war definitiv, dass ein von ihm vollendetes Finale aufgeführt werden soll, sollte er es denn fertigstellen können. Er konnte es aber nicht fertigstellen, was er selbst zu Lebzeiten realisiert hat. Also bat er darum, das Te Deum aufzuführen. Gerne mit einer Überleitung, wenn er sie denn fertig bekommen hätte (vielleicht hat er sie ja sogar zu Lebzeiten weitgehend fertig bekommen, aber auf jeden Fall ist sie nicht auffindbar).


    Demzufolge gehen für mich alle Komplettierungsversuche der Fragmente des Finales an Bruckners Willen vorbei. Er wollte ganz sicherlich nicht, dass Jahrzehnte nach seinem Tod irgendwelche Leute, die bei seinem Tod noch nicht einmal geboren waren, in seiner Partitur herumkomponieren. Er wollte, da er das Werk nicht zu Ende bringen konnte, dass die ersten drei Sätze aufgeführt werden plus dem Te Deum. Angesichts dessen kann man darüber streiten, ob jene weitestgehend fertiggestellten Fragmente des Finales (und nur diese!) gemeinsam mit einer wie auch immer zu rekonstruierenden Überleitung aufgeführt werden sollen, bevor das Te Deum erklingt. Oder man kann letzteres völlig bleiben lassen und nur die ersten drei Sätze aufführen. Oder man führt die ersten drei Sätze ohne Überleitung gemeinsam mit dem Te Deum auf, wenn man denn meint, dass es auch Bruckners Willen nicht entsprochen hätte, dass nach seinem Tod irgendwelche Leute eine Überleitung rekonstruieren.


    Was man auf jeden Fall nicht aufführen sollte, ist das, was Rattle und andere da aufführen, nämlich so ein Konstrukt, das nichts mit Bruckners Willen zu tun hat.

    «Musik ist die größte Inspiration. Wenn du traurig bist, denk' an all die Musik, die du noch nicht gehört hast.»
    (Jim Jarmusch)

    Das Problem ist nur: In unserer Klassikkultur hört man fast ausschließlich Musik, die man schon zigmal zuvor gehört hat. Es sind vielleicht gerade mal 2 % der komponierten Musik, die wieder und wieder gespielt werden, aber 98 % bleiben unaufgeführt.

  • Da muß ich kurz einhaken:

    Die Fragmente des IV. Satzes gibt es nur auf der CD/SACD-Combo von 2003:


    EAN: 828765433228


    Auf der CD sind die Fragmente mit Erläuterungen von Harnoncourt

    Und die gibt es gerade bei Medimops nachgeworfen. Wenn also jemand daran interessiert sein sollte, kann er/sie hier zuschlagen.

    Viele Grüße sendet Maurice

    Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)

  • Was man auf jeden Fall nicht aufführen sollte, ist das, was Rattle und andere da aufführen, nämlich so ein Konstrukt, das nichts mit Bruckners Willen zu tun hat.

    Der Wille des Komponisten ist aber auf der Bühne nicht die letzte Instanz. Dazu kennen wir den Willen des Komponisten auch viel zu wenig genau. Die Fälle, wo Komponisten bekanntermaßen ihre Werke abweichend von ihrem notierten Willen aufgeführt haben oder wo Komponisten ihren Willen nach einigen Aufführungen sogar änderten, will ich erst gar nicht anführen.


    Wie immer gilt: Wäre Bruckner nach dem Komponieren der ersten Fassung der vierten Sinfonie gestorben, so gäbe es eventuell einige selbsternannte Verteidiger des letzten Komponistenwillens, die behaupten würden, die vierte Sinfonie dürfe man immer nur in der Fassung spielen. Im Falle dieser Sinfonie bin ich ganz dankbar, dass der Komponist in seinem Leben noch genug Zeit hatte, diesen Verteidigern selbst zu widersprechen. Bei der neunten Sinfonie hatte er diese Zeit nicht.


    Was zählt, is aufm Platz. Ein Konzert ist kein Termin zur Testamentsvollstreckung, selbst wenn irgendwelche Noten eine (wie auch immer) reduzierte Form eines Komponistenwillens zu einem bestimmten Zeitpunkt darstellen sollten.


    Wenn ein nachkomponierter vierter Satz von anderer Feder aufgeführt wird, dann behauptet ja auch niemand, dass dies der Wille Bruckners sei. Na und? Es ist ein Stück Musik, das aufgeführt wird. Nicht mehr, nicht weniger. Ob es gut oder weniger gut ist und ob es zum Vorangegangenen mehr oder weniger passt, sind davon unabhängige Fragen.

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Wie immer gilt: Wäre Bruckner nach dem Komponieren der ersten Fassung der vierten Sinfonie gestorben, so gäbe es eventuell einige selbsternannte Verteidiger des letzten Komponistenwillens, die behaupten würden, die vierte Sinfonie dürfe man immer nur in der Fassung spielen. Im Falle dieser Sinfonie bin ich ganz dankbar, dass der Komponist in seinem Leben noch genug Zeit hatte, diesen Verteidigern selbst zu widersprechen.

    Wäre er nach Komponieren der ersten Fassung verstorben , gäbe es nur diese . So aber haben wir das verworfene Scherzo , seine 1876er Revision , das Volksfestfinale , die 1878/80 Version mit Bruckners Revision von 1886 , die 3.Version von 1888 ....was wollte Bruckner ? Den Verteidigern des letzten Komponistemwillens widersprechen eher nicht . Aber Fakt bleibt : dies alles ist von seiner Hand . Und damit zurück zur Neunten : ich fürchte , daß Harnoncourt alles von Bruckner eingespielt hat . Und der Rest bleibt jedem überlassen . Vielleicht baut jemand ja noch Trösterin Musik (WAB 88) mit ein , immerhin auch von der Hand des Meisters .

    Good taste is timeless / "Ach, ewig währt so lang " "Not really now not anymore" "But I am good. What the hell has gone wrong?"

  • Der Wille des Komponisten ist aber auf der Bühne nicht die letzte Instanz. Dazu kennen wir den Willen des Komponisten auch viel zu wenig genau. Die Fälle, wo Komponisten bekanntermaßen ihre Werke abweichend von ihrem notierten Willen aufgeführt haben oder wo Komponisten ihren Willen nach einigen Aufführungen sogar änderten, will ich erst gar nicht anführen.

    Eben habe ich diese Argumentation, die ja doch eher ins Allgemeine zielt, dort aufgegriffen:


    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • dies alles ist von seiner Hand

    Das ist das Entscheidende.


    Wie Gurnemanz mal an anderer Stelle über einen "Weiterkompositionsversuch" der vorhandenen Skizzen von Beethovens Sinfonie Nr. 10 schrieb:

    Wir hätten dann die Aufführung einer zeitgenössischen Komposition. Auch wenn die dann irgendwie nach Beethoven klänge: Das als Beethovens 10. Symphonie zu bezeichnen wäre klarer Etikettenschwindel.

    Ebenso ist es Etikettenschwindel, etwas als "Bruckner" aufzuführen, was nicht von ihm stammt. Wenn 16 Takte hier und 16 Takte dort in Bruckners Skizzen fehlen, dann kann man sie eben nicht aufführen. Nikolaus Harnoncourt war da in seinem Gesprächskonzert mit den Wiener Philharmonikern konsequent.


    In derselben Diskussion über "Beethovens" Zehnte bemerkte Khampan zurecht:

    armer Beethoven.
    Hätte er seine Skizzen doch mal verbrannt. Obwohl, dann würde man vielleicht versuchen, aus der Asche etwas zusammenzukomponieren. KI machts ja möglich.

    Bruckners einzige Chance, "Vervollständigungen" durch irgendwelche Leute zu verhindern, wäre wirklich gewesen, kurz vor seinem Tod sämtliche Skizzen zum Finale zu vernichten. Denn für seinen erklärten Willen, das Werk mit dem Te Deum als Abschluss aufzuführen, interessiert sich ja offenbar sowieso niemand.

    «Musik ist die größte Inspiration. Wenn du traurig bist, denk' an all die Musik, die du noch nicht gehört hast.»
    (Jim Jarmusch)

    Das Problem ist nur: In unserer Klassikkultur hört man fast ausschließlich Musik, die man schon zigmal zuvor gehört hat. Es sind vielleicht gerade mal 2 % der komponierten Musik, die wieder und wieder gespielt werden, aber 98 % bleiben unaufgeführt.

  • Wie Gurnemanz mal an anderer Stelle über einen "Weiterkompositionsversuch" der vorhandenen Skizzen von Beethovens Sinfonie Nr. 10 schrieb:

    Ebenso ist es Etikettenschwindel, etwas als "Bruckner" aufzuführen, was nicht von ihm stammt. Wenn 16 Takte hier und 16 Takte dort in Bruckners Skizzen fehlen, dann kann man sie eben nicht aufführen.

    Zwischen der Menge an Vorlagen zu Beethoven 10 und Bruckner 9 4. Satz sind 3 Universen dazwischen. Der Vergleich hinkt.

    Etikettenschwindel ist es auch nicht, denn niemand behauptet, dass der gesamte Satz von Bruckner selber ist. Es wird mE genau dargestellt, was es mit dem 4. Satz auf sich hat. Man muss sich nur die Mühe machen, diese Darstellungen auch zur Kenntnis zu nehmen. Bei Currentzis ärgerst du dich doch immer so über Vorurteile.

    Denn für seinen erklärten Willen, das Werk mit dem Te Deum als Abschluss aufzuführen, interessiert sich ja offenbar sowieso niemand.

    Na, das ist ja wohl leicht übertrieben. Dieser Wille wurde zB von John A Phillips immer wieder besprochen und in seiner Besprechung gewürdigt. Ausserdem gibt und gab es immer wieder Aufführungen und auch Aufnahmen, die das Te Deum spielen. Weisst du doch.

    Ich verstehe John A Phillips so, dass er und seine Mitwirkenden versuchen etwas darzustellen, was hätte sein können. Dies wird mE dem Sinn nicht anders behauptet.


    Übrigens finde ich dein Argument des "letzten Willens" witzig, denn Currentzis verteidigst du doch immer so vehement. Was war es denn noch, wo er Dinge spielen liess, die da nichts zu suchen hatten. Ich glaube es war Don Giovanni....aber da kann ich mich irren. Und kennst du eigentlich sein La Traviata Fragment (kann man auf YT finden)....wo er meint - ich paraphrasiere - er könne die Essenz eines Werks aus einem Abschnitt daraus heraus darstellen?

  • Currentzis

    ist ein gutes Stichwort. Der führt Bruckner 9 zwar in der dreisätzigen Form auf, aber weil seiner Meinung nach auf den dritten Satz etwas folgen sollte, lässt er Im Anschluss weitere Musik spielen. Und zwar weder Fragmente oder Rekonstruktionen des Finales noch das Te Deum, sondern er lässt auf die ersten drei Sätze Ligetis "Lontano für großes Orchester" folgen. Wohlgemerkt: Es sind zwei Programmpunkte. Das Programm dieses Konzerts in der Stuttgarter Liederhalle vom 19. Januar 2018 lautete:

    Bruckner: Sinfonie Nr. 9 d-moll, WAB 109
    Ligeti: Lontano für großes Orchester


    Was er sich dabei dachte, kann man hier nachlesen:

    https://www.klassikkalender.de/mediathek/teodor-currentzis-dirigiert-bruckner-und-ligeti/


    Ob das wirklich funktioniert, kann ich nicht beurteilen, denn ich war nicht in diesem Konzert. Wohl aber einer meiner Freunde, und der war schwer begeistert von dieser Werkkombination.


    Edit: Ich sehe gerade, dass es sogar einen kompletten Konzertmitschnitt vom 19. Januar 2018 in der Stuttgarter Liederhalle auf der Homepage des SWR gibt:

    Bruckner 9 – die erste Begegnung
    Einen Vorgeschmack auf Teodor Currentzis gab es im Januar 2018, als der designierte Chefdirigent Bruckners neunte Sinfonie dirigiert hat. Das Konzert in voller…
    www.swr.de

    Bei 1:05:24 endet Bruckner und bei 1:05:27 beginnt Ligeti.

    «Musik ist die größte Inspiration. Wenn du traurig bist, denk' an all die Musik, die du noch nicht gehört hast.»
    (Jim Jarmusch)

    Das Problem ist nur: In unserer Klassikkultur hört man fast ausschließlich Musik, die man schon zigmal zuvor gehört hat. Es sind vielleicht gerade mal 2 % der komponierten Musik, die wieder und wieder gespielt werden, aber 98 % bleiben unaufgeführt.

  • Tja, der arme Bruckner wurde Zeit seines Lebens von seinen "Schülern" malträtiert, doch die Sinfonien umzuschreiben und er verlor damit viel Lebenszeit.

    Aber es hatte auch sein Gutes.

    Die fürchterlichen Erstfassungen der 4. und 8. wichen glänzenden späteren Fassungen.


    Aber was manche Menschen reitet, angefangene Werke zu Ende komponieren zu wollen, ist mir rätselhaft.

    Naja, vielleicht kriegt man so ne Professur und/oder muss seine Profilneurose nicht vom Shrink behandeln lassen.

    Und was manche Orchester nebst Dirigent treibt alle 3 Millionen Bruckner Sinfonien inkl. Textabweichungen auf CD einzuspielen, ist mir auch schleierhaft.

    Haben die nix Besseres zu tun?

    Als Studienobjekte mag es noch angehen.


    Doch wer würde einen Picasso fertig malen? Wer ein Goethe Theaterstück zu Ende schreiben?

    Dieser Unsinn scheint nur in der Musik verbreitet.

    (Das heißt, ein Mr. Parker hat sich an Chandler versucht)


    So höre ich die vollkommene 3-sätzige 9. und erfreue mich daran. (Am liebsten mit CMG in Chicago)

    Das Te Deum als Substitution des 4. Satzes kann mir auch gestohlen belieben.


    Gruß aus Kiel

    Schäffer beißt in einen Veggieburger:

    "Ohne Fleisch? Schmeckt aber fast wie Fleisch, da kann man es auch gleich aus Fleisch machen" (Mord mit Aussicht Staffel 2, Folge 5)

  • Aber was manche Menschen reitet, angefangene Werke zu Ende komponieren zu wollen, ist mir rätselhaft.

    Ich danke Dir :cincinbier:


    Doch wer würde einen Picasso fertig malen? Wer ein Goethe Theaterstück zu Ende schreiben?

    Dieser Unsinn scheint nur in der Musik verbreitet.

    Durch Gurnemanz' Eröffnung eines anderen Threads zu dem hier diskutierten Thema läuft die Diskussion nun leider parallel. Exakt das, was Du über Picasso und Goethe geschrieben hast, habe ich gerade (ohne vorher Dein Posting gelesen zu haben) in dem anderen Thread auch thematisiert:

    Amethyst:

    Beantwortet dieses Zitat aus dem anderen Thread Deine Frage, warum ich eigenwillige Interpretationsansätze von Currentzis bei vollendeten und veröffentlichten Werken, denen sich der Komponist längst entäußert hat, interessant finde und gleichzeitig das Herumkomponieren von Musikwissenschaftlern in einem unvollendeten Werk, dessen sich der Komponist nie entäußert hat, ablehne?

    «Musik ist die größte Inspiration. Wenn du traurig bist, denk' an all die Musik, die du noch nicht gehört hast.»
    (Jim Jarmusch)

    Das Problem ist nur: In unserer Klassikkultur hört man fast ausschließlich Musik, die man schon zigmal zuvor gehört hat. Es sind vielleicht gerade mal 2 % der komponierten Musik, die wieder und wieder gespielt werden, aber 98 % bleiben unaufgeführt.

  • So höre ich die vollkommene 3-sätzige 9. und erfreue mich daran.

    jep. ist aber doch im engeren Sinne nicht vom Komponisten "entäußert" (music lover).


    also führt man doch Fragmente auf und freut sich daran. Finde ich auch besser, als da was zusammenzuflicken und als "Bruckner" zu verkaufen...

    Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
    daß Alles für Freuden erwacht

  • ist aber doch im engeren Sinne nicht vom Komponisten "entäußert" (music lover).

    Doch, denn er äußerte sich dahin gehend, dass man die ersten drei Sätze mit dem Te Deum aufführen solle. Also entsprach es seinem ausdrücklichen Willen, dass die ersten drei Sätze zur Aufführung gelangen. Und zwar so, wie sie zum Zeitpunkt seines Todes waren. Für die Skizzen zum 4. Satz gilt das nicht.

    «Musik ist die größte Inspiration. Wenn du traurig bist, denk' an all die Musik, die du noch nicht gehört hast.»
    (Jim Jarmusch)

    Das Problem ist nur: In unserer Klassikkultur hört man fast ausschließlich Musik, die man schon zigmal zuvor gehört hat. Es sind vielleicht gerade mal 2 % der komponierten Musik, die wieder und wieder gespielt werden, aber 98 % bleiben unaufgeführt.

  • Als ich mich in den letzten Tagen speziell mit dem Finale von Bruckners 9. Sinfonie beschäftigte und so querbeet durch das Internet verschiedene Sachen darüber las wird mir hier das Te Deum als Finalersatz und dass dies der letzte Wille des Komponisten sei als zu apodiktisch behandelt. Der Dirigent Hans Richter machte Bruckner erst den Vorschlag, die 9. Sinfonie mit dem Te Deum abzuschließen nachdem Bruckner ihm gegenüber Befürchtungen äußerte, dass er das Finale wahrscheinlich nicht mehr vollenden kann. Hans Richter dirigierte die Uraufführung des Te Deum und von daher war es naheliegend, dass er diesen Vorschlag machte.


    Wenn Bruckner z. B. Anfang 1896 sicher gewesen wäre, dass er es nicht schafft, das Finale zu vollenden und daraus folgend entweder schriftlich/testamentarisch verfügt hätte, dass a) die 9. Sinfonie nur mit den drei Sätzen gespielt werden oder b) das Te Deum entweder mit einer Überleitung aus dem bereits vorliegenden Material des Finales oder ohne Überleitung direkt nach dem 3. Satz gespielt werden soll wäre das etwas anderes. Das hat er meines Wissens aber nicht getan. Ich weiß noch nicht einmal, ob Bruckner überhaupt ein Testament oder etwas Vergleichbares hinterlassen hat wo er sich speziell zum Umgang mit seinen Werken nach seinem Tod geäußert hat.


    Von daher finde es etwas vermessen, wenn mit dem "letzten Willen" des Komponisten argumentiert wird, wenn es nur darum geht auszudrücken, dass einem etwas nicht gefällt und meint, dass sich Musiker vermeintlich über den Willen des Komponisten hinwegsetzen.


    Bruckner war zu Lebzeiten sehr konziliant was Bearbeitungen von anderen Musikern an seinen Werken anging. Ihm war letztlich nur wichtig, dass seine Werke überhaupt gespielt werden, was zu seinen Lebzeiten keine Selbstverständlichkeit war. Wichtig ist aber, dass Bruckner Bearbeitungen von fremden Händen nie in seine Partituren übernahm. Darin finden sich nur eigene Bearbeitungen, Veränderungen etc. und so vermachte Bruckner seine Partituren dann auch der Österreichischen Nationalbibliothek. Ich könnte mir vorstellen, dass Bruckner das mit den Vervollständigungen evtl. relativ locker und vielleicht auch amüsiert gesehen hätte was man heutzutage mit dem Finale so alles versucht.


    Ich hatte mir gestern Abend Harnoncourts Gesprächskonzert vom August 2002 aus Salzburg mit den vorgestellten Fragmenten zum Finale der 9. Sinfonie mal wieder angehört und finde es immer noch faszinierend, wie viel musikalisches Material vorhanden ist, so dass ich es nachvollziehen kann, dass es heute Musikwissenschaftlern und Komponisten in den Fingern juckt, daraus etwas zu machen und den Torso zu vervollständigen. Das passiert aber verständlicherweise nicht mit dem Anspruch, dem "Willen des Komponisten" damit zu entsprechen. Das wäre schlicht vermessen und größenwahnsinnig so zu denken. Stattdessen zeigen solche Versuche doch eher ein "so könnte es sein" auf.


    Danach hörte ich mir Rattles Aufnahme mit dem vervollständigten Finale an und da ich Harnoncourts Aufnahme mit den Fragmenten noch gut im Ohr hatte, muss ich gestehen, dass mich diese Vervollständigung nicht so richtig überzeugt. So genau kann ich nicht beschreiben, woran es konkret liegt. Vielleicht habe ich den Eindruck, dass Bruckner selbst sich noch viel mehr getraut, mehr die Extreme ausgereizt hätte und dass es aber viel zu spekulativ wäre, dass in einer Vervollständigung versuchen zu wollen. Da würde man sich wahrscheinlich eher in das obskure Fahrwasser eines Peter Jan Marthé begeben. Vielleicht muss ich das Finale in einer vervollständigten Fassung nur einfach öfter hören, so dass sich eine Art Vertrautheit bei mir einstellt.


    Bedenken oder Zweifel bei einer Vervollständigung hätte ich nur in dem Fall, wenn der Komponist ein Werk abgebrochen hätte, weil er von der Qualität o. ä. nicht mehr überzeugt war und das unfertige Werk beiseitelegte er aber noch genügend Lebenszeit gehabt hätte, um das Werk später doch noch zu vollenden und er sich vielleicht auch schriftlich dazu äußerte, dass er keinen Sinn darin sieht, sich weiter mit dem unvollendeten Werk zu beschäftigen.

    "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)

  • Ich hatte das Vergnügen, im Juli 2018 in der Klosterkirche Ebrach einer Aufführung der von Gerd Schaller komplettierten Symphonie beizuwohnen, dirigiert von ihm selbst im Rahmen des Ebracher Musiksommers. Gut vier Jahre nach dem Event kann ich mich nicht mehr an Details erinnern, aber stimmig fand ich das Finale schon (fetzig war es natürlich auch). Auf der Website des sehr Bruckner-affinen Dirigenten (http://www.gerd-schaller.de) steht unter "Aktuelles" etwas weiter unten folgender Beitrag, den ich den hierorts Forierenden zur Kenntnis bringen möchte:


    Bruckners Neunte:

    Gerd Schallers Komplettierung als Partitur erschienen


    Anton Bruckners letzte, seine 9. Symphonie, blieb unvollendet, denn der Komponist verstarb während der Arbeit am 4. Satz – zu dem gleichwohl zahlreiche Skizzen und Entwürfe erhalten sind. Gerd Schaller sichtete dieses überlieferte Material und legte kürzlich eine eigene Komplettierung dieses Finalsatzes vor, die im Juli 2018 mit der Philharmonie Festiva auf CD eingespielt wurde, und die nun beim Berliner Verlag Ries & Erler auch in Partiturform erschienen ist.


    Zwar blieb Anton Bruckners Neunte Symphonie unvollendet, doch sind zum vierten, dem Finalsatz, von des Komponisten eigener Hand zahlreiche Skizzen und Partiturentwürfe in unterschiedlichen Kompositionsstadien erhalten. Auf Basis dieses Quellenmaterials, intensiver musikwissenschaftlicher Arbeit und seiner langjährigen Erfahrung als Bruckner-Interpret hat Gerd Schaller eine musikalisch in sich geschlossene Fassung des Finalsatzes vorgelegt.


    Dafür unternahm er nach sorgfältiger Analyse Brucknerscher Kompositionstechniken eine Gesamtschau des überlieferten Materials, inklusive der bisher wenig beachteten frühen Skizzen und konnte auf dieser Grundlage eine Konzertfassung des vierten Satzes vorlegen, in der die fehlenden Passagen weitestgehend mit originalen Gedanken Bruckners gefüllt werden konnten. Die verbleibenden musikalischen Lücken wurden von Schaller selbst unter konsequenter und logischer Beibehaltung der Kompositionstechniken Anton Bruckners und unter besonderer Berücksichtigung des Brucknerschen Spätstils ergänzt. Diese Fassung modifizierte Schaller nochmals und revidierte anschließend noch einige Details.


    Der revidierten Partitur (120 S.) ist ein umfangreicher Textteil (87 S.) vorangestellt – zweisprachig in Deutsch und Englisch. Der Textteil umfasst ein Vorwort mit den Hintergründen und Motivationen für die vorliegende Arbeit, maßgebliche analytische Überlegungen, eine Darstellung des formalen Aufbaus des Finalsatzes, eine detaillierte Analyse mit zahlreichen musikalischen Beispielen und harmonischen Konzeptionen, eine Erörterung der relevanten Quellen sowie eine Auflistung der verwendeten Materialien. Letztere sind nochmals explizit an den entsprechenden Stellen in der Partitur kenntlich gemacht, um die Komplettierungsarbeiten nachvollziehbar zu machen.


    Die Partitur ist käuflich, das Aufführungsmaterial leihweise erhältlich.

    Anton Bruckner, Neunte Symphonie, IV. Satz

    Ergänzt nach originalen Quellen und vervollständigt von Gerd Schaller

    Revidierte Fassung 2018

    Besetzung: 3 Fl 3 Ob 3 Kl 3 Fg – 8 Hr (5–6 auch TtB ,7–8 auch Btb) 3 Trp 3 Pos 1 Kbtb – Pk – Str

    Dauer: ca. 25 Min.

    © 2018 by Ries & Erler, Berlin

    ISMN M-013-51487-8

    Email: verlag@rieserler.de

    www.rieserler.de


    Vielleicht ist das für den einen oder die andere hier von Interesse. Immerhin erläutert Schaller seine Ergänzungen im Textteil der Partitur (wozu ich mangels Zugang nix sagen kann).


    Beste Grüße,

    Ralph

    »Toren wir, auf Lind'rung da zu hoffen, wo einzig Heilung lindert!« (Gurnemanz)

  • Ich hatte das Vergnügen, im Juli 2018 in der Klosterkirche Ebrach einer Aufführung der von Gerd Schaller komplettierten Symphonie beizuwohnen,

    Die Wege des Internets sind doch unergründlich (jedenfalls ist es mir doch lieber, manchmal nicht darüber nachzudenken :versteck1: ). Ich las hier den Bericht von zonebattler, ging dann ohne böse Absicht in die Tube und - schwupp - bot man mir die 'Schaller-Version' an. Hier ist sie:


    Externer Inhalt www.youtube.com
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    Ich finde es völlig ok, wenn man diesen Satz versucht zu rekonstruieren, gerade auch, weil das vorhandene Material doch wohl relativ umfangreich ist. Ok, solange die Problematik ausreichend im Programmheft behandelt wird.


    Ich frage mich nur, ob ich das überhaupt hören möchte. Um da wieder einmal die Verbindung zum Nachbarthread zu knüpfen - ja, es ist alles ok und erlaubt. Nur es ist meine persönliche Entscheidung, ob ich mir das antun möchte. Und vielleicht kommt es darauf an. Die 'Komplementierer' machen uns ein Angebot und ich bin auch gerne bereit mir das im Konzertsaal anzuhören. Mal anzuhören! Grundsätzlich, wie gesagt, in Ordnung, aber bei Bruckner 9 reichen mir, wohlgemerkt mir, drei Sätze, reicht mir ein unvollendeter, offener Ausgang, weil eben dieses Ende ohne ein wirkliches Ende zu sein, dieses sich nicht Rundenkönnen ganz viel für mich aussagt.


    Aber lasst sie doch vollenden. Vielleicht sagt das ja auch ganz viel über uns aus, dass wir nicht stehenlassen können, dass wir einen Abschluss brauchen, dass etwas fertig sein muss. Dann sei es so - wir müssen ja nicht mitmachen. Die Alternative ist da und wir entscheiden. Ist doch eigentlich toll, oder? ;)


    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

    "Rage, rage against the dying of the light" (Dylan Thomas)

  • Die fürchterlichen Erstfassungen der 4. und 8. wichen glänzenden späteren Fassungen.

    meinen Löffeln kommt Erstfassung von Bruckner 8 nicht fürchterlich rüber. Im Gegentum ...

    Ich finde es völlig ok, wenn man diesen Satz versucht zu rekonstruieren, gerade auch, weil das vorhandene Material doch wohl relativ umfangreich ist.

    der "Rekonstruktions"versuch kommt letzttlich als Mucke rüber, die lohnt sich reinzuziehn ... die Frage nach Authentizität verliert dabei an Bedeutung ...

    ... aber auch die bloßen vorhandenen Reste, die unter Harnoncourt mit den Wienern am 15.08.02 wiedergab, haben ihren Fetzigkeits-Reiz, weil sie damit Bruckner 9 zum Fragment-Kult potenzieren ...

    „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann

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