Adieu, Sir Simon - Rattle will die Berliner Philharmoniker 2018 verlassen

  • Zitat

    Wobei die Frage ist, was anders werden soll?


    ich hätte ja zum Beispiel gern jemanden, der wieder nach ganz alter Manier bis zum Erbrechen mit dem ganzen Orchester probt, der am Klang tüftelt - statt 107 neue Educationprojekte anzuschieben.


    Aber ich frag mich ja, wie hoch die Chance eines derart "anstrengenden" Dirigenten eigentlich bei den Phils wäre. Mögen die hochdotierten und tourneegestressten Musiker nicht solche Chefs lieber, die ihnen das Probe-Leben vor Ort leicht machen, obwohl sie hohe Reputation mitbringen? Also die nicht so viel individuelle Mäkelei betreiben, eher die Leine lockern und jedem einzelnen Raum lassen für viel Soloprojekte oder Kammermusik nebenher?


    Was Rattle angeht, heut kann man sich live in der DCH seine Johannespassion ansehn. Ich war gestern da, lohnt sich (auch wenn ich Sellars' Rituale diesmal bei weitem zu fett fand).

    „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ (F. Rzewski, Komponist, in der FAZ vom 21.4.2012)


  • ich hätte ja zum Beispiel gern jemanden, der wieder nach ganz alter Manier bis zum Erbrechen mit dem ganzen Orchester probt, der am Klang tüftelt - statt 107 neue Educationprojekte anzuschieben..


    Ich fürchte, daß weder Celibidache noch Reiner noch zur Verfügung stehen...

    Einzelne giebt es sogar, auf deren Gesicht eine so naive Gemeinheit und Niedrigkeit der Sinnesart, dazu so thierische Beschränktheit des Verstandes ausgeprägt ist, daß man sich wundert, wie sie nur mit einem solchen Gesichte noch ausgehn mögen und nicht lieber eine Maske tragen (Arthur Schopenhauer)

  • Was ist den " fett" füe eine Kategorie?
    Im Intervies zuvor hatte insbesondere Sellars seine Konzeption erläutert: hoch-interessant,auch wenn man in der Sache sehr andrer Meinung sein kann. Jesus als gequälte Kreatur,Petrus und Pilatus als tiefbeschämte Menschen, das geht schon unter die Haut.
    Die Sängerinnen selbst waren von dem Spiel sehr mitgenommen ( Kozena und vor allem Gerhaher).


    Musikalisch fand ich diese Wiedergabe nicht so überzeugend. Rattle ist in dieser Musik nicht zu Hause. Aber vielleicht wollte er auch nur die Konzeption von Sellats deutlich machen. Das wäre dann gelungen.

  • Ich fand die musikalische Wiedergabe - die in manchen Aspekten an Harnoncourts späte Interpretationen erinnerte - sehr stringend und bewegend, und integriert in die Inszenierung. Die Sänger waren ausgezeichnet, die stimmliche Leistung und Charakterdarstellung von Gerhaher umwerfend. Nicht überzeugt hat mich allerdings die Darstellung des Jesus: da habe ich mir deutlich mehr an stimmlicher Leistung und an Umsetzung des "Bruches" zwischen spiritueller und irdischer Persönlichkeit - zwischen dem Wissen um "Erfüllung der Schrift" und dem körperlichen Leiden - erwartet. Den Chor fand ich ausgezeichnet; mit Sicherheit war es eine Herausforderung, szenisch agieren und gleichzeitig aus einem Guss singen zu müssen: da waren leichte Schrammen zu entschuldigen.
    Aber noch vor dem Tod Jesu stand - für mich - die Darstellung von Petrus und Pilatus in ihren Gewissensqualen über allem.


    BG eloisasti

    Klemperer: "Wo ist die vierte Oboe?" 2. Oboist: "Er ist leider krank geworden." Klemperer: "Der Arme."

  • Rattles Johannespassion 2014:
    Ich fand es musikalisch sehr gut, genau wie damals die Matthäuspassion, die Rattle auch unerwartet bewegend dirigiert hatte. Dass die Philharmoniker auch so klein funktionieren war beeindruckend. Auch sängerisch gab es kaum was auszusetzen. Gerhaher war, wie schon geschrieben, in der stimmlichen Verkörperung der "Gewissensqualen" umwerfend. In der ersten Liveaufführung war der Chor manchmal noch nicht ganz wach und der Tenor Topi Lehtipuu wackelte in den Höhen öfter mal bedenklich. Aber das störte für das gute Gesamtbild kaum. Mark Padmore als Evangelist mochte ich sehr, man hört kaum noch, dass er kein deutscher Muttersprachler ist. Die beiden Frauen souverän (diesmal die Kozena schwanger, damals wars Frau Tilling).


    Zur Szenerie: Bei der Matthäuspassion, die ja trotz aller Kontemplation ziemlich opulent und groß ist, gefielen mir die meist recht dezenten Ritualisierungen von Sellars sehr gut. Bei der Johannespassion missfielen mir hingegen v.a. die übertriebenen Gesten des Chores. Dies fiel übrigens auf der Bühne noch viel mehr auf als bei der Übertragung (die ich in der DCH nochmal angesehen hatte). Da man die Kamera dort öfter auf die Darsteller focussierte, realtivierte sich der überladene Eindruck etwas. Was ich mit "fett" meine? Mir war das viel zu esotherisch, dieses permanente demonstrative Gebaren von Anklagen, Flehen und Leiden. Da wäre mehr Ruhe besser gewesen, bzw. mehr Konzentration auf die Stimmen. Die Solisten, die ihre Sache auch szenisch meist angemessen umgesetzt haben, transportieren genug Handlung. Das hätte, zusammen mit weniger Chorillustration, bei weitem ausgereicht. Was Sellars mit seiner Konzeption vorhatte und was er dazu zu berichten hätte, das ist mir übrigens ziemlich egal. Entscheidend ist doch, wie es bei mir ankam. Und das war mir eben diesmal zu dick aufgetragen.
    Heike

    „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ (F. Rzewski, Komponist, in der FAZ vom 21.4.2012)


  • ...Harnoncourt hat mal vor ein paar Jahren eine Fünfte von Beethoven gemacht.
    ...


    Heute drüber gestolpert und also der Vollständigkeit halber: :L: Harnoncourt
    Harnoncourt ist seit Anfang März Ehrenmitglied der Berilner Philharmoniker.
    Laut der Mitteilung debütierte er 1991 bei den BPhil, und spielte mit ihnen 29 Programme (= 90 Konzerte).

    Jein (Fettes Brot, 1996)

  • An CDs gibt es Schumann/Mendelssohn 4. Sinfonien und Strauss-Walzer bei Teldec, sowie in der "Takt der Zeit" (oder so) Box der Berliner Philharmoniker den Mitschnitt eines Bach-Konzerts (u.a. Violine/Oboe-Konzert) unter Harnoncourt.

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Harnoncourt/Berliner Philharmoniker

    An CDs gibt es Schumann/Mendelssohn 4. Sinfonien und Strauss-Walzer bei Teldec, sowie in der "Takt der Zeit" (oder so) Box der Berliner Philharmoniker den Mitschnitt eines Bach-Konzerts (u.a. Violine/Oboe-Konzert) unter Harnoncourt.


    Und auch Bruckners Achte sowie die Brahms-Sinfonien (wobei ich letztere allerdings ziemlich grausam finde).



    Viele Grüße


    Bernd

    .

  • Heute drüber gestolpert und also der Vollständigkeit halber: :L: Harnoncourt
    Harnoncourt ist seit Anfang März Ehrenmitglied der Berilner Philharmoniker.
    Laut der Mitteilung debütierte er 1991 bei den BPhil, und spielte mit ihnen 29 Programme (= 90 Konzerte).

    Es ging im Zusammenhang nicht darum, ob und wie oft Harnoncourt die Philharmoniker dirigiert hat, sondern wie oft er in der Ära von Simon Rattle Werke aus dessen Kernrepertoire (sofern man bei ihm überhaupt davon sprechen kann) dirigiert hat. Als Beispiele wurden in der Diskussion Beethoven oder Bruckner genannt, deshalb habe ich die "Fünfte" erwähnt, die (zusammen mit der C-Dur-Messe) in der Digital Concert Hall enthalten ist. Damit habe ich natürlich nicht gesagt, dass Harnoncourt daneben nichts mit den Philharmonikern gemacht hätte.


    Christian

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Das Programm für die nächste Spielzeit der Berliner Philharmoniker ist draußen:


    "http://www.berliner-philharmoniker.de/konzerte/kalender/veranstaltungen/von/2014-08-01/cat/orchestra/"



    Von den als Favoriten für die Rattle-Nachfolge Gehandelten dirigieren Andris Nelsons (zwei Programme!), Christian Thielemann (zwei Programme!), Paavo Järvi, Kirill Petrenko und Gustavo Dudamel.



    Immerhin wurde bekanntgeben, dass man demnächst den Termin für die Wahl des neuen Chefs bekanntgeben wird. 2015 sollte die Sache also vermutlich spätestens geklärt sein.
    Außerdem: Wie so viele Spitzenorchester gründen jetzt auch die Berliner ein eigenes Label:


    "http://www.morgenpost.de/kultur/berlin-kultur/article127268753/Berliner-Philharmoniker-gruenden-ihr-eigenes-Plattenlabel.html"



    Viele Grüße


    Bernd

    .

  • Da beim Concertgebouw auch ein Nachfolger gesucht wird, könnte, sofern diese Entscheidung vorher fällt, ein weiterer Kandidat rausfliegen.

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Zitat

    Da beim Concertgebouw auch ein Nachfolger gesucht wird, könnte, sofern diese Entscheidung vorher fällt, ein weiterer Kandidat rausfliegen.



    Nun, man könnte auch schreiben, dass in Amsterdam bestimmt niemand Herrn Thielemann haben möchte. So verrückt ist man bei den "Tulpenzwiebeln" nun doch wiederum nicht....



    VG,Maurice

    Viele Grüße sendet Maurice

    Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)

  • Angeblich wäre Nelsons ein Kandidat für Amsterdam, meine ich gelesen zu haben. Und ich kann mir kaum vorstellen, dass die Berliner einen Teilzeit-Chef wollen.

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Nun, man könnte auch schreiben, dass in Amsterdam bestimmt niemand Herrn Thielemann haben möchte. So verrückt ist man bei den "Tulpenzwiebeln" nun doch wiederum nicht....


    Die Angriffe auf Christian Thielemann hier im Forum sind schon etwas seltsam und fast schon etwas zu viel. Diese Netzwerke sind wirklich langsam recht bedenklich und man kann nur den Kopf schütteln. :shake: :shake:


    Dirigent

    Die Kunst zu wissen, wann man das Orchester nicht stören soll.
    Herbert von Karajan (1908-1989)

  • Nun ja, es herrscht eben in den Netzen Meinungsfreiheit. Ich selbst kenne den Dirigenten Thielemann nur dem Namen nach, und kann mir kein Urteil über ihn erlauben. gruß t.f

  • Angeblich wäre Nelsons ein Kandidat für Amsterdam, meine ich gelesen zu haben. Und ich kann mir kaum vorstellen, dass die Berliner einen Teilzeit-Chef wollen.


    Vor allem hat Nelsons bereits einen Vertrag mit Boston, von 2014 bis 2019. Amsterdam kann natürlich trotzdem ab 2015 Nelsons verpflichten - auch Jansons hat man sich zehn Jahre lang mit München geteilt, so könnte man's auch mit Nelsons und Boston halten. Dann wird's allerdings für Berlin ab 2018 problematisch, denn drei Chefdirigentenstellen wird sich selbst der umtriebsame Nelsons nicht zumuten (und in Berlin würde man das wohl auch nicht akzeptieren). Vor allem stellt sich die Frage, ob Berlin auch zukünftig einen "Exklusiv"-Chefdirigenten haben will, der eine solche Position nur bei den Philharmonikern innehat.



    Viele Grüße


    Bernd

    .

  • Die Frage nach dem Exklusiv-Chef hatte ich mal als bejaht vorausgesetzt, aber vielleicht war das voreilig.

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Nun, man könnte auch schreiben, dass in Amsterdam bestimmt niemand Herrn Thielemann haben möchte. So verrückt ist man bei den "Tulpenzwiebeln" nun doch wiederum nicht....

    Naja, so verzweifelt werden sie in Amsterdam wohl noch nicht sein, dass sie meinen, den nehmen zu müssen...



    In Berlin bin ich mir ziemlich sicher, dass Dudamel das Rennen machen wird. Er ist charismatisch, beliebt und international gut verkäuflich. Seine Chefposition in LA wird er wohl problemlos verlassen können. Auch wenn ich persönlich kein großer Fan von Ihm bin, denke ich, dass er gut nach Berlin passt.


    Nelsons überfordert sich jetzt schon mit seinen zahlreichen Engagements. Er hat bereits große gesundheitliche Probleme (ähnlich wie sein Ziehvater Mariss Jansons). Ich persönlich denke, dass das Boston Symphony Orchestra eine Nummer zu groß für Ihn ist. In Berlin wird er vermutlich nicht Chef werden.


    Paavo Järvi hat leider kein Charisma und übernimmt jetzt das NHK Symphony Orchestra Tokyo. Nach Berlin passt er nicht.


    Chailly ist fest in Leipzig und will dort auch bleiben. Das Beste, was er tun kann. In Berlin würde er sich aufreiben.

  • Nelsons überfordert sich jetzt schon mit seinen zahlreichen Engagements. Er hat bereits große gesundheitliche Probleme (ähnlich wie sein Ziehvater Mariss Jansons). Ich persönlich denke, dass das Boston Symphony Orchestra eine Nummer zu groß für Ihn ist. In Berlin wird er vermutlich nicht Chef werden.


    "Große gesundheitliche Probleme"? Nur weil er einmal einen Schwächeanfall o.ä. hatte? Naja...


    In Boston hat man die Verpflichtung von Nelsons jedenfalls enthusiastisch begrüßt, nachdem das Orchester in den letzten Jahren durch den Ausfall Levines und die danach folgende Interimszeit etwas in den Schatten der Aufmerksamkeit geraten ist. Ist ja wohl auch kein Zufall, dass Nelsons in Amsterdam und Berlin so hoch gehandelt wird. Von wegen "eine Nummer zu groß"...



    Chailly ist fest in Leipzig und will dort auch bleiben. Das Beste, was er tun kann. In Berlin würde er sich aufreiben.


    Der Vertrag in Leipzig läuft bis 2020, vor allem aber ist Chailly ab 2015 auch Musikdirektor der Scala in Mailand. Damit dürfte er wohl ohnehin aus dem Rennen sein.



    Viele Grüße


    Bernd

    .

  • War Thielemann eigentlich in den letzten Jahren oder überhaupt je beim Concertgebouw?


    Nelsons ist was ich subjektiv wahrnehme relativ häufig in Amsterdam. Ich hab ihn bisher zweimal live in Wien erlebt. Die beiden Konzerte lagen ein Jahr auseinander und ich war ehrlich erschrocken wie sehr er sich verändert hat. Er wirkte nicht sehr gesund: abgekämpft und müde.


    Järvi hat vermutlich wirklich zuwenig internationalen Marktwert, als dass ihn die Berliner dauerhaft wollen. Wenngleich sein Vertrag in Tokio nur bis 17/18 läuft. Zufall? Andererseits vorstellbar, dass er in Tokio bleibt, wenn es dort gut für ihn läuft.


    Chailly kommt glaube ich auch kaum in Frage, weil die Berliner wahrscheinlich nicht den ehemaligen Chef eines anderen deutschen Schlachtrosses übernehmen werden. Damit würde die Bestellung etwas beliebiges bekommen. Zumal Chailly ja recht zufrieden in Leipzig wirkt und auch schon etwas älter ist (wenn die denn wirklich einen jüngeren haben wollen). Er nimmt ja auch bereits fleißig deutsches Kernrepertoire auf (Brahms schon das 2. Mal) und auch wenn andere hier das Gegenteil behaupten, meine ich schon, dass das ein nicht unerheblicher Faktor bei der Bestellung ist.


    Dudamel scheint tatsächlich ein Topfavorit zu sein. Die Strauss-CD ist in der Hinsicht vielleicht wirklich ein Testballon.

    Wenn ich F10 auf meinem Computer drücke, schweigt er. Wie passend...

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