BIBER, Heinrich Ignaz Franz: Die Rosenkranz-Sonaten

  • Moin,

    Pierot ist die Mitte - sachlich, nichts auslassend, aber zu keinem Extrem neigend. Für meinen Geschmack tut das den Sonaten gut. Vor ein paar Jahren habe ich mich auch damit befasst, wie man hier auch nachlesen kann - übrig geblieben sind Pierot, Manze und Annegret Siedel.

    Helli

  • Ich habe gestern im Ramsch eines Antiquariats die Rosenkranzsonaten mit Gabriela Demeterova gefunden. Leider nur die erste Hälfte, der zweite Teil erschien erst ein oder zwei Jahre später und noch später gab es eine Doppel-CD. "Leider" -, denn die Aufnahme ist im Klang verführerisch schön und die Begleitung auf der Orgel, wie schon von Tamas (Tschabrendeki) betont, sehr reizvoll. Er fand den Reiz der Orgel sogar grösser, als den der Geige, da - so Tamas - Demeterova oft kritiklos einen fehlerhaften Notentext spielt. Er schreibt u.a. "grobe Fehler in der Skordatur Lesart." oder "Skordatur missverstanden", etc. Ich habe Bibers Sonaten oft gehört, und auch wenn mein musikalisches Detailgedächtnis nicht besonders ausgeprägt ist, so ist mir doch aufgefallen, dass die Demeterova oft etwas anderes spielt, als in allen anderen Aufnahmen die ich kenne. Das kann meiner Ansicht nicht an "Missverständnissen" oder "fehlerhaften" Spielanweisungen liegen!

    Ich habe den Eindruck, dass Gabriela Dermeterova überhaupt keinen Gebrauch von der Skordatur macht und von Anfang bis Ende auf einer normal gestimmten Geige spielt. Wie ist das möglich? In dem formidablen französischen Wikipedia Artikel zu den Rosenkranzsonaten befindet sich ein Hinweis auf eine 1925 bei Universal veröffentlichte Bearbeitung der Sonaten für ein normal gestimmtes Instrument von Robert Reitz. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass Gabriela Demeterova diese Version spielt. Wenn diese Vermutung (!) richtig ist: warum sagt man das nicht? Warum wird dann im booklet lang und breit die Rolle der Skordatur erklärt?

    Diese Vermutung würde zumindest erklären, warum es in der "Lesart" dieser Aufnahme so viele (vermeintliche) Fehler und Missverständnisse gibt. Ich äussere diese Vermutung nicht, um die Geigerin schlecht zu machen. Ihr Spiel ist makellos und - wie gesagt - verführerisch schön.

    (hier der Link zur frz. wikipedia: Sonates du Rosaire — Wikipédia (wikipedia.org)

  • Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass Gabriela Demeterova diese Version spielt. Wenn diese Vermutung (!) richtig ist: warum sagt man das nicht?

    Diese Vermutung ist auch nicht richtig. Was Frau Demeterova spielt, hat Tamas Tschabrendeki schon ausreichend erläutert und belegt: Sie spielt die Luntz-Ausgabe, in der die Sonate XI (Auferstehung) aufgrund seines fehlenden Verständnisses unbrauchbar falsch ist. Und zwar hat er die Überkreuzung der d- und a-Saite nicht berücksichtig. Dadurch werden alle Töne, die auf diesen beiden Saiten gespielt sind, falsch. Und zwar grottenhaft, eindeutig, unerträglich, unmusikalisch... man nenne es wie man will, ich für meinen Teil bin da nicht zimperlich. Jedenfalls ist es schon mehr als ein Missverständis, auch wenn die Ursache auf eine jahrzehntelang zurückliegende fehlerhafte Ausgabe zurückzuführen ist. Frau Demeterova (oder sonst irgend jemand an der Aufnahme beteiligte!) hätte durch das Anhören einer einzigen (!) damals schon verfügbaren (!) Aufnahme merken müssen, dass der von ihr benutzte Notentext fehlerhaft war. Sowas ist hochgradig unprofessionell, da mag sie ansonsten noch so schön spielen.

  • ...das würde aber bedeuten, dass es nicht nur in der 11. Sonate der Luntz-Ausgabe, sondern in etlichen anderen Fällen auch, bei Luntz deutliche Abweichungen von dem Notentext gibt, der von den anderen Interpreten verwendet wird.

    Ist es nicht wahrscheinlich, dass die Bearbeitung von Reitz auf der falschen Luntz-Version beruht? In den 20-er Jahren konnte Reitz für seine Bearbeitung doch auf gar keine andere Ausgabe als die von Luntz zurückgreifen. Wenn jemand also die skordaturfreie Reitzversion spielt, würden ja trotzdem einige Missverständnisse Luntz'ens erhalten bleiben.

  • Bei der elften Sonate ist das Problem ja nicht die Skordatur an sich, sondern die zusätzliche Überkreuzung der Saiten. Die Luntz-Ausgabe ist 120 Jahre alt.

    "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
    Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.

  • Meine Ohren haben mich nicht getäuscht. Meine Vermutung ist richtig. Gabriela Dermetova spielt die unskordierte Bearbeitung der Rosenkranzsonaten von Robert Reitz.

    Mein Beleg? Der Beitrag von Tamas (Tschabendreki) auf dem Eroica Forum. Da hat er nämlich seine Besprechung der Aufnahme Demeterovas aktualisiert und korrigiert. Im Beiheft der späteren Neuausgabe als Doppel-CD wird eine Bearbeitung von Robert Reitz aus dem Jahr 1915 als Quelle für die gespielte Version genannt.

    Wir hören also nicht das Original Bibers, sondern eine auf der Luntz-Ausgabe beruhende Bearbeitung ohne Skordatur. Ich kann mir vorstellen, dass für den nicht-professionellen Liebhabergeiger eine solche Version nicht ohne Reiz ist, auch wenn die 11. Sonate fehlerhaft ist und Dermeterova das hätte wissen können.

    siehe #5 "Update":

    01 - "Rosenkranz-Sonaten": Einspielungen (omi) - Instrumentalwerke - EROICA Klassikforum (eroica-klassikforum.de)

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