Opern: Welche sind die bedeutendsten von einer Frau geschriebenen?


  • Herzlichen Dank, sowohl für die Korrektur des Titels als auch für den Opern-Tipp!


    LG :wink:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

  • Die meiner Meinung nach beste lebende Komponistin (die ich auch besser finde als ihre lebenden männlichen Kollegen!!) wurde noch gar nicht genannt: Lera Auerbach (geb. 1975)

    Ihre 2011 in Wien uraufgeführte Oper "Gogol" habe ich 2011 im Theater an der Wien gehört, war ein wirklich tolles Erlebnis. Ich habe auch irgendwo einen Radiomitschnitt von damals. Auf Youtube habe ich auf die Schnelle hier eine kleine Kostprobe gefunden.


    2016 habe ich in Wien im Rahmen des leider nicht mehr bestehenden Festivals EntarteOpera (Spielort: Semperdepot Wien) die Oper "Baruchs Schweigen" von Ella Milch-Sheriff (geboren 1954) gehört (2010 in Braunschweig uraufgeführt). War ein tolles Erlebnis. Für genauere Informationen siehe hier.


    Sowohl Gogol als auch Baruchs Schweigen waren tolle Erlebnisse, die mein Musikleben bereichert haben.


    Die schon erwähnte Kaija Saariaho finde ich wirklich langweilig, sorry. Schöne Musik, die mich aber bald langweilt.


    Ich persönlich wähle Musik/Literatur nicht danach aus, ob sie von einem Mann oder einer Frau geschrieben wurde. Daher sehe ich keinen Grund, mich insbesondere mit von Frauen geschriebener Musik/Literatur zu beschäftigen.

  • Ich persönlich wähle Musik/Literatur nicht danach aus, ob sie von einem Mann oder einer Frau geschrieben wurde. Daher sehe ich keinen Grund, mich insbesondere mit von Frauen geschriebener Musik/Literatur zu beschäftigen.

    Prinzipiell sehe ich das auch so, finde diesen Thread aber dennoch sinnvoll und interessant, da die Männerdominanz in diesem Bereich noch viel stärker war als in anderen Kunstgattungen und es deshalb schon angebracht ist, die wenigen Beispiele, die es gibt (zumindest aus den vergangenen Jahrhunderten) einmal gesondert herauszuheben und zu sammeln.


    DiO

    "Wer Europa in seiner komplizierten Verschränkung von Gemeinsamkeit und Eigenart verstehen will, tut gut daran, die Oper zu studieren." - Ralph Bollmann, Walküre in Detmold

  • Zur Bedeutung möchte ich nichts sagen, aber das hier fällt mir noch ein:


    „Cendrillon“ von Pauline Viardot-Garcia


    Voriges Jahr gab es davon einige Aufführungen in Lausanne. Ich hatte schon in Erwägung gezogen, mal hinzufahren, aber letztendlich war es mir dann doch zu weit.

    Viele Grüße aus Sachsen
    Andrea

  • Habe heute noch etwas gefunden: "Argenore" (1740) von Wilhelmine von Preußen / Wilhelmine von Bayreuth (1709-1758).

    Auszüge aus der Oper gibt es auf dieser CD zu hören:



    DiO

    "Wer Europa in seiner komplizierten Verschränkung von Gemeinsamkeit und Eigenart verstehen will, tut gut daran, die Oper zu studieren." - Ralph Bollmann, Walküre in Detmold

  • Prinzipiell sehe ich das auch so, finde diesen Thread aber dennoch sinnvoll und interessant, da die Männerdominanz in diesem Bereich noch viel stärker war als in anderen Kunstgattungen und es deshalb schon angebracht ist, die wenigen Beispiele, die es gibt (zumindest aus den vergangenen Jahrhunderten) einmal gesondert herauszuheben und zu sammeln.

    Das sehe ich auch so. Ich habe wohl an die 500 Opernaufführungen gesehen, dabei allerdings nie eine von einer Frau geschriebene. Nicht, weil ich ihnen ausgewichen wäre, sondern, weil sie einfach nicht angeboten wurden. Von daher ist der Thread schon sehr wichtig, zeigt er doch, dass es, wenn auch nicht übermäßig viele, trotzdem Opernkomponistinnen gab und gibt. Und diese wieder ins Bewusstsein zu rücken, ist durchaus löblich.


    Übrigens interessant, dass es sich bei den Opernkomponistinnen v.a. entweder um solche aus dem 18. Jahrhundert handelt oder um Zeitgenossinnen. Das 19. Jhrdt. scheint da, aus welchen Gründen auch immer, mehr Probleme mit gehabt zu haben.


    Ansonsten sehe ich es ähnlich wie Sadko. Wobei eine unterschiedliche geschlechtsspezifische Sichtweise ja durchaus interessant sein kann.


    :wink: Wolfram

  • Übrigens interessant, dass es sich bei den Opernkomponistinnen v.a. entweder um solche aus dem 18. Jahrhundert handelt oder um Zeitgenossinnen. Das 19. Jhrdt. scheint da, aus welchen Gründen auch immer, mehr Probleme mit gehabt zu haben.

    Das ist auch mir aufgefallen!
    Interessant - wieso ist das so? Ich weiß momentan keine Antwort darauf.

  • Spontan würde ich sagen, dass das 19. Jhrdt. besonders restriktiv war, was die Rolle der Frau angeht. Und erst mit den Suffragetten (Ethel Smythe) und dem I. WK. ändert sich das langsam. Aber, wie gesagt, das ist zunächst nur ein erster Gedanke, den man genauer untersuchen müsste.


    :wink: Wolfram

  • Das ist sehr interessant, ich habe natürlich auch vermutet, dass die Geschichte Antworten darauf liefert. Aber wieso gibt es aus dem 18. Jahrhundert von Frauen geschriebene Opern?
    Clara Schumann hat ja im 19. Jahrhundert gelebt und auch komponiert, aber keine Opern. Wir wissen alle, dass sie es viel viel schwerer hatte als Robert Schumann, Johannes Brahms und wie sie alle heißen.

  • Aber wieso gibt es aus dem 18. Jahrhundert von Frauen geschriebene Opern?

    Teilweise waren es Adelige, die es schon einfacher hatten. Aber das auch wieder nur eine ganz spontane Antwort. ^^


    :wink: Wolfram

  • Ohne dass ich mich genauer damit befasst hätte:


    Im 19. Jahrhundert hatten wohl auch sozial deutlich besser gestellte Frauen andere Erwartungen zu erfüllen, wenn sie musikalisch sehr begabt waren - solche der privaten Geselligkeit primär. Von daher schrieben sie Klaviermusik, Lieder, Kammermusik. Öffentlich zu Organisierendes wurde wohl weniger gefördert, was im Umkehrschluss bedeutete, dass sich die Beschäftigung möglicherweise nicht lohnen würde. Ausnahmen gab es freilich auch schon vor 200 Jahren dahingehend, dass Pianistinnen wie Clara Schumann auf Konzertreisen unterwegs waren oder eine Louise Farrenc die Aufführungen ihrer Sinfonien selbst in die Wege leitete. Nur waren das wohl Sonderfälle und das Frauenbild ein gänzlich anderes. Ob sich da selbst hundert Jahre später schon so vieles geändert hatte - trotz einer Femme fatale wie Alma Schindler?


    Inwiefern die Situation im Aufklärungsjahrhundert noch einmal eine andere war, wie oben von Sadko angedeutet, entzieht sich meiner Kenntnis und überrascht mich sogar. Vielleicht schreibt noch jemand etwas hierzu?


    :cincinbier: Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Teilweise waren es Adelige, die es schon einfacher hatten. Aber das auch wieder nur eine ganz spontane Antwort. ^^


    :wink: Wolfram

    Eine Überlegung daran anschließend: War es nicht so, dass "die" Oper im Übergang vom 18. ins 19. Jahrhundert mitsamt ihren Komponisten tendenziell immer mehr von den adligen Höfen in die (bürgerliche) Öffentlichkeit drang? Wie Wolfram schon schrieb war es wohl so, dass man als Frau am Hof noch am ehesten entsprechende Bildung und Zeit hatte, um eine Oper zu schreiben während Frauen außerhalb der Höfe mit genügend alltäglichen Plackereien beschäftigt waren als dass sie sich der Opernkomposition bemüßigen hätten können. Wenn sich also der Beruf des (Opern)Komponisten immer mehr vom Hof in die Öffentlichkeit verlagert hat, dann wäre das vor diesem Hintergrund ein möglicher Ansatz für eine Erklärung auch wenn meine Spekulation hier natürlich arg pauschal ist. Es freut mich jedenfalls sehr, dass hier nun sogar eine Diskussion in Gang gekommen ist... :clap:


    DiO

    "Wer Europa in seiner komplizierten Verschränkung von Gemeinsamkeit und Eigenart verstehen will, tut gut daran, die Oper zu studieren." - Ralph Bollmann, Walküre in Detmold

  • Danke für Eure Informationen, die für mich einleuchtend klingen! Ich kenne mich hier leider nicht aus, werde dem aber bei Gelegenheit noch weiter nachgehen!

  • Liebe Capricciosi!


    Dieses Phänomen gibt es nicht nur auf der Opernbühne, sondern in allen Bereichen, notabene etwa den Naturwissenschaften, wo schon im Mittelalter und bis weit ins 18. Jh. ziemlich selbstverständlich Frauen arbeiteten. So bekam etwa Laura Bassi 1776 den Lehrstuhl für Experimentalphysik an der Universität Bologna, nachdem sie das Fach dort als Privatdozentin bereits jahrzehntelang in Forschung und Lehre vertreten hatte. Sie war als einzige Lehrstuhlinhaberin (die Berufung von Maria Gaetana Agnesi auf den Lehrstuhl für Mathematik wurde in Bologna damals auch betrieben, die Agnesi wollte aber nicht kommen; Anna Morandi Manzolini war damals Honorarprofessorin für Anatomie ohne eigenen Lehrstuhl ) zugleich die bestbezahlte Universitätsangestellte, weil sie in den Verhandlungen mit dem Rektorat erfolgreich insistiert hatte, dass Experimentalphysik mehr Budget benötige als Theologie - soviel zum Gender Pay Gap im 18. Jh. Im 19. Jh. hingegen wurde dann eine weibliche Studentin, geschweige denn eine weibliche Professorin so unvorstellbar, dass in der männlich geprägten Geschichtsschreibung des 19. Jh. alle Quellen zu Universitätsprofessorinnen in Mittelalter und früher Neuzeit als Fälschungen verworfen wurden - nicht aufgrund externer oder objektiver Kriterien, sondern weil ihr Inhalt nicht ins Frauenbild der Zeit passte.


    Was ist der Grund dafür? Sehr vereinfacht und plakativ gesagt, haben die bürgerliche Aufklärung und die gesellschaftlichen Revolutionen des späten 18. und frühen 19. Jh. die traditionelle Ständehierarchie durch eine Geschlechterhierarchie ersetzt. Was eine Frau im Mittelalter oder in der frühen Neuzeit tun und lassen durfte, hing nicht in erster Linie von ihrem Geschlecht ab, sondern von ihrem Stand. Berufe wurden in der Regel von den Eltern auf die Kinder vererbt, und das schloss weibliche Nachkommen explizit mit ein. Deshalb wurden etwa Bettina und Novella D'Andrea im 14. Jh. wie ihr Vater Juristinnen und lehrten an den Universitäten Bologna und Padua (anfänglich in Vertretung ihres Vaters, später auch in eigenem Recht), und deshalb gibt es Komponistinnen in Musikerdynastien wie den Caccini. Mit der Aufklärung werden zumindest in der Theorie und vor dem Gesetz alle Männer gleich und Brüder; Frauen werden hingegen tatsächlich zu Menschen zweiter Klasse, denen zugeschrieben wird, nicht in gleicher Weise am Ideal der Vernunft teilzuhaben, und verlieren deshalb an Rechten. Wovon wir uns heute immer noch befreien müssen, ist nicht ein angeblich traditionelles mittelalterliches Frauenbild, sondern das noch gar nicht so alte negative Frauenbild der bürgerlichen Aufklärung.


    Liebe Grüße,
    Areios

    "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
    Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.

  • Zitat von Areios

    Sehr vereinfacht und plakativ gesagt, haben die bürgerliche Aufklärung und die gesellschaftlichen Revolutionen des späten 18. und frühen 19. Jh. die traditionelle Ständehierarchie durch eine Geschlechterhierarchie ersetzt.

    Das ist für mich eine ganz wesentliche Aussage - nicht dahingehend, dass sie mir vorher so ganz klar gewesen wäre, sondern als einleuchtende Modellvorstellung.


    Zitat von Areios

    Wovon wir uns heute immer noch befreien müssen, ist nicht ein angeblich traditionelles mittelalterliches Frauenbild, sondern das noch gar nicht so alte negative Frauenbild der bürgerlichen Aufklärung.

    Noch ein - für mich - beinahe neuer, da überraschender Aspekt im Umfeld der Aufklärungs-Dialektik!


    :wink: Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Was die Vorstellung von Opern aus Frauenhand betrifft, so hatte ich in letzter Zeit zwei weitere Begegnungen, eine auf CD, eine live:





    Peggy Glanville-Hicks' letzte Oper "Sappho", zu ihren Lebzeiten nie aufgeführt, leidet für mich vor allem an einem sehr skurrilen Libretto, das die Dichterin als alternde reiche Societylady zeigt, die sich schon lange von der Dichtkunst losgesagt hat. Taucher finden im Meer eine Steininschrift, die behauptet, Sapphos Ehemann Kreon sei in Wirklichkeit ihr Vater. Es wird insinuiert (aber nie explizit aufgelöst), dass es sich dabei in Wirklichkeit um eine politische Intrige gegen Kreon und um eine Fälschung handeln könnte. Trotzdem wird Sappho verbannt, weswegen sie eine finale Klagearie singt. Den mangelnden dramatischen Impetus der Handlung kann die schwunglose Musik trotz mancher lyrischer Schönheiten nicht aufwiegen. Glanville-Hicks schreibt archaisierend-modale Melodien vor einer durchaus farbig ausdifferenzierten Orchesterpalette, am ehesten an den Martinu der "Greek Passion" und des "Epic of Gilgamesh" erinnernd, aber weniger prägnant.


    Auch nicht wirklich warm geworden bin ich mit Johanna Doderers "Liliom", den ich unlängst am Tiroler Landestheater Innsbruck sah. Dazu muss ich sagen, dass ich schon das zugrundeliegende Schauspiel mit seiner dreckigen Mischung aus altösterreichischem Zauber-Volksstück, naturalistischem Sozialporno und psychologisierenden Schnitzleresken zwar als Geniestreich anerkenne, aber nicht wirklich mag. Durch die für die Opernversion notwendigen Kürzungen ist das Stück leider nicht besser geworden. Besonders die Psychologie der Figuren ist eher undurchsichtiger geworden, und die Musik, die das Ungesagte eigentlich sogar besser ausdrücken können sollte als der Text, hat in meinen Ohren gerade da versagt. Die Prateratmosphäre ist von Doderer hingegen gut in Musik umgesetzt worden - aber das ist halt so ähnlich, wie wenn das Spiel des Leierkastenmanns das musikalisch Beste an "Il tabarro" wäre.


    Liebe Grüße,
    Areios

    "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
    Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.

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