Sibylle Lewitscharoff: Büchner-Preis 2013

  • Ich glaube ja nicht wirklich an "besser" oder "schlechter", sondern an Bedeutungsnuancen. Besser ist, was am treffendsten ausdrückt, was ausgedrückt werden soll.


    In

    Zitat

    Intensives Stirngerunzel, welches bedeutet, dass meine Schwester höchst unzufrieden mit mir ist.


    schwingt mit, dass die Schwester das Stirngerunzel gezielt einsetzt ("welches bedeutet"), um die Botschaft "Ich bin mit dir unzufrieden!" zu überbringen. Diese Nuance geht in der Gurnemanzschen Version verloren.
    Ähnlich verhält es sich mit den Augen, die trotz des Stirnrunzelns "kindergroß" bleiben, was eben auch ein Teil dieses bewussten Minenspiels sind. "Sie hat immer noch große Kinderaugen." wäre in diesem Zusammenhang zu unspezifisch und könnte auch einfach nur evozieren, dass die Augen der Schwester trotz ihres Alters noch immer groß wie Kinderaugen sind. Gemeint ist aber ("Nur ihre Augen sind immer noch kindergroß.") dieser spezifische Moment des Minenspiels.


    Grüße
    vom Don

  • Dann:

    Zitat

    Intensives Stirngerunzel: meine Schwester ist höchst unzufrieden mit mir. Nur ihre großen Kinderaugen hat sie noch. Aber dieses ärgerliche Runzelgesicht erinnert plötzlich an einen Hasenprofessor, der überlegt, welche Strafarbeit er seiner Häschenschule aufbrummen soll.

    Ich glaube, der Doppelpunkt genügt, um auszudrücken,

    dass die Schwester das Stirngerunzel gezielt einsetzt , um die Botschaft "Ich bin mit dir unzufrieden!" zu überbringen.

    Alles, wie immer, IMHO.

  • "welches bedeutet" klingt für mich häßlich. Ded Doppelpunkt gefällt mir besser.


    Aber man wüßte wissen, wie das stilistisch sonst aussieht. Ein Autor kann auch mit voller Absicht einen Erzähler umständlich und unschön formulieren lassen. Insofern würde ich mich nicht zu sehr auf die eine Stelle verbeißen.


    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Selbstverständlich. Abgesehen von der Tatsache, daß die Häßlichkeit gewollt sein kann, ist

    Zitat

    welches bedeutet, dass meine Schwester höchst unzufrieden mit mir ist.

    schwerfällig und unschön, u.a. wegen des Satzendes "mit mir ist".

    Zitat

    welches bedeutet, daß meine Schwester mit mir höchst unzufrieden ist

    wäre schon besser: das Prädikat "ist unzufrieden" wird nicht auseinandergerissen und deswegen wird das Hilfsverb "ist" nicht übermäßig betont. Dazu ist der Rhythmus schöner.
    Aber das "welches bedeutet" ganz zu eliminieren ist auch ein Gewinn: es ist in diesem Zusammenhang nur unnötiger Ballast.

    Alles, wie immer, IMHO.

  • Das Wort "welcher, -e, -es" gehört überhaupt aus Relativsätzen verbannt! :evil:

    "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
    Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.

  • Das Wort "welcher, -e, -es" gehört überhaupt aus Relativsätzen verbannt

    Ich benutze es höchstens, wenn es keinen anderen Weg gibt, ein "der der" oder "die die" zu vermeiden.

    Alles, wie immer, IMHO.

  • Ich benutze es höchstens, wenn es keinen anderen Weg gibt, ein "der der" oder "die die" zu vermeiden.


    :thumbup: Wiewohl ich mir nicht sicher bin, ob im Zweifel nicht sogar "der der" oder "die die" noch schöner ist als "welcher der" und "welche die"... :D

    "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
    Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.

  • "http://www.taz.de/Rede-von-Sibylle-Lewitscharoff/!134309/"
    "http://www.zeit.de/kultur/literatur/2014-03/lewitscharoff-kuenstliche-befruchtung-onanie"
    "http://www.tagesspiegel.de/kultur/buechner-preistraegerin-sibylle-lewitscharoff-lewitscharoff-kuenstliche-befruchtung-erzeugt-halbwesen/9578046.html"


    Kommentar erübrigt sich.
    Link auf die Rede zum Anhören, es lohnt sich, sich das anzutun (so dass man nicht annehmen muss, dass die Artikel übertreiben oder beschönigen):
    "http://www.staatsschauspiel-dresden.de/download/18984/sibylle_lewitscharoff_02032014.mp3"

    „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ (F. Rzewski, Komponist, in der FAZ vom 21.4.2012)

  • Ich habe mir die Rede angehört und den taz-Artikel gelesen. Auf die anderen Links habe ich dann verzichtet.
    Die mir bekannte Kritik an der Rede kann ich nicht nachvollziehen. An etlichen Stellen des Vortrags dachte ich, hier werden sich einige Menschen, die nicht kinderlos (wie Frau Lewitscharoff) bleiben wollen, empören. Mein Eindruck war aber, dass der Blick der Autorin auf das Thema aus der Perspektive des Kindes zu den Eltern gerichtet war. Für Empörung hätte in nur bei umgekehrter Richtung Verständnis.
    All ihre Gefühle der Beklemmung bis Abscheu gegenüber modernen Möglichkeiten der menschlichen Geburt sind mir fremd. Gerade darum fand ich ihre Rede so interessant und bewegend. In ihren Hinweisen auf tradierte Schöpfungsmythen, Sloterdijk und vor allem auf die möglichen Identitätsprobleme jener Menschen, die modernen Kinderwunscherfüllungen entstammen, sehe ich jedenfalls eine größere Bescheidenheit als in der (mir bekannten) Kritik an Frau Lewitscharoff.


    Viele Grüße


    "Unter den bekannten Malern in Deutschland bin ich der ärmste, der schlecht bezahlteste."
    Markus Lüpertz (http://www.focus.de, 17.4.2015)

  • Schwäbische Pietistin eben, kurz vorm evangelikalen Terror, was soll man da machen? Auch hier gelangt man zu der Einsicht, dass ein Leben voll Sex and Drugs and Rock'n'Roll einen Menschen vor solch verklemmt-verqueren Einsichten schützt, aber dafür ist es bei Frau L. jetzt zu spät

  • Mir gehts nicht um den Inhalt (obwohl ich die meisten ihrer pseudo-christlichen Thesen ablehne und das ganze Gelaber um die armen Kinder auch psychologisch völligen Quark finde). Aber ich gestehe jedem zu, seine noch so kruden, verklemmten oder wirren Reden halten zu dürfen. Sowas muss eine Demokratie aushalten. Nur: ich finde ihre Sprachwahl und ihre Nazivergleiche so ekelhaft, dass ich es noch im Nachhinein peinlich finde, dass diese Frau mit dem Preis geehrt wurde.
    Heike

    „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ (F. Rzewski, Komponist, in der FAZ vom 21.4.2012)

  • Nur: ich finde ihre Sprachwahl und ihre Nazivergleiche so ekelhaft, dass ich es noch im Nachhinein peinlich finde, dass diese Frau mit dem Preis geehrt wurde.

    Eine besondere Ironie liegt in der Tatsache, dass Frau Lewitscharoff mit dem Nazivergleich offenbar ihre maximale Distanzierung ausdrücken möchte, die Nazis aber in der Frage künstlicher Befruchtung durchaus derselben Meinung waren wie sie.


    Christian

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • "http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/sibylle-lewitscharoff-im-gespraech-darf-ich-nicht-sagen-was-ich-denke-12835124.html"


    Auch wenn sie jetzt, offensichtlich wegen des öffentlichen Drucks, die "Halbwesen" halbherzig zurückgenommen hat (was angesichts des Interviews oben doch nur als "ich mach das mal notgedrungen" anmutet): Ich bin mir nicht sicher, ob diese Frau einfach nur dumm ist oder ob sie absichtsvoll mit den ihr zur Verfügung stehenden sprachlichen Mitteln ganz subtil diese Ideologie einbetten wollte.So oder so ist mir ihre damit zum Ausdruck gebrachte Überlegenheitsdenke so zuwider, das kann ich gar nicht sagen, wie sehr mich das abstößt.

    „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ (F. Rzewski, Komponist, in der FAZ vom 21.4.2012)

  • Mit ihrem....

    "man wird ja noch mal sagen dürfen" Interview in der FAZ reiht sie sich in die unschuldig Verfolgten ala Sarrazin ein.
    Früher sagten wir einfach, "Die hat nicht alle Tassen im Schrank", aber heute darf man das nicht mehr.
    Ich rege allerdings an, das die, die ihr den Preis letztes Jahr verliehen haben, mal ihr Geschirr inventieren sollten.
    Gruß aus Kiel

    Ich bin jahrelang mit den schönsten Frauen in meinen Träumen eingeschlafen, bis ich eines Nachts von der Karibik träumte. Da wusste ich, nun bin ich alt. Die Frauen sind aus meinen Träumen verschwunden. (Die Invasion der Barbaren)

  • Ach Leute, irgendwann ist auch mal gut. Die Bürgerin Sibylle L. hat ihre Meinung geäußert. Der Bürger Thilo S. ebenfalls. Das passiert an deutschen Stammtischen jeden Tag. Und das ist auch gut so. Früher war das nicht möglich.


    Es gibt halt Leute, die dem Irrglauben aufsitzen, gute Schriftsteller wäre kluge Menschen. Dem ist aber nicht so. Schriftsteller sind auch nicht klüger als Altenpfleger, Ingenieure oder Klempner. Sie schreiben nur besser. Dafür klempnern sie nicht so gut.



    Thomas

  • Den naheliegendsten Chauvi-Kommentar angesichts der in den Medien verbreiteten Fotos der Autorin äußere ich natürlich nicht öffentlich (aber denken werde ich das wohl doch noch dürfen....) :hide:
    Ich habe zwar nur Sekundärartikel gelesen und mir ist überhaupt nicht klar, warum in dieser Rede überhaupt solche Themen angeschnitten wurden. Bedenklicher finde ich, dass Lewitscharoff eben keine begründete Meinung vorträgt, sondern vager Abscheu Ausdruck gibt, anscheinend ohne sich überhaupt die Mühe zu machen, Argumente zu finden, die diese Haltung artikulieren oder gar rational begründen könnten.
    Dass die Reproduktionsmedizin etc. ein ethisch und anthropologisch extrem aufgeladenes Thema ist, wird wohl kaum jemand bestreiten und mit Denk- oder Redeverboten kommt man gewiss nicht weiter. Bloß müssen dann, selbst wenn von sehr unterschiedlichen Voraussetzungen ausgehend, Argumente ausgetauscht werden, nicht bloß irgendeine Praxis als widerwärtig und Retortenbabies als "Halbwesen" (was für ein Unsinn? Ist jemand mit einem Herzschrittmacher und künstlichem Hüftgelenk nicht weit näher am Cyber-Droid?) bezeichnet werden. Entsprechend ist die Reaktion auf subjektive Abscheu auch nichts, was eine vernünftige Erwägung befördern würde. Denn in der Art, wie Lewitscharoff anfängt, kann man in der Tat nicht über solche Themen diskutieren.

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

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