Sibylle Lewitscharoff: Büchner-Preis 2013

  • Dreh- und Angelpunkte der Rede waren Geburt und Tod. Ich habe diese nicht so aufgefasst, als habe Frau Lewitscharoff für/gegen künstliche Befruchtung und Ähnliches plädieren wollen sondern einfach ein intimes Stimmungsbild gezeigt. Deshalb kommt es mir so vor, als ginge die meiste Kritik an ihren Äußerungen (mal abgesehen vom Nazivergleich) vorbei. Sie macht nicht erst im ZDF-Morgenmagazin deutlich, dass ihr die eigenen Gefühle nicht geheuer sind (nur soviel zum Stichwort "Überlegenheitsdenke"). Beim Vorwurf des religiösen Fanatismus, des antimodernen Familienbildes, der Verklemmtheit kann ich nur mit dem Kopf schütteln. All ihre Bewunderung für ihre so gestriggläubige Großmutter speist sich doch nur aus dem Eindruck, dass diese eine ganz eigene Fähigkeit hatte, sich von den Zumutungen des Lebens nicht unterkriegen zu lassen. Dass eine solche Fähigkeit heute niemand mehr entwickeln kann und will, auch Frau Lewitscharoff nicht, ist doch völlig klar. Ähnlich wirksame Fähigkeiten, aber ohne Auferstehungshoffnung, ohne Rückhalt einer jahrzehntelang zusammengewachsenen Familie, ohne Monogamie sind gefragt und werden anscheinend oft nicht gefunden. Und das bedeutet, dass Frau Lewitscharoff zum Rückwärtsgang auffordert?
    Die Provokation, wenn man auf dieses Etikett nicht verzichten kann, beginnt doch dann schon am Anfang der Rede. Als Kind war sie mit dem Selbstmord ihres Vaters, eines Gynäkologen, konfrontiert. Was ist schlimmer, das Leiden, das einen Menschen zu dieser Tat treibt oder das Leiden, das den Hinterbliebenen damit angetan wird? Man muss nicht versuchen, diese Frage zu beantworten und man kann es unangemessen finden, dass Frau Lewitscharoff ihre Vorwürfe gegen ihren Vater derart unverblümt öffentlich gemacht hat. Mir käme es allerdings absurd vor, ihr nun vorzuwerfen, sie habe Suizidgefährdete herabwürdigen wollen.
    Sie zeigte sich angewidert vom Sterbetheater, dass sie bei nahestehende Menschen miterleben musste. Ist das menschenverachtend? In meinen Ohren klang das nach schierer Angst, dass so etwas "dem Menschen", also vielleicht auch ihr selbst, drohen kann.
    In ihrem Auftritt im ZDF-Morgenmagazin sagt sie noch vor dieser aufgedrängten Zurücknahme des Halbwesen-Satzes, dass diese ihre Abscheu vor dem "künstlich" gezeugten Menschen genau in dem Moment gegenstandslos wird, da es um einen konkreten Menschen geht. Und das wäre nicht bereits in ihrer Rede deutlich geworden? Ich staune.


    Viele Grüße


    "Unter den bekannten Malern in Deutschland bin ich der ärmste, der schlecht bezahlteste."
    Markus Lüpertz (http://www.focus.de, 17.4.2015)

  • Guten Morgen,


    ein Zitat aus der Welt am Sonntag von heute:


    Zitat

    Fast alle unerklärlichen Krankheiten und merkwürdigen Verhaltensweisen gehen auf einen Zeckenbiss zurück. Experten sind sich beispielsweise sicher, dass die bizarren Äußerungen von Sibylle Lewitscharoff durch eine Infektion nach einem Zeckenbiss zu erklären sind. Wahrscheinlich waren sogar mehrere Tiere beteiligt, und mit großer Wahrscheinlichkeit sind sie immer noch aktiv und pumpen den Körper der Dichterin mit Viren voll. ... Bücher von Sibylle Lewitscharoff sollte man vor der Lektüre auf Zecken absuchen und über Nacht ins Eisfach legen.


    Das machte meinen Morgen !


    Die einzig angemessene Reaktion auf diese kruden Befindlichkeitsäußerungen ist: ignorieren. Diskutieren kann man sie nicht, weil Frau L. keine sachlichen Argumente äußert.


    Ich fand´s schade, dass sich die Heute-Show nicht dem Thema angenommen hat und hätte gerne Gernot Hassknechts Kommentar dazu gehört. Aber ich vermute, selbst dem waren diese Äußerungen zu blöd, um ihnen irgendeine Aufmerksamkeit zu widmen.


    VG Bernd

  • Hihi, super Kommentar! Dass sogar die Springerpresse... tse. Klar, sogar ganz völlig Verwirrte haben ein Recht auf Meinungsäußerung und sogar die allerdümmste These darf verbreitet werden - ernst nehmen muss man sie nicht. Diskutieren kann oder will man vieles inhaltlich auch nicht. Harald Schmidt hätte bestimmt ....


    Aber trotzdem: Dass diese Frau den Büchner-Preis gekriegt hat bleibt peinlich. Genauso wie der Friedensnobelpreis für Obama.

    „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ (F. Rzewski, Komponist, in der FAZ vom 21.4.2012)

  • So richtig glücklich machen einen derartige "humoristische" Bewältigungsversuche aber auch nicht.


    Die einzig angemessene Reaktion auf diese kruden Befindlichkeitsäußerungen ist: ignorieren. Diskutieren kann man sie nicht, weil Frau L. keine sachlichen Argumente äußert.

    Und genau das kann man nicht diskutieren? Wird doch gerade getan.

  • Hihi, super Kommentar! Dass sogar die Springerpresse... tse. Klar, sogar ganz völlig Verwirrte haben ein Recht auf Meinungsäußerung und sogar die allerdümmste These darf verbreitet werden - ernst nehmen muss man sie nicht. Diskutieren kann oder will man vieles inhaltlich auch nicht.

    Ich weiß nicht, was an dem Kommentar "super" sein soll. Frau Lewitscharoff äußert durchaus sachliche Argumente, die man diskutieren kann, aber dazu muss man die Rede natürlich lesen statt sich aufgrund einiger Schlagworte in Rage zu bringen und blöde Beleidigungen für "super" und "einzig angemessen" zu erklären. Die Rede gibt es unter http://www.spiegel.de/media/media-33276.pdf im Netz. Ich habe an vielen Stellen Einwände, aber ihr Unbehagen gegenüber einer "ungebremste(n) Vorausberechnungs- und Definitionsgier gegenüber dem eigenen Kind", gegenüber der Anmaßung, "alles, wirklich alles bestimmen zu wollen" und ihr Plädoyer für ein "heiteres Gewährenlassen" finde ich durchaus nachvollziehbar. Beim Lesen der Rede bin ich viel eher über diesen Passus gestolpert:


    "In dem Maße, wie die Weltgesellschaft sich zusammenhängend formiert, gibt es natürlich auch die Aufweichung eigener Traditionen und die Übernahme anderer kultureller Vorstellungen. So sehr mich fremde kulturelle und gesellschaftliche Traditionen interessieren – nachahmen werde ich sie ganz bestimmt nicht, selbst wenn ich sie respektiere."


    Vor allem dieses "selbst wenn ich sie respektiere" bereitet mir Unbehagen, denn es impliziert ja wohl, dass dieser Respekt gegenüber "anderen kulturellen Vorstellungen" bei ihr nicht selbstverständlich und auch nicht immer gegeben ist. Komischerweise hat weder die Springer- noch die sonstige Presse daran irgendeinen Anstoß genommen.


    Christian

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Lieber Christian,


    1. ich habe mir die Rede vollständig angehört.
    2. Ich habe weder Lust noch Zeit, inhaltlich über ihre reaktionären Thesen zu diskutieren. Vermutlich sollte man das ignorieren, jedenfalls ernstnehmen kann ich das nicht.
    3. Dass mich hier nicht der Inhalt, sondern die z.T. unerhörte Wortwahl aufregte, das habe ich schon geschrieben. Dagegen musste was gesagt werden, und das ist auch zur Genüge und zurecht getan worden.


    und mehr ist Zeitaufwand ist mir dieses Gelaber wirklich nicht wert.
    Heike

    „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ (F. Rzewski, Komponist, in der FAZ vom 21.4.2012)

  • Ich finde durchaus nachvollziehbar, wenn man nicht ganz sicher ist, ob man zB rituelle Selbsttötung, Voodoo oder Genitalbeschneidung bei Kindern respektieren soll. Und ich vermute mal, dass das den meisten so ähnlich gehen wird, ggf. suchen wir halt noch eine krassere kulturelle Praxis.


    Ich habe die Rede jetzt auch komplett gelesen und stimme zu, dass es nicht ganz fair ist, sich auf die wenigen unglücklichen Formulierungen (oder vielleicht auch sehr fragwürdigen Thesen) zu fokussieren. Es bestätigt sich für mich aber auch mal wieder, dass persönliche Betroffenheit und Emotion nicht der beste Ratgeber bei solchen Themen sind (gerade weil sie so emotional aufgeladen sind). Wenn sie sich nur auf die Anmerkungen zum Lebensende beschränkt hätte, dürfte die Rede wohl weitgehend Beifall gefunden haben.
    Nur hängt sie bei der "in-vitro"-Befruchtung eben sehr emotional an einer ethisch eher nebensächlichen Sache und hauptsächlich daran entzündete sich ja die Entrüstung. Die wirklichen Frankensteinvisionen PID, Designerbabies etc. kommen gar nicht vor.

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • 1. ich habe mir die Rede vollständig angehört.

    Ok, das ging aus Deinen Beiträgen bisher nicht hervor.

    2. Ich habe weder Lust noch Zeit, inhaltlich über ihre reaktionären Thesen zu diskutieren. (...)
    3. Dass mich hier nicht der Inhalt, sondern die z.T. unerhörte Wortwahl aufregte, das habe ich schon geschrieben.

    Wenn Du ihre Thesen für "reaktionär" erklärst, ist das eine inhaltliche Diskussion.

    Die wirklichen Frankensteinvisionen PID, Designerbabies etc. kommen gar nicht vor.

    Das stimmt nicht ganz. Sie sagt z.B:


    "Grotesk wird es aber spätestens in anderen, inzwischen durchaus zahlreichen Fällen, in denen sich Frauen Spermien aus einem Katalog verschaffen, worin die Rasse und gewisse körperliche Merkmale und soziale Eigenschaften des anonymen Samenspenders verzeichnet sind"


    und:


    "Wer sich sein Wunschkind anhand gewisser Merkmale aussucht, hat präzise Vorstellungen, wie so ein Kind werden soll."


    Christian

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Moin,


    ... Frau Lewitscharoff äußert durchaus sachliche Argumente, die man diskutieren kann, aber dazu muss man die Rede natürlich lesen statt sich aufgrund einiger Schlagworte in Rage zu bringen und blöde Beleidigungen für "super" und "einzig angemessen" zu erklären.


    Also ich habe kein einziges Argument gefunden, nur solche Begriffe wie "Abscheulichkeit", Widerwärtigkeit", "grauenerregend", "Horror" etc. Bezeichnend ist die Stelle:


    Zitat

    Aber meine Abscheu ist in solchen Fällen stärker als die Vernunft.


    Damit stellt sie sich selbst ausserhalb jeden rationalen Diskurses, denn über Abscheu kann man schlechterdings nicht diskutieren.


    VG Bernd

  • Vor allem dieses "selbst wenn ich sie respektiere" bereitet mir Unbehagen, denn es impliziert ja wohl, dass dieser Respekt gegenüber "anderen kulturellen Vorstellungen" bei ihr nicht selbstverständlich und auch nicht immer gegeben ist. Komischerweise hat weder die Springer- noch die sonstige Presse daran irgendeinen Anstoß genommen.

    Vielleicht möchte sie das Wort respektieren nicht für Kulturen verwenden, die beispielsweise Genitalverstümmelung an Babys praktizieren. Den übrigen (für sie vielleicht potentiell nachahmbaren) Kulturen steht sie vielleicht so ähnlich gegenüber wie man es aus "Nathan, der Weise" kennt. (Übrigens will ich Frau Lewitscharoff damit nicht auf eine Stufe mit Lessing stellen.) Ihr geht es zwar (vermutlich) nicht um vermeintlich richtige/falsche Religion aber doch allgemein darum, dass es (für sie) wesentlich schwieriger ist, sich an "neue" Traditionen (die aber an anderen Orten als alt gelten) zu binden als sich von seinen "alten" Traditionen zu lösen. Insgesamt kommt es mir so vor, als habe sie eine im weitesten Sinne agnostische Einstellung aber eben Angst, dass das für wirkliche Schicksalsschläge vielleicht nicht genügen könnte.


    Viele Grüße


    "Unter den bekannten Malern in Deutschland bin ich der ärmste, der schlecht bezahlteste."
    Markus Lüpertz (http://www.focus.de, 17.4.2015)

  • Stimmt, ich war mit "Frankenstein" schon eine Stufe weiter, nämlich bei von mancher Seite ernst gemeinten Überlegungen, nicht nur bei schweren Erbkrankheiten u.ä. PID zu betreiben, sondern auch sonst eine Anzahl Embryonen in vitro zu zeugen, die dann auf potentiellen IQ, Augenfarbe usw. auswzuwählen.


    Was die anderen Kulturen betrifft: Es kann ja gut sein, dass die antiken Stoiker oder die Samurai früherer Jahrhunderte den Freitod so gelassen ausführten oder ertrugen wie die pietistische Großmutter ihre Krankheit. Nur gibt es dafür in unserer Kultur eben keine rechte Tradition und Lewitscharoffs traumatische Erlebnisse geben kaum Beispiele für eine "heidnische" ars moriendi. Und die kritisierte Apparate-Medizin ist davon anscheinend auch meilenweit entfernt, selbst wenn die Beispiele wieder etwas einseitig sein mögen.


    Ihr zentraler Punkt ist doch wohl: Wir haben vieles nicht in der Hand, verdrängen das aber nicht nur, sondern schaffen durch die medizinisch-technischen Möglichkeiten sogar neues Leid und moralisch schwierige Situationen. (Ohne entsprechende Apparate würden sich sehr viele Situationen für Sterbehilfe erst gar nicht umgeben, ohne pränatale Diagnostik nicht das Dilemma, ein möglicherweise behindertes Kind abzutreiben oder nicht usw.) Das ist vielleicht nichts Neues, aber sie hat es ziemlich eindrücklich dargestellt. Insofern sehe ich es nun auch eher kritisch, dass man sich an ein paar unglücklichen Formulierungen und dem emotionalen Ton aufhängt. (Besonders bizarr an der Berichterstattung ist, dass man von daher den Eindruck gewinnen könnte, es wäre hauptsächlich um homosexuelle Paare gegangen, die kommen höchstens in zwei Sätzen vor.)

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Ich finde durchaus nachvollziehbar, wenn man nicht ganz sicher ist, ob man zB rituelle Selbsttötung, Voodoo oder Genitalbeschneidung bei Kindern respektieren soll. Und ich vermute mal, dass das den meisten so ähnlich gehen wird, ggf. suchen wir halt noch eine krassere kulturelle Praxis.

    Das sagt sie aber eben so deutlich nicht, sondern sie stellt ganz allgemein fest, dass sie "fremde kulturelle und gesellschaftliche Traditionen" nicht "nachahmen" werde. Mit ihrer Formulierung, dass sich "die Weltgesellschaft zusammenhängend formiert", hat sie indessen im Satz davor selbst beschrieben, dass es um "Nachahmung" gar nicht geht. Sie malt einen Teufel an die Wand, um damit ihre persönliche "Rückbindung an den christlichen Vorstellungskreis" zu erklären. Dieser Teufel existiert aber nur in ihrer Vorstellung.


    Christian

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Ehrlich gesagt finde ich die von der "WELT am Sonntag" hergestellten Zusammenhänge:


    bizarre Äußerung (oder Abweichende Meinung?) = Zecke (oder Ungeziefer?) = krank


    nicht witzig, sondern einfach nur widerlich.


    Ganz egal, wie man zu den Auslassungen Frau Lewitscharoffs auch stehen mag.


    Magus



    by the way: in Neonazikreisen wird der Gegner gern als "Zecke" bezeichnet...

    "Whenever we hear sounds, we are changed, we are no longer the same..." Karlheinz Stockhausen 1972

  • Hallo,
    jetzt lasse ich mich doch nochmal zu einer Antwort hinreißen, bevor ich die Sonne genießen gehe:

    Zitat

    Insofern sehe ich es nun auch eher kritisch, dass man sich an ein paar unglücklichen Formulierungen und dem emotionalen Ton aufhängt.


    Das finde ich eine Verharmlosung! Der ganze Ton der Rede ist herablassend und besserwisserisch, die ganze Aussage erinnert mich (unterstützt durch sprachliche Mittel) breits an Übermenschendenke. Obwohl viele der angesprochenenThemen natürlich durchaus diskussionswürdig wären, das ist ja gar keine Frage, Aber doch nicht so! Was macht sie? Sie würdigt andere herab. Und zwar auf eine ganz üble Weise. Sie stellt nicht die Grenzen der Machbarkeit als solche in Frage, sondern sie predigt, wie es zu sein hätte. So und nur so. Und alles andere ist für sie abscheulich. Sogar nicht mehr ganz menschlich. Tschuldigung, aber mir geht das entschieden zu weit.


    Das hier finde ich (zum Inhalt) übrigens einen guten Kommentar: "Selbstvergöttlichung" ist ein sehr treffendes Wort für das, was mir beim Hören auch in den Sinn kam.
    "http://www.berliner-zeitung.de/kultur/kommentar-zur-homophoben-rede-in-dresden-lewitscharoff-leidet-unter-selbstvergoettlichung,10809150,26493562.html"

    „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ (F. Rzewski, Komponist, in der FAZ vom 21.4.2012)

  • ...soso: "homophobe Rede"......


    Alles klar.


    :shake:


    Magus

    "Whenever we hear sounds, we are changed, we are no longer the same..." Karlheinz Stockhausen 1972

  • Insofern sehe ich es nun auch eher kritisch, dass man sich an ein paar unglücklichen Formulierungen und dem emotionalen Ton aufhängt.


    Zumal die Dame in ihrer Rede hinsichtlich künstlicher Befruchtung nichts anderes wiedergibt, wenn auch rhetorisch reichlich verunglückt, als die offizielle Lehrmeinung der katholischen Kirche. Wer Lewitscharoff kritisiert, darf demzufolge auch gleich die Donum vitae Instruktion ins Visier nehmen.


  • Du solltest das Zitat einfach mal lesen, dann würde dir auffallen, dass mitnichten Frau L. einer Zecke gleichgestellt wird.


    Die Nazikeule stand auch schon bereit ...


    Bernd

  • Von den Formulierungen mal abgesehen, hätte ich eigentlich gedacht, dass mindestens Sterbehilfe, "Apparatemedizin", Leihmutterschaft und "Designerbabies" hinreichend umstritten sind, dass man Lewitscharoffs Meinung mindestens respektieren sollte. Ich finde die Rede auch nicht besonders fromm (bzw. sind diese Anklänge oft mit einer gewissen Distanzierung verbunden).
    Zumindest bei vielen Kommentatoren gehören aber anscheinend eine weitgehende Reproduktionsmedizin und das "Recht auf ein Kind" für gleichgeschlechtliche Paare zu den Menschenrechten (m.E. Unsinn, niemand hat ein "Recht" auf ein Kind). (Und die lesbischen Paare kommen in einem einzigen Satz vor, die Tirade gegen Samenspende etc. richtet sich meinem Eindruck nach nicht spezifisch auf diese Zielgruppe.)


    Dass man nicht nur aus traditionell-christlicher Perspektive hier anderer Meinung sein kann, finde ich nicht so verwunderlich. (Mich wundert im Gegenteil immer wieder, dass anscheinend selbst Leute, die noch den verklemmten Umgang mit Homosexualität bis weit in die 1980er (etwa die "Kießling-Affäre" oder den Vorschlag der Internierung von HIV-infizierten) miterlebt haben, sich wundern, dass eine Position, die noch Mitte des 20. Jhds. buchstäblich undenkbar gewesen sein dürfte, nämlich eine ungetrübt positive Haltung zu "Regenbogenfamilien" heute nicht von allen geteilt wird.)
    Zumal müsste sich Lewitscharoff, sofern sie diese traditionelle Perspektive teilt, als gewollte kinderlose Frau selbst hochgradig defizitär sehen. (Vielleicht tut sie das ja auch.)

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Du solltest das Zitat einfach mal lesen, dann würde dir auffallen, dass mitnichten Frau L. einer Zecke gleichgestellt wird.


    Die Nazikeule stand auch schon bereit ...


    Das Zitat habe ich gelesen: Frau L. (wie man sie entpersonalisiert auch nennen könnte) ist krank, die Krankheit wurde durch Zecken (Ungeziefer) ausgelöst, und auch Frau L.s Bücher sind mutmaßlich von Zecken befallen...


    Du findest das lustig - ich nicht.


    So what?


    Magus

    "Whenever we hear sounds, we are changed, we are no longer the same..." Karlheinz Stockhausen 1972

  • Ungeachtet meines Widerwillens gegenüber einigen Reaktionen auf L.`s Rede habe auch ich Schwierigkeiten, dort auch nur einen originellen Gedankengang auszumachen, wo ich inhaltlich einhaken könnte. Die angeschnittenen Themen, namentlich der Punkt "Designerbabies", harren doch nun wirklich nicht der Entdeckung durch L. Sie sind, nicht zuletzt durch erhebliche Aktivitäten des Gesetzgebers in letzter Zeit, doch mittlerweile Allgemeingut. Hier könnte zusätzlich zu den bekannten Pro`s und Con`s allenfalls eine neue Perspektive interessieren.


    Was ist denn nun die Perspektive von L.? Man könnte in einigen Passagen den Gedanken haben, sie wolle das Augenmerk auf die ungeborenen Kinder gerichtet wissen, die in ihrem späteren Leben Schaden nehmen könnten an den "Machinationen", denen sie ihre Existenz verdanken. Oder an den Gedanken, Vorstellungen und Wünschen der Eltern in Bezug auf das Ungeborene. So als ob sie dann sagen könnten: "Dann wäre ich lieber ungeboren geblieben?" Nun ja.


    Die mögliche Sympathie, die man debattehalber der Ausformulierung möglicher kindschützender Ansatzpunkte entwickeln könnte, wird mehr als zunichte gemacht durch den Ekel, den L. in Bezug auf solche "Halbwesen" zu äußern beliebt. Was mag einem betroffenen Kind in seinem späteren Leben wohl mehr zusetzen, der Gedanke an seinen Erzeugungsvorgang oder die Reaktion von so gestrickten Zeitgenossen wie L. auf die bloße Tatsache der eigenen Existenz?


    Die einzige Perspektive, die ich hier ausmachen kann, ist die einer Klatschtante, die alles Mögliche in dieser schlimmen Welt für degoutant hält. Degoutanz als Wertemaßstab?


    Es wird nicht besser, wenn man sich vor Augen hält, daß es sich um eine wohl überlegte, in Ruhe ausgearbeitete Rede handelt und nicht um einen im Eifer einer Diskussion spontan geäußerte Befindlichkeit.


    Auch wird die Sache nicht verständlicher, wenn man die Biographie von L. heranzieht. Wäre dann nicht umso mehr zu erwarten, daß von einer gescheiten Frau, die L. wohl ist, Bedenkenswerteres geäußert wird als spießiges Geraune?


    Im Übrigen: Nazivergleiche sind, wie fast immer, so auch hier völlig unnötig und fehl am Platze, auch wenn L. hierzu selbst durch ihren geradezu idiotischen Vergleich mit den Lebensbornaktivitäten einlädt. Diese Einladung kann man getrost ausschlagen.

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