Das Ordinarium Missae in der Musik

Vom 28. Januar 2022, 13.30 Uhr bis 03. Februar 2022, 13:30 Uhr findet die 12. ordentliche Mitgliederversammlung des Capriccio-Trägervereins statt. Mitglieder werden gebeten, sich für die Teilnahme ab Freitag hier zu registrieren. Die Freischaltungen erfolgen im Laufe des Freitags, wir bitten dann um etwas Geduld.
  • Das Ordinarium Missae in der Musik

    Zunächst einmal in aller Kürze, was ist das Ordinarium Missae?
    Das Ordinarium Missae umfasst jene Texte, die übers Kirchenjahr hinweg unveränderter Bestandteil der Messfeier sind. Das Gegenstück dazu, also jene Texte, die von Sonntag zu Sonntag wechseln können, werden als Proprium Missae zusammengefasst.


    Zum Ordinarium Missae zählen folgende Teile: Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Benedictus und Agnus Dei. Aus diesen sechs Teilen findet bestehen die meisten zyklischen Messkompositionen. Das ebenfalls dazugehörende und am Schluss stehende Ite missa est dagegen wurde nur vereinzelt mit vertont, vor allem in der Frühphase zyklische Messkompositionen.


    Zur Gattungsgeschichte der mehrstimmigen Vertonungen
    Die Messe de Nostre Dame von Guillaume de Machaut aus der Mitte des 14. Jahrhunderts (siehe eigener thread) gilt heute als erste zyklische Vertonung des Ordinarium (inkl. des Ite missa est) durch einen Komponisten. Sie ist zugleich auch die erste vierstimmige Vertonung.


    Ein paar Jahre älter noch ist die Messe de Tournai. Da die einzelnen Sätze jedoch sehr heterogen sind, muss man davon ausgehen, dass es sich bei dieser Vertonung nicht um das Werk eines einzelnen Komponisten, sondern um eine Zusammenstellung von Einzelsätzen verschiedener Herkunft, die vermutlich über mehrere Jahrzehnte hinweg entstanden sind handelt. Die Messe de Tournai ist dreistimmig und endet ebenfalls mit dem Ite missa est. Es sind noch weitere derart kompilierte Messen auf uns gekommen (Messen von Barcelona, Toulouse oder Besançon), die z.T. aus dem 13. Jahrhundert stammen, aber die Messe de Tournai dürfte die bekannteste sein. Allesamt sind anonym überliefert.


    Begonnen hatte die Entwicklung mit der paarweisen Zusammenfassung einzelner Teile, oft mit entsprechenden musikalischen Bezügen aufeinander, z.B. Gloria & Credo oder Sanctus & Agnus Dei. Das ist im Falle der Gloria-Credo-Paare bemerkenswert, weil die beiden Teile in der Messfeier nicht unmittelbar aufeinander folgen. D.h. liturgische Gründe können dafür nicht allein verantwortlich gemacht werden.


    Die Praxis der Paarbildung zog sich bis in die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts hinein – Machauts vollständige Messe ragt als Unikum heraus. Viele dieser Paare sind auch nicht mehr anonym überliefert; Komponisten wie Johannes Ciconia, Lionel Power, Zacharias da Teramo, Bartolomeo da Bologna und auch Guillaume Dufay.


    Der endgültige Durchbruch der Messe als vollständiger Zyklus ist wohl von England ausgehend geschehen. Aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts sind eine ganze Reihe vollständiger Messen aus diesem Raum überliefert, so u.a. von John Dunstable, Lionel Power oder John Benet. Allerdings verfügen die meisten dieser Messen nicht über ein mehrstimmiges Kyrie; das wurde einstimmig gregorianisch gesungen. Eine Ausnahme hiervon ist die Dunstable zugeschriebene Missa Caput.


    Um 1450 herum dann setzte sich der vollständige und vollständig mehrstimmig gesetzte Messzyklus auf dem Kontinent durch. Und das mit aller Macht. Die franko-flämische Schule mit Komponisten wie Guillaume Dufay in seiner späteren Schaffenphase, Johannes Ockeghem oder Josquin Desprez führten die Gattung zu einer ersten Blüte. Als wichtigstes musikalisches Element, das die Zyklizität unterstreicht, diente ihnen der Cantus firmus, der meist in der Tenorstimme lag. Wurden ursprünglich gregorianische Melodien als Grundlage benutzt – auch schon in der Phase der Paarbildung - , war Blüte um 1500 herum mit Melodien weltlichen Ursprungs verbunden. Als Schlüsselwerk diesbezüglich gilt die um 1450/60 herum von Dufay komponierte Missa Se la face ay pale. Die weltliche Ballade dieses Titels hatte Dufay 20-30 Jahre vorher selbst komponiert, ihr Text spricht von den Qualen die Liebe.


    Fortsetzung folgt...

    Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen.
    Helmut Qualtinger

  • Ist ja höchst interessant, lieber Salisburgensis! - Schönen Dank für deinen Beitrag! -
    Hast du diesen Text selbst verfasst?
    Aber nun sage uns doch bitte, was der Satz "Ite missa est" bedeutet! - Ite (lat.) heißt "gehet", und "missa" ist das Partizip perfekt von "mittere" und heißt schicken. - Es muss also heißen:" Gehet, es ist geschickt oder entlassen (worden)!" - Was ist nun mit "es" gemeint?
    Das Wörtchen "Messe" ist ja das lateinische "Missa".


    In der "Deutschen Bauernmesse" mit dem Wortsatz von Annette Thoma heißt es im Text:


    Lasst uns dem Herrn danken eh' vor dass wir gehen, dem Vater, dem Sohne, dem Geiste zu Dritt.
    Sie möchten erhören das irdische Flehen, ihr Segen bleib bei uns auf jeglichem Schritt.
    Er soll mit uns schreiten im Leben der Zeit und einst uns geleiten in die Ewigkeit.


    Die "Deutsche Bauernmesse" besteht aus alten Liedern und Weisen aus dem bayerisch-österreichischen Alpenland und ist für 3 Stimmen und Instrumentalbegleitung.


    Mit freundlichen und dankbaren Grüßen,


    Hemiole :wink:

    "Solange Menschen denken, dass Tiere nicht fühlen, müssen Tiere fühlen, dass Menschen nicht denken."


    (Unbekannt)

  • Servus Hemiole,


    Aber nun sage uns doch bitte, was der Satz "Ite missa est" bedeutet! - Ite (lat.) heißt "gehet", und "missa" ist das Partizip perfekt von "mittere" und heißt schicken. - Es muss also heißen:" Gehet, es ist geschickt oder entlassen (worden)!" - Was ist nun mit "es" gemeint?


    Du hast richtig übersetzt. Ite missa est ist der Rauschmeißerspruch, frei nach dem Motto "es darf gegangen werden".


    Hast du diesen Text selbst verfasst?


    Gibt's Zweifel daran?



    herzliche Grüße,
    Thomas

    Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen.
    Helmut Qualtinger

  • Gibt's Zweifel daran?


    Komm. Wir haben gesagt Quellen aufdecken. Also: Packung Frosties oder Crunchy Nuts?



    .

    "...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms

  • Komm. Wir haben gesagt Quellen aufdecken. Also: Packung Frosties oder Crunchy Nuts?


    Ist das product placement à la "Marienhof"?? :pfeif:


    Eine Auflistung der zu Rate gezogenen Quellen gibt's am Ende. Momentan bin ich ja grade mal in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts.


    :wink:
    Thomas

    Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen.
    Helmut Qualtinger

  • Lieber Thomas Salisburgensis :)


    "Ite missa est" ist bekanntermaßen ein Rausschmeißergruß, ja, sogar der einzige, oder? - Aber worauf bezieht sich die Endung "a" bei "missa"? - Wenn du DAS heraus finden könntest, wäre ich dir dankbar!


    Musikalische Grüße in G,


    Hemiole :wink:

    "Solange Menschen denken, dass Tiere nicht fühlen, müssen Tiere fühlen, dass Menschen nicht denken."


    (Unbekannt)


  • "Ite missa est" ist bekanntermaßen ein Rausschmeißergruß, ja, sogar der einzige, oder? - Aber worauf bezieht sich die Endung "a" bei "missa"? - Wenn du DAS heraus finden könntest, wäre ich dir dankbar!


    Ich glaub, der neueste Stand der philologischen Diskussion ist, dass "missa" nicht das PPP von "mitto", sondern ein sonst (weitgehend?) unbekanntes weibliches Substantiv mit der Bedeutung "Entlassung" ist, also eine spätlateinische Nebenform für "missio". Ich kann das aber noch näher nachschauen, wenn ich nächste Woche auf die Uni komm.


    Liebe Grüße,
    Areios

    "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
    Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.

  • Ich glaub, der neueste Stand der philologischen Diskussion ist, dass "missa" nicht das PPP von "mitto", sondern ein sonst (weitgehend?) unbekanntes weibliches Substantiv mit der Bedeutung "Entlassung" ist, also eine spätlateinische Nebenform für "missio". Ich kann das aber noch näher nachschauen, wenn ich nächste Woche auf die Uni komm.

    Ja, so steht's auch in meinem alten Langenscheid-WB (Großes Schüler-WB Lateinisch-Deutsch). Laut der engl. Wikipedia zu Ite, missa est findet sich der Schwund von -io auf -a bei vielen spätl. Nomen, z.B. collecta, ingressa, confessa, accessa, ascensa. Allerdings ist neben missa in meinem Langenscheid nur collecta als spätl. Nebenform aufgeführt. Ich halte die Erklärung trotzdem für sehr plausibel.


    Also: "Ite, missa est!" = "Gehet, es ist Entlassung!"


    Grüße,
    Jürgen

    --

    "Wo die Beziehung zu unseren heutigen Ohren, Nerven, Erfahrungen und Lebensbedingungen verlorengeht, wird Interpretation zur Flucht in die Vergangenheit."
    Alfred Brendel


    "Music is a fish defrosted with a Hair-Dryer." Maisie

  • Vielen Dank für die Klarstellung! - Habe in verschiedenen Büchern gewälzt, aber nichts Zufriedenstellendes gefunden.
    Die oben angegebene Etymologie ist aber plausibel! :)


    Linguistische Sonntagsgrüße,


    Hemiole :wink:

    "Solange Menschen denken, dass Tiere nicht fühlen, müssen Tiere fühlen, dass Menschen nicht denken."


    (Unbekannt)

  • Nachdem die a-Frage geklärt ist, möchte ich ein paar Hörempfehlungen zum ersten Teil der Messvertonungsgeschichte nachtragen.


    Bezüglich Machauts Messe verweise ich nochmals auf den schon im Eingangsbeitrag verlinkten Machaut-Thread. Eine schöne, nun schon fast zwanzig Jahre alte Aufnahme der angesprochenen Messe de Tournai, ist diese:



    Messe de Tournai


    Ensemble Organum
    Marcel Peres




    Frühe Messteile und Gloria-Credo-Paare von Matteo da Perugia, Zacharias da Teramo und anonymi gibt auf folgender CD:



    Missa Cantilena


    Mala Punica
    Pedro Memelsdorff




    Als Beispiel für die englischen Bestrebungen, die Messe als Zyklus zu vertonen, möchte ich folgende Naxos-CD anführen, auch wenn sie keine komplette Messe enthält:



    Sweet Harmony: Messen und Motetten von John Dunstable


    Tonus Peregrinus




    Und schließlich noch zwei Messen von Guillaume Dufay. Die erste stammt aus der früheren Schaffenperiode:



    Guillaume Dufay: Missa Sancti Jacobi


    Binchois Consort
    Anthony Kirkman



    Und die zweite ist jenes Werk, welches die Initialzündung für die Verbreitung der zyklischen Messe auf dem Kontinent darstellte:



    Guillaume Dufay: Missa Se la face ay pale


    Diabolus in Musica
    Antoine Guerber



    herzliche Grüße,
    Thomas

    Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen.
    Helmut Qualtinger

  • Ite, missa est!“ („Gehet hin in Frieden“; wörtlich: „Geht hin, es ist die Aussendung!“).


    Mit einem extra Gruß nach Bayern
    Anmasi

  • Naja, jedenfalls steht die Bedeutung oben mit Belegstellen schon im Georges von 1886.


    Und, gibts einen neueren? :D :P

    "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
    Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.

  • Ja, liebe Anmasi,


    schönen Dank für die Sondergrüße und Grüße zurück in die ehemalige "Bonn"deshauptstadt! :)


    Es sei erlaubt, kurz einen Gruß zu verschicken! -


    Vielen Dank, Salisburgensis und Anmasi! -


    Ein paar akustische Beispiele würden mich auch und besonders "sakrisch" freuen! -
    Aber warten wir die weiteren Schritte der Administration ab, nicht dass es Ärger gibt!


    Mit dankbaren Grüßen für die Wiedereröffnung des Forums,


    Hemiole :)

    "Solange Menschen denken, dass Tiere nicht fühlen, müssen Tiere fühlen, dass Menschen nicht denken."


    (Unbekannt)


  • Ein paar akustische Beispiele würden mich auch und besonders "sakrisch" freuen! -
    Aber warten wir die weiteren Schritte der Administration ab, nicht dass es Ärger gibt!


    Bei den meisten der gezeigten CDs bieten JPC bzw. Amazon Hörbeispiele. Klicke doch einfach auf die Coverbildchen, und du wirst direkt zu CD katapultiert. Die Tonqualität ist leider etwas mäßig...



    :wink:
    Thomas

    Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen.
    Helmut Qualtinger

  • Mille grazie für den heißen Tipp, Salisburgensis! - Das wusste ich nicht! - Das macht mich direkt glücklich!


    Hemiole :)

    "Solange Menschen denken, dass Tiere nicht fühlen, müssen Tiere fühlen, dass Menschen nicht denken."


    (Unbekannt)

  • Infos zur Messe - überhaupt und sowieso:


    guckt doch mal hier: :rolleyes:


    "http://freenet-homepage.de/kirchenmusikinbenediktbeuern/index.html"


    dort weiter unter "Geschichte der katholischen Kirchenmusik". Auch im Nebenlink "Exkurs: Struktur und Entwicklung der Messe"


    Bustopher

    viele Grüße


    Bustopher



    Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
    Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)

  • Die oben angegebene URL hat sich geändert. Sie lautet nun:


    "http://home.mnet-online.de/kirchenmusikinbenediktbeuern/"

    viele Grüße


    Bustopher



    Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
    Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)

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