Was ist, was soll, was darf Opernregie? Und was nicht?

  • "Positiv konnotiert" würde ich mitgehen

    Da kann ich auch mitziehen, so groß finde ich den Unterschied gar nicht.

    Später, auf irgend eine niemals aufgeklärte Weise, ist einzelnen Familiengliedern das »Wort« bekannt geworden, dieses desperate Wort, das in jener Nacht Herr Permaneder sich hatte entschlüpfen lassen. Was hatte er gesagt? – »Geh' zum Deifi, Saulud'r dreckats!«.

  • Das Motiv, das vom Ende der Passage Brünnhldes bis zum Ende des Stücks dominiert, hat einen ziemlich deutlich bestimmten Sinn. Da muss man nicht lange rätseln. »d« ist wahrscheinlich das falsche Wort. Aber dass von einer Zukunft die Rede ist, also vom Gegenteil von totaler Vernichtung, ist sicher. (Abgesehen davon, dass es auch für jeden hörbar ist, der hinhört.) Der Schluss der »Tristan« ist übrigens auch nicht im eigentlichen Wortsinne optimistisch, aber unüberhörbar positiv. Was auch für jeden unüberhörbar ist, der zuhört, und übrigens auch nicht überraschend für den, der das Stück wirklich verfolgt hat. Da muss man gar nicht erst das ein Gefühl bemühen, das bei vielen sonderbarerweise im Bauch sitzt. Und übrigens auch fatal täuschen kann.

  • Die Aussage, dass die Dramaturgie des Abends halbherzig ist, sagt absolut nichts darüber aus, ob ein Dramaturg daran beteiligt war oder nicht.

    Das mußt Du mir bitte erklären. Wo hätte ich einen Dramaturgen erwähnt?

    Du verstehst das Wort »Dramaturgie« in diesem Satz nicht. Das ist das Problem.

    Weißt Du was, ich habe keine Lust mehr auf Deine ewig gleichen Spielchen.

    An Deine Sprachauthorität kommt natürlich keiner hin, aber Deutsch kann ich auch.

    Später, auf irgend eine niemals aufgeklärte Weise, ist einzelnen Familiengliedern das »Wort« bekannt geworden, dieses desperate Wort, das in jener Nacht Herr Permaneder sich hatte entschlüpfen lassen. Was hatte er gesagt? – »Geh' zum Deifi, Saulud'r dreckats!«.

  • (Abgesehen davon, dass es auch für jeden hörbar ist, der hinhört.)

    Die Wucht des Argumentes muss ich noch ein wenig wirken lassen, um der Wonnen wohl zu walten.

    »d« ist wahrscheinlich das falsche Wort.

    »d« ist kein Wort. Nicht einmal ein falsches. Jedenfalls im Deutschen, so weit ich es kenne.

    Weißt Du was, ich habe keine Lust mehr auf Deine ewig gleichen Spielchen.

    Wotan ging auch an seinen Spielchen zugrunde. Wenn der Ring doch eines lehrt ... jeden, der lesen kann.


    Gruß

    MB


    :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • :)

    Später, auf irgend eine niemals aufgeklärte Weise, ist einzelnen Familiengliedern das »Wort« bekannt geworden, dieses desperate Wort, das in jener Nacht Herr Permaneder sich hatte entschlüpfen lassen. Was hatte er gesagt? – »Geh' zum Deifi, Saulud'r dreckats!«.

  • Wir alle sind freilich Nachgeborene und können nur mühsam in den Spuren der Riesen zu lesen versuchen, was sie schrieben und was sie damit eventuell meinten.


    Nun hat Richard Wagner im Jahre 1848 einen Prosaentwurf zur GD erstellt. Darin heißt es, die Absicht der Götter würde erreicht sein, wenn sie in dieser Menschenschöpfung [der Liebe Siegfrieds und Brünnhildes] sich selbst vernichteten, nämlich in der Freiheit des menschlichen Bewusstseins ihres unmittelbaren Einflusses sich begeben müssten.


    Genau das ist in der Musik zu hören - erst die Vernichtung, dann das Loslassen, das Entsagen des Beeinflussens des Laufes der Welt, was Wotan ja schon in der Peripetie des zweiten Walkürenaufzugs beschließt.


    Nun ist Wotans Entsagung und Weltflucht ("Nur eines will ich noch: Das Ende!") der genaue Gegenpol zur Liebe Brünnhilde und Siegfrieds, was wunderbar zum Ausdruck kommt, wenn der Wanderer sich dem Siegfried auf dem Weg zum Walkürenfelsen in der Weg stellt - und genau dann das äußere Zeichen seiner Macht durchbrochen wird durch dasjenige Schwert, das sich derjenige neu durch vollkommene Zerstörung durch die Feile schuf, der das Fürchten (auch der Macht der Götter) nie gelernt.


    So zeigt die Götterdämmerung vollkommen und realiter, was in der Walküre dramatisch vorbereitet ist: Wotans Entsagen und das Überwinden durch die Liebe, welche am ersten Tag im Ausbruch der Sieglinde bei der annuntatio conceptionis zum Ausdruck gekommen ist.


    Gruß

    MB


    :wink:

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  • Woraus schließt Du das? Daraus, dass das Erlösungsmotiv an der Stelle exponiert wurde, als Sieglinde ihre Mutterschaft offenbart wurde?

    Wie mat Du auf die Bezeichnung »Erlösungsmotiv«? So weit ich weiß, kommt dieses Motiv nur an einer Stelle vor, bevor es am Schluss der »Götterdämmerung« wieder auftaucht und an dieser Stelle ist von Erlösung keine Rede, sehr wohl aber vom Glück der Mutterschaft. Wie sollte dieses Motiv in der Zwischenzeit seinen Sinn geändert haben? Das dürfte wohl kaum gehen, da es ja nicht mehr vorkommt, also auch nicht auf andere Vorgänge bezogen werden an.

  • Wie mat Du auf die Bezeichnung »Erlösungsmotiv«?

    Ich übernahm die Bezeichnung, die in der mir zur Verfügung stehenden Literatur die am häufigsten verwendete ist. Ich weiß nicht, welche Literatur Dir zur Verfügung steht, aber wenn Du eine kleine Recherche unternehmen solltest, wird Dir diese Bezeichnung häufig begegnen.

    sehr wohl aber vom Glück der Mutterschaft.

    Aha! Wo denn? Die Ankündigung der Mutterschaft geschieht ja 120 Takte vor dem Einsatz des fraglichen Motivs. Wenn ich den Text richtig lese, dann singt Sieglinde das Motiv nicht auf die Ankündigung der Mutterschaft, sondern als Antwort auf die Heldenrolle ihres Sohnes und auf die Namensgebung "Siegfried": "O hehrstes Wunder ..." - so ihre Worte. Und sie besingt ja zunächst weder den Sohn noch ihr Mutterglück, sondern Brünnhilde sowie die Gefühle von Dank und Trost.


    Wenn wir uns also überhaupt darauf verständigen wollen, dass dieses Motiv eine Semantik hat, die etwa so eng ist wie die des Schwertmotivs - das wäre ja zuerst zu klären, nicht dass die Semantik eher weit gefasst wäre wie etwa beim Speermotiv, das ja auch für Verträge und Vertragstreue steht -, dann wäre zu klären, wie Wagner es hier meinte.


    Der Meister selbst schrieb: „Diese melodischen Momente, an sich dazu geeignet, das Gefühl immer auf gleicher Höhe zu erhalten, werden uns durch das Orchester gewissermaßen zu Gefühlswegweisern durch den ganz vielgewundenen Bau des Drama’s. An ihnen werden wir zu steten Mitwissern des tiefsten Geheimnisses der dichterischen Absicht, zu unmittelbaren Theilnehmern an dessen Verwirklichung“ (Oper und Drama, 1851).


    "Gefühlswegweiser" - nun, die Gefühle, von denen Sieglinde expressis verbis singt, sind "Wunderbarkeit", "Dank" und "Trost". Ich sage nicht, dass "Mutterglück" nun sehr weit hergeholt sei, aber weder Brünnhildes vorangegangene Rede noch Sieglindes Antwort stellen diese mögliche und plausible Komponente der Gefühlswelt der Sieglinde in den Vordergrund.


    "Für ihn, den wir liebten, rett' ich das Liebste" - "liebten" ist Vergangenheit, Objekt der Liebe ist wohl Siegmund, das Liebste ist dann wohl Siegfried. Auch da mag Mutterglück mitschwingen, der Gedanke an den Vater ist an dieser Stelle mindestens gleichbedeutend als Motivation der Rettungstat.


    Ich kann nachvollziehen, wenn man Mutterglück als einen Aspekt des Motivs hören mag, als ausschließlichen oder auch nur wichtigsten Aspekt des Motivs kann ich ihn nicht hören. Und, ja, "Erlösungsmotiv" ist freilich von der Götterdämmerung her gedacht und ist logisch vor dem Hintergrund des ersten Erscheinens in der Walküre einfach falsch, zumindest fragwürdig.

    Wie sollte dieses Motiv in der Zwischenzeit seinen Sinn geändert haben?

    Nun ja, wie gesagt, in wie weit die Semantik bzw. Gefühlswelt dieses Motivs eher eng oder eher weit ist, könnte man diskutieren. Niemand behauptet eine Änderung.


    Gruß

    MB


    :wink:

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  • Nun hat Richard Wagner im Jahre 1848 einen Prosaentwurf zur GD erstellt. Darin heißt es, die Absicht der Götter würde erreicht sein, wenn sie in dieser Menschenschöpfung [der Liebe Siegfrieds und Brünnhildes] sich selbst vernichteten, nämlich in der Freiheit des menschlichen Bewusstseins ihres unmittelbaren Einflusses sich begeben müssten.

    So klar ist die Sache aber nicht. Der von Dir erwähnte Text ist aus der Prosaschrift Der Nibelungen-Mythus. Ich erlaube mir die Passage zu zitieren:

    Zitat

    Zu dieser hohen Bestimmung, Tilger ihrer eigenen Schuld zu sein, erziehen nun die Götter den Menschen, und ihre Absicht würde erreicht sein, wenn sie in dieser Menschenschöpfung sich selbst vernichteten, nämlich in der Freiheit des menschlichen Bewußtseins ihres unmittelbaren Einflusses sich selbst begeben müßten.


    (Wagner, Der Nibelungen-Mythus, Schriften und Dokumente Bd. 2, S. 158)

    Von Liebe finde ich da allerdings explizit nichts, nur von der Freiheit menschlichen Bewusstseins. Und zudem ist die ursprüngliche Idee Wotans ja, Siegmund als freien Helden zu erzeugen, Brünnhilde und Siegfried sind da noch gar nicht im Spiel.


    Am Ende dieser Schrift und in fast wörtlicher Wiederholung im Text von "Siegfrieds Tod" (4. Szene) steht bei Brünnhildes Schlussansprache nun aber dieses:

    Zitat

    Nur Einer herrsche, Allvater, herrlicher, du! Daß ewig deine Macht sei, führ' ich dir diesen zu: empfange ihn wohl, er ist dess' werth!

    (Wagner: Der Nibelungen-Mythus Wagner-Schriften und Dokumente Bd. 2, S. 166)

    In den Szenenanweisungen zu Siegfrieds Tod steht ganz am Schluss dann zusätzlich: "... man erblickt Brünnhilde, wie sie, behelmt und in strahlendem Waffenschmucke, auf leuchtendem Rosse, als Walküre, Siegfried an der Hand durch die Lüfte geleitet."

    (zitiert nach: Wagner, Schriften und Dokumente Bd. 2, S. 227-228)


    Daraus könnte man ableiten, dass durch den Sühnetod Siegfrieds die alte Ordnung gerettet und wiederhergestellt ist, allerdings mit dem Lichtblick der Auflösung der Knechtschaft der Nibelungen durch die Rückgabe des Goldes an die Rheintöchter. Trotzdem erscheint das ein Widerspruch zu der vorher angesprochenen Selbstvernichtung.


    Nun hat eben der Ring bekanntermaßen etliche Brüche und Verschiebungen erfahren und durch die Umgestaltung von der Einzeloper Siegfrieds Tod zur gesamten Ring-Tetralogie. Damit verschob sich auch der Schwerpunkt der Handlungsebene der daraus entstandenen Götterdämmerung. In dem Einzelstück Siegfrieds Tod war der Gegensatz Hagen-Siegfried das Hauptthema, Wotan als handelnde Person gar nicht existent, so dass dadurch ein Untergang der Götter auch dramaturgisch kaum zu rechtfertigen war. Daher wohl die gloriose "Himmelfahrt" Siegfrieds mit Brünnhilde.

    Durch die Ausgestaltung mit der ganzen Vorgeschichte verschob sich dann der Akzent auf den Gegensatz Wotan-Alberich und die "Götterdämmerung" wurde das beherrschende Thema auch des nun gleichnamigen Schlussstückes der Tetralogie.

    Trotzdem war sich Wagner wohl bis zum Schluss nicht völlig klar, wie es zu Ende und danach weitergehen soll. Im Text der gesamten Tetralogie sind nämlich (als Fußnote an der Stelle, wo Brünnhilde die Fackel in den Scheiterhaufen wirft) zwei Textentwürfe und Erläuterungen beigefügt, die er zunächst als Schlussworte Brünnhildes geplant hatte, schließlich aber in der Komposition nicht verwendet hat.

    Dabei ist der erste Entwurf ("selig in Lust und Leid läßt – die Liebe nur sein") aus dem Jahr 1852, der zweite - Schopenhauerscher Weltentsagung folgend - aus dem Jahr 1856. Offensichtlich waren ihm diese Texte doch sehr wichtig, so dass er sie veröffentlichte.

    Nun hat er ja beschlossen, der Musik das letzte Wort zu lassen und damit bleibt (trotz der Bemerkung, dass die Strophen in der Musik schon ausgedrückt seien) vieles offen und unterschiedlich interpretierbar im Blick auf die Textdokumente.

    Das Ganze wird sehr detailliert dargestellt in dem lesenswerten Beitrag von Carl Dahlhaus "Über den Schluss der Götterdämmerung" in dem Sammelband "Richard Wagner: Werk und Wirkung", Bosse 1971.


    Und das sogenannte "Erlösungsmotiv", das in meinen Augen nichts mit der Mutterschaft zu tun hat, sondern eben schon in der Walküre in Wagnerischer Vorausweisungsmanier auftaucht und dann erst wieder in den letzten Takten der Götterdämmerung erscheint und diese abschließt, ist für mich wenig erlösend. Der überschwängliche Jubel, mit dem Sieglinde das Motiv einführt, ist für mich nach den Irrungen und Wirrungen der ganzen langen Geschichte am Schluss inhaltlich doch sehr verblasst, also eher resignativ friedfertig, wobei vielleicht auch etwas Hoffnung keimen mag.


    Was die geniale Inszenierung von Chereau und speziell das Schlussbild anbelangt, so fragt damit das Volk auf der Bühne das Volk im Saal "Habt Ihr nun etwas gelernt aus der Tragödie?". Die Frage bleibt aber mit dem unendlich langen eingefrorenen Bild unbeantwortet und entwickelt dadurch eine eher pessimistische Gesamtsicht.

    In dem sehr informativen Film, der vom Bayerischen Rundfunk anlässlich der Erstausstrahlung der gesamten Tetralogie im Fernsehen 1982 als Einführung gesendet wurde, schließt der Film mit den Worten:

    -----------------------------------------------------------------------------------------------
    Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)

  • Am besten der Reihe nach, so kommt man am weitesten:


    1. Ich ziehe es vor, die Primärliteratur, also das Stück zu lesen. Der Sekundärliteratur (dazu zähle ich auch die Äußerungen der Autoren) hingegen räume ich einen sekundären Rang ein. Das bedeutet vor allem, dass alles, was sich in der Sekundärliteratur findet, am Text des Stücks selbst überprüft werden muss. Seitenweise ohnehin jedem bekannte Zitate aus Sekundärquellen helfen also nicht viel. »Das Stück lesen« heißt dabei, es so gründlich und genau wie möglich zu lesen, also einerseits möglichst nichts zu übersehen und kein Detail ungedeutet zu lassen, andererseits nach Möglichkeit nichts hineinzulegen, was sich aus dem Material nicht zu entnehmen ist. (Muss ich es sagen? Vermutlich ja: ;Mit »Stück« meine ich das Stück, nicht das Libretto.)


    2. Leitmotivkataloge sind ein zwar kaum entbehrliches Arbeitsmittel, aber man sollte sie mit größter Vorsicht verwenden. Schon die Bezeichnung »Leitmotiv« ist bekanntlich irreführend. Wagner hat sie meines Wissens nicht verwendet, jedenfalls nicht, wenn es auf eine genaue Terminologie ankam. Das größte Problem ist, dass die Motive in diesen Katalogen irgendwie benannt werden müssen, und die traditionellen Etiketten meistens irreführend sind. So heißt das angebliche »Erlösungsmotiv«., um das es hier geht, in vielen Katalogen »Liebeserlösungsmotiv« (Die Bezeichnung »Erlösungmotiv« ist nur die verkürzte Variante dieses Wortungetüms), was zu der Annahme verführt, es handele sich um ein Motiv, das irgendwie mit Liebe und Erlösung zu tun hat. Das ist aber nicht der Fall.

    Ein noch viel größeres Problem, auf das schon Wagner selbst hingewiesen hat: Die Kataloge präsentieren die Motive als getrennte Entitäten, viel zu selten wird darauf hingewiesen, wie sie voneinander abgeleitet sind und sich auseinander entwickelt. Diese Zusammenhänge könnte man oft in Form eines Stammbaums darstellen. Das würde, wenn es gelänge das so zu machen, dass es wirklich übersichtlich ist (mir ist kein gelungener Versuch bekannt) zeigen, wie die Motive der Rheintöchter, der Erda und der Nornen miteinander und mit dem Motiv der goldenen Äpfel, dieses wiederum mit dem Walhall- und de. Ring-Motiv verwandt sind usw. usf. Diese Verwandtschaften und Ableitungen haben sowohl eine musikalische als auch eine semantische Funktion. Die Kataloge mit ihrer starren Präsentation und ihren zum Teil grotesk falschen Namen unterschlagen aber genau das. Und sie verführen, man kann es nicht oft genug sagen, dazu, aus diesen Etiketten auf eine Bedeutung zu schließen: Weil am Ende der »Götterdämmerung« das »Liebeserlösungsmotiv« erklingt, muss es da um Liebe und Erlösung gehen.


    3. Was nun das besagte Motiv betrifft: Mir ist durchaus aufgefallen, dass zwischen der Mitteilung an Sieglinde, dass sie von Siegmund schwanger ist und ihrem Abgang einige Zeit vergeht. Allerdings ist mir auch aufgefallen, dass diese Zeit keine Generalpause ist und auch nicht eine Zeitspanne, während der die auf der Bühne anwesenden Damen Zeitung lesen, stricken, Kaffee trinken oder andere Neuigkeiten austauschen. Viel mehr vergeht diese Zeit mit der Suche nach einer Möglichkeit, Sieglindes Wunsch »rette die Mutter« zu erfüllen. Denn die Tatsache, dass sie schwanger ist, bedeutet noch lange nicht, dass sie wirklich Mutter wird. Wenn Wotan sie antrifft, ist sie im selben Moment tot und wird eben nicht Mutter. Dass sie die Mutterschaft erleben wird, ist erst klar, wenn Brünnhilde ihr den Weg zeigt und sich dafür opfert, dass sie ihn gehen und das Kind zur Welt bringen kann. (Eine genaue Parallele zu dem, was sich am Ende der »Götterdämmerung« zuträgt.) Erst dann, nicht unmittelbar nach der Mitteilung der Schwangerschaft bricht die Freude aus Sieglinde heraus. Genauer: Nachdem klar ist, dass sie gerettet und Mutter sein wird, und der Sohne einen glückverheißenden Namen erhalten hat. Von irgendeiner Erlösung ist auch hier keine Rede. Siegfried wird als der größte Held der Welt angekündigt, der in den Kämpfen, die ihm bevorstehen, siegen, also überleben wird. Mehr steht nicht da. Von Erlösung ist weit und breit keine Spur. (Dass Siegfried die Welt erlösen würde, liest man oft. In der Sekundärliteratur. Im Stück tut er nichts dergleichen. Es ist also wohl vernünftig, die Annahme einer Erlösungstat aufzugeben.)


    4. Kurz zusammengefasst: Beide Stellen, an denen das Motiv auftaucht, bilden eine Parallele: Brünnhilde opfert sich, um den Weg für eine Zukunft freizumachen, die Zukunft ist die Mutterschaft, die durchaus aus »hehrstes Wunder« bezeichnen kann. Das Motiv drückt die Freude über dieses Wunder und die Dankbarkeit dafür, dass es ermöglicht wurde, aus.


    5. Mehr ist kaum zu sagen. Höchstens wäre noch darüber nachzudenken, warum das Motiv bei seinem zweiten Auftreten so vie langsamer gespielt wird, wodurch sich sein Charakter stark ändert, ohne dass sich sein semantischer Gehalt geändert haben kann (Veränderungen in der Semantik solcher Motive sind im »Ring« keineswegs selten, werden aber immer so vorgeführt, dass der Hörer sie nachvollziehen kann, was hier logischerweise nicht möglich ist.) Allerdings liegt das nun wirklich auf der Hand und bedarf keiner weiteren Erläuterung.


    6. Wagner hat seine Stücke für das Theater komponiert nicht für die Analyse. Im Theater kann eine »Vorausweisung« nur funktionieren, wenn der Zuschauer schon weiß, was kommen wird. Das kann er aber am Schluss der „»Walküre« aber nicht wissen. Darum kann das Motiv nicht auf den Schluss voraus-, sondern nur der Schluss auf die Stelle der „»Walküre« zurückverweisen. Dass diese Stelle mit der Mutterschaft zu tun hat, ist unbestreitbar, also trifft das auch für das Ende zu. Noch einmal: Ich schlage vor, das Stück zu lesen. Dsa heißt, nichts zu lesen, was nicht drinsteht. Am Schluss der »Walküre« ist nicht vom Schluss der »Götterdämmerung« die Rede, und kann nicht die Rede sein, weil es der noch nicht stattgefunden hat, Das wäre erfolgreiche Kaffeesatzleserei. Es würde übrigens bedeuten, dass der Ausgang des Stücks zu diesem Zeitpunkt schon feststeht. Das ist aber keineswegs der Fall., sonst könnte man sich den Rest ja sparen. Kann man aber nicht, weil es an jedem Punkt die Möglichkeit gibt, dass es anders weitergeht, was dann zwangsläufig zu einem anderen Schluss führt.

    Einmal editiert, zuletzt von Argonaut ()

  • Mit dem „Lesen des Stücks“ sind wir uns einig.


    Auch mit dem vorsichtigen Gebrauch der Gefühlswegweiser.

    Dass sie die Mutterschaft erleben wird, ist erst klar, wenn Brünnhilde ihr den Weg zeigt und sich dafür opfert, dass sie ihn gehen und das Kind zur Welt bringen kann. (Eine genaue Parallele zu dem, was sich am Ende der »Götterdämmerung« zuträgt.)

    Wenn wir den Text genau lesen, dann stellen wir fest, dass die Parallele zum Ende Götterdämmerung nicht darin besteht, dass da jemand ein "Kind zur Welt bringen kann".

    Kurz zusammengefasst: Beide Stellen, an denen das Motiv auftaucht, bilden eine Parallele: Brünnhilde opfert sich, um den Weg für eine Zukunft freizumachen, die Zukunft ist die Mutterschaft, die durchaus aus »hehrstes Wunder« bezeichnen kann. Das Motiv drückt die Freude über dieses Wunder und die Dankbarkeit dafür, dass es ermöglicht wurde, aus.

    Das Selbstopfer der Brünnhilde ist eine Parallele, die Mutterschaft nicht.


    Die Verkürzung des Geschehens auf die schiere Mutterschaft greift m. E. zu kurz.


    Beiden Stellen, dem Dialog Brünnhilde/Sieglinde und dem Schluss der Götterdämmerung, ist u. a. Folgendes gemeinsam:


    (1) Brünnhilde opfert sich selbst zugunsten anderer,


    (2) diese anderen erleben dieses Opfer passiv,


    (3) diese anderen hatten vor dem Opfer eine negative Zukunftserwartung,


    (4) durch das Opfer verändert sich die Zukunftserwartung ins Positive.


    Wer sind nun „diese anderen“? In der Walküre ist es Sieglinde. In der Götterdämmerung sind es die „Männer und Frauen“, die „ aus den Trümmern der zusammengestürzten Halle“ „in höchster Ergriffenheit“ dem wachsenden Feuerschein am Himmel“ zusehen. Die Parallele ist nicht nur, dass das jeweilige Wunder, die unerwartete Wendung ihres Schicksals, an ihnen und für sie geschieht, sondern, dass es von "diesen anderen" auch so wahrgenommen wird und von starken Gefühlen begleitet ist, „in größter Rührung“ bei Sieglinde, „in höchster Ergriffenheit“ bei den Männern und Frauen.


    Sieglinde hatte, und darin stimme ich zu, eine negative Zukunftserwartung. Richtig, Ihr Zwillingsbräutigam Siegmund ist tot, die ihm verheißene siegreiche Waffe ist zerschlagen. Dazu kommt der Zorn des Göttervaters: „Weh der Armen, wenn Wotan sie trifft; den Wälsungen allen droht er Verderben“.


    Ein negative Zukunftserwartung hatten auch die Männer und Frauen. Beherrscht von Göttern, die mit ihrem fehlbaren Verhalten einen Fluch und weitere Schuld in die Welt gebracht haben, welche ihre Geschicke lenken, ohne dass sie recht wüssten, wie; regiert von Männern, die dazu kaum fähig scheinen. Die Gesellschaft, in der sie leben, ist zutiefst verkommen: Frauen sind ein Objekt des Besitzes, über sie wird verhandelt, Ehen sind ein Geschäft, Eide werden zum Bruch arrangiert, Tränke helfen nach, wo die List des Geistes zur üblen Tat alleine nicht hinreicht, tiefe Liebe wandelt sich zum Verrat Brünnhildes an Siegfried.


    Durch Brünnhildes Opfer wird in der Walküre der Sieglinde das Leben geschenkt, wenn auch nur für kurze Zeit. Siegmund ist tot, aber ein Siegfried wird als hehrster Held der Welt geboren werden, der wird auch die zerschlagene Waffe neu fügen und sich des Siegs erfreuen. Letzteres stimmt zwar nicht ganz, doch das ist ja nur ex post klar.


    In der Götterdämmerung reinigt Brünnhildes Opfer den Ring und entfernt den Fluch aus der Welt. Die fehlbaren Götter, „falsch und feig“, verbrennen durch Loges Feuer, den Brünnhilde vom Walkürenfelsen nach Walhall sendet. Die Weltesche, deren Äste einer als Vertragsdokument zum Werkzeug der unheilvollen Machtspiele wurde, ist zerschlagen. Hagen, der Sohn des Nibelungen Alberich, ertrinkt. Alberich selbst wird ohne den Ring kaum Unheil stiften können, die Rheintöchter werden vor ihm auf der Hut sein (zugegeben: das steht nicht im Stück). Gunther, willensschwacher Sklave seiner Wunschträume, ist tot. Die Machtstrukturen der Götter sind überwunden, die Machtstrukturen am Hofe der Gibichungen auch.


    So wie Sieglinde haben die „Männer und Frauen“ eine ins Positive gewendete Zukunftserwartung – zumindest als Möglichkeit.


    So ist die Verkürzung auf das Mutterglück eben eine Verkürzung. Zum einen wird das Mutterglück nicht direkt benannt – Sieglinde sagt nirgends „ich werde Mutter! Wie schön!“ oder dergleichen. Zum anderen: Wenn wir den Text genau lesen und uns hüten, etwas hineinzudeuten, dann finden wir ihre Worte von einem „hehrsten Wunder“, von Brünnhilde, die an ihr zur „herrlichsten“ und treuen „Maid“ wird, sie empfindet Dank und Trost, sie gedenkt ihres Zwillingsgatten und hofft, dass ihres Dankes Lohn Brünnhilde dereinst erreichen mag. Ja, es ist plausibel, dass sie auch zukünftiges Mutterglück empfindet, aber zumindest Wagner schien dieser Aspekt nicht so wichtig, dass er ihn zulasten der anderen, die er expressis verbis benannt hat, ausführen wollte. So steht es im Stück. Gehen wir doch einfach davon aus, dass Wagner das, war er meinte, auch benannte.


    In der Götterdämmerung ist überhaupt niemand erwähnt, die Mutterglück entgegen ginge.


    Lesen wir das Stück, so scheint mir das fragliche Motiv doch eher allgemein das „hehrste Wunder“ eines unerwartet gewendeten Schicksals zu besingen, anstatt einseitig von Mutterglück zu sprechen. Dem "hehrsten Wunder" gelten auch die Worte, zu denen es erscheint. Außerdem: In den Trümmern der zusammengestürzten Halle stehen auch Männer.


    Gruß

    MB


    :wink:

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    4 Mal editiert, zuletzt von Mauerblümchen ()

  • volle Zustimmung. Mutterglück ist nicht der Punkt des Motives, sondern das Wunder, welches sich vollzieht. Dieses Wunder wird von Sieglinde angesagt, als das Motiv zum ersten mal erklingt.

    Was ist nun das Wunder?

    ein Siegfried wird als hehrster Held der Welt geboren werden, der wird auch die zerschlagene Waffe neu fügen und sich des Siegs erfreuen. Letzteres stimmt zwar nicht ganz, doch das ist ja nur ex post klar.

    Hier liegt der Hase begraben. Wenn man die letzten Worte Brünnhildes in der GD liest, dann wird klar, dass die Heldentat des Siegfrieds sehrwohl stattgefunden hat. "Mich mußte der Reinste verrathen, daß wissend würde ein Weib!" Und nur das wissende Weib kann den Fluch des Ringes brechen. Sie ist kräftiger, die herrliche Maid, obwohl sie nur ein Mensch ist. Siegfried hat sie bemächtigt. Das war seine Heldentat. Die Bemächtigung Brünnhildes und die Handlung, die sie dadurch vollziehen kann, und die Konsequenzen, die sich daraus für die Menschheit ergeben, sind das Wunder.

  • Wenn ich dem Rat Argonauts folge und das Stück genau lese, ist für mich das "hehrste Wunder", daß Sieglinde von Siegmund ein Kind empfängt, das ihr Brünnhilde so ankündigt:


    "...den Namen nehm' er von mir -

    "Siegfried" efreu sich des Siegs"!


    Und zwar ein Kind, das - im Gegensatz zu seinem Vater Siegmund - siegreich sein wird. Wie es wirklich wird, können wir da noch nicht wissen.


    Sieglinde sagt nach dem "hehrsten Wunder":


    "Dir Treuen dank' ich heiligen Trost!"


    Und das ist das Wunder, daß sie aus tiefster Verzweiflung durch den zu erwartenden Sohn wieder einen Sinn in ihrem Leben sieht. Die Menschheit ist ihr herzlich egal.


    Warum soll man sich etwas zusammengeheimnissen, das irgendwo in der Ferne liegt, wenn man unmittelbar vor und nach dem gepriesenen "Wunder" doch die Antwort findet.

    Später, auf irgend eine niemals aufgeklärte Weise, ist einzelnen Familiengliedern das »Wort« bekannt geworden, dieses desperate Wort, das in jener Nacht Herr Permaneder sich hatte entschlüpfen lassen. Was hatte er gesagt? – »Geh' zum Deifi, Saulud'r dreckats!«.

  • Wenn ich dem Rat Argonauts folge und das Stück genau lese, ist für mich das "hehrste Wunder", daß Sieglinde von Siegmund ein Kind empfängt, das ihr Brünnhilde so ankündigt:

    Entschuldigung, doch wenn ich das Stück genau lese, dann kann ich das nicht bestätigen.


    Sieglinde singt vom "hehrsten Wunder" eben nicht in dem Moment, als Brünnhilde ihr die Schwangerschaft zuspricht.


    In dem Moment, als Brünnhilde singt "Lebe, o Weib, um der Liebe willen! Rette das Pfand, das du von ihm empfingst: ein Wälsung wächst dir im Schoß!", da "erschrickt" Sieglinde "zunächst heftig" - so steht es bei Wagner. Nix Mutterglück. Sorry. Sieglinde war vorher lebensmüde ("einzig taugt mir der Tod"), nun bittet sie um Rettung ("Rette mich, Kühne! Rette mein Kind! Schirmt mich, ihr Mädchen, mit mächtigem Schutz!"). Klingt für mich auch eher nach Angst als nach Glück. Ich will nicht unterschlagen, dass in der Partitur steht: "erschrickt zunächst heftig; sogleich strahlt aber ihr Gesicht in erhabener Freude auf". Mag man als "Mutterglück" umschreiben. Warum nicht. - Jedoch erscheint das fragliche Motiv hier eben nicht ...


    Das mit dem hehrsten Wunder samt dem Motiv, welches am Ende der GD wiederkehrt, geschieht erst 120 Takte später, und zwar nicht als Reaktion auf die Nachricht über die Schwangerschaft, sondern als Reaktion auf die Wendung der gesamten Situation: Sieglinde wird leben und nicht durch Wotan sterben, Sieglinde wird ihren Sohn gebären, dieser Sohn wird die Schwertesstücken wieder neu fügen und siegreich sein - darum auch der Name "Siegfried" (und nicht "Mutterbeglücker" oder so). Das sind doch ein paar Aspekte mehr als der des Mutterglücks.


    Das noch stärkere Argument dagegen ist mir aber, dass Wagner die Sieglinde andere Gründe für ihre "größte Rührung" nennen lässt - einfach lesen.


    Und die Wiederaufnahme des Motivs ganz am Ende des Werkes erscheint doch nur dann logisch (ok, Wagner könnte freilich eine dramaturgische Ungenauigkeit begangen haben und das Motiv bloß verwendet haben, weil es ihm so gut gefiel, aber davon gehen wir ja nicht aus), wenn es so etwas wie ein tertium comparationis gibt zwischen Sieglinde und den "Männern und Frauen" in den Trümmern der Gibichungenhalle. Mutterglück ist es für die Männer bestimmt nicht.


    Ich gebe gerne zu, dass ich die Idee, das verbindende Element zwischen der Szene von Brünnhilde und Sieglinde einerseits und dem Ende der GD andererseits sei "Mutterglück", sehr schön und berührend finde, und ich würde mich freuen, wenn es in einer Inszenierung der GD ein, zwei Details gäbe, die das herausarbeiten. Doch als zentralen Aspekt kann ich das Mutterglück nicht im Stück finden, ohne Eigenes hineinzulegen.


    Gruß

    MB


    :wink:

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    3 Mal editiert, zuletzt von Mauerblümchen ()

  • Ich bin in den letzten Beiträgen zwar nicht zitiert worden, aber ich denke, Ihr habt Euch wohl beim "Erlösungsmotiv" auch auf meine Sicht einer möglichen "Vorausdeutung" von der Walküre zur Götterdämmerung bezogen (ich hatte das mit "eher" auch eingeschränkt). Sicher, ich gebe Melzer recht, dass im Moment von Brünnhildes Verkündung im 3. Aufzug der Walküre Sieglinde sich nur auf ihr eigenes Glück bezieht und nicht an eine Götterdämmerung bzw. Befreiung der Menschheit denkt, aber es ist doch verwunderlich, dass dieses musikalische Motiv das Einzige ist, das nicht mehrfach verwendet wird. Es ist also zu fragen, warum es Wagner dann erst ganz am Schluss wieder aufgreift. Man kann ihm doch auf jeden Fall attestieren, dass er das nicht willkürlich gemacht hat, weil ihm vielleicht in diesem Moment nichts Besseres eingefallen ist. Also muss eine Beziehung zwischen dem Moment von Sieglindes Glückseligkeit und dem Ende der Götterdämmerung bestehen. Allerdings sehe ich - wie in meinem füheren Posting ausgeführt - aber auch eine Inkongruenz zu dem von Wagner veröffentlichten Text von 1856 ("Trauernder Liebe / tiefstes Leiden / schloß die Augen mir auf: / enden sah ich die Welt. –"), von dem er behauptet, das sei in der Musik ausgedrückt, deshalb brauche es Brünnhilde nicht zu singen.


    Wie dem auch sei, für mich ist das Ende der Götterdämmerung eher pessimistisch resignativ und kein Freudentaumel über eine zukünftige bessere Welt.

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    Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)

  • Noch eine Bemerkung:

    In dem weiter oben erwähnten Artikel von Dahlhaus führt dieser mit Zitaten von Briefstellen Wagners (nachfolgend in eckige Klammern gesetzt, was ich mangels Quellen nicht nachvollziehen bzw. belegen kann), zum veränderten Schluss der Tetralogie aus:

    Zitat

    1856, nach der Konversion zu Schopenhauers Philosophie empfindet Wagner die Liebe Siegfrieds und Brünnhildes nicht mehr als »erlösend«, sondern als »recht gründlich verheerend«. Sie ist, als Gestalt des »Willens«, ein blinder Drang, der sich in eine Tragik verstrickt, aus welcher einzig die Selbstverneinung herausführt.

    [...]

    Die Schopenhauer-Rezeption bedeutet also eine tiefgreifende Veränderung des Sinnes der Ring-Dichtung und nicht ein bloßes Bewusstwerden einer latent schon immer vorgezeichneten Idee des Werkes. Wagner vertauschte, formelhaft gesprochen, eine Geschichtsphilosophie mit einer Existenzphilosophie: Gezeigt werde im Ring nicht »eine Phase der Weltentwicklung« - der Übergang von einer »Welt der Verträge«, in denen Gesetz und Gewalt miteinander verquickt sind, in ein »Reich der Freiheit« -, sondern »das Wesen der Welt selbst«, in das man nicht verändernd eingreifen kann, ohne dass der Wille zum Besseren das Schlimmere herbeiführt. Die Liebe Siegfrieds und Brünnhildes erscheint nicht als Antizipation eines »Aufgangs neuer Welt«, sondern als »verheerende« Macht, als blinder, zerstörender »Wille« in einer Welt der Qual und Verwirrung. Der Rest ist Resignation und der tragische Held der Ring-Tetralogie ist nicht Siegfried, sondern Wotan.


    zitiert nach: Carl Dahlhaus, "Über den Schluss der Götterdämmerung", in dem Sammelband "Richard Wagner, Werk und Wirkung" , Bosse 1971

    Diese Darstellung deckt sich lückenlos mit der Inszenierung von Chereau.


    EDIT:

    Noch ein PS: Der neue Name "Götterdämmerung" an Stelle von "Siegfrieds Tod" für den vierten Teil der Tetralogie taucht nach Dahlhaus erstmalig im Sommer 1856 auf, in Zusammenhang mit der Umarbeitung des Schluss-Textes, also in der Phase der Zuwendung zu Schopenhauer, und zwar zwischen der Vollendung der Walküre-Partitur und den ersten Kompositionsskizzen zu Siegfried.

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    Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)

    3 Mal editiert, zuletzt von leverkuehn ()

  • Ich schaue gerade eine weitere Dilettanten-Produktion:


    Jacques Offenbach - Hoffmanns Erzählungen - Aus der Staatsoper Hamburg - Programm in voller Länge | ARTE
    Eine typische Offenbach-Oper ist sie nicht: In "Hoffmanns Erzählungen" schlägt der König der Opéra bouffe ernste Töne an. Die zur Opernhandlung verwobenen…
    www.arte.tv


    (Noch bis 27.01.22 auf arte.tv)


    Regie führt Daniele Finzi Pasca, lt. Wikipedia "Theaterautor, Regisseur, Clown, Choreograph", der Biografie nach wohl in erster Linie Clown und Zirkusmann.


    So sieht die Inszenierung auch aus! "If all you have is a hammer, everything looks like a nail".


    Von Theaterregie kaum eine, von Opern- (also die Musik einbeziehende) Regie gar keine Spur. Aber viel Zirkus und albernstes Brimborium, von "Les contes d'Hoffmann" kein Hauch!


    Olga Peretyatko singt alle vier Hoffmann-Geliebten. Die Olympia gelingt gut, aber nicht überragend, die Antonia macht ihr in der Tiefe durchaus Mühe (bin erst im dritten Akt). Spielerisch gibt ihr die Regie kaum Möglichkeiten (den anderen aber auch nicht). Luca Pisaroni in den Bösewicht-Rollen OK. Angela Brower (Muse) und der mir bislang unbekannte Benjamin Bernheim (Hoffmann) sind aber sängerisch großartig. Vor allem hört man bei Bernheim endlich mal wieder (seit Gedda?) einen Hoffmann, der auch im französischen Fach zu Hause ist. Solide gespielt und dirigiert (Kent Nagano).


    Bislang recht vollständige Kaye-/Keck-Fassung. Mal abwarten, was da im vierten Akt kommt. Die Inszenierung ist jedenfalls auch im dritten Akt eine Katastrophe.

    Bernd


    Fluctuat nec mergitur

  • Die Inszenierung ist jedenfalls auch im dritten Akt eine Katastrophe.

    Länger habe ich es gar nicht durchgehalten....

    Bernheim singt untadelig, aber mir ist er in der Darstellung eigentlich immer zu fad.

    Keine Ausstrahlung, keine Bühnenpräsenz.

    Zu Peretyatko hast Du schon alles gesagt.

    Später, auf irgend eine niemals aufgeklärte Weise, ist einzelnen Familiengliedern das »Wort« bekannt geworden, dieses desperate Wort, das in jener Nacht Herr Permaneder sich hatte entschlüpfen lassen. Was hatte er gesagt? – »Geh' zum Deifi, Saulud'r dreckats!«.

  • Weiter bin ich gestern auch nicht gekommen, will aber noch hören, wie sich Peretyatko als Giulietta schlägt. Dass sie schlecht wäre, kann man ja nun auch nicht sagen! Und von Bernheim will ich den Chant bachique hören!

    Bernheim singt untadelig, aber mir ist er in der Darstellung eigentlich immer zu fad.

    Keine Ausstrahlung, keine Bühnenpräsenz.

    Der bräuchte dafür vielleicht einen Profi ...

    Bernd


    Fluctuat nec mergitur

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