Was ist, was soll, was darf Opernregie? Und was nicht?

  • Natürlich weiß ich nicht, wie intensiv jemand von uns hier wirklich in dieses Thema einsteigen möchte, aber da ich gestern zufällig etwas dazu gelesen habe, möchte ich ein paar Literaturhinweise hierher setzen, , vielleicht sind sie für den einen oder anderen ja interessant:
    In dem 2020 erschienen Musik-Konzepte-Band über Giacomo Puccini findet sich ein Aufsatz von Clemens Risi mit dem Titel ""La Tosca in teatro". Puccini und die Kunst des Performativen". Risi, Inhaber des Lehrstuhls für Theaterwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg, wendet damit Überlegungen aus seiner Habilitationsschrift auf ein konkretes populäres Beispiel an. Und eben diese 2017 erschienene Habilitationsschrift "Oper in performance - Analysen zur Aufführungsdimension von Operninszenierungen" könnte vielleicht das liefern, was Symbol sich in seinem Beitrag oben gewünscht hat, den dem Klappentext zufolge widmet sie "sich der Analyse von Opernaufführungen in Inszenierungen des sogenannten Regietheaters der letzten 15 bis 20 Jahre. Anknüpfend an aktuelle Forschungen zur Aufführungstheorie, Theorien des Performativen, Phänomenologie und Wahrnehmungstheorie, schlägt die Studie vor, das Konzept der Aufführung als Ereignis auf die Analyse von Opernaufführungen zu übertragen, und diskutiert dies anhand von Aufführungen von Repertoire-Klassikern von Mozart, Puccini, Johann Strauß, Verdi und Wagner in Inszenierungen von Sebastian Baumgarten, Calixto Bieito, Peter Konwitschny, Christoph Marthaler, Hans Neuenfels, Michael Thalheimer, Katharina Wagner und dem Regieduo Jossi Wieler/Sergio Morabito".


    Ich habe das Buch von Risi nicht gelesen, sondern nur seinen Aufsatz in den Musik-Konzepten. In dem arbeitet er mit dem Begriff "Regietheater", eine Kapitelüberschrift heißt etwa - und das passt, denke ich, sehr gut zu unserer Diskussion aus der vorletzten Woche - "Zwei Tendenzen der Inszenierung: zwischen historischer Orientierung und Regietheater" (hier, wie gesagt, konkret auf Puccinis "Tosca" bezogen). Risi problematisiert den Begriff aber auch und gibt Literaturhinweise in der Fußnote - und eben die könnten hier vielleicht für den ein oder anderen, der seit einem Jahrzehnt nicht versteht, was Regietheater eigentlich sein soll, ganz interessant sein:


    Die Anmerkung in Risis Aufsatz lautet also:

    "Zum Begriff des Regietheaters und die Debatte um diesen vgl. u. a. Wolfgang Ullrich, »›Die Kunst ist Ausdruck ihrer Zeit‹. Genese und Problematik eines Topos der Kunsttheorie«, in: Robert Sollich/Clemens Risi/Sebastian Reus/Stephan Jöris (Hrsg.), Angst vor der Zerstörung – Der Meister Künste zwischen Archiv und Erneuerung, Berlin 2008, S. 233–246; Stephan Mösch, »Geistes Gegenwart? Überlegungen zur Ästhetik des Regietheaters in der Oper«, in: Anno Mungen (Hrsg.),

    Mitten im Leben. Musiktheater von der Oper zur Everyday Performance, Würzburg 2011 (= Thurnauer Schriften zum Musiktheater 23), S. 85–103".

    Außerdem wird noch genannt: Jürgen Kühnel, »Regietheater, Konzeption und Praxis am Beispiel Mozarts. Versuch einer Typologie «, in: ders./Ulrich Müller/Oswald Panagl (Hrsg.), »Regietheater«. Konzeption und Praxis am Beispiel der Bühnenwerke Mozarts, Anif/Salzburg 2007.

    Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

    Einmal editiert, zuletzt von Cherubino ()

  • Ich bin nicht sicher ... wenn jemand/fraud wähnte, auf eine bestimmte Art von Aufführungskunst einen Anspruch zu haben und diese Art sogar gefühlt zu besitzen und nun glaubt, böse Regisseur*innen würden ihm/ihr diese bestimmte Art der Aufführungskunst wegnehmen, was soll da eine sachlich fundierte Diskussion helfen? Das habe ich noch nicht verstanden.


    Auch habe ich nicht verstanden: Wagner schrieb den Ring (genauer: Siegfrieds Tod) um den Menschen zu verändern. Dreimal aufführen auf einer ad-hoc-Holzbretterbühne, dann die Partitur verbrennen, und mit den veränderten Menschen die Revolution machen.


    Wenn der Ring also den Mensch verändern sollte, wie kann ich dann als Zuhörer erwarten, dass eine Aufführung meine persönlichen Erwartungen erfüllen soll? Werkgerecht ist das ja nicht gerade ...

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Verschiedene Gründe, warum die Lage der Kinos und Theater in Deutschland mancherorts dramatisch ist.

    Einer davon:


    Zitat

    Keine Lust auf Belehrung: Das Regietheater in Deutschland mit seinen Befindlichkeiten und Provokationen ist seit den 70ern zum Klischee geworden. Viele Leute empfinden die Theaterszene als arrogant und selbstbezüglich, es sei eine Branche, in der hochsubventionierte Macher die sie bezahlenden Bürger erziehen wollten, so der Eindruck. Die «Süddeutsche Zeitung» meinte neulich, offenbar «haben immer weniger Zuschauer Lust, sich von der Bühne herab mit kapitalismuskritischen Banalitäten und den neuesten Windungen der Identitätspolitik belehren zu lassen». Die Pandemie wirke hier wie ein Brandbeschleuniger. «Sie verstärkt eine Besucher-Krise, die sich schlecht geführte Theater selbst eingebrockt haben.»


    "https://www.nmz.de/kiz/nachric…-die-zuschauer-ausbleiben"

    "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." (Theodor Ludwig Wiesengrund)

  • Also ich kenne keinen einzigen Beweis, dass das "Regietheater" (ein absurder Begriff, denn erstens kann Theater ohne Regie nicht existieren und zweitens weiß kein Mensch, was "Regietheater" genau ist) schuld ist an der mancherorts dramatischen Lage der Kinos und Deutschland. Der Artikel sagt ja selbst, dass es sich hierbei nur um eine These handelt, und er nennt sieben weitere solcher "Thesen".

  • Da gab es in dem Artikel der SZ, auf den sich die NZZ beruft, durchaus konkrete Beispiele. Leider war der Artikel damals nicht online.

    Und daß die Abo-Zahlen - schon vor Corona ! - an den Theatern generell zurückgegangen sind, ist eine schlichte Tatsache. Ich kenne mehrere frühere Abonennten z.B. der Münchner Kammerspiele, die unter der Intendanz von Matthias Lilienthal ihre Abos entnervt gekündigt haben.

    Aber da sind wir bei einem anderen Thema.

    "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." (Theodor Ludwig Wiesengrund)

  • Die Zahlen von Gottesdienstbesuchern, Zeitungsabonnenten und Vereinsmitgliedern gehen aber auch zurück, und das liegt dem Anscheine nach nicht am Regietheater.

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • [...] das liegt dem Anscheine nach nicht am Regietheater.

    Doch, natürlich liegt das am Regietheater. Das ist bekanntlich auch schuld an der Corona-Epidemie. Theater krank - Menschen krank, ist doch logisch.


    :tee1:

    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Die Zahlen von Gottesdienstbesuchern, Zeitungsabonnenten und Vereinsmitgliedern gehen aber auch zurück, und das liegt dem Anscheine nach nicht am Regietheater.

    Bei den Rückläufen der Besucher bei Gottesdiensten vielleicht schon.


    Adieu

    Algabal

    Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.

  • Ich kenne mehrere frühere Abonennten z.B. der Münchner Kammerspiele, die unter der Intendanz von Matthias Lilienthal ihre Abos entnervt gekündigt haben.

    Aber da sind wir bei einem anderen Thema.

    Nur kurz OT: Mir ist ja genauso wie sadko nicht klar, was der Begriff “Regietheater” beim Theater bedeuten soll. Das Problem bei Herrn Lilienthal und auch der Nachfolgerin Barbara Mundel ist doch viel mehr, dass eigentlich fast keine richtigen Theaterstücke mehr inszeniert und aufgeführt werden, sondern dass jetzt dauernd “Performances” (oder wie immer man das nennen will) stattfinden, die nichts mehr mit einem für das Theater geschriebenen Dramentext zu tun haben. Das war eben unter Frank Baumbauer oder Johan Simons ganz anders. Damals gab es noch zum größten Teil richtige Theateraufführungen, die zum Teil zwar kontrovers beurteilt wurden, aber wo trotzdem die Theatergänger bei der Stange blieben.

    Die Kammerspiele sind aber jetzt sowieso kein Thema mehr für mich, da ich vor zwei Jahren 600 km weit weg von München verzogen bin.

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    Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)

  • Das Problem bei Herrn Lilienthal und auch der Nachfolgerin Barbara Mundel ist doch viel mehr, dass eigentlich fast keine richtigen Theaterstücke mehr inszeniert und aufgeführt werden, sondern dass jetzt dauernd “Performances” (oder wie immer man das nennen will) stattfinden, die nichts mehr mit einem für das Theater geschriebenen Dramentext zu tun haben.

    (Hervorhebung von mir)


    Das nennt sich

    Zitat

    performatives "Pipifax-Theater"

    Grins1


    "https://www.spiegel.de/kultur/…63-4619-922f-44c0f9edb352"

    "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." (Theodor Ludwig Wiesengrund)

  • Bei den Rückläufen der Besucher bei Gottesdiensten vielleicht schon.

    :jaja1: :jaja1: :jaja1: Ziemlich sicher.

    Weil man/frau knapp rüberkommendes Zeitkontigent inzwischen vorzugsweise dem RT rüberwachsen lassen. Notwendige Erledigungen dem Sonntagvormittag aufgespart.

    => zersetzendes RT contra GDs. Grins2

    „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann

  • Bei den Rückläufen der Besucher bei Gottesdiensten vielleicht schon.

    :jaja1: :jaja1: :jaja1: Ziemlich sicher.

    Weil man/frau knapp rüberkommendes Zeitkontigent inzwischen vorzugsweise dem RT rüberwachsen lassen. Notwendige Erledigungen dem Sonntagvormittag aufgespart.

    => zersetzendes RT contra GDs. Grins2

    Auch ne Idee. Meinte es aber anders. Bezog mich eher auf das Regietheater, dass inzwischen in Gottesdiensten praktiziert wird ...


    Adieu

    Algabal

    Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.

  • lass es mal im RT-Thread rüberwachsen:

    mein Brägen leider wenig Erfahrung :( mit GD-rt-inclusive ...

    Tja ... Chose kommt vermutlich ähnlich coolem High-Lander rüber:

    Es kann nur ein RT geben; nämlich (ohne h) als virtuelles "Original" Grins2 ; im ästhetischen Kokon, weiterhin gepampert vom geilen Schein. :top: :top: :top:...

    „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann

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