Was ist, was soll, was darf Opernregie? Und was nicht?

  • und es ist nichts neues,




    schon Charles II. von England erfreute sich schon an nackten Sängerinnen und Tänzerinnen auf der Bühne.


    Bei Purcells King Arthur ist so ein Auftritt auch erwähnt.

  • Lieber Antracis,


    mir geht es dabei nicht um die juristische Einordnung des Tatbestandes; ich empfinde als Zuschauer nackte und beschmierte Schauspieler auf der Bühne entwürdigend und erniedrigend.


    Der geäußerte Unterschied zum Film (lieber Falstaff) ist dabei m.E. der, daß der Film zunächst ein Medium ist, ihm also die Unmittelbarkeit der Bühne zweifellos fehlt.


    Darüber hinaus läßt sich Nacktheit, Sex und Gewalt im Film haarscharf inszenieren; d.h. mit Beleuchtung, Schnitt und Kameraführung. Es hat ja einen Grund, warum manche Szenen erst nach Tagen wirklich "im Kasten" sind.


    Das ist auf der Bühne völlig anders; daher gab es ja auch bühnenspezifische Techniken, Nacktheit, Sex, Gewalt, Blut etc. adäquat darzustellen. Es ist daher m.E. ein Irrtum, wenn das Theater so tut als sei es Kino, als könne man auf der Bühne unbeschadet nackt herumrennen, Blut spritzen lassen etc. Mir persönlich geht es bei nackten (und womöglich dazu noch beschmierten) Schauspielern, mit denen ich mich ja immerhin im selben Raum befinde, eher so, daß sich statt Erotik, Entsetzen, Erbarmen oder was auch immer die zur Schau gestellte Nacktheit evozieren soll, eher das Gefühl der Peinlichkeit einstellt. Und ich frage mich: haben jene Menschen wirklich diesen Beruf ergriffen, um, womöglich im reifen Charakterfachalter, mit entblößten Geschlechtsteilen vor ihrem Publikum zu stehen?


    Natürlich waren Sex and Crime immer schon Menschheits- und damit Bühnenthemen. Es gibt ja Regisseure, die auch heute dafür einen bühnenadäquaten und künstlerischen Ausdruck zu finden vermögen.


    :wink:


    Momus

  • Lieber Momus,
    inwiefern ist das auf der Bühne "völlig anders"? Auch da werden Nacktheit und Gewalt inszeniert, oder meinst du, der Regisseur sagt: "Jetzt zieht euch mal alle aus und macht irgendetwas!"?? Schauspieler/Sänger ergreifen sicher ihren Beruf nicht explizit deshalb, um ihre Geschlechtsteile zur Schau zur stellen - da wären sie wohl in einer Peepshow besser aufgehoben - aber jeder angehende Schauspieler weiß heutzutage, dass das unter Umständen von ihm verlangt wird, es also quasi zum Berufsbild dazu gehört ;+) Ich finde Nacktheit auf der Bühne kein bisschen peinlich, nur ärgerlich, wenn es dramaturgisch nicht motiviert ist, ich also den Eindruck gewinne, da geht es jetzt nur um den Blickfang und sonst um garnichts.
    Beispiel: Bieitos nackte Ketzter in seinem Basler "Don Carlos" waren situationsbedingt völlig plausibel und verstärkten die Beklemmung, die der Regisseur hier erreichen wollte, Kusejs nackte Männer hingegen, die bei seiner Wiener Inszenierung von "Weh dem, der lügt!" (Burgtheater) ständig bei einer Türe herein und bei der anderen wieder hinausgingen, ohne in irgendeinem Zusammenhang mit der gerade stattfindenden Spielhandlung zu stehen, regten mich maßlos auf - weil es hier für mich absolut keinen erkennbaren Grund für die Anwesenheit von 20 männlichen Nackedeis gab.
    lg Severina :wink:


    PS: Die eingangs gestellte Frage kann ich für mich leicht beantworten: Ein Regisseur darf ALLES, sofern es mich überzeugt und nicht langweilt, und das schafft im Extremfall ein Otti Schenk genauso wie ein Konwitschny oder Bieito!

    "Das Theater ist ein Narrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare!" (Franz Schalk)

  • Lieber Momus, in wievielen Operninszenierungen gibt es ausser Statisten(die ihren Job genauso freiwillig machen wie Pornostars in Live-Shows) nackte, bespritzte Sänger im Charakterfach?


    Mir ist das noch nie begegnet.


    Deine Gegenargumente und den hinkenden Vergleich mit dem Kino teile ich. :yes:


    Wenn ich mich in die Lage einer Bühnensängerin versetze und man würde von mir verlangen, splitternackt meine Rolle zu singen, mich wohlmöglich dabei noch in den unmöglichsten Vereenkungen zu ergehen, würde ich mich mit 100%iger Sicherheit weigern.


    Du hast Recht: dazu hat man nichtt den Beruf ergriffen und kein Sänger darf gegen seinen Willen genötigt werden, nackt aufzutreten und damit wohlmöglch zum Objekt von Spott und Häme zu werden. Das würde ich als demütigend und erniedrigend empfinden.


    Es gibt nur wenige Sänger, die den heute herrschenden ästhetischen Forderungen des Publikums gerecht werden können und wenn dann auf überflüssige oder zu wenige Pfunde gestarrt udn darüber getuschelt wird, statt auf Töne zu hören- ist auch der künstlerische Hintergrund und Sinn zerstört.


    Ganz abgesehen davon dass man nur im entspannten Zustand gut singen kann. Wenn man sich aber permanent schämt und unwohl fühlt und bemüht ist , in der vorteilhaftesten Position vor der Kamera zu stehen und am liebsten das Licht ausschalten würde(wie die victoriansiche Jungfrau in der Hochzeitsnacht), kann auch die Stimme nciht mehr ungehindert fliessen.


    Ich bezweifle allerdings, dass es solche Fälle im professionellen Operngeschäft wirklich gibt, mir ist noch keiner begegnet- nur bei Statisten wie gesagt.


    Das Opernsänger schauspielern müssen und dafür auch eine entsprechende psychische Belastbarkeit in Sachen Gewalt, Sex udn anderen Szenerien brauchen, ist ein gazn anderes Thema.


    Aber wie du sagst: ein guter Regisseur kann das auf eine Weise darstellen, die dieletzten Grenzen der Intimität eines Sängers nicht überschreiten muss.


    F.Q.

    Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)

  • Der geäußerte Unterschied zum Film (lieber Falstaff) ist dabei m.E. der, daß der Film zunächst ein Medium ist, ihm also die Unmittelbarkeit der Bühne zweifellos fehlt.

    Ich finde nicht, dass Kino per se weniger unmittelbar ist als Theater, zumindest nicht im Kino. Wenn z.B. in "Reservoir Dogs" einem gefesselten Mann urplötzlich ein Ohr abgeschnitten wird, und man die Reaktionen der Zuschauer beobachtet, so scheint das für diese ein äußerst unmittelbares Erlebnis zu sein...


    Falstaff

  • Lieber Falstaff , da muss ich Dir widersprechen: es ist ein gewaltiger Unterschied ob Du in einem Theater einen agierenden Menschen vor Dir hast, denn Du nciht nur sehen sondern auch mit allen anderen Sinnen wahrnehemen kannst oder eine Leinwand mit der zeit-räumlichen Abstraktion als Distanz dazwischen liegt.


    Ich stelle mir eine Szene vor, in der eine Sängerin, die nicht als Berufs- Model sondern als Sängerin angetreten ist, eine Nacktszene spielen muss.


    Im Kino gibt es es weichspülende Lichteffekte, Schnitte, Abschattierungen die manches verhülllen, in sanftere Konturen und Farben tauchen und es werden X Versuche gedreht ,bis der Beste gefunden ist.


    Auf der Live-Bühne fällt nciht nur all das weg, sondern die Sängerin muss ausser der ständigen Kontrolle ihres Körpers beim Singen nun auch noch mit den Blicken des Publkums auf ihren nackten Körper und dessen ästhetischer Kontrolle fertig werden.


    Wenn Du z.B. Sex-Szenen im Kino siehst und Sexszenen live- warum siehst bei Ersteren fast immer alles so wunderbar ästhetisch aus und bei Letzteren so gnadenlos realistisch und nciht selten sogar peinlich?


    Genau das ist der Unterschied zwischen Leinwand und Bühne.


    F.Q.

    Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)

  • Liebe Feenkönigin,


    Du hast wahrscheinlich recht; ich dachte auch in erster Linie an die eine oder andere Theateraufführung.


    Liebe Severina,


    da scheine ich mich mißverständlich ausgedrückt zu haben: natürlich ist auch jede Opern- und Theaterszene inszeniert.
    Dennoch hat das Kino den unbestreitbaren "Vorteil" gegenüber der Bühne (dies auch an Dich, lieber Falstaff), daß der Regisseur über Schnitt und Kamera den Zuschauer gleichsam zwingt, (nur) das zu sehen, was er sehen soll.


    Mit anderen Worten: ein geschickter Kinoregisseur vermag es u.U. die Nacktheit (bleiben wir einmal dabei) in den Hintergrund treten zu lassen und den Zuschauerblick und das Zuschauerinteresse auf wesentlicheres zu lenken.
    Das funktioniert auf der Bühne nicht automatisch. Da kann sich der arme Mime noch so mühen, und doch stiehlt ihm sein Gemächte die Schau :P


    :wink:


    Momus

  • Oh, da war die Königin schneller...


    Aber besser hätt ich´s auch nit sage könne ;+)


    :wink:


    Momus

  • Liebe Fairy!


    Jede Kunstform hat ihre eigene Wahrnehmung: Theater, Oper, Fernsehen Malerei, Bildhauerei, Literatur, Musik, Tanz. Es gibt Unterschiede in der Wahrnehmung. Die Intensität der Wahrnehmung muss bei der Einen nicht per se stärker oder schwächer sein als bei der Anderen. Ebenso kann ich nicht sagen, welche Kunstform mittelbarer und welche unmittelbarer wirkt.


    Ebenso könnte man sagen, dass Aktionskunst unmittelbarer wirkt als ein Gemälde in einem Museum. Ich kann mir jedoch nichts unmittelbareres vorstellen, als zum ersten Mal vor Rembrandts "Nachtwache" zu stehen...


    Das gesungene Wort wirkt anders als das Gesprochene. Auf mich wirkt die Oper viel intensiver als das Sprechtheater. Ich kenne aber Leute, denen geht es andersrum.


    Beste Grüße,
    Falstaff

  • Lieber Falstaff,


    Zitat

    Der geäußerte Unterschied zum Film (lieber Falstaff) ist dabei m.E. der, daß der Film zunächst ein Medium ist, ihm also die Unmittelbarkeit der Bühne zweifellos fehlt.


    in diesem Punkt muss ich Momus in Hinblick auf einen besonderen Umstand recht geben. Ich habe mich einmal vor gar nicht allzu langer Zeit mit einem Vater unterhalten, dessen Sohn (für sein Alter untypisch, er ist 10 Jahre alt) sich sehr für klassische Musik interessierte und insbesondere auch Opern nicht abgeneigt ist. Doch würdest du einen Sohn im Alter von 10 Jahren (vielleicht hast du ihn ja sogar) in eine Aufführung mitnehmen, in der das Blut nur so spritzt und nackte und vielleicht somit gedemütigte Menschen zu sehen sind? Ein Kind kann das nicht verstehen. Und wo ich beim Film noch eine Alterbeschränkung habe und durch die Distanz noch einigermassen einem Kind erklären kann: DAS ist nicht echt, das ist NUR gespielt! So ist die Unmittelbarkeit, wegen der wir es ja auch so lieben ins Theater zu gehen und die Aufführungen nicht im Fernsehen anschauen, für ein Kind deshalb umso verstörender.


    Zitat

    Scarpia in SS-Kluft


    Aus einem ganz ähnlichen Grund kann ich nur sagen: warum nicht?? Für andere mag diese Zeitversetztung nicht neu und dadurch langweilig sein, doch ich war letztes Jahr (Ja, so kurz her ist es erst, ich gebe es zu, ich bin nicht so Opernerfahren wie ihr) in einer Inszeniereung von Tosca, in der der gesamte Plot in die Zeit der Pinochet-Diktatur versetzt wurde und ja, es gab dort auch Uniformen, welche an die SS erinnerten. MICH hat das ganze sehr bewegt, ich habe geweint während der Aufführung. Und ich weiß mit Sicherheit, dass mich persönlich eine historische Inszenierung niemals so ergriffen hätte.


    Anhand meiner eigenen Argumente kann ich nur sagen: Es gibt genauso viele Argumente für eine historische Aufführungspraxis, wie es sie für eine Moderne gibt. Ich persönlich mag die modernen Inszenierungen sehr, sehr gerne (wobei ich noch nie welche mit nackten oder beschmierten Akteuren gesehen habe), andereseits würde ich in so manche Aufführung (Romeo und Julia: lauter in Strapsen bekleidete Menschen mit viel Rap-Gesang begleitet, selber in DA gesehen) kein Kind mitnehmen (auch wenn ich selber noch keine habe). Andererseits haben die Schulklassen in der besagten Romeo und Julia Aufführung den Schauspielern 20 Minuten lang standing Ovations gegeben. Es ist eben oftmals vielleicht nur für uns nicht neu, doch die Generationen nach uns, für sie ist das alles neu, aufregend und packend. Und das darf man nie vergessen......


    LG Mia


  • Lieber Monus,
    ich kann jetzt natürlich nur für mich sprechen, aber ich empfinde Nacktheit auf der Bühne inzwischen so normal, dass es mir fast gar nicht mehr auffällt, außer es kommt eben derart aufgesetzt und unsinnig daher wie in dem Grillparzerstück. Ehrlich gesagt interessiert mich die Mimik eines Schauspielers wesentlich mehr als seine Ausstattung weiter unten ;+)
    Ich kann mich noch gut an meinen ersten Nackten auf der Bühne erinnern, das war anno 1986 im Thaliatheater Hamburg, in Tankred Dorsts "Ich, Feuerbach". Der Schauspieler stand während der ganzen Vorstellung völlig hüllenlos auf der Bühne, erst ganz am Schluss zog er sich an. Damals war ich anfangs wirklich peinlich berührt, denn in Wien wäre das zu dieser Zeit an einem großen Theater noch unmöglich gewesen, allenfalls die kleinen Kellertheater "schockten" damit ihr Publikum, aber die Zuschauer rund um mich reagierten überhaupt nicht, für die schien es völlig normal zu sein, und nach wenigen Minuten war es das auch für mich. Das Stück und der Schauspieler zogen mich so in ihren Bann, dass ich gar nicht mehr bemerkte, dass er nackt war.
    Und das ist für mich bis heute das Kriterium: In einer guten Inszenierung empfinde ich Nacktheit als so selbstverständlich, dass ich sie gar nicht extra wahrnehme (Huch, der lässt jetzt die Hose runter!), tue ich das, fühle ich Peinlichkeit oder Ärger wegen einer Szene in mir aufsteigen, ist dies für mich ein Indiz, dass ich mit der Regie nicht klar komme. (Ob das jetzt an mir oder am Regisseur liegt, ist ein anderes Thema! ;+) :D )
    lg Severina :wink:

    "Das Theater ist ein Narrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare!" (Franz Schalk)

  • Da ist ja nun einiges zusammengekommen, was erst mal auseinander gewurschtelt werden muss...
    Zum ersten kann man die Diskussion nicht auf die Frage reduzieren, ob Nackte auf der Bühne „erlaubt“ sind oder nicht. Wenn jemand solche Empfindlichkeiten hat, dass er nackte Menschen grundsätzlich nicht ansehen möchte: Bitte sehr, das akzeptiere ich – dann muss er sich eben vorher erkundigen, bevor er in Theater/Oper/Kino geht. Wer gegen Nüsse allergisch ist, schaut sich ja auch die Zutaten an, bevor er zubeißt...
    Ansonsten macht diese Diskussion in dieser Absolutheit wenig Sinn – Nacktheit als Stilmittel ist mit so unterschiedlichen Bedeutungen aufgeladen, dass konkrete Beispiele betrachtet werden müssen.

    • Wenn die Rheintöchter am Anfang von Rheingold nackt sind, dann ist das eine Chiffre für Natur und ursprüngliche Unschuld. Anstößig wird ihre Nacktheit erst durch den geil-sabbernden Blick Alberichs (und des Opernzuschauers).
    • Wenn am Ende von Bieitos Inszenierung in Basel Lulu ihren Mantel fallen lässt und splitternackt auf der Bühne steht, ist das ein derart anrührende Szene, dass jeder im Zuschauerraum einen Kloß im Hals hatte. Hier steht ein Mensch in jedem Sinn des Wortes entblößt vor der Welt. Dieses Bild hat jeder mit nach Hause genommen – nicht wegen der Nacktheit, sondern wegen des intensiven dramaturgischen Effekts.
    • Und ja: Nacktheit kann auch erniedrigend sein – wenn der Regisseur das beabsichtigt. Siehe die immer wieder gern diskutierten Nackten in Bieitos Berliner Armida. Wenn der Zuschauer das als erniedrigend empfindet, hat er die Botschaft verstanden. Bloß wird hier selbstverständlich nicht der Darsteller erniedrigt, sondern die dargestellte Figur.

    Zum zweiten finde ich die Diskussion um Kindertauglichkeit der Oper entlarvend. Ich käme zum Beispiel nie auf die Idee, einen 10jährigen mit in Beaumarchais „Die Hochzeit des Figaro“ zu nehmen – er könnte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der Handlung nicht folgen. Warum sollte ich ihn dann mit in Mozarts Oper nehmen? Doch nur, wenn ich der Ansicht bin, dass die Handlung ohnehin nicht so wichtig ist, zweitrangig hinter der Musik. Das zeigt ein grundsätzlich anderes Verständnis von Oper als meines: Oper ist für mich die intensivste aller möglichen Kunstformen im Zusammenspiel von Handlung/Inszenierung/Bühne/Musik.


    Was soll Opernregie? Sie soll dafür sorgen, dass in der Erinnerung mehr bleibt als „Oh, das war aber schön gesungen!“. Sie soll mich packen, intellektuell und emotional. Und das darf auch weh tun. Wie sagte doch Calixto Bieito: "Eine Aufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf. Das Publikum muss sich ständig fragen: O mein Gott, was passiert jetzt?" :thumbup:


    Ich will hier nicht darüber reflektieren, was die „Aufgabe“ der Kunst ist. Ich habe in einem früheren Post fünf Stufen des Kunsterlebens formuliert:

    • Kunst als „kulinarisches“ Erlebnis: zurücklehnen und genießen, auch Eskapismus genannt.
    • Kunst als Unterhaltung mit ästhetischem Anspruch: Sich genießend den Verstand und das Gefühl ein wenig kitzeln lassen.
    • Kunst als intellektuelles und ästhetisches Erlebnis: Ästhetisierung und Verarbeitung „zeitloser“ und durch ihre Zeitlosigkeit abstrakt gewordener Fragen.
    • Kunst ist nicht zeitlos, sie wird hier und jetzt erfahren. Sie steht in der Geschichte, sie muss jeder Generation ihre Gültigkeit erneut beweisen und jede Generation stellt andere Fragen.
    • Kunst als existentielle Erfahrung: Das ästhetische Erlebnis soll „an die Nieren gehen“, einen im tiefsten Innern so packen, dass hinterher nichts mehr so ist, wie vorher. Kunst darf auch wehtun.


    Die wüstesten Buh-Stürme kommen zustande, wenn vom Publikum 1 oder 2 erwartet und 5 geboten wird.

    Michel

    Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)

  • Zitat

    Die wüstesten Buh-Stürme kommen zustande, wenn vom Publikum 1 oder 2 erwartet und 5 geboten wird.

    Exakt das scheint die Überlegung mancher Regisseure zu sein. Verbunden mit der Erwägung, dass man vor allem so Erfolg hat. Ob die Darstellung zum Stück passt, mag dann gelegentlich weniger wichtig sein. Hauptsache, man bietet dem Publikum etwas, worüber es sich erregen kann. Ein "Tabubruch" muss her. Dazu eignen sich besonders:


    Sex
    Fäkalien
    Blut
    Religionsbeschimpfung


    In Zeiten von Big Brother etc wird es nur immer schwieriger, Tabubrüche zu finden. Außerdem: Was soll schon wieder der Nackte auf der Bühne. Was soll schon wieder die Regression der Aufführung in die Analphase....


    Und genau das ist es was Kehlmann beschreibt. Das ist nichts Progressives. Das ist kitschige Avantgarde, sprich zusammengekehrter gewöhnlicher Mist, die sich avantgardistisch gebärdet.


    Das ist der eine Punkt. Der andere ist, dass sich der Regisseur an die Stelle des Autors setzt. Dass er nicht dem Stück dient, sondern das Stück als Selbstverwirklichungs und Selbstdarstellungsinstrument begreift. In der Musik ist uns der Dienst am Werk fast selbstverständlich. HIer wird darüber diskutiert, wie dem Willen des Komponisten am besten zum Ausdruck verholfen wird. Im Theater scheint dies nicht das Hauptanliegen zu sein mitunter.


    Dabei hat sich der Kehlmann noch sehr vorsichtig ausgedrückt. Ihm ist es nur darum zu tun, eine Aufführung nach den Vorstellungen des Autors genauso berechtigt erscheinen zu lassen, wie eine Aufführung nach den Vorstellungen des Regietheaters.


    Der Hinweis darauf, dass Regietheater eine typisch deutsche Erfindung sei, wäre noch besonders zu diskutieren.



    Paulus

  • Regie


    Exakt das scheint die Überlegung mancher Regisseure zu sein. Verbunden mit der Erwägung, dass man vor allem so Erfolg hat. Ob die Darstellung zum Stück passt, mag dann gelegentlich weniger wichtig sein. Hauptsache, man bietet dem Publikum etwas, worüber es sich erregen kann. Ein "Tabubruch" muss her.


    Du kennst sicher einige Regisseure persönlich, die sich in dieser Form Dir gegenüber geäussert haben. Oder Du hast Dich zumindest mit einigen Produktionen des zeitgemässen Musiktheaters intensiv auseinandergesetzt, um zu einem solchen Urteil zu finden.

    Der Kunst ihre Freiheit

  • Lieber Alviano,


    Bitte genau lesen. Ich schrieb: Genau dies s c h e i n t die Überlegung einiger Regisseure zu sein. Schön wäre, wenn es nicht so ist.


    Produktionen des "zeitgemäßen" Musiktheaters schreibst Du. Willst Du damit nicht indirekt genau das ausdrücken, was Kehlmann kritisiert, nämlich dass ein anderes Theater als Regietheater n i c h t "zeitgemäß" sei?


    Paulus

  • Kleinigkeiten


    Bitte genau lesen. Ich schrieb: Genau dies s c h e i n t die Überlegung einiger Regisseure zu sein. Schön wäre, wenn es nicht so ist.


    Lieber Paulus,


    ich habe genau gelesen und hätte deshalb darauf wetten können, dass von Dir genau diese Erwiderung kommt. Deine Relativierung schützt allerdings Deine Einlassung nicht. Es ist klar, was Du mit Deiner Anmerkung bezwecken willst - Stimmung machen. Auf die Regisseure schimpfen, ihre Arbeit diskreditieren, das kenne ich alles schon zur Genüge.


    Die Dummheiten von Daniel Kehlmann interessieren mich nicht.


    :wink:

    Der Kunst ihre Freiheit

  • Lieber Alviano,


    warum so empfindlich?


    Gegen Deine Unterstellungen verwahre ich mich allerdings.


    Kehlmann trifft im übrigen selbstverständlich weniger die Opernregie. Im geht es um das Texttheater. Die Eingriffe des Regietheaters sind hier allerdings auch wesentlich stärker.


    Und ich wiederhole es noch einmal: Nach meinem Eindruck geht es Herrn Kehlmann vor allem darum, dass eine eher historische Aufführungspraxis nicht von vorneherein als nicht zeitgemäß, als stockkonservativ verteufelt wird. Dies erinnert mich doch auch an die HIP Diskussion in diesem Forum.


    Paulus

  • Ich käme zum Beispiel nie auf die Idee, einen 10jährigen mit in Beaumarchais „Die Hochzeit des Figaro“ zu nehmen – er könnte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der Handlung nicht folgen. Warum sollte ich ihn dann mit in Mozarts Oper nehmen?


    Ich bin noch immer unendlich dafür dankbar, dass ich mit 10 Jahren in Mozart- und sogar in Wagner-Opern mitgenommen wurde. Die Wahrnehmung eines opernunkundigen Kindes ist natürlich eine Andere als die eines kunstgebildeten, interessierten Erwachsenen. Natürlich kann man der Handlung im engeren Sinne nicht folgen. Damals übte die Oper jedoch eine Faszination auf mich aus, wie es heutzutage kaum mehr passiert.


    Der Dialog Wotan-Fricka konnte mir damals selbstverständlich nichts sagen. Ich hörte ihn aber mit riesiger Spannung. Jederzeit erwartete ich auf den Einsatz der Wagner-Tuben zu Beginn der Todesverkündigungs-Szene. Das war wie auf heißen Kohlen zu sitzen ... Hätten meine Eltern mir das "ersparen" sollen? Zum Glück haben sie es nicht...


    Ich konnte Kinderkonzerte und Kinderopern nie leiden. Anstatt "kingerechte Aufführungen" vorgesetzt zu bekommen, wollte ich in die "richtige" Oper, ins "richtige Konzert". Und ich wartete sehnsüchtig darauf, endlich alt genug zu sein, um von den Erwachsenen nicht immer vollblöd angeglotzt zu werden: "Oh, der Kleine darf auch schon mit..."


    Etwas überspitzt gesagt: Wenn ein Kind nicht in den Figaro soll, weil es die pubertären Wallungen eines Cherubino nicht nachempfinden kann, dann sollte ich auch nicht in den Figaro dürfen. Denn ich habe keine eigenen Erfahrungen mit Hochzeitsvorbereitungen...
    Kinder werden in ihrer Auffassungsgabe oft unterschätzt. Auch wenn man eine Oper, ein Konzert, ein Theaterstück nicht versteht oder nachvollziehen kann, so kann man dennoch intensive Eindrücke bekommen.
    Verstehen wird immer wieder überbewertet.


    Das nur am Rande.


    Falstaff

  • Das ist der eine Punkt. Der andere ist, dass sich der Regisseur an die Stelle des Autors setzt. Dass er nicht dem Stück dient, sondern das Stück als Selbstverwirklichungs und Selbstdarstellungsinstrument begreift. In der Musik ist uns der Dienst am Werk fast selbstverständlich. Hier wird darüber diskutiert, wie dem Willen des Komponisten am besten zum Ausdruck verholfen wird. Im Theater scheint dies nicht das Hauptanliegen zu sein mitunter.


    Lieber Paulus,


    Das ist aus meiner Sicht ein etwas ermüdender Gemeinplatz, den Du da besuchst. Die Interpretationsgeschichte der Musik ist doch voll von Vorwürfen, dass der Interpret nicht dem Werk diene, sondern sich selbst statt dessen in den Vordergrund rücke.
    Solche Pauschalvorwürfe waren ja dann auch immer schon ungemein einfacher zu formulieren, als beispielsweise konkret dem musikalischen Sinn des Ansatzes nachzuspüren und dann ein Urteil abzugeben, welche Aspekte des Werkes hier bedient werden und welche nicht. Im Theater ist es letztlich genauso: Ungeachtet einer ästhetischen Bewertung selbst drastischer Ausdrucksmittel muss man sich sehr wohl die Mühe machen differenziert zu betrachten, inwieweit unterschiedliche Aspekte einer im Werk enthaltenen Idee bedient werden und dann kann man zu einer Gesamtbewertung kommen.


    Das es künstlerische Selbstdarstellung auf Kosten des Werkes gibt, ist so alt, wie das (Musik)Theater selbst. Höchst lehrreich hierzu beispielsweise eine Auseinandersetzung mit dem Startheater an der Mailänder Scala in den 50er Jahren. Was da von vielen heute noch als angeblich werktreue Inszenierung verklärt wird, war im Gegenteil oft ein Opernbetrieb, der Kostüme, Bühnenbild und auch die Personenregie in den Dienst der Idee stellte, vor allem die Stars der jeweiligen Produktionen möglichst vorteilhaft herauszustellen. (Ein Visconti hat seine Inszenierungen nicht auf Verdi oder Bellini maßgeschneidert, sondern auf die Callas). Das Ergebnis zielte nicht selten an zentralen musikdramatischen Punkten vorbei, brachte aber andererseits auch durchaus schon mal großartiges Drama auf die Bühne. Einheitlich abbügeln kann man das nicht, obwohl die Intention durchaus fragwürdig war.


    Kehlmanns größter angerichteter Schaden scheint mir dann auch im Pauschalurteil und im Besuchen von Gemeinplätzen zu liegen, weshalb die ganze Rede ja auch von Argumenten frei ist. Da bestätigt lediglich eine (vermeintliche!) Autorität, dass man es ja nur aussprechen müsse, was ohnehin jeder wisse. Diskutieren überflüssig. Das ist das wirklich fahrlässige an dieser Aktion, womit er als Künstler der Kunst keinen Dienst erweist.
    Die Ursache mag in der Trauerarbeit für seinen Vater liegen, die er da jetzt ausgelebt hat. In vielen anderen Fällen ist der Antrieb schlicht Frust, wenn man denn zu Hause sitzt und nicht mehr in die Oper oder ins Theater geht, weil man dort seine ästhetischen Erwartungen nicht bedient sieht. Ich kann das durchaus nachfühlen, aber die handelnden Konsequenzen nicht gutheißen.


    Lieben Gruß aus Bärlin
    Sascha


    "You realize that it’s not necessary to own 50 Beethoven cycles, 46 of which you never play, when you can be just as happy with 20 of them, 16 of which you never play.
    "
    , David Hurwitz

  • Exakt das scheint die Überlegung mancher Regisseure zu sein. Verbunden mit der Erwägung, dass man vor allem so Erfolg hat. Ob die Darstellung zum Stück passt, mag dann gelegentlich weniger wichtig sein. Hauptsache, man bietet dem Publikum etwas, worüber es sich erregen kann. Ein "Tabubruch" muss her.

    Das muss man natürlich etwas nuancierter sehen:

    • Es gibt Inszenierungen, in denen um der Provokation willen provoziert wird, weil dem Regisseur gerade nix Brauchbares eingefallen ist. Oder er erweckt diesen Eindruck, weil seine Arbeit handwerklich unzureichend ist und dem Zuschauer seine Intention nicht mitteilen kann. Etwa neulich in Kusejs "Macbeth" an der BSO - der dramaturgische Sinn der urinierenden Hexen hat sich mir nicht erschlossen. Das hatte schon was vom billiger Provokation.
    • Dem Publikum etwas zu geben, "worüber es sich erregen kann" ist natürlich die Aufgabe des Interpreten. Dazu kann und darf der Regisseur auch provozieren, wenn ein dramaturgisches Konzept dahinter steht. Dafür zu sorgen, dass der Opern-Kulinariker sich nicht genüsslich in seinem Sessel zurücklehnen kann, ist nicht die einzige legitime Art, Oper zu inszenieren, aber es ist ein legitimer Anspruch. Hier ist Provokation Mittel zum Zweck.
    • In den meisten Fällen scheint mir Provokation aber nur in Kauf genommen zu werden, um das erarbeitete Konzept nicht zu entstellen. Um bei meinem ersten Beispiel zu bleiben: Ich finde es dramaturgisch schwerer zu rechtfertigen, dass die Rheintöchter bekleidet sind, als dass sie nackt sind. Opernlibretti sind nun mal voller Sex, Vergewaltigungen, Folter, Mord und Totschlag. Da kann der Regisseur sich entweder in die Tasche lügen oder die Dinge beim Namen nennen. Sterben ist nunmal kein Vergnügen, egal wie schön dabei gesungen wird.
    Zitat

    Das ist der eine Punkt. Der andere ist, dass sich der Regisseur an die Stelle des Autors setzt. Dass er nicht dem Stück dient, sondern das Stück als Selbstverwirklichungs und Selbstdarstellungsinstrument begreift. In der Musik ist uns der Dienst am Werk fast selbstverständlich. HIer wird darüber diskutiert, wie dem Willen des Komponisten am besten zum Ausdruck verholfen wird. Im Theater scheint dies nicht das Hauptanliegen zu sein mitunter.

    Selbstverständlich erwarte ich vom Interpreten (egal ob Sänger, Dirigent, Pianist oder eben Regisseur), dass seine Kunst Teil seiner "Selbstverwirklichung" ist. Was denn sonst? "Dienst am Werk" ist eine Worthülse, die ich nicht verstehe, der "Wille des Komponisten" ist nicht mehr als ein billiges Totschlagargument, mit dem man alles begründen kann. Das Hauptanliegen des Interpreten im Theater, in der Oper, im Konzert muss es sein, eine im Hier-und-Jetzt adäquate Umsetzung zu finden. Was das im konkreten Einzelfall bedeutet, ist ihm überlassen. Wer bin ich denn, dass ich ihm schon vorab Vorschriften machen kann, was er darf und was er nicht darf? Er ist der Künstler, und ich habe keine Ahnung. Wenn er mich überzeugt, dann ist gut, wenn nicht, dann ist schlecht.

    Zitat

    Dabei hat sich der Kehlmann noch sehr vorsichtig ausgedrückt. Ihm ist es nur darum zu tun, eine Aufführung nach den Vorstellungen des Autors genauso berechtigt erscheinen zu lassen, wie eine Aufführung nach den Vorstellungen des Regietheaters.

    Siehe oben. Keine Ahnung, was das sein soll "eine Aufführung nach den Vorstellungen des Autors". Definitionen werden, wenn überhaupt, nur durch Negation versucht, in dem willkürlich postuliert wird, dass dies oder das diesen Vorstellungen nicht entspricht. Auch dem konservativen Regisseur geht es letztendlich nicht um die Vorstellungen des Autors, sondern um seine eigenen Ideen.



    Michel

    Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)

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